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Das
Minderwertigkeitsgefühl
oder: In der Schwäche die Stärke finden
„Das Minderwertigkeitsgefühl beherrscht das
Seelenleben und lässt sich leicht aus dem Gefühl der Unvollkommenheit,
der Unvollendung und aus dem ununterbrochenen Streben des Menschen
und der Menschheit verstehen“ (Alfred Adler).
Der Begriff des Minderwertigkeitsgefühls geht
auf Alfred Adler, einen Schüler Sigmund Freuds, der sich später
von ihm löste, zurück. Adler, von Hause aus Arzt, hatte beobachtet,
dass der menschliche Organismus dazu tendiert, vorhandene Organminderwertigkeiten
durch Kompensation auf einem anderen Gebiet auszugleichen. Diese
Beobachtung übertrug er auf den seelischen Bereich und baute
darauf seine Individualpsychologie auf. Adler hält Minderwertigkeitsgefühle
beim Kinde für normal, weil es ja den Erwachsenen in vielen
Funktionen noch unterlegen ist. Er schreibt: „Menschsein heißt
auch, sich unzulänglich und minderwertig zu fühlen ... Da sie
aber ein entscheidendes Stimulans des Wachstums und der kulturellen
Entwicklung sind, sollten wir in den eigentlichen Minderwertigkeitsgefühlen
etwas Positives sehen. Nur unter sehr unguten Bedingungen verstärkt
sich das Minderwertigkeitsgefühl zum Minderwertigkeitskomplex,
der jegliche Entwicklungsbestrebungen blockiert.“
Und wann kommt es zu einem Komplex? Kurz gesagt,
wenn die Kompensation misslingt. Das ist z. B. der Fall, wenn
der Mensch zur Bewältigung eines Minderwertigkeitsgefühls einen
Überlegenheitskomplex ausbildet. Ein solcher kann dadurch entstehen,
dass die Minderwertigkeit verdrängt wird und in Gedanken, in
der Phantasie oder in Tagträumen in eine Überwertigkeit umgemünzt
wird. Da ist man dann der Held, der Siebene auf einen Streich
vollbringt oder der Hochstapler, der seine Mitmenschen mit Imponiergehabe
zu täuschen versucht. Hier wird die Minderwertigkeit mit einem
Größenwahn überkompensiert. Adler schreibt: „Wir sollten nicht
überrascht sein, wenn wir in den Fällen, wo wir einen Minderwertigkeitskomplex
sehen, mehr oder weniger einen Überlegenheitskomplex finden.“
Adler nahm als einen Grundtrieb des Menschen das
Streben nach Geltung, nach Anerkennung und Macht an. Wird der
kindliche Geltungsdrang beeinträchtigt, kann dies zu einem Minderwertigkeitsgefühl
führen. Die Gegenkraft zum Streben nach Macht ist nach Adler
das Gemeinschaftsgefühl. Die Entfaltung des Gemeinschaftsgefühls
hält er für die wesentliche Aufgabe der menschlichen Entwicklung.
„Die Erkenntnis und das Gefühl, wertvoll zu sein ... stammt
aus der Beitragsleistung zum allgemeinen Wohl ... Das Individuum
fühlt sich im Leben zu Hause und erkennt, dass seine Existenz
in soweit wertvoll ist, wie es für andere nützlich ist.“
In
jeder Schwäche liegt die Stärke
Ein bekanntes Beispiel für die Überwindung einer
Minderwertigkeit ist der Fall des Demosthenes. Demosthenes war
der berühmteste Redner im antiken Griechenland. Dabei war er
von Hause aus ein Stotterer. Doch er übte die freie Rede, indem
er sich an den Strand des Meeres stellte und gegen die Wellen
ansprach, solange bis er seine verbale Minderwertigkeit überwunden
hatte.
Beim Minderwertigkeitsgefühl geht es also um eine
kompensatorische seelische Anstrengung, den Mangel zu überwinden.
Und das ist für jedes Minderwertigkeitsgefühl möglich. Warum?
Weil wir von Hause aus vollkommene Wesen sind und diese Ausstattung
in uns bleibt, auch wenn wir sie herunter transformiert haben,
d. h. unsere geistigen Stärken in Schwächen verwandelt haben.
So sollte am Beginn der Überwindungsarbeit die Erkenntnis stehen,
dass ich wertvoll bin, dass ich im Kern gesund, d. h. in Ordnung
bin und dass in mir innere Werte, Fähigkeiten und Talente liegen,
die der Schöpfer mir verlieh. Die zweite Erkenntnis sollte sein,
dass in jedem von uns die Kraft liegt, jedes Minderwertigkeitsgefühl
schrittweise zu überwinden.
Ein Beispiel: Ich lehne mich an meinen Partner
an, weil ich mich selber nicht entscheiden kann. Er soll - selbst
in Kleinigkeiten - für mich entscheiden. Jetzt aber heißt es:
Das nehme ich selbst in die Hand. Ich entscheide jetzt in all
den Punkten, in denen ich mich bisher angelehnt habe. In diesem
Entschluss liegt auch die Kraft und der Mut, in weiteren Situationen
Entscheidungen zu treffen. Dadurch habe ich mir ein neues Lebensprinzip
vorgegeben: Ich nehme mein Leben in die Hand und entscheide
von nun an selbst.
Minderwertigkeit
als Alibi
Wer von seinen Minderwertigkeiten spricht oder
darüber klagt, der sollte sich fragen: Woher kommt der Minderwertigkeitskomplex,
wer hat ihn eingegeben? Etwa die Eltern? Oder haben wir diese
Schwächen nicht in dieses Leben mitgebracht? Und: Haben wir
die so genannte Schwäche aus Vorinkarnationen im Erwachsenenalter
verstärkt? Denn oftmals benutzen wir den Minderwertigkeitskomplex
als Ausrede bzw. als Flucht, um das nicht anzupacken, was schon
lange ansteht und bearbeitet hätte werden sollen. Selbst wenn
ich in der Kindheit die Minderwertigkeit hatte, so sollte ich
heute den Komplex aufschlüsseln. Ich sollte in die Bilder hineingehen,
die darin liegen und diese bereinigen.
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