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Praktiken
der Kirche (2)
Die
katholische Ohrenbeichte - eine raffinierte Erfindung
der Priester
Das durch die Taufe
(vgl. Nr. 13/2000) in die
Institution Kirche hineingezwungene Kleinkind bleibt nur vorübergehend
von weiteren kirchlichen Praktiken verschont. Spätestens als etwa
neunjähriges Schulkind wird der kleine Katholik mit einer für ein
kindliches Gemüt besonders merkwürdigen und oft verheerend wirkenden
Praktik der Kirche konfrontiert: der Ohrenbeichte. Als Vorbereitung auf
die "heilige Erstkommunion" soll diese zum ersten Mal
abgelegt werden.
Lutherisch erzogene Kinder kommen damit erst als
Jugendliche, vor der Konfirmation, in Berührung und müssen sie auch
nicht allein mit dem Priester, sondern dürfen sie in der Gruppe
sozusagen "pauschal" durchlaufen. Merkwürdig ist es aber für Kinder
allemal, dass sie sich - meist aus einem "Beichtspiegel" - ihre "Sünden"
zusammensuchen müssen, um dann von einem Menschen "Vergebung" zu
erhalten, der mit den ursprünglichen "Taten"
gar nichts zu tun hatte.
Hier beginnt bei vielen Kindern eine folgenschwere Verbiegung ihres
Gewissens: Um den Priester nicht zu enttäuschen, um es möglichst gut zu
machen, "erfinden" katholische Kinder oftmals "Sünden" - der
Beichtspiegel gibt genügend Anregung - , die sie dann im Beichtstuhl
möglichst zerknirscht vortragen. Anschließend sprechen sie erleichtert
die paar Vaterunser, die es dafür als "Buße" gibt.
Doch was haben sie "gelernt"? Dass man (fast) alles tun kann -
Hauptsache, ein Priester erfährt es. Ob man sich mit seinem Nächsten
versöhnt hat, ob man einen Schaden wieder gutgemacht hat, ist
zweitrangig. Und: Man muss sich nicht ändern, man darf immer wieder
sündigen - dafür gibt es ja schließlich die Beichte! Der Philosoph Friedrich
Nietzsche spottete über dieses so genannte Sakrament: Man
lispelt mit dem Mündchen, man knickst und geht hinaus - und mit dem
neuen Sündchen löscht man das alte aus.
Was
lehrte Jesus von Nazareth?
Ein ganz wichtiges Element im Leben eines jeden
Menschen, nämlich die Unterscheidung zwischen Gut und Böse und die
Erforschung und Schulung des eigenen Gewissens, wird auf diese Weise von
Kindesbeinen an getrübt.
Im Vaterunser, das den Kirchgängern so häufig nach einer Beichte als
"Bußgebet" auferlegt wird, klingt noch an, was die ursprünglich
christliche Lehre ist: "Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir
vergeben unseren Schuldigern." Gott vergibt also den Menschen ihre
Schuld, wenn die aneinander schuldig Gewordenen sich gegenseitig
vergeben haben. Ein Priester ist dazu nicht nötig. Christus erläutert
heute in Seiner Botschaft aus dem All Das ist Mein Wort Seine Lehre in
eben diesem Sinne: "Vergebt, und ihr werdet Vergebung erlangen. Wenn
ihr um Vergebung bittet und euch euer Nächster vergibt, so hat euch
auch euer Vater im Himmel vergeben" (http://www.das-wort.com/deutsch/
S. 330).
Wie
kam es zur Verfälschung?
So einfach und klar ist das Gebot Jesu. Doch dann
wären die Priester hier ja arbeitslos. Sie würden nicht über alles
Denken und Tun ihrer "Schäfchen" informiert sein und könnten
damit keine Macht mehr ausüben.
Wenn nun die Praxis der Ohrenbeichte nicht von Jesus von Nazareth stammt
- woher stammt sie dann?
Ihre Wurzeln liegen im Heidentum. "In einigen
Mysterienkulten bekannte man dem Priester als dem Stellvertreter der
Gottheit seine Schuld, um so von den Folgen wieder frei zu werden",
schreibt Karlheinz Deschner in seinem Buch Der gefälschte
Glaube (S. 114). Man unterschied bei diesen Zeremonien auch
zwischen "lässlichen Sünden" und "Todsünden" - ganz wie später
die Rom-Kirche. Die ersten Christen hingegen kannten ein solches Ritual
nicht. Es wurde frühestens im zweiten Jahrhundert praktiziert.
Vorgeschrieben ist die regelmäßige Ohrenbeichte erst seit dem Jahre
1215.
Über lange Jahrhunderte war die Beichte ein äußerst wirksames Instrument
zur Ausforschung und Beherrschung der Menschen, das der Kirche den Ruf
eintrug, über den besten Geheimdienst der Welt zu verfügen. Bis weit ins
20. Jahrhundert hinein wurde in weiten Teilen Deutschlands die
Einhaltung der "Beichtpflicht" von den Ortspfarrern durch die
persönliche Überprüfung der mindestens einmal jährlich abzuholenden "Beichtzettel" überwacht.
Die Beichte ist bis heute ein Instrument des scheinmoralischen Drucks.
Wer ohne Beichte im Stande der "Todsünde" stirbt, kommt nach
katholischer Lehre in die "ewige Verdammnis". Wer in der Beichte eine "Todsünde" verschweigt, dessen Beichte ist ungültig. Ein
perfektes Geschäft mit der Angst.
Als Rechtfertigung der Ohrenbeichte dient den Kirchen
eine Stelle des Neuen Testaments bei Johannes: "Wessen Sünden ihr
nachgelassen habt, denen sind sie nachgelassen; wessen ihr sie behalten
habt, denen sind sie behalten" (Joh. 20, 21-23). Einige
halten sie für gefälscht. Doch auch vorausgesetzt, sie ist echt, ist
hier nicht von Priestern und einer Kirche die Rede. Die Worte kann jeder
auf sich beziehen und z. B. so verstehen: Wenn ich dem Nächsten, der
sich an mir versündigte, die Sünden "nachlasse", d. h. vergebe, sind sie
nachgelassen. Wenn nicht, bleibt die Schuld an ihm haften.
Damit sind wir wieder bei der ursprünglichen Lehre Jesu, wonach die
Vergebung der Sünden ein Vorgang zwischen den betroffenen Menschen
selbst ist. Das wissbegierige Ohr eines Priesters braucht es dafür
nicht, wohl aber das versöhnungsbereite Herz der Beteiligten.
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