Das Weisse Pferd - Urchristliche Zeitung für Gesellschaft, Religion, Politik und Wirtschaft

Ausgabe 7/00

abstand.gif (36 Byte)

Brief der »Freien Christen« an den Papst

Eine ungültige Beichte?

Ihr „Schuldbekenntnis“, das Sie zusammen mit einigen Kardinälen abgelegt haben, hat einerseits großes Aufsehen erregt, andererseits schwer enttäuscht.

Aufsehen erregt hat, dass die sich unfehlbar wähnende Kirche endlich das tun wollte, was für einen Christen eigentlich selbstverständlich ist, nämlich Schuld einzugestehen. Enttäuscht hat, mit welch verharmlosenden Formulierungen Sie furchtbaren Fakten aus dem Weg gegangen sind und wie bedenkenlos Sie die Schuld für die blutige Vergangenheit Ihrer Institution ganz allgemein „den Christen“ zuschieben. Mit der Verharmlosung verhöhnen Sie die Opfer der eingestandenen Verfehlungen; mit der Schuldzuweisung an „die Christen“ verhöhnen Sie Jesus, den Christus: denn viele, die sich nach Ihm benannt haben, vor allem jene, die Seine Nachfolge ernst nahmen, haben mit der Römisch-Katholischen Kirche und ihrer Vergangenheit nichts zu tun. Erlauben Sie uns, sehr geehrter Papst Johannes Paul, dass wir dies etwas näher ausführen:

Unter der Überschrift „Bekenntnis der Schuld im Dienste der Wahrheit“ lautet Ihr Schuldeingeständnis: „In manchen Zeiten der Geschichte haben die Christen bisweilen Methoden der Intoleranz zugelassen.“ Diese ungeheuerliche Verharmlosung verschlägt einem den Atem: Was Sie „bisweilen“ nennen, dauerte vom 11. bis zum 18. Jahrhundert. Und in all diesen Jahrhunderten kam es nicht nur zu „Methoden der Intoleranz“, sondern die Kreuzzüge (vom 11. bis zum 13. Jahrhundert) und die Inquisition (vom 13. bis zum 18. Jahrhundert) sowie die Hexenverfolgung (vom 16. bis zum 18. Jahrhundert) führten zur systematischen Ausrottung von Millionen von Menschen durch Folter und Feuertod. Und dies alles wurde nicht von ungenannten Christen „zugelassen“, sondern von Ihren und des Kardinals Ratzinger Vorgängern angeordnet und durchgeführt, mit Hilfe von Zehntausenden irregeleiteten Gläubigen Ihrer Kirche, die mit Verdammnisdrohungen und Ablassversprechungen gefügig gemacht wurden.

Wie will die Kirche bei Gott Vergebung für ihre Blutspur erlangen und glaubwürdig dartun, dass sich derartiges nicht wiederholt, wenn ihr Schuldbekenntnis die Taten gar nicht eingesteht und die Verantwortung dafür anderen zuschiebt? Von jedem Ihrer Gläubigen verlangen Sie im Beichtstuhl ein ehrliches Bekenntnis unter Angabe seiner konkreten Sünden. Eine Beichte, die so ausfiele wie Ihr Schuldbekenntnis, wäre nach kirchlicher Lehre schlicht ungültig. Das Wort „töten“, das in der Kirchengeschichte lange Zeit das Wort „lieben“ ersetzte, kommt in Ihrer Beichte überhaupt nicht vor, sondern wird nur im Zusammenhang mit der Tötung ungeborenen Lebens erwähnt, einem Bereich, der für Sie ungefährlich ist. Die Toten der Kreuzzüge, die Opfer der Inquisition, die verbrannten „Hexen“ und die ermordeten Katharer, Waldenser, Hussiten und Täufer erwähnen Sie mit keinem Wort.

Da war Ihre Kirche früher schon weiter, als beispielsweise Ihr Vorgänger Hadrian VI. 1523 eingestand, dass „auch bei diesem Heiligen Stuhl schon seit manchen Jahren viel Verabscheuungswürdiges vorgekommen“ sei. Er jedenfalls hat die Verfehlungen der Kirche nicht auf deren „Söhne und Töchter“ abgeschoben. Haben Ihnen womöglich Ihre Kurienkardinäle ein ehrliches Bekenntnis, zu dem Sie in früheren Ansprachen ansetzten, nicht mehr erlaubt? Wo bleibt Ihr Bekenntnis zur Versklavung der schwarzen Brüder und Schwestern, von der Sie 1985 bereits sprachen, und das Bekenntnis zu den Verbrechen gegenüber den indianischen Ureinwohnern, die Sie 1992 erwähnten? Anstatt einzugestehen, dass im Auftrag der Kirche von kirchlichen Missionaren unter den Eingeborenen Blutbäder „zur höheren Ehre Gottes“ angerichtet wurden, sprechen Sie kühl von der „Logik der Gewalt“, der „die Christen nachgegeben“ hätten - selbstverständlich „im Dienste der Wahrheit“. Bei einer ordentlichen Beichte würde man bekennen: „Wir haben Indianer getötet, wir haben Schwarze versklavt, wir haben die Kolonien geplündert, wir haben Ketzer und Hexen verbrannt und insgesamt Millionen von Menschen auf grausame Weise ermordet.“

Geradezu gefährlich ist Ihr Ausweichen in der Judenfrage: Sie sind „zutiefst betrübt über das Verhalten aller, die im Lauf der Geschichte“ die Juden „leiden ließen“. In diesem Punkt scheinen Sie die Schuld der Kirche vollends zu verdrängen, obwohl sie es doch war, die von den „Gottesmördern“ sprach und auf diese Weise die Juden Jahrhunderte lang stigmatisierte, so dass Adolf Hitler nach eigenem Bekunden nur mehr vollzog, was die Kirche geistig vorbereitet hatte. Wer garantiert den Juden und anderen der Kirche missliebigen Religionen, dass sie vor weiteren Verfolgungen durch die Kirche wirklich sicher sind, wenn die Kirche so wenig Einsicht in ihre moralische Mitverantwortung am Holocaust zeigt und statt dessen geradezu dreist von einer „heidnischen Ideologie“ spricht?

Zu einer gültigen Beichte gehört nach katholischer Lehre nicht nur die ehrliche Reue und der gute Vorsatz, die alten Sünden nicht erneut zu tun, sondern auch die Wiedergutmachung. In dem von Ihnen herausgegebenen Katechismus der Katholischen Kirche heißt es in Ziff. 1459: „Viele Sünden fügen dem Nächsten Schaden zu. Man muss diesen, soweit möglich, wiedergutmachen (z. B. Gestohlenes zurückgeben, den Ruf dessen, den man verleumdet hat, wiederherstellen, für Beleidigungen Genugtuung leisten). Allein schon die Gerechtigkeit verlangt dies.“ Wann gibt die Kirche ihr Diebesgut zurück, das ihren unglaublichen Reichtum begründete: Die Vermögen der Ketzer, das Geld der „Hexen“, die Schätze der beraubten Indianerstämme, die Ländereien, die sie sich durch nachgewiesene Urkundenfälschungen erschlichen hat? Wann räumt die Kirche ihre Schatzkammern, um einen weltweiten Entschädigungsfonds zu bilden - für die Nachkommen der von ihr „missionierten“ Schwarzen und Indianer, für die Opfer der Judenverfolgung und auch für die Folteropfer moderner Diktatoren, die nicht zuletzt deshalb möglich wurden, weil die Kirche als moralische Autorität des Abendlandes der Welt Jahrhunderte lang auf grausamste Weise vorexerziert hat, wie man mit religiösen, rassischen und politischen Minderheiten verfährt.

Wann befreit sich die Kirche von ihren eigenen Lehrern der Gewalttätigkeit, z. B. von einem „heiligen“ Augustinus, der die Folter als „Kur für die Seele“ pries, von einem „heiligen“ Bernhard von Clairvaux, der die Katharer ins Feuer trieb oder von einem „heiligen“ Thomas von Aquin, der die Häretiker dem staatlichen Henker empfahl? Will sie im Ernst einen Mann wie Pius XII. heilig sprechen, der Hitlers Russlandkrieg befürwortete und zum Holocaust schwieg?

Und wie sieht es mit den in den Tod und die „ewige Verdammnis“ geschickten Millionen Ketzern im Jenseits aus? Nachdem sie in Ihrem „Mea culpa“ mit keinem Wort erwähnt werden, bleibt ihr geistiges Schicksal ungewiss: Wird die Kirche diese „armen Seelen“ vom Bannfluch befreien und dafür nun deren kirchlichen Peiniger verfluchen?

Wir sind freie Christen, die dem Christus der Bergpredigt nachfolgen wollen. Deshalb wenden wir uns dagegen, dass die Kirche ihre schwere eigene Schuld in eine christliche Kollektivschuld ummünzt. Ihre Erklärung hat mit dem Christus der Bergpredigt nichts gemein, so lange die Kirche den Balken im eigenen Auge nicht sieht und fortfährt, ihre „Söhne und Töchter“ für die Verbrechen von Päpsten und Kardinälen verantwortlich zu machen. So lange ist auch die Gefahr nicht gebannt, dass die Kirche die Scheiterhaufen, die nur unter dem Zwang der weltlichen Menschenrechtsbewegung gelöscht wurden, wieder anzündet.

Inhalt Ausgabe 7/2000
Hauptseite
Archiv - alle früheren Ausgaben
Suchen
Abo-Service
Impressum
Post an uns

Wir hoffen, sehr geehrter Papst Johannes Paul, dass Sie dieser Brief auch tatsächlich erreicht und wir eine Antwort von Ihnen erhalten. So lange dies nicht der Fall ist, werden wir ihn in der Öffentlichkeit verbreiten, um sodann auch Ihre Antwort bekannt zu machen.

Mit freundlichen Grüßen

Freie Christen für den Christus der Bergpredigt

Johannes Meier                   Dieter Potzel                      Moris Hoblaj


Seitenanfang

               Vgl. die Homepage: www.freie-christen.com
 

Copyright © Verlag DAS WEISSE PFERD GmbH, Marktheidenfeld, Germany
http://www.das-weisse-pferd.com
- E-Mail: info@das-weisse-pferd.com

Verlag Das Weisse Pferd, Max-Braun-Straße 2, 97828 Marktheidenfeld-Altfeld,
Fax: 09391 / 504 - 210
 

                    Hit Counter