"Es ist zu
spät"
Was können
wir jetzt noch tun?
Der
Umweltwissenschaftler Dennis Meadows klärt auf

Viele Zivilisationen sind
untergegangen, weil Menschen ihre natürlichen Lebensgrundlagen
zerstörten
Der
Umweltwissenschaftler Dennis Meadows erklärt:
"Es ist zu spät". Im Jahr 1972 hatte er noch gesagt, dass
durch eine radikale Umkehr die apokalyptische Umweltkatastrophe
abwendbar ist, auf welche die Menschheit zusteuert (in: Die
Grenzen des Wachstums). Eines der damaligen Schlagwörter:
Nachhaltiges Wirtschaften. Mittlerweile haben Meadows und viele andere
resigniert. Das Unheil nimmt seinen Lauf. Was kann der einzelne dennoch
tun?
Zunächst einmal
hat kaum
jemand registriert, was Dennis Meadows, Chemiker aus den USA und einer der bekanntesten
Umweltwissenschaftler, vor einigen Wochen zur
Zukunft des Planeten Erde zu sagen hatte. Meadows hatte 1972 mit dem Buch
Grenzen des Wachstums die Diskussion über den Raubbau an der Erde
losgetreten und 1993
(Die neuen Grenzen des Wachstums)
seine Arbeit fortgeführt. Derzeit bereitet er eine dritte Bilanz vor. Meadows dazu:
"Auf der Grundlage dieser
Arbeiten komme ich zu dem Ergebnis, dass sich angesichts der
vorherrschenden politischen, ökonomischen und kulturellen
Wertvorstellungen ein Zusammenbruch – ein nicht zu kontrollierendes
Absinken der Weltbevölkerung und der industriellen Tätigkeit – nicht
mehr vermeiden lässt. Mit anderen Worten: Nach meiner Überzeugung ist es
für eine dauerhaft tragbare Entwicklung zu spät."
Diese Aussage erschien bereits in der Wochenendbeilage
der Süddeutschen Zeitung am 13.11.1999. Sie wurde seither
so gut wie nicht zitiert oder kommentiert. Lag es an der etwas
geheimnisvollen Überschrift "Der Kaiser ist längst nackt"?
(Meadows meint damit: Auch die Wissenschaftler hüten sich, die Wahrheit
in ihrer ganzen Tragweite aufzuzeigen; stattdessen sagen sie, dass es in
ihrer Fachdisziplin nicht zum besten stehe – so wie die Schneider es
nicht wagte, dem nackten König die Wahrheit zu sagen.) Oder liegt es
daran, dass kurz vor der Jahrtausendwende sich niemand den Ruf des "Panikmachers"
zuziehen wollte? Wird die Öffentlichkeit behandelt wie ein Todkranker,
dem man nicht die volle Wahrheit zu sagen wagt? Haben Politiker und
Umweltschützer Angst, dass noch mehr Menschen denken: Es ist eh‘ zu
spät – nach uns die Sintflut?
1972 hatte Meadows
recherchiert, was geschehen würde, wenn die Industrialisierung, die
Ausplünderung der natürlichen Rohstoffe, die Umweltverschmutzung und das
Ansteigen der Weltbevölkerung so weiterliefen wie bisher. Damals sagte
er für spätestens in 100 Jahren "ein ziemlich abruptes und
unkontrollierbares Absinken sowohl der Bevölkerung als auch der
industriellen Kapazität" voraus. Allerdings hielt er es damals noch für
möglich, durch energisches Umsteuern "einen Zustand
ökologischer und ökonomischer Stabilität zu erreichen, der sich bis
weit in die Zukunft hinein aufrecht erhalten lässt" (Siehe unten
Nachhaltiges Wirtschaften).
Dow
Jones rauf, Erde runter

Das Königreich des Friedens - Gemälde von Edward Hicks (1840). Die
Vision einer Zivilisation, die im Einklang mit der Natur lebt, ist so
alt wie die Menschheit.
Dieser Zug sei nunmehr abgefahren. Meadows belegt
dies mit Fakten. Zwar sei die Nahrungsmittelerzeugung weltweit zwischen
1970 und 1985 noch angestiegen, wenn auch nur um drei Prozent. Seitdem
stagniere sie jedoch oder sinke sogar – und das bei steigender
Weltbevölkerung. Gleichzeitig werde die gesamte industrielle Produktion
bis 2035 einen neuen Höhepunkt erreichen, "der das gegenwärtige Niveau
beinahe zweimal übertrifft". In den ersten zwanzig Jahren des neuen
Jahrhunderts "werden mehr Rohstoffe aufgebraucht als
während des gesamten 20. Jahrhunderts." Das letzte Aufflackern
eines kranken Zivilisationsorganismus, der durch einen ungerechten
Zins-Mechanismus auf äußeres Wachstum um jeden Preis programmiert ist
und die Kluft zwischen Arm und Reich immer mehr vergrößert? Die Folge
des "letzten Booms": Die Rohstoff-Vorräte nehmen immer schneller
ab, die Preise dafür steigen, die Wirtschaft kippt. Lester Brown sagt
dazu: "Wahrend der Dow Jones-Index steigt, geht es mit der
Gesundheit der Erde bergab."
Meadows prognostiziert, dass "das auslösende Moment für den Kollaps
wahrscheinlich im Nahrungssystem" liegen werde. Die Fruchtbarkeit des
Agrarlands nehme ab. "Eine Studie über die globale Erosion kommt
zu der Schätzung, dass die Bodenfläche zur Zeit 16 bis 300 mal
schneller verloren geht, als sie wiederhergestellt werden kann."
Man könnte es auch anders sagen: Die geschundene Mutter Erde kann ihre
Kinder nicht mehr ernähren. Wir Menschen werden wieder daran erinnert,
was unsere tatsächlichen Lebensgrundlagen sind: Nahrung, Wasser,
Kleidung, Obdach.
Was folgt für Meadows daraus, dass er eine "sanfte
Umkehr" für alle nicht mehr für möglich hält? Er verbreitet
keine Panik, sondern bleibt nüchtern: "Falls es dafür tatsächlich zu
spät ist, müssen wir die vielschichtigen Mechanismen begreifen lernen,
die den Zusammenbruch verursachen, eine neue Ethik und ein neues
Vokabular finden, um uns darüber verständigen zu können, und ein neues
Muster alternativer Langzeitvisionen erarbeiten, die unsere Spezies auf
diesem Planeten einigen und leiten können."
Um ein Umdenken und eine radikale Verhaltensänderung kommen wir also so
oder so nicht herum, und sei es nur, "um den gewaltsamen Konflikt zu
minimieren, die Ungleichheit zu verringern", oder um "die essenziellen
Funktionen unserer natürlichen Umwelt zu wahren", allerdings dann auf
dem Niveau "einer erheblich geringeren
Weltbevölkerung und einem erheblich geringeren Konsumniveau".
Einschränkungen im Konsum, im Energie- und Rohstoffverbrauch – ein
Tabuthema in unserer kurzlebigen Wahlkampfdemokratie. Es gibt zwar eine
Studie mit Namen Zukunftsfähiges Deutschland
(siehe unten) – doch dies ist ein unbequemes Thema, weil es die
persönlichen Gewohnheiten in Frage stellt. Nur: Bei rechtzeitiger
freiwilliger Umstellung könnte man moderne Technik zum Umweltschutz
einsetzen, die eine gewisse Lebensqualität erhalten könnte. Tun wir es
nicht, dann besteht die Gefahr, dass die Umstellung auch erfolgt – nur
unfreiwillig und radikaler.
Geld für
Bomben, kein Geld für Aufbau
Statt die Weltprobleme gemeinsam zu lösen, haben die
Mächtigen der Welt längst begonnen, um die letzten Rohstoffreserven zu
kämpfen – in blutigen Kriegen. 1991 im Irak ging es ums Öl 1999 im
Kosovo und 2000 in Tschetschenien geht es indirekt um die
Einflusssphären im rohstoffreichen Mittleren Osten und die Transportwege
dorthin. Statt in Solarenergie, Energiespartechnik, öffentlichen
Nahverkehr oder Fahrradwege zu investieren, geben "hoch entwickelte"
westliche Industriestaaten ihre Steuermilliarden lieber zur
Kaputt-Bombardierung Serbiens aus. Für den Aufbau des Kosovo gibt es
nur Almosen, für Serbien gar nichts.
Dennis Meadows fragt nach den Ursachen, nach einer neuen
Ethik und nach Visionen. Schon 1972 in Die Grenzen des
Wachstums gab er selbst einen Hinweis auf eine der Ursachen:
"Maßnahmen, die erst ergriffen werden, wenn sich schädliche Wirkungen
gezeigt haben, kommen viel zu spät." Das Gesetz von Ursache und Wirkung
wurde von den christlichen Kirchen aus ihrer Lehre gestrichen, obwohl
allein diese schlichte Einsicht "Was der Mensch sät, das wird er ernten"
ihn davor bewahren könnte, die Natur und die Tiere auszubeuten und die
Erde zu zerstören. Jesus lehrte in Seiner Ethik der Bergpredigt die
Selbsterkenntnis und die rechtzeitige Bereinigung der Fehlhaltungen, um
so deren Wirkungen abzuwenden – wenn man so will, eine Art persönliche
"Trend-Forschung". Auf dieser Grundlage lebten die ersten Christen in
urdemokratischen Gemeinschaften, in denen sie miteinander teilten und
gemeinsamer Arbeit nachgingen. Ihre Ethik beinhaltete Gewaltlosigkeit,
auch in Gedanken und Gefühlen, die Suche nach dem eigenen Anteil in
Konflikten, die Achtung vor allem Lebendigen, sowie vegetarische
Ernährung. "Zukunftsfähig"
würde man heute dazu sagen.
Während sich "christliche Politiker" im Skandalsumpf abmühen,
kann der Tatchrist zumindest die Möglichkeiten nützen, die jeder Tag
ihm an Selbsterkenntnis und Verhaltensänderung bietet. Dazu gehört auch,
den Einfluss zu erkennen, den er mit seinem Geldbeutel besitzt. Indem er
sich informiert, wo und wie die Produkte entstanden sind, die er kauft.
Auch eine friedliche "Revolution des Kaufverhaltens"
kann Einiges bewirken, wie man am Beispiel der Gentechnik in
Nahrungsmitteln sieht.
Als man den Physiker und Alternativ-Nobelpreisträger
Hans Peter Dürr fragte, ob er in Bezug auf das neue Jahrtausend Angst
oder Zuversicht hege, antwortete er mit einem tibetanischen Sprichwort:
"Ein Baum, der fällt, macht mehr Krach, als ein Wald, der
wächst." Diesen wachsenden Wald gebe es auch heute.
Vgl. auch: Dennis Meadows in Ausgabe Nr. 14/98:
Der Planet Erde verliert die Fähigkeit,
die Menschen zu ernähren.
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