Das Weisse Pferd - Urchristliche Zeitung für Gesellschaft, Religion, Politik und Wirtschaft

Ausgabe 18/00

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»Organspende - nie wieder«
Organtransplantation aus der Sicht einer Betroffenen

"Wir befinden uns durch die Transplantationsmedizin im modernen Kannibalismus. Der Mensch reißt seinem Gegenüber nicht mehr selber das Herz aus der Brust und verspeist es zur eigenen Kraftgewinnung, nein, in der heutigen Zeit legt sich der Mensch auf einen Operationstisch, schließt die Augen und lässt einverleiben."

Diese drastischen Worte wollen provozieren. Hier wägt jemand nicht mehr vorsichtig die Begriffe ab, die er verwendet, sondern hier wird eigenes Erlebtes verarbeitet. Was ist der Hintergrund?

 Im Februar 1985 wurde der 15jährige Sohn von Renate G. bei einem Verkehrsunfall tödlich verletzt. Als sie ihn auf der Intensivstation sah, war es, als ob er tief schliefe. "Er war warm, aus einer Stirnwunde sickerte Blut", schreibt die Mutter, die ihre erschütternden Erfahrungen in einem Vortrag schriftlich niedergelegt hat.*

„Mein Ja zur Organspende
 war nur ein Nein zu noch mehr Tod"

Sie verbrachte die nächsten Stunden am Bett ihres Sohnes und hoffte auf ein Wunder. Obwohl sein Zustand sich nicht verändert hatte, kam nach der EEG-Untersuchung der Arzt und erklärte, ihr Sohn sei nun tot. Und dann die Frage, ob sie ihn zur Organspende freigebe - Herz, Leber, Nieren, evtl. Knorpelmasse würden dann entnommen.
Ihr war bewusst: Für ihren eigenen Körper lehnte sie jede Manipulation ab. Und so auch für ihren Sohn. Doch da waren "die drängenden Hinweise des Arztes, dass ein anderes Kind sterben müsse, wenn wir nicht zustimmen würden". Und sie fragte sich, ob sie nicht in so einem Fall auch jede Hilfe für ihren Sohn gewollt hätte. Konnte sie da jetzt die Hilfe verweigern? Und hieß es nicht auch, die Organspende sei ein Akt christlicher Nächstenliebe? So willigte sie ein. Doch: "Mein Ja zur Organspende war nur ein Nein zu noch mehr Tod."
Heute tut ihr dieses Ja leid. Sie schreibt: "Ich gab den Kampf um meinen Sohn auf. Eine ungeheuerliche Situation: Ich wende mich von meinem Kind ab, das warm ist, lebendig aussieht und behandelt wird wie ein Lebender, weil der Arzt sagt, mein Kind ist tot." Statt ihrem eigenen Empfinden hatte sie den Ärzten vertraut. Doch ihr Vertrauen wurde auf eine Probe gestellt: "Und dieses Vertrauen in die Aussagen der Mediziner in der Frage der Organspende besteht die Probe nicht."
Als sie ihren Sohn vor der Beerdigung noch einmal sieht, erinnert er sie "an ein ausgeschlachtetes Auto, dessen unbrauchbare Teile lieblos auf den Müll geworfen wurden". Die Mediziner hatten ihrem Sohn Herz, Leber, Nieren und die Augen entnommen, sogar die Beckenkammknochen hatte man aus dem Körper herausgesägt. "Zerlegt in Einzelteile war er dann über Europa verteilt worden. Er war zum Recyclinggut geworden."

Ein nicht mehr zu rettender Patient ist noch kein Verstorbener

In den folgenden Jahren sammelte Frau G. jegliche Information zur Transplantationsmedizin. In der Klinik, in der ihr Sohn ausgeweidet worden war, wehrte man alle ihre Zweifel und kritische Fragen ab, indem man sie für "zu betroffen erklärte, um klar denken zu können". Um sie "mundtot zu machen", wurde ihr sogar mit gerichtlichen Schritten gedroht. Man schickte ihr Unterlassungsklagen zu, in denen sie sich verpflichten sollte, für jede öffentliche Stellungnahme zur Organspende ihres Sohnes 1.000 DM an das Rote Kreuz zu zahlen. Mit Hilfe der Familie gelang es ihr, sich nicht einschüchtern zu lassen. Sie spricht mit Eltern, deren Kinder ebenfalls zu Organspendern gemacht wurden. Und ihre innere Position wandelt sich: von ihrem Ja, "um noch mehr Tod" zu verhindern, zu einem radikalen Nein und zum Recht auf ein Sterben in Würde.
Ein Schuldgefühl, zu früh aufgegeben zu haben, macht sich breit, "denn was verlassen wurde, war ein Lebender, kein Toter". Andere Mütter erzählen ihr von nächtlichen Albträumen, in denen ihre Kinder schreien und ihnen vorwerfen, sie verlassen zu haben. Und genau das hat auch sie getan.

Nicht Angehörige waren damals Sterbebegleiter, sondern das Transplantationsteam, das anreist, um sich der Organe zu bemächtigen. Und sie fragt: "Haben unsere Kinder etwas empfunden, als man sie vom Kinn bis zum Schambein aufschnitt, ihre Körperhälften wie eine Wanne auseinander spreizte, um sie mit eiskalter Perfusionslösung zu füllen?" Die Gewissheit, dass ihr Sohn nicht tot war, sondern erst im Sterben lag, erfüllt sie mit Angst und Entsetzen: "Es ist nicht zum Aushalten. Wir finden keinen Weg aus der Schuld." Die Frau ahnt, dass die Seele die Schmerzen des furchtbaren Eingriffs empfunden hat.

Jeder hofft, auf Kosten eines anderen zu überleben

Später fragt sie sich, warum so viele der Werbung der Transplantationsmedizin erliegen und z. B. einen Organspenderausweis ausfüllen. Ihre Antwort ist, dass die Menschen mit ihrer Angst vor dem Sterben manipuliert werden, "dass wir uns alle nur in der Rolle der Organempfänger sehen, aber nicht als Lieferant". Die Akzeptanz der Organspende beruhe darauf, "dass keiner mehr sterben will. Jeder hofft, auf Kosten eines anderen zu überleben". Dabei ist das Leben mit fremden Organen höchst problematisch. Lebenslang muss die natürliche Abstoßungsreaktion des fremden Organs mit hohen Cortisongaben unterdrückt werden. Pilze, Viren und Bakterien können sich aufgrund fehlender Immunabwehr ungestört im Körper vermehren. Manch Transplantierter sterbe qualvoll an Infektionen, gegen die sich sein Körper nicht wehren darf, um das Fremdorgan nicht abzustoßen. Zudem würden Spender und Empfänger um eine der wichtigsten Erfahrungen betrogen, nämlich ihr eigenes Sterben zu durchleben.

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* Renate Greinert: Organspende - nie wieder, 15 S., ursprünglich DM 3,00, Emu-Verlags- und Vertriebs GmbH, Taunusblick 1 a, 56112 Lahnstein/Rhein [Zurück]

 

Woher kommt die Angst?

Gemälde „Totenklage“  (1778) - Das Sterben des Körpers wird nicht akzeptiertWas liegt der Angst des Menschen letztlich zugrunde? Manche Psychologen sprechen von der basic anxiety, der Grundangst. Doch ihre Herkunft weiß man nicht zu erklären. Alle Angst sei Trennungsangst, heißt es weiter, wobei man an die Trennung des Kindes von der Mutter denkt.
Eine zentrale Angst des Menschen ist die Angst vor dem Sterben, vor dem Augenblick des Todes. Angst kommt von "eng" und ist eine Folge des Nichtwissens, des Nichterkennens des eigenen Wesens, unserer wahren Herkunft, unseres wahren Seins.
Warum wird jeder Mensch allein geboren und warum stirbt er allein? Warum kommen wir von drüben als Fremde, warum gehen wir hinüber als Fremdlinge? Weil wir Einzelwesen und Alleingänger sind. Wir haben selten Menschen an unserer Seite, mit denen wir im Inneren eins sind. Und wenn wir als geistig Tote diese Erde verlassen, ist die Tendenz groß, wieder Mensch werden zu wollen.
Die Angst hat also damit zu tun, dass wir uns selbst nicht kennen. Woher kommt diese Ungewissheit? Letztlich aus der Trennung von der Einheit, von Gott, der die Einheit ist. Unsere Angst zeigt sich oftmals in Bildern, die mit Neid, Habgier, Hass oder Eifersucht zu tun haben können. Solche ungesühnten Gedanken und Handlungen, die womöglich in vergangenen Leben geschahen, berühren jetzt Seele und Mensch. Sie wollen den Menschen darauf aufmerksam machen, diese Aspekte jetzt zu bereinigen.
Angst, Gewissensregungen oder gegensätzliche Gedanken können somit auch Mahner sein. Sie regen den Menschen an, Erkanntes zu vergeben und um Vergebung zu bitten. Denn gerade das Vergeben kann helfen, Angst zu überwinden.
Wer seine Schatten mit Christus in Licht umwandelt, der beginnt, sich bereits im Diesseits als den Jenseitigen zu erkennen und die Angst vor dem Tod schwindet.
Der Mystiker Angelus Silesius hat die Überwindung der Angst vor Sterben und Tod in den Zeilen ausgedrückt: "Der Tod bewegt mich nicht, ich komme nur durch ihn, wo ich schon nach dem Geist mit dem Gemüte hin" (Deutsche Sinn-Gedichte IV, 81).


Zwei Seelen kämpfen um einen Körper

Nicht nur empfinden Seele und Körper des "Hirntoten", was mit ihnen geschieht - die Seele selbst geht mit dem Organ mit. Es werden bei einer Organtransplantation Prozesse in Gang gesetzt, über die sich die Beteiligten wohl kaum im Klaren sind. Auch Frau G. erwähnt nicht den Aspekt, dass die Seele des Organspenders an ihr Organ gebunden ist und so im Organempfänger weiterleben und wirken kann. Unter Umständen ist es der Seele gar nicht bewusst, dass es sich um einen anderen Körper handelt. Dann beginnt der Streit zwischen den beiden Seelen: Wer beherrscht den neuen Körper? Das transplantierte Organ bringt das Bild- und Informationsmaterial der Seele des Spenders in den Körper des Empfängers und dessen Seele. Es wird ihm aufgezwungen, wodurch es zu einer Fremdbestimmung kommt. Nicht wenige Transplantierte entwickeln Eigenschaften und Verhaltensweisen des Spenders und klagen über schwere Identitätsprobleme. Die unverwechselbare Identität des Menschen geht also verloren. Spätestens hier wird deutlich, dass Organtransplantation wohl kaum ein Akt der Nächstenliebe sein kann, wie es der Papst erneut verkündete (siehe nachfolgenden Kasten: „Authentischer Akt ...").


"Authentischer Akt der Liebe"?

Soeben befürwortete der Papst erneut Organtransplantationen als "große Errungenschaft der Wissenschaft im Dienste des Menschen". Eine Organspende sei eine "große Geste" und ein "authentischer Akt der Liebe". Der Papst befürwortete auch den Einsatz von Tierorganen beim Menschen, wenn dadurch nicht in die "psychologische und genetische Integrität der Identität des Menschen" eingegriffen werde.


Ein Organ für das eigene Kind spenden?

"Was würde ich tun, wenn einem meiner Kinder mit einer Organspende geholfen werden könnte?" fragt Frau G. "Würde ich dann wenigstens ein Organ von mir hergeben?" Ihre Antwort lautet immer wieder "nein". "Ich liebe meine Kinder, meine Familie, wie jede Mutter und Frau es tut." Würde eines ihrer Kinder ein Organ brauchen - ihr fielen sofort die vielen Organempfänger wieder ein, die sie im Laufe der Jahre kennen lernte. Erschreckend, ein Leben lang mit einem unsichtbaren Band an einen Transplantationsmediziner gekettet zu sein; die vielen Nebenwirkungen durch die Medikamente, die die Abstoßung verhindern sollen und die noch gesunden Organe schädigen. "Ich fühle mich auch nicht als Ersatzteillager für meine Kinder: ... Im Extremfall hätte ich eine Niere, ein Stück meiner Leber und vielleicht zwei Hornhäute abzugeben. So verstehe ich aber meine Aufgabe und Pflicht als Mutter nicht. Immer würde ich sie auf Krankheitswegen begleiten und sie unterstützen, bis zum Tode." Würde sie nicht wenigstens eine Niere abgeben, da hört man doch viel Positives? "Nein, auch das nicht, ich halte das Leben eines Dialysepatienten nicht für leicht, aber ich beneide auch keinen Nierentransplantierten, der voller Pilzinfektionen steckt."


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Weitere Literatur zum Thema:

Wie ein Spenderherz mein Selbst veränderte - eine Frau berichtet über ihre Herztransplantation

- "Herzloser" Tod - Sterben wie auf einer Schlachtbank

- Die aktuelle Diskussion: Organe gegen Geld
- Nach der Herztransplantation: Eine zweite Chance - wofür? Das falsche Leben
- Organtransplantation: Knechtung der Seele

- Der Fluch der Organverpflanzung: "Nehmt mir die fremde Hand wieder ab!"

- Neues Leben durch fremde Organe? Perversion der Nächstenliebe?

- Zwei Seelen in einem Körper? - Frage und Antwort zum Thema Organtransplantation

- Schüchterne Hausfrau liebt plötzlich Boxkämpfe und American Football
  - wie ihr Nierenspender

- Der Theologe Nr. 17: Die verschwiegenen Leiden von Organspender und Organempfänger
 

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