Das Weisse Pferd - Urchristliche Zeitung für Gesellschaft, Religion, Politik und Wirtschaft

Ausgabe 21/00

Kirchliche Friedensbotschaft

Atomwaffen
"ethisch tolerierbar"

Mit großer Geste hat die Deutsche Bischofskonferenz ein umfangreiches Friedenspapier vorgestellt - über 100 Seiten lang, voller Bibelzitate, kluger Erwägungen zur Konfliktlage der Welt und einer stolzen Selbsteinschätzung der Kirche als "Sakrament des Friedens". Ohne Zweifel ist Engagement für den Frieden auf allen Ebenen notwendig - in Politik, Gesellschaft und erst recht im religiösen Bereich. Was steckt hinter der "sakramentalen" Friedensbotschaft der Bischöfe?

Es ist erst wenige Wochen her, dass die katholischen "Würdenträger", wie sie sich immer noch nennen lassen, der deutschen Öffentlichkeit ein eher unwürdiges Schauspiel boten. Zum Beispiel in der Zwangsarbeiterfrage: Zunächst leugneten sie rundheraus, dass auch katholische Einrichtungen Ausländer als Sklaven des Hitlerkrieges beschäftigten; dann berief man sich auf das Fehlen von Beweisen; und schließlich musste man eingestehen, dass gefangene Polen und Russen auch für die katholische Kirche arbeiteten. Das war nicht gerade ein Vorbild friedenschaffender Vergangenheitsbewältigung, von den schäbigen Entschädigungszahlungen ganz zu schweigen - 10 Millionen, davon nur die Hälfte unmittelbar an die Opfer von einst. Auch die jüngste Seligsprechung Pius IX. war alles andere als eine Friedenspalme, wenn man bedenkt, dass der "Selige" ein erklärter Antisemit war, der nicht einmal davor zurückschreckte, einer jüdischen Familie mit Hilfe der Polizei den Sohn zu entführen, um ihn katholisch zu machen. Und wie sieht es mit Ratzingers jüngster Erklärung zum Selbstverständnis seiner Kirche aus? Er nimmt für sie "Einzigkeit" und "Absolutheit" in Anspruch und degradiert alle anderen Religionen zu "Sekten" und ihre Gläubigen zu Gottsuchern zweiter Klasse. Eher ein Rückfall in die alte Intoleranz als eine friedensfördernde Maßnahme.
Rückfällig wurden auch die deutschen Bischöfe, ausgerechnet beim Thema nukleare Abschreckung, die bekanntlich sogar den möglichen Ersteinsatz von Atomraketen vorsieht. Die seinerzeitige Position, dass die Abschreckungsstrategie "nur befristet ethisch tolerierbar" sei, verbunden mit der Pflicht zur Suche nach "Alternativen zur Androhung von Massenvernichtung", habe "nichts von ihrer Gültigkeit verloren", heißt es in dem jüngsten Bischofswort, denn "nach wie vor verfügen die Großmächte über umfangreiche Atomwaffenarsenale". Hatten die Bischöfe wohl darüber nachgedacht, ob Jesus von Nazareth die "befristete Androhung von Massenvernichtung" ebenfalls für "ethisch vertretbar" gehalten hätte, einschließlich der "Lehre vom gerechten Krieg", die in dem Papier ausdrücklich bestätigt wird?

Wird hier nicht aus dem "Sakrament des Friedens" ein Sakrileg gegenüber der Lehre des Nazareners, der einschränkungslos zum Gewaltverzicht aufrief? Doch das Bischofswort korrigiert Ihn: "Wenn wir nach Gewaltfreiheit fragen, ist das nicht gleichbedeutend mit Pazifismus." Es gehe darum, "innerhalb der herrschenden Ordnung Vorgriffe auf den messianischen Frieden zu wagen ...". Was hätte der Revolutionär Jesus von Nazareth, der die herrschende Ordnung zugunsten Seines Friedensreiches gerade überwinden wollte, zu so viel Anpassung und pastoralem Wortgeklingel wohl gesagt? Doch die deutschen Bischöfe wissen es besser und handeln nach dem Motto von Dostojewskijs Großinquisitor, der dem wiedererschienenen Jesus entgegenhielt: Wir haben Deine Lehre verbessert, lass’ uns in Ruhe!

Für wen sprechen diese Bischöfe eigentlich? Für Jesus von Nazareth jedenfalls nicht. Für ihre Kirchenmitglieder, von denen sich nur mehr ein Bruchteil zum Sonntagsgottesdienst einfindet - 7 % der Gesamtbevölkerung? Eine Kirchen-Bürokratie, der das Gottesvolk abhanden kam, kreist nur noch um sich selbst - in merkwürdigen Formulierungen: Es sei "wichtiger für sie, Sakrament des Friedens zu sein, als etwas für den Frieden zu tun". Diese ihre Einstellung kostete bekanntlich Millionen von Menschen das Leben. Dazu würde eine andere Aussage der Bischöfe gut passen: "Von größter Wichtigkeit ist ein sensibler Umgang mit belasteter Vergangenheit, der vor allem die Opfer in ihrer Würde ernst nimmt ..." Doch damit sind die "Gesellschaften und Völker" gemeint, denen "Denkmäler und Gedenkstätten" empfohlen werden, um die Vergangenheit im Bewusstsein zu halten, um in der Zukunft den Frieden zu wahren. Wie wäre es mit einem Denkmal für die Opfer der Kirche?

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Ein Schlüsselsatz der Bischofserklärung lautet: "Das vorliegende Hirtenwort beabsichtigt eine Selbstbesinnung und Selbstvergewisserung der katholischen Kirche in der Bundesrepublik Deutschland ..." Das ist gut zu wissen. Als öffentliches Selbstgespräch bietet diese Selbstvergewisserung interessante Einblicke in den Zustand der katholischen Kirche; als "christliche" Handlungsanleitung würde sie eher peinlich wirken, denn mit Christus hat sie nichts zu tun.

Vgl. dazu: Die evangelische Kirche und der Krieg


 



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