Mit Hilfe eines Doktorvaters - übrigens mit
homophilen Neigungen - erwirbt der Priester die Promotion, wird mit
einer vorgespiegelten Habilitationsschrift tatsächlich Professor und
später Bischof. Als der Versuch des Bischofs mit dem Doppel-Vornamen
scheitert, sich auch noch den Posten eines Erzbischofs im benachbarten
Erzbistum zu sichern, muss er einsehen, dass der Endpunkt seiner
Karriere erreicht ist. So beschließt er, sich nun verstärkt seinen
"privaten Interessen" zu widmen. Er macht sich - natürlich unter dem
Vorwand "seelsorgerischer Betreuung" - an eine gut situierte
verheiratete Frau heran und zeugt mit dieser ein Kind. Er rät ihr zur
Abtreibung, was diese jedoch empört ablehnt. Der gehörnte Ehemann, ein
erfolgreicher Unternehmer, hält zu seiner Frau, tritt aber aus der
Kirche aus. Publik macht er den Vorfall nicht - weshalb auch wir den
Namen des Bischofs ebenso wenig nennen wie der Autor. Ob das Kind, seine
Tochter, überhaupt weiß, wer ihr Vater ist? Was den Bischof betrifft: "Nach einiger Zeit der sexuellen Abstinenz suchte und fand er weitere
Opfer unter den gelangweilten Ehefrauen betuchter Unternehmer. Nur war
er jetzt vorsichtiger", so der Kirchen-Insider Mynarek.
Dieser unglaublich klingende Fall ist nach Bekunden
des Autors gleichwohl ebenso authentisch wie die anderen in dem Buch Casanovas
in Schwarz geschilderten Begebenheiten. Wenn Prof. Hubertus
Mynarek, Kenner der Sexualmoral der Kirche und die unseligen Folgen des
Zölibats, die Namen nicht nennt, so hat dies einerseits damit zu tun,
dass er nach seinem Kirchenaustritt 1972 mit über zehn Prozessen von
hochrangigen Kirchenvertretern überzogen und dabei materiell ruiniert
wurde. Die Kirchenmänner fühlten sich durch einzelne Passagen seines
bis heute unter Verbot stehenden Buches Herren und Knechte der Kirche beleidigt - den Wahrheitsgehalt seiner Schilderungen
konnten sie auch damals nicht beanstanden.
Andererseits
geht es Mynarek weniger um skandalöse Enthüllungen über
Einzelpersonen, als um beispielhafte Fälle, an denen klar wird, wie die
kirchliche Verbots- und Doppelmoral die Seelen der Beteiligten verbiegt
und in kaum lösbare Konflikte treibt. Da ist z. B. der Kaplan, der im
Kloster Dienst tut und eines Tages über eine junge Nonne herfällt.
"Gelöst" (im Sinne der Kirche) wird die Angelegenheit am Ende durch eine
skurrile "Instant"-Beichte bei einem schwulen Kollegen des Kaplans.
Da ist der Theologieprofessor, der sich ganz gerne in den Semesterferien
vom aufgezwungenen Zölibat "erholt", dann aber in einem Kloster
wohnen muss. Da ist der erfolgreiche Massenprediger, der eine
Jugendbekanntschaft zu seiner Geliebten macht, obwohl er in den 50er
Jahren dem Volk auf den öffentlichen Plätzen Deutschlands mit
donnernder Stimme und unter Androhung der ewigen Verdammnis
Sittenstrenge verordnet. In allen Fällen bleiben verstörte Frauen, oft
auch Männer zurück, deren Ideale zerbrochen, deren Lebensentwürfe
gescheitert sind.
Zu den Wurzeln der kirchlichen Doppelmoral und Heuchelei führt Mynarek
den Leser in dem Kapitel Der Kurienkardinal und sein Kaplan. Ganz
im Stile von Dostojewskis "Großinquisitor" verrät der Kardinal dem
Jüngeren seine Sichtweise der Dinge: Dass ihm im Grunde Gott
gleichgültig ist; dass die Kirche den Menschen nicht die historische
Wahrheit verkündet, sondern diese "verbessert", um
den Menschen ein kirchliches Schein-Ideal vor Augen zu halten und sie
gleichzeitig an den Machtapparat der Kirche zu binden. Am Ende des
Kapitels erfährt der Leser, dass der Kaplan, der seine in der Kirche
gesammelten Erfahrungen veröffentlichen wollte, im Schnellzug
Genf-Paris tot aufgefunden wurde. An dieser Stelle sei der Hinweis
erlaubt, dass Robert Hutchison in seinem Buch Die heilige
Mafia des Papstes ebenfalls einen mysteriösen Todesfall im
Schnellzug Genf-Paris erwähnt. Dort starb 1978 Pater Giuliano Ferrari,
Ziehsohn des Kurienkardinals Eugène Tisserand, im Alter von 48 Jahren,
angeblich an Herzversagen. Er war dem Opus Dei ins Gehege gekommen.
Am Ende des Buches schildert Mynarek noch den Fall
des berüchtigten Kardinals Cody aus Chicago, der die ihm untergebenen
Kleriker hemmungslos schikanierte, in Mafiageschäfte verstrickt war und
mit seiner jungen Freundin Millionenbeträge durchbrachte. Er besaß
sogar die Dreistigkeit, die Geliebte zu seiner Kardinalsernennung mit
nach Rom zu nehmen.
Das Buch ist flüssig geschrieben - man spürt in
jeder Zeile, dass dem Autor die Denkvorgänge und Verhaltensweisen von
Klerikern aus jahrzehntelanger eigener Erfahrung recht gut vertraut
sind. Und er schreibt mit Engagement - für die Kirchenschafe, damit sie
aufwachen, für die Kleriker, damit sie umkehren können.