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Fusionsfieber und Aktienrausch:
"Harmagedon"
der
Weltwirtschaft

Nicht mehr demokratisch
gewählte Regierungen bestimmen über das wirtschaftliche Überleben der
Menschen, sondern Kapitalbesitzer, Spekulanten, Investment-Fonds usw.
Die Geister, welche die Menschheit rief, stehen sich gegenüber wie die
finsteren Könige, welche der Prophet Johannes in seiner
Endzeit-Offenbarung beschreibt. Die letzte Schlacht um Macht, Reichtum,
Vernichtung und Elend hat begonnen.
Die 85-jährige
Frau wollte auf der Stelle die neuen Aktien kaufen, die
"Finnland
heißen oder so ähnlich", berichtet DIE WOCHE über
Gespräche am Bankschalter. Wer wusste vor kurzem schon, was Infineon
ist - eine Siemens-Tochter, deren Wertpapiere schon am Tag der Ausgabe
zum doppelten Preis weiter verkauft wurden.
Oder wer kannte die Aktie der Filmrechte-Firma EM-TV,
die in 2 1/2 Jahren von 17 Euro auf 5.198 Euro stieg? Auch wer sich für
die vergleichsweise biedere Telekom-Aktie entschied, verdiente in 3 1/2
Jahren 600 %. Inzwischen fachsimpeln ganze Stammtische über "New Economy"
("Neuer Markt" der Technologie-Aktien), verfolgen Hausfrauen den Dow
Jones und beteiligen sich Studenten per Internet am Börsenpoker. Sie
alle liefern den Großen das Pulver für eine apokalyptisch anmutende
Treibjagd von "feindlichen Übernahmen" und "Abwehrschlachten", bei der nicht nur traditionsreiche
Unternehmen, sondern ganze Währungen ins Schleudern kommen, wenn
Großspekulanten auf Pump Devisen kaufen, bis der betroffenen
Zentralbank die Luft ausgeht. Wer sind die Jäger und wer die Gejagten?
Ist die Schlacht von Harmagedon, von der die Johannes-Offenbarung
spricht, bereits in Gang?
Ein
globales Spielcasino
Das Jagdrevier der grenzenlosen Möglichkeiten ist
erst in den letzten Jahren entstanden: Mit dem Zusammenbruch des
Ostblocks wurde der Welthandel rund um den Erdball möglich - an jedem
Ort, zu jeder Zeit und vor allem immer schneller. Das Internet vernetzte
die Börsen, die Unternehmen, die Lieferanten, Kunden und Spekulanten.
Jeder beobachtet jeden und sucht als Global Player per Mausklick seinen
Vorteil.
Bei diesem Spiel geht es kaum noch um die Qualität
von Güter und Leistungen, sondern um Aktienwerte, die steigen und
fallen können, ohne dass sich am Unternehmensgewinn etwas ändern muss.
Der Börsenwert ist alles. Täglich jagen flinke Devisenhändler
Währungsbestände im Wert von ca. 1,5 Billionen Dollar rund um den
Globus. Für eine milliardenschwere Kundschaft aus Banken, Konzernen und
Investmentfonds springen sie im weltweiten Datennetz in Sekundenschnelle
von Börsenplatz zu Börsenplatz, von Währung zu Währung, um
Kursgewinne zu nutzen, die mitunter binnen Minuten Riesenvermögen
begründen. Nur mehr 2 % dieser Devisen- und Wertpapiergeschäfte dienen
realen Wirtschaftsvorgängen als Bezahlung von Leistungen und Gütern.
Der Rest - der etwa der gesamten Jahresleistung der deutschen Wirtschaft
entspricht - ist der Umsatz von Spekulationsgeschäften des globalen
Spielcasinos.
Die Aktienwerte der Unternehmer haben mit deren
wirtschaftlichen Leistungen kaum mehr etwas zu tun. Ist eine Aktie für
die großen Investmentfonds und deren Publikum "interessant", z. B. weil
die "Gründerstory", man könnte auch sagen: die
hochgestochene Produktplanung eines Newcomers, einen Aktienboom
verspricht, schaden ihm fürs Erste auch Verluste nicht, während
Oldtimer wie bspw. Daimler-Chrysler gegenwärtig auch mit
Verkaufsrekorden im Casino der Weltbörsen keine Erfolge erzielen
können.
Die Neuen
verfolgen die Alten
Das
Wohlwollen der Anleger und astronomisch steigende Aktienwerte genießen
vor allem Neugründungen, die sich mit Internet, Biotech und Medien
befassen. Ein "Neuer Markt" von kleinen innovativen
Aktiengesellschaften ist entstanden, dessen Aktienindex (Nemax) viermal
so schnell wie der des Traditionsmarktes (Dax) stieg. 1999 waren es in
Deutschland fast 200 solche Firmen, denen die Anleger rund 27 Milliarden
Mark anvertrauten. Die Gründer entstammen der Elite junger Mitarbeiter
von Banken und Beratungsfirmen, die Verkaufsideen kreieren, im Internet
propagieren und mit Hilfe von "Wagniskapitalfirmen" finanzieren.
Das Risikokapital stammt wiederum von Finanzgesellschaften, Konzernen
und wohlhabenden Privatleuten, die ihr Geld den Fonds zur Verfügung
stellen, um beim großen Geschäft im Internet mit dabei zu sein. Durch
die massive Werbung sind Telekom-Aktien und Infineon-Papiere bis in
jedes Wohnzimmer vorgedrungen, und immer mehr einfache Bürger setzen auf
die unbegrenzten Möglichkeiten neuer Börsengänge im Technologie- und
Medienbereich. Immer neue Märkte für Medizintechnik,
Internetkommunikation und Zuliefererprodukte werden erschlossen.
Aktiennamen, die vor Monaten noch keiner kannte, schießen wie Raketen in
den Geldhimmel; binnen weniger Jahre erlangte ein Newcomer wie EM-TV mit
230 Beschäftigten fast den Börsenwert des Weltkonzerns VW. "Fast
scheint es so, als müsse ein Firmenname nur mit ‘e-’ anfangen und
mit ‘-net’ aufhören, und schon fliegt die Aktie" (Der
Spiegel).
Die frisch erworbene Aktienmacht ("Shareholder-Value")
wird zur Waffe gegen Konkurrenten: Sie verringert das Risiko des
Roulettes durch wachsende Größe und Vielfalt der Produktpalette, und
sie verschafft das Potential zur Übernahme von Konkurrenten durch
Ankauf von deren Aktien.
Übernahmeschlachten
der Giganten
Die Angst um die Gunst ihrer Aktienbesitzer treibt
vor allem die Großen um. Wenn die Analysten der Börsenszene oder die
großen Investment- und Pensionsfonds die wirtschaftliche Produktivität
eines Unternehmens bekritteln, seine Innovationsfähigkeit bezweifeln
oder auch seine Sozialausgaben für zu hoch halten, dann ist in den
Vorstandsetagen Gefahr in Verzug. Dann wird fusioniert und
rationalisiert, womit man zehntausende von Arbeitsplätzen "einspart".
Bei Unilever waren es 25.000, die geplante (allerdings überraschend
gestoppte) Fusion der Deutschen Bank und der Dresdner Bank zur größten
Bank der Welt sollte mit dem Verlust von 16.000 Arbeitsplätzen
einhergehen. Welche Folgen die "feindliche
Übernahme" von Mannesmann durch Vodafone haben wird, bleibt
abzuwarten. Die Bosse sprechen zwar von der "Logik des Marktes".
Doch was sie antreibt, sind nicht zuletzt Geld, Ruhm und Macht.
Die Vorstandsgehälter steigen mit der Größe des
Konzerns. In Deutschland begnügte man sich bislang mit einigen
Millionen Mark pro Jahr; inzwischen haben sich die Gehälter für die
Verantwortungsträger des Kapitalismus vervielfacht - ganz zu schweigen
von den Abfindungen: Als die Deutsche Bank das US-Institut Bankers Trust
übernahm, zahlte sie dem Vorstandschef eine Abfindung von 100 Millionen
Dollar; und als Mannesmann von Vodafone übernommen wurde, kassierte
Mannesmann-Vorstand Esser 60 Millionen. Wer also treibt zum Größenwahn
- die Geld- und Ruhmsucht der Manager oder die Sekretärinnen,
Facharbeiter und Rentner, die den Aktienboom anheizen, ihrerseits
angetrieben vom kollektiven Kaufzwang, der von den allabendlichen
Börsenberichten des Fernsehens ausgeht?
Treibjagd
aller gegen alle
Das
Jagdfieber beginnt mit verführerischen Einflüsterungen: "Lassen Sie Ihr
Geld besser für sich arbeiten. Sie haben es sich verdient", flüstert die
Telebörse. "Jeder hat ein Recht auf Rendite"
verkündet das Handelsblatt. Mit dem Traum vom arbeitslosen
Einkommen soll auch der letzte Zauderer animiert werden, mitzumachen. 20
Millionen Deutsche wollen nun T-Online-Aktien kaufen. Milliardenwerte
fließen in die "Kriegskasse" des Telekom-Chefs Ron Sommer - für mehr
oder weniger freundliche Übernahmen konkurrierender Branchen. Das "Recht auf Rendite", wird zum Motor für Megafusionen und
Megaentlassungen. Die Größeren fressen die Großen und spucken die
Kleinen aus. Deren Geld sammelt sich in den Spekulationskassen der
Aktienfonds. Die Reichen werden immer reicher, und auf der Strecke
bleiben immer mehr Arme, während die Mittelklasse zu verschwinden
droht.
Die Jagdszenen spielen am Abgrund: Jeder will noch
schnell reich werden, weil die Existenzangst umgeht. Dabei heizt ein
Massenheer von Angestellten das Fusionsfieber der Konzerne an, das im
Interesse der Aktienwerte Massenentlassungen produziert. Inzwischen
erweist sich ein Großteil der Megafusionen als Flop - man passt
strukturell und kulturell nicht zusammen, die Rationalisierungseffekte
bleiben aus und die Aktienwerte sinken. Und vor allem: Der von realen
Wirtschaftsvorgängen losgelöste Aktienwahn erzeugt Aktienwerte wie
Luftblasen, deren Zerplatzen täglich droht - wenn ein Großanleger
plötzlich die Nerven verliert und aussteigt, wenn eine Währung
schwächest und Fluchtbewegungen auslöst, kurz: wenn ein dominierender
Aktienkurs, aus welchen Gründen auch immer, ins Rutschen gerät und
eine Kettenreaktion auslöst - Kursverfall, Konsumverzicht,
Umsatzeinbußen und weltweite Wirtschaftsrezession. Der
Nobelpreisträger Milton Friedmann, einer der Väter des heutigen
Kapitalismus, sieht bereits jetzt "unheimliche Ähnlichkeiten"
zwischen dem, was am Aktienmarkt geschieht und was in den Zwanziger
Jahren passierte. Verglichen mit dem, was im Zeitalter der
Globalisierung droht, dürfte die Weltwirtschaftskrise der Zwanziger
Jahre nur ein Vorspiel gewesen sein.
"Die
Dämonen erwachen"
So lautet die Kapitelüberschrift in dem soeben
erschienenen Schwarzbuch Kapitalismus von Robert Kurz. Man kann
ihm darin zustimmen.
Die
Menschheit lieferte sich Mächten aus, die Staaten und Kulturen
überrollen und sich immer mehr verselbständigen. Das Geld wurde vom
Zahlungsmittel zur Handelsware, der Zins zum Suchtmittel der
Kapitalbesitzer und zur Knute für den Mittelstand, der in der
Schuldenfalle zu ersticken droht. Nicht mehr demokratisch gewählte
Regierungen, sondern Investmentfonds und das Heer anonymer Spekulanten
bestimmen über das Schicksal von Landeswährungen, über
Arbeitslosigkeit, Wohlstand und Elend. Was sind das für Geister, die
die Menschheit rief, und nun nicht mehr los wird, die gegeneinander zu
Vernichtungskämpfen antreten wie die finsteren Könige in der
Johannesoffenbarung der Bibel? Harmagedon, der Ort der Schlacht, ist ein
Symbol für den Zustand, dem diese Welt sich dramatisch nähert.
Jeder, der sich an diesem Kampf aller gegen alle
beteiligt, hat den jetzigen Zustand mit verursacht, die einen im
Kleinen, die anderen im Großen. Wenn es nur darum geht, möglichst
reich und mächtig zu werden, kann man auf seine Nächsten oder gar das
Gemeinwohl keine Rücksicht nehmen. Diese Moral hat sich im christlichen
Abendland unter der geistigen Vorherrschaft der Kirchen entwickelt. Wer
davon überzeugt ist, dass die heutigen Bewohner der Erde nicht das
erste Mal hier sind, der muss sich auch eingestehen, dass wir alle an
der Entstehung der Egoismus-Programme, die uns in die heutige Sackgasse
führten, in der Vergangenheit mitgewirkt haben, sei es als das
beherrschte Volk, das sich anlehnte, oder als Meinungsführer und
Herrscher.
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