Das Weisse Pferd - Urchristliche Zeitung für Gesellschaft, Religion, Politik und Wirtschaft

Ausgabe 1/00

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Organtransplantation

»Herzloser Tod« - Sterben wie auf einer Schlachtbank

Organtranplantation bindet Seelen"Hirntote sind Sterbende" - das ist die Position zweier Autorinnen, der Kulturwissenschaftlerin Ulrike Baureithel und der Journalistin Anna Bergmann, die anhand von Gesprächen mit Ärzten, Krankenschwestern und Pflegern, mit Psychologen und Angehörigen die dunkle, grauenvolle Seite des Transplantationssystem aufzeigen.*

So berichtet eine Stationsleiterin, dass Hirntote einen gewissen "Widerstand" leisten, wenn sie umgebettet werden. Schwestern und Pfleger sehen die Patienten in ihren Betten als Patienten und nicht als Leichen. Vor ihnen liegen Menschen, deren Herz schlägt, deren Hirn aber für tot erklärt wurde und die deshalb auf die Organentnahme warten. "Warm" und weich werden die offiziell "Toten" den Ärzten übergeben, "erstarrt" und ausgeschlachtet werden sie zurückgebracht. "Und weil sie ihm ins Gesicht sehen müssen, wissen sie, das ist erst der Tod", schreiben die Autorinnen. Was in der Zwischenzeit geschah, hat, so ein Neurologe, "den Charakter einer Folter". Einer Mutter, die der Organentnahme ihres hirntoten Sohnes zugestimmt hatte, sagte bei dessen Anblick nach der Transplantation: "Er sah aus, als wenn er einen schlimmen Todeskampf hinter sich hätte - gequält. Ich habe mich immer wieder gefragt, was da passiert ist."Buch "Herzloser Tod" - Das Dilemma der Organspende

Nach der Multi-Organentnahme ist der zugenähte Leichnam nur noch eine leere Hülle

Die Autorinnen beschreiben, was mit den Patienten geschieht: "Im Fall einer Multiorganentnahme wird er vom Brust- bis zum Schambein aufgeschnitten. Keine Stelle seines Körpers - Kopf, Rumpf, Knochen - braucht verschont werden. Ob Augäpfel, Luftröhre, Dünndarm, Gehörknöchelchen, Bauchspeicheldrüse, Lungen, Herz, Nieren, Leber, Kniegelenke oder Haut - alles, was verwertbar ist, kann potentiell herausgeschnitten werden. Der soziale und medizinische Umgang mit dem Spender stellt sich als höchst gewalttätig dar, weil der ‘Tote’ mit diversen Messern, Säge, Hammer, Meißel in seiner Integrität verletzt wird".

Und während dieser Ausschlachtung lebt der Patient. Denn: "Die Leiche kann während der Organentnahme ein bemerkenswertes Spektrum an sonst gültigen Lebenszeichen aufweisen, die dem Totenstatus des Patienten absolut widersprechen. Einmal abgesehen von dem lebendigen Herzen, dessen normaler Schlag auf dem laufenden EKG-Monitor bildlich und akustisch im Operationssaal gegenwärtig ist, ist bei Hautschnitten oder bei der Öffnung des Bauchfells mit einer ansteigenden Herzfrequenz und einem höheren Blutdruck, außerdem mit Hautrötungen, Schweißsekretionen oder mit Bewegungen (‘Lazarus-Zeichen’) zu rechnen." Wenn ein solches Antwortverhalten des Spenders die Ausschlachtung stört, werden Narkotika oder Muskelrelaxantien gegeben. Die Autorinnen dazu: "So oder so - der mit Lebenszeichen reagierende ‘Tote’ sorgt im Operationssaal für Unruhe und Verunsicherung, was sich zu Angst, Grauen und Schrecken steigern kann."

"Eine Lawine von Schuldgefühlen"

Wenn das Herz entnommen werde oder wenn der Patient ausblutet, verwandle sich sein Erscheinungsbild von einem lebend aussehenden Menschen in einen richtigen Toten. Dadurch könne im Bewusstsein des medizinischen Personal das Tötungstabu empfindlich berührt werden und die Explantation als großes Unrecht erlebt werden. Das Gefühl, selbst aktiv und systematisch an dem endgültigen Tod des Patienten mitzuwirken, könne eine "Lawine von Schuldgefühlen lostreten."

Ärzte werden in ihrem Studium durch Präparieren an Leichen eher auf eine solche Situation vorbereitet als das Pflegepersonal. Für den Chirurgen verschwinde der Spender unter einem Tuch, während Krankenschwestern und Pfleger es mit dem ganzen Patienten zu tun haben. So überkam einen Pfleger "der Ekel, als Gelenke eines Spenders explantiert wurden, ‘weil da einfach alles aufgeschnitten und ausgenommen wird. ... Wenn dann die ganzen anderen Teile noch mit herauskommen, dann ist das nur noch eine Hauthülle. Manchmal habe ich mich gefragt: ‘Was ist der Unterschied zwischen mir und einem Huhn auf der Schlachtbank’ - um es einmal bildlich auszudrücken.’"

Auch Ärzte versagen manchmal ihren Dienst

"Ich habe als Arzt für Anästhesie Explantierte sterben und Transplantierte leben sehen. Ich würde heute zu solchen Eingriffen keine Beihilfe mehr leisten."

Ein Professor sträubt sich gegen Entnahme der Haut: "Gegen die Hautentnahme wehre ich mich, so dass diese nur in Ausnahmefällen und nur an rückwärtigen Körperpartien entnommen wird." Eine Anästhesistin weigert sich, Augen zu explantieren. Sie hält dies für einen "eklatanten Tabubruch".

"Wunsch, den Tod zu vernichten"

Doch es gibt auch andere. Ein Professor versteht die Organentnahme eher als "Dienst am Spender": "Ich tue ihm ja etwas Gutes. Ich glaube, das ist ethisch das Höchstwertigste, im Sterben noch mehreren anderen Menschen Leben zu schenken. Ich habe nie das Gefühl, ich mache etwas, das ich verheimlichen oder verbergen müsste ... Wegen der Tat habe ich kein schlechtes Gewissen. Im Gegenteil, ich habe ein durchaus positives Gefühl."

Schema eines Herzens
Die Autorinnen kommen jedoch zu der Einsicht, dass die Organtransplantation sich mit dem Anspruch, dem Leben zu dienen, selbst ad absurdum führt. Ausschlaggebend dafür waren nicht zuletzt die Erfahrungen von Organempfängern, die von einer fremden "Macht" gequält würden, "die droht, ihre Persönlichkeit ‘zu überrollen’". Diesem seelischem Vorgang entspricht ein körperlicher: "Die natürliche Reaktion auf die Organtransplantation ist eine abstoßende - und das ganz wörtlich. Sein halbes weiteres Leben lang will der Körper das in ihn verpflanzte Organ als ein fremdes loswerden, Medikamente müssen das verhindern."

Das heißt: Die Seele wehrt sich gegen das Transplantat, solange ihr dies möglich ist, denn in den Fremdorganen sind die Gene und in diesen die Lebensprogramme einer anderen Seele enthalten, und im Extremfall kämpfen zwei Seelen um einen Körper.

Die Transplantationsmedizin will Leben retten. "Doch bei dieser Art der Lebensrettung handelt es sich um ein gesellschaftliches Phänomen, das nicht das Leben zum Ziel hat, sondern den hybriden Wunsch, den Tod zu vernichten. Während tagtäglich der sinnlose Tod von Menschen in allen Teilen der Welt - sei es durch Armut, Hunger oder Krieg - akzeptiert wird, schürt die Transplantationsmedizin nicht nur den irrigen Glauben, sie könne uns ein Stück Unsterblichkeit bescheren, sondern auch die Vorstellung, wir hätten einen Anspruch darauf."

Die Warteliste

In dem Buch ist auch von den Organempfängern und ihrem Kampf ums Überleben die Rede, d. h. von der Warteliste. Für etwa 70 % der Patienten bedeutet die Warteliste, dass sie neben der schweren Erkrankung zusätzlich psychische Leiden ertragen müssen: "Die Wartephase ist bei den meisten der Patienten von Angst, Reizbarkeit, Hoffnungslosigkeit, Konkurrenzgefühlen gegenüber anderen Transplantationskandidaten und von Schuld wegen der vielfach phantasierten Todeswünsche geprägt."

Sterben ohne Würde

Das Buch ist ein Appell gegen die Technisierung und Entmenschlichung medizinischer Praxis. Es schließt mit den Worten:

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"Sicher ist nur, dass wir sterben. Und der sterbende Mensch hat ein besonderes Recht auf Zuwendung und Begleitung, um diesen letzten Lebensabschnitt in Würde zu erleben. Die heutige Praxis der Transplantationsmedizin nimmt dem zum ‘potenziellen Organspender’ umdefinierten Sterbenden die Würde."

Hilferuf
eines transplantierten Jungen

Ein transplantierter Junge äußerte nach der Transplantation:

"Ich habe meinen Tod annehmen wollen, aber ich hatte nicht genug Kraft, meinen Eltern klarzumachen, dass es für mich keinen anderen Weg gibt. Ich konnte ihnen die Hoffnung nicht zerstören, aber nun habe ich keine mehr, weil ich nicht auf ein falsches Leben setzten kann. Ich will wieder zu meinen Organen, und ich will den anderen, den Spender, in seinem Tod erlösen, indem ich ihm mit meinen seine Organe zurückgebe."

Als der Pfarrer dabei war,
wurde alles
"eine gute Sache"

Einem Herzchirurgen verschaffte es Sicherheit und Entlastung, als ein Geistlicher als "Legitimationsinstanz" der Herzexplantation eines zweijährigen Kindes beiwohnte:
 
"Dadurch, dass der Pfarrer anwesend war, wusste ich, die achten sehr genau darauf, was wir tun. Und wenn wir hier alles korrekt machen, dann werden wir gerade auch die Mitarbeiter dieses Krankenhauses davon überzeugen, dass das eine gute Sache ist. Das ist uns auch gelungen. Die Klinikleitung hat später angerufen und sich dafür bedankt, wie schön das war. Auch die Eltern des Spenders haben sich extrem gefreut und haben das in dieser Situation als Hoffnung aufgenommen und sich auch noch einmal dafür bedankt, dass es funktioniert hat."


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Das Buch: Ulrike Baureithel / Anna Bergmann, Herzloser Tod - Das Dilemma der Organspende, Klett-Cotta-Verlag, 2. Auflage 2001, ISBN 3608919589, Preis: 16,00 €, erhältlich über jede Buchhandlung


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