Das Weisse Pferd - Urchristliche Zeitung für Gesellschaft, Religion, Politik und Wirtschaft

Ausgabe 7/00

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Das Minderwertigkeitsgefühl

oder: In der Schwäche die Stärke finden

„Das Minderwertigkeitsgefühl beherrscht das Seelenleben und lässt sich leicht aus dem Gefühl der Unvollkommenheit, der Unvollendung und aus dem ununterbrochenen Streben des Menschen und der Menschheit verstehen“ (Alfred Adler).

Der Begriff des Minderwertigkeitsgefühls geht auf Alfred Adler, einen Schüler Sigmund Freuds, der sich später von ihm löste, zurück. Adler, von Hause aus Arzt, hatte beobachtet, dass der menschliche Organismus dazu tendiert, vorhandene Organminderwertigkeiten durch Kompensation auf einem anderen Gebiet auszugleichen. Diese Beobachtung übertrug er auf den seelischen Bereich und baute darauf seine Individualpsychologie auf. Adler hält Minderwertigkeitsgefühle beim Kinde für normal, weil es ja den Erwachsenen in vielen Funktionen noch unterlegen ist. Er schreibt: „Menschsein heißt auch, sich unzulänglich und minderwertig zu fühlen ... Da sie aber ein entscheidendes Stimulans des Wachstums und der kulturellen Entwicklung sind, sollten wir in den eigentlichen Minderwertigkeitsgefühlen etwas Positives sehen. Nur unter sehr unguten Bedingungen verstärkt sich das Minderwertigkeitsgefühl zum Minderwertigkeitskomplex, der jegliche Entwicklungsbestrebungen blockiert.“

Und wann kommt es zu einem Komplex? Kurz gesagt, wenn die Kompensation misslingt. Das ist z. B. der Fall, wenn der Mensch zur Bewältigung eines Minderwertigkeitsgefühls einen Überlegenheitskomplex ausbildet. Ein solcher kann dadurch entstehen, dass die Minderwertigkeit verdrängt wird und in Gedanken, in der Phantasie oder in Tagträumen in eine Überwertigkeit umgemünzt wird. Da ist man dann der Held, der Siebene auf einen Streich vollbringt oder der Hochstapler, der seine Mitmenschen mit Imponiergehabe zu täuschen versucht. Hier wird die Minderwertigkeit mit einem Größenwahn überkompensiert. Adler schreibt: „Wir sollten nicht überrascht sein, wenn wir in den Fällen, wo wir einen Minderwertigkeitskomplex sehen, mehr oder weniger einen Überlegenheitskomplex finden.“

Adler nahm als einen Grundtrieb des Menschen das Streben nach Geltung, nach Anerkennung und Macht an. Wird der kindliche Geltungsdrang beeinträchtigt, kann dies zu einem Minderwertigkeitsgefühl führen. Die Gegenkraft zum Streben nach Macht ist nach Adler das Gemeinschaftsgefühl. Die Entfaltung des Gemeinschaftsgefühls hält er für die wesentliche Aufgabe der menschlichen Entwicklung. „Die Erkenntnis und das Gefühl, wertvoll zu sein ... stammt aus der Beitragsleistung zum allgemeinen Wohl ... Das Individuum fühlt sich im Leben zu Hause und erkennt, dass seine Existenz in soweit wertvoll ist, wie es für andere nützlich ist.“

In jeder Schwäche liegt die Stärke

Ein bekanntes Beispiel für die Überwindung einer Minderwertigkeit ist der Fall des Demosthenes. Demosthenes war der berühmteste Redner im antiken Griechenland. Dabei war er von Hause aus ein Stotterer. Doch er übte die freie Rede, indem er sich an den Strand des Meeres stellte und gegen die Wellen ansprach, solange bis er seine verbale Minderwertigkeit überwunden hatte.

Beim Minderwertigkeitsgefühl geht es also um eine kompensatorische seelische Anstrengung, den Mangel zu überwinden. Und das ist für jedes Minderwertigkeitsgefühl möglich. Warum? Weil wir von Hause aus vollkommene Wesen sind und diese Ausstattung in uns bleibt, auch wenn wir sie herunter transformiert haben, d. h. unsere geistigen Stärken in Schwächen verwandelt haben. So sollte am Beginn der Überwindungsarbeit die Erkenntnis stehen, dass ich wertvoll bin, dass ich im Kern gesund, d. h. in Ordnung bin und dass in mir innere Werte, Fähigkeiten und Talente liegen, die der Schöpfer mir verlieh. Die zweite Erkenntnis sollte sein, dass in jedem von uns die Kraft liegt, jedes Minderwertigkeitsgefühl schrittweise zu überwinden.

Ein Beispiel: Ich lehne mich an meinen Partner an, weil ich mich selber nicht entscheiden kann. Er soll - selbst in Kleinigkeiten - für mich entscheiden. Jetzt aber heißt es: Das nehme ich selbst in die Hand. Ich entscheide jetzt in all den Punkten, in denen ich mich bisher angelehnt habe. In diesem Entschluss liegt auch die Kraft und der Mut, in weiteren Situationen Entscheidungen zu treffen. Dadurch habe ich mir ein neues Lebensprinzip vorgegeben: Ich nehme mein Leben in die Hand und entscheide von nun an selbst.

Minderwertigkeit als Alibi

Wer von seinen Minderwertigkeiten spricht oder darüber klagt, der sollte sich fragen: Woher kommt der Minderwertigkeitskomplex, wer hat ihn eingegeben? Etwa die Eltern? Oder haben wir diese Schwächen nicht in dieses Leben mitgebracht? Und: Haben wir die so genannte Schwäche aus Vorinkarnationen im Erwachsenenalter verstärkt? Denn oftmals benutzen wir den Minderwertigkeitskomplex als Ausrede bzw. als Flucht, um das nicht anzupacken, was schon lange ansteht und bearbeitet hätte werden sollen. Selbst wenn ich in der Kindheit die Minderwertigkeit hatte, so sollte ich heute den Komplex aufschlüsseln. Ich sollte in die Bilder hineingehen, die darin liegen und diese bereinigen.

Inhalt Ausgabe 7/2000
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Wenn wir jedoch die Schwäche nicht anpacken wollen, so ist die Frage, ob wir dadurch andere beeinflussen oder manipulieren wollen, statt an uns zu arbeiten. Dann ist der Minderwertigkeitskomplex eine Schwäche, die wir uns zugestehen. Und unser Nächster sagt dann vielleicht: Wenn er’s halt nicht kann, dann mach ich es für ihn. Für uns aber stellt sich die Frage: Was hat mein Nächster dadurch zu leiden gehabt? Wo wurde er eventuell an seinem Weg gehindert, weil wir ständig mit unserer Schwäche operierten? In unzähligen Bildern haben wir sie immer wieder eingegeben. Deshalb heißt die Aufgabe: Wir müssen auf die Wurzel unserer Schwäche kommen und sie beheben - mit der Kraft des Christus in uns.

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