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Die
Bekämpfung unbequemer Lehren (Teil 4)
Der "heilige" Krieg gegen
das arianische Christentum
Immer wieder wird sie gefeiert:
Die "Christianisierung" Germaniens durch irische Wandermönche oder den
Angelsachsen Bonifatius, die, Heiden bekehrend, durch die Lande zogen. Immer wieder
dringen aber auch merkwürdige Lichtstrahlen durch das neblige Dunkel der germanischen
Vorgeschichte im "christlichen Abendland". So etwa, als man
sich in Würzburg anlässlich des Kiliani-Festes 1989 die Frage stellte:
"Bekehrten die Frankenapostel womöglich gar keine Heiden?"
(Main-Post)

Ein Grabstein aus Unterfranken, 7. Jahrhundert: ein auferstandener Christus zeugt von einem vorkatholischen Christentum
Die "Frankenapostel" sind die Iren Kilian, Kolonat und Totnan,
die 689 aufgrund einer kirchenrechtlichen Ehestreitigkeit in Würzburg von den Gehilfen
einer germanischen Herzogin erschlagen wurden. Abgebildet wurde zur oben genannten
Schlagzeile die Rückseite eines fränkischen Grabsteins aus der Zeit vor der
angeblichen Bekehrungstätigkeit der frommen Iren. Der Grabstein zeigt einen über den Tod
triumphierenden Christus.
Inzwischen geben auch katholische Autoren zu, dass das Christentum schon
vor der Eingliederung Germaniens in die römisch-katholische Kirche im 8. Jahrhundert
durch den Angelsachsen Winfried (genannt Bonifatius, 672-754) dort verbreitet war.
Ein Großteil der germanischen Stämme hat sich zwischen dem vierten und
sechsten Jahrhundert, also mitten in der Völkerwanderungszeit, zum Christentum bekehrt -
aber eben nicht zum römischen, sondern zum arianischen. Welchen Unterschied machte das
aus?
Arius
Arius (ca. 260-336,
vgl. Das Weisse Pferd
Nr. 23/99) war ein einfacher Priester
aus Alexandria in Ägypten, der wegen seiner Ansichten von seinem eigenen Ortsbischof
Alexander verflucht und aus der Heimat vertrieben wurde. Arius vertrat im wesentlichen die
Position des großen frühchristlichen Theologen Origenes (184-254), der ebenfalls aus
Alexandria stammte und von dort flüchten musste. Origenes und Arius wehrten sich dagegen,
dass der Einfachheit halber Gott und Christus in ihrem Wesen gleichgesetzt wurden. Diese
Gleichsetzung kam den in Massen zum Christentum strömenden Heiden entgegen, weil sie dann
nur einen "Gott" anzubeten brauchten, der sie auch gleich noch angeblich von
allen Sünden erlöst hatte.

Europa zur Zeit Theoderichs (um 500 n. Chr.)
Für Origenes war Christus
der erstgeborene Sohn Gottes, ein mächtig wirkendes himmlisches Geistwesen, das den
Menschen Beistand leistete - doch nicht einfach Gott selbst. Origenes lehrte die
Wiederverkörperung des Menschen und die Wiederherstellung aller Dinge - das heißt, alle
Seelen und Menschen werden einst wieder bei Gott sein. Es gibt demnach keine ewige
Verdammnis. Der Mensch - im Innersten ein reines Wesen der Himmel, das zur Erde fiel -
kann und soll sich durch Befolgung der göttlichen Gebote von den Sünden reinigen, um
wieder zum Ebenbild Gottes zu werden.
Die Lehre des Arius - in Wirklichkeit die des Origenes, der aber damals
noch zu angesehen war - wurde 325 auf dem Konzil von Nizäa auf Geheiß Kaiser Konstantins
ein erstes Mal verurteilt. Nach dem Tod des Bischofs Alexander erwuchs dem Arius ein neuer
Gegner in Athanasius, der auch vor Verdrehungen der Aussagen seines Gegners und vor
Verleumdung seiner Person nicht zurückschreckte. Arius wurde 336 in Konstantinopel
vergiftet, nachdem er zuvor rehabilitiert worden war. Der theologische Streit zwischen
Katholiken und Arianern tobte noch viele Jahrzehnte lang in beiden Hälften des römischen
Reiches - wobei die Katholiken schließlich die Oberhand behielten. Die Arianer -
übrigens auch keineswegs immer lammfromm - wurden verketzert, vertrieben, enteignet,
umgebracht.
Die "Ketzerei" hielt sich jedoch außerhalb des Römerreiches -
bei den Germanen. Wie war sie dort hingekommen?
Der Gote
Wulfilas
Nicht durch Arius. Im Grunde
genommen übernahmen die Germanen auch nicht die Lehre des Arius, sondern die seines
Vorkämpfers Origenes. Der Überbringer war ein Gote mit griechischem Einschlag: Wulfilas
(313-383). Mitte des dritten Jahrhunderts wurden seine Vorfahren mütterlicherseits von
Goten aus Kappadokien in Kleinasien entführt und auf den Balkan gebracht. Kappadokien war
eine Hochburg der Origenisten; dort war z. B. bis 268 der Origenes-Schüler Firmian
Bischof.
 
Die Grabkirche des Theoderich in Ravenna (links) und die Kapelle seiner
Nichte Amalberga in Würzburg (rechts) haben denselben Grundriss
Der Gote Wulfilas traf während eines Aufenthaltes in Konstantinopel (337)
mit Bischof Eusebios von Nikomedien (heute Izmit) zusammen, der sich auf dem Konzil von
Nizäa nach anfänglichem Zögern gegen das neue Dogma Konstantins ausgesprochen hatte.
Eusebios war Origenes-Anhänger. Wulfilas begründete zunächst die Schriftsprache der
Goten und übersetzte dann die gesamte Bibel ins Gotische. Wulfilas, der
"Gotenbischof", wurde 383 in Konstantinopel - wie vor ihm Arius -
höchstwahrscheinlich vergiftet, als er sich gerade einem Glaubensgespräch mit
katholischen Theologen stellen wollte. Doch die Impulse, die er seinen Zeitgenossen
gegeben hatte, waren nicht mehr aufzuhalten: Von den Goten aus übernahmen die meisten
anderen Germanenstämme - Vandalen, Sueben, Alemannen, Thüringer, Bajuwaren, Langobarden,
ansatzweise wohl auch Teile der Franken und Sachsen - das origenistisch geprägte
christliche Glaubensverständnis des Wulfilas.
Der Glaube der Goten
Dieser Glaube ist zwar nicht
in allen Punkten mit demjenigen der ersten Christen gleichzusetzen. So waren die Germanen
durchaus keine Pazifisten, wie Jesus von Nazareth einer war. Sie kannten auch Priester,
obgleich der Nazarener keine Priester eingesetzt hatte. Doch es gibt eine Reihe
gravierender Unterschiede zur römischen Kultreligion: Die Priester mussten einem Beruf
nachgehen, also von ihrer Hände Arbeit leben; es gab keinen Kirchenzehnt. Es gab zwar
Klöster, doch nicht mit lebenslanger Verpflichtung, sondern mit Mönchen und Nonnen
"auf Zeit". Bischöfe und Ortspriester waren grundsätzlich verheiratet - weil
dies Paulus so erwähnt. Es gab keinen Papst. Es wurden keine Heiligen und Reliquien
verehrt, es gab keinen Mutter-Gottes-Kult, keine Ohrenbeichte, keine Kindertaufe, kein
rituelles Abendmahl, sondern ein "Brudermahl" nach urchristlichem Vorbild. Die
origenistischen Germanen waren bekannt für ihre Toleranz in Glaubensdingen:
"Religion kann man nicht anbefehlen", lautete der Grundsatz des Italien
regierenden Ostgotenkönigs Theoderich. Die Germanen machten also keine Versuche, die
katholische Bevölkerung der von ihnen eroberten Gebiete zu ihrem Glauben zu bekehren. Sie
griffen erst dann ein, wenn der katholische Klerus zu Gunsten ihrer militärischen Gegner
intrigierte und spionierte - und das war sehr häufig der Fall. Auch die Vandalen, die
sich in Nordafrika in einer sehr schwierigen Lage befanden und zeitweise die katholische
Bevölkerung diskriminierten, waren insgesamt wesentlich besser als ihr (ihnen später
angehängter) Ruf.
Erstaunlich, auch für Zeitgenossen, war die sittliche Haltung der
arianischen Germanen, auch im Krieg. Es gab kaum Vergewaltigungen. Als der
katholisch-byzantinische General Belisar 536 die von Ostgoten verteidigte Stadt Neapel
eroberte, richteten seine Soldaten ein großes Blutbad an - wobei sie auch zahlreiche
Katholiken umbrachten, "ohne Schonung des Alters", wie der Historiker Prokop
anmerkt. Die gesamte Stadt wurde geplündert, Frauen und Kinder in die Sklaverei gebracht.
Als der Ostgote Totila 543 dieselbe Stadt zurückeroberte, schonte er sie. Der Katholik
Prokop schreibt: "Nie hätte man einem Feind oder Barbaren solche Menschlichkeit
zugetraut. Die Neapolitaner waren vor Hunger nämlich ganz entkräftet. Totila wusste,
dass ein Ausgehungerter sterben kann, wenn er plötzlich wieder viel Nahrung zu sich
nimmt. In seiner Klugheit und Weitsicht gab er ihnen daher anfangs weniger zu essen, als
sie begehrten, doch von Tag zu Tag ein bisschen mehr. Als sie auf diese Weise wieder zu
Kräften gekommen waren, öffnete er die Tore, und jeder konnte gehen, wohin er wollte.
Einigen stellte er sogar Pferde und Zugtiere zur Verfügung und stattete sie mit Reisegeld
aus. Die Stadtmauer von Neapel aber ließ er niederreißen."
Würzburg - Zentrum des arianischen Christentums
Zu Beginn des sechsten Jahrhunderts beherrschten arianische
Germanenstämme weite Teile Europas (siehe Karte). Der Ostgote Theoderich (471-526) hatte
von Ravenna aus durch eine geschickte Heiratspolitik ein Bündnis für Frieden geschaffen.
Seine Nichte Amalberga heiratete um 500 den Thüringerherzog Hermanfried und zog in dessen
Hauptstadt Würzburg. Diese Stadt wurde in der Folgezeit zu einem Zentrum arianischer
Mission unter den Germanen. Der Grundriss der Rundkapelle auf der Würzburger
Marienfestung entspricht demjenigen der Grabkirche Theoderichs in Ravenna.
Der
Gegenschlag
Die Gegenkräfte hatten sich
zu diesem Zeitpunkt jedoch längst formiert. Zum einen stachelte der katholische Klerus
den byzantinischen Kaiser Justinian (482-565) dazu auf, die arianische
"Irrlehre" in einer Art "heiligem Krieg" auszurotten. Seine Truppen
vernichteten zuerst (534) das nordafrikanische Vandalenreich, kurz darauf, in einem
verheerenden Krieg (535-555), das Reich der Ostgoten in Italien. Während dieses Krieges
(vgl. Das Weisse Pferd
Nr. 23/99)
ließ Justinian
nicht zufällig die Lehre des Origenes verdammen (543/553). Von Vandalen und Ostgoten
verliert sich seitdem jede Spur in der Geschichte; sie waren als Völker ausgelöscht.
Der andere tödliche Angriff kam von Germanen selbst: Die Franken waren
der erste Stamm, dessen König Chlodwig um 495 katholisch wurde. Interessant ist dabei die
Herkunft dieses Stammes (siehe Kasten). Bei seiner "Bekehrung" soll seine
katholische Frau Chlotilde, eine Burgunderprinzessin, eine starke Rolle gespielt haben.
Chlodwig hatte jedoch auch genügend politische Gründe für die Konversion: Chlodwig
"...sicherte sich so ... bei seiner Eroberung Galliens den Beistand des
galloromanischen Klerus. Dieser wieder schützte dadurch seine riesigen Reichtümer vor
dem Zugriff der Arianer und unteren Volksschichten." (Deschner, Kriminalgeschichte,
Bd. 4, S. 60)
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