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Pokemon - Kinder im
Spielrausch
Ein Griff nach
der Seele der Kinder?
In
Japan und den USA sind sie schon lange Thema Nr. 1 bei den Kindern, in
Deutschland gibt es sie erst seit gut acht Monaten - die Pokemon,
Abkürzung für
"Pocketmonster". Es handelt sich um Zeichentrick-Figuren, die
im Computerspiel, im Gameboy oder auf Sammelkarten in Aktion gebracht
werden. Seit September gibt es sie auch täglich im Fernsehen
(RTL 2) und jetzt mit Erfolg auch im Kino. Was sich
hinter dem erfolgreichsten Computerspiel aller Zeiten verbirgt, ist
nicht ganz so harmlos, wie es vielleicht scheint.
Die Handlung der Erfolgsserie ist schnell erzählt:
Der 10-jährige Ash konkurriert mit anderen Kindern um die Meisterschaft
der Pokemon-Trainer. Pokemon sind tierähnliche Wesen, die von den
Menschen aus Spielkugeln "herausgezaubert" werden und die jeweils im
Duell gegeneinander kämpfen bis einer k.o. gegangen ist. Wie Ash kann
auch jedes Kind im Gameboy, am Computer oder mit seinen Spielkarten ein
anderes Kind zum Pokemon-Kampf herausfordern. Jedes der derzeit 151
Pokemon hat andere Kampfeigenschaften. Und vielfältige Spielregeln und
Spielvariationen (Energiekarten, Trainer-Karten, Evolutionskarten, durch
die sich die Monster weiterentwickeln usw.) halten die Kinder ständig
auf Trab.
"Ich will der Beste sein"
Das Pokemon-Spiel nützt den Wunsch der Kinder aus,
beim Spielen gewinnen zu wollen und treibt ihn auf die Spitze: Die
Botschaft lautet ganz einfach: "Ich will der Beste sein". Oder: "Ich
will der beste Pokemon-Trainer sein" oder einfach: "Ich will besser sein
als du." Ein großer Haken an der Sache. Das Spiel findet kein Ende. Und
es soll auch keines nehmen.
Natürlich
wollen die Kinder in den Besitz von allen Pokemon im Gameboy oder
in der Kartenversion kommen, denn der Wunsch nach etwas "Vollständigem"
steckt in uns allen. Doch das ist mit einer Pokemon-Grundausstattung
nicht möglich. Man muss tauschen, ausgewählte Spielwarenläden besuchen
oder mehrmals ins Kino gehen (wo man am Eingang vielleicht eine seltene
Karte bekommt), um schließlich an alle Figuren zu kommen. In den USA
treffen sich bei manchen Pokemon-Festivals bis zu 50.000 Kinder mit
ihren Eltern. Als die Firma Nintendo im Februar in Japan zwei neue
Versionen des Computerspiels auf den Markt brachte, waren binnen 24
Stunden alle 1,8 Millionen Exemplare ausverkauft. Die Gesamtverkaufszahl
stieg damit auf über 12 Millionen. Allein 1999 wurde in Japan mit
Pokemon-Lizenzen 9 Milliarden DM verdient, der Gesamtgewinn liegt wohl
längst weit darüber.
Das
Gehirn "zugeballert", das Gefühl blockiert
Der
neue Kult hat auch seine Helden: Millionen von Kindern, aber auch
Eltern, wie die zwischenzeitlich zur "PokeMOM" gekürte Diane Bergquist
aus Bellingham/Washington. Sie erzählt mit Begeisterung, wie Pokemon zu
einem "großen Teil" ihres familiären Alltags wurde. Doch nicht alle
Eltern reagieren positiv, im Gegenteil. Sowohl in Japan als auch in den
USA haben sich Anti-Pokemon-Elterninitiativen gebildet. "Sie fühlen sich
überrollt", so die Die Zeit (23.3.2000), von der
Marketing-Strategie der Hersteller, "die mit den drei Geschützen
Fernsehen-Gameboy-Kartenspiel ihren Kindern das Gehirn mit grotesken
kleinen Ungeheuern zugeballert hat", was auf lange Sicht auch die
Gefühlsebene und das Gewissen überlagern kann. Auch in Deutschland sind
die ersten negativen Auswirkungen zu spüren. Hilflose Schulleiter haben
Pokemon in ihren Schulen bereits verboten, weil sich viele Schüler wegen
der Monsterspiele nicht mehr auf den Unterricht konzentrieren konnten.
In einer fränkischen Grundschule werden am Eingang zum Klassenzimmer die
Taschen der Schüler kontrolliert und aufgespürte Pokemon-Karten unter
lautstarkem Protest der Schüler beschlagnahmt und einbehalten. Bild
brachte die Schlagzeile: "Unsere
Kinder leben in einer anderen Welt - und wir verstehen sie nicht mehr"
(12.4.2000). Aus Großbritannien und den USA werden erste blutige
Kämpfe der Kinder gemeldet, z. T. mit Messerstechereien oder
Raubüberfällen auf Kinder, die sich gerade im Kiosk Pokemon-Karten
gekauft haben. Ein Grund dafür: Nicht jeder kann sich nämlich die teuren
Karten (Eine Tüte mit 11 Bildern kostet 8 DM) leisten. Und nicht jeder
hält sich auch an die Regeln. Es beginnt z. B. damit, dass ältere Kinder
manchmal die Karten der Jüngeren wegnehmen, wenn die Jüngeren im Kampf
gewonnen haben. Man kann sich fragen: Was sind unerwünschte
Nebenwirkungen? Und was ist womöglich Teil einer Strategie? (Dieter
Potzel)
(Lesen Sie dazu auch den Artikel
Schon die Kinder süchtig machen) |