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Brief
der »Freien Christen« an den Papst
Eine
ungültige Beichte?
Ihr „Schuldbekenntnis“, das Sie zusammen mit
einigen Kardinälen abgelegt haben, hat einerseits großes Aufsehen
erregt, andererseits schwer enttäuscht.
Aufsehen erregt hat, dass die sich unfehlbar wähnende
Kirche endlich das tun wollte, was für einen Christen eigentlich
selbstverständlich ist, nämlich Schuld einzugestehen. Enttäuscht
hat, mit welch verharmlosenden Formulierungen Sie furchtbaren
Fakten aus dem Weg gegangen sind und wie bedenkenlos Sie die
Schuld für die blutige Vergangenheit Ihrer Institution ganz
allgemein „den Christen“ zuschieben. Mit der Verharmlosung verhöhnen
Sie die Opfer der eingestandenen Verfehlungen; mit der Schuldzuweisung
an „die Christen“ verhöhnen Sie Jesus, den Christus: denn viele,
die sich nach Ihm benannt haben, vor allem jene, die Seine Nachfolge
ernst nahmen, haben mit der Römisch-Katholischen Kirche und
ihrer Vergangenheit nichts zu tun. Erlauben Sie uns, sehr geehrter
Papst Johannes Paul, dass wir dies etwas näher ausführen:
Unter der Überschrift „Bekenntnis der Schuld im
Dienste der Wahrheit“ lautet Ihr Schuldeingeständnis: „In manchen
Zeiten der Geschichte haben die Christen bisweilen Methoden
der Intoleranz zugelassen.“ Diese ungeheuerliche Verharmlosung
verschlägt einem den Atem: Was Sie „bisweilen“ nennen, dauerte
vom 11. bis zum 18. Jahrhundert. Und in all diesen Jahrhunderten
kam es nicht nur zu „Methoden der Intoleranz“, sondern die Kreuzzüge
(vom 11. bis zum 13. Jahrhundert) und die Inquisition (vom 13.
bis zum 18. Jahrhundert) sowie die Hexenverfolgung (vom 16.
bis zum 18. Jahrhundert) führten zur systematischen Ausrottung
von Millionen von Menschen durch Folter und Feuertod. Und dies
alles wurde nicht von ungenannten Christen „zugelassen“, sondern
von Ihren und des Kardinals Ratzinger Vorgängern angeordnet
und durchgeführt, mit Hilfe von Zehntausenden irregeleiteten
Gläubigen Ihrer Kirche, die mit Verdammnisdrohungen und Ablassversprechungen
gefügig gemacht wurden.
Wie will die Kirche bei Gott Vergebung für ihre
Blutspur erlangen und glaubwürdig dartun, dass sich derartiges
nicht wiederholt, wenn ihr Schuldbekenntnis die Taten gar nicht
eingesteht und die Verantwortung dafür anderen zuschiebt? Von
jedem Ihrer Gläubigen verlangen Sie im Beichtstuhl ein ehrliches
Bekenntnis unter Angabe seiner konkreten Sünden. Eine Beichte,
die so ausfiele wie Ihr Schuldbekenntnis, wäre nach kirchlicher
Lehre schlicht ungültig. Das Wort „töten“, das in der Kirchengeschichte
lange Zeit das Wort „lieben“ ersetzte, kommt in Ihrer Beichte
überhaupt nicht vor, sondern wird nur im Zusammenhang mit der
Tötung ungeborenen Lebens erwähnt, einem Bereich, der für Sie
ungefährlich ist. Die Toten der Kreuzzüge, die Opfer der Inquisition,
die verbrannten „Hexen“ und die ermordeten Katharer, Waldenser,
Hussiten und Täufer erwähnen Sie mit keinem Wort.
Da war Ihre Kirche früher schon weiter, als beispielsweise
Ihr Vorgänger Hadrian VI. 1523 eingestand, dass „auch bei diesem
Heiligen Stuhl schon seit manchen Jahren viel Verabscheuungswürdiges
vorgekommen“ sei. Er jedenfalls hat die Verfehlungen der Kirche
nicht auf deren „Söhne und Töchter“ abgeschoben. Haben Ihnen
womöglich Ihre Kurienkardinäle ein ehrliches Bekenntnis, zu
dem Sie in früheren Ansprachen ansetzten, nicht mehr erlaubt?
Wo bleibt Ihr Bekenntnis zur Versklavung der schwarzen Brüder
und Schwestern, von der Sie 1985 bereits sprachen, und das Bekenntnis
zu den Verbrechen gegenüber den indianischen Ureinwohnern, die
Sie 1992 erwähnten? Anstatt einzugestehen, dass im Auftrag der
Kirche von kirchlichen Missionaren unter den Eingeborenen Blutbäder
„zur höheren Ehre Gottes“ angerichtet wurden, sprechen Sie kühl
von der „Logik der Gewalt“, der „die Christen nachgegeben“ hätten
- selbstverständlich „im Dienste der Wahrheit“. Bei einer ordentlichen
Beichte würde man bekennen: „Wir haben Indianer getötet, wir
haben Schwarze versklavt, wir haben die Kolonien geplündert,
wir haben Ketzer und Hexen verbrannt
und insgesamt Millionen von Menschen auf grausame Weise ermordet.“
Geradezu gefährlich ist Ihr Ausweichen
in der Judenfrage: Sie sind „zutiefst betrübt über das Verhalten
aller, die im Lauf der Geschichte“ die Juden „leiden ließen“.
In diesem Punkt scheinen Sie die Schuld der Kirche vollends
zu verdrängen, obwohl sie es doch war, die von den „Gottesmördern“
sprach und auf diese Weise die Juden Jahrhunderte lang stigmatisierte,
so dass Adolf Hitler nach eigenem Bekunden nur mehr vollzog,
was die Kirche geistig vorbereitet hatte. Wer garantiert den
Juden und anderen der Kirche missliebigen Religionen, dass sie
vor weiteren Verfolgungen durch die Kirche wirklich sicher sind,
wenn die Kirche so wenig Einsicht in ihre moralische Mitverantwortung
am Holocaust zeigt und statt dessen geradezu dreist von einer
„heidnischen Ideologie“ spricht?
Zu einer gültigen Beichte
gehört nach katholischer Lehre nicht nur die ehrliche Reue und
der gute Vorsatz, die alten Sünden nicht erneut zu tun, sondern
auch die Wiedergutmachung. In dem von Ihnen herausgegebenen
Katechismus der Katholischen Kirche heißt es in Ziff. 1459:
„Viele Sünden fügen dem Nächsten Schaden zu. Man muss diesen,
soweit möglich, wiedergutmachen (z. B. Gestohlenes zurückgeben,
den Ruf dessen, den man verleumdet hat, wiederherstellen, für
Beleidigungen Genugtuung leisten). Allein schon die Gerechtigkeit
verlangt dies.“ Wann gibt die Kirche ihr Diebesgut zurück,
das ihren unglaublichen Reichtum begründete: Die Vermögen der
Ketzer, das Geld der „Hexen“, die Schätze der beraubten Indianerstämme,
die Ländereien, die sie sich durch nachgewiesene Urkundenfälschungen
erschlichen hat? Wann räumt die Kirche ihre Schatzkammern, um
einen weltweiten Entschädigungsfonds zu bilden - für die Nachkommen
der von ihr „missionierten“ Schwarzen und Indianer, für die
Opfer der Judenverfolgung und auch für die Folteropfer moderner
Diktatoren, die nicht zuletzt deshalb möglich wurden, weil
die Kirche als moralische Autorität des Abendlandes der Welt
Jahrhunderte lang auf grausamste Weise vorexerziert hat, wie
man mit religiösen, rassischen und politischen Minderheiten
verfährt.
Wann befreit sich die Kirche von
ihren eigenen Lehrern der Gewalttätigkeit, z. B. von einem „heiligen“
Augustinus, der die Folter als „Kur für die Seele“
pries, von einem „heiligen“ Bernhard von Clairvaux, der die
Katharer ins Feuer trieb oder von einem „heiligen“ Thomas
von Aquin, der die Häretiker dem staatlichen Henker empfahl?
Will sie im Ernst einen Mann wie Pius XII. heilig sprechen,
der Hitlers Russlandkrieg befürwortete und zum Holocaust schwieg?
Und wie sieht es mit den in
den Tod und die „ewige Verdammnis“ geschickten Millionen Ketzern
im Jenseits aus? Nachdem sie in Ihrem „Mea culpa“ mit keinem
Wort erwähnt werden, bleibt ihr geistiges Schicksal ungewiss:
Wird die Kirche diese „armen Seelen“ vom Bannfluch befreien
und dafür nun deren kirchlichen Peiniger verfluchen?
Wir sind freie Christen, die dem
Christus der Bergpredigt nachfolgen wollen. Deshalb wenden wir
uns dagegen, dass die Kirche ihre schwere eigene Schuld in eine
christliche Kollektivschuld ummünzt. Ihre Erklärung hat mit
dem Christus der Bergpredigt nichts gemein, so lange die Kirche
den Balken im eigenen Auge nicht sieht und fortfährt, ihre „Söhne
und Töchter“ für die Verbrechen von Päpsten und Kardinälen verantwortlich
zu machen. So lange ist auch die Gefahr nicht gebannt, dass
die Kirche die Scheiterhaufen, die nur unter dem Zwang der weltlichen
Menschenrechtsbewegung gelöscht wurden, wieder anzündet.
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