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Adolf
Hitler
schreibt 1927 in seinem Buch Mein Kampf:
"Im
Jahre 1918 konnte von einem planmäßigen Antisemitismus gar keine Rede
sein. Noch erinnere ich mich der Schwierigkeiten, auf die man stieß,
so weit man nur das Wort Jude in den Mund nahm. Man wurde entweder
dumm angeglotzt oder man erlebte heftigsten Widerstand. Unsere
ersten Versuche, der Öffentlichkeit den wahren Feind zu zeigen,
schienen damals fast aussichtslos zu sein und nur ganz langsam
begannen sich die Dinge zum Besseren zu wenden."
Dafür sorgte
maßgeblich die Kirche, vor allem die evangelische.
Die
meisten Pfarrer waren Antisemiten
Bereits um
1920 sind die meisten evangelischen Pfarrer Antisemiten und
verleumden die jüdischen Mitbürger. Ab 1921 tauchen in evangelischen
Zeitungen in diesem Zusammenhang immer wieder Begriffe wie "Fremdkörper im
Volksleben" auf. Erstmals ist verschiedentlich von Boykott die
Rede bzw. von einer "christlichen Pflicht", gegen das Judentum
vorzugehen. 1921 fordert das evangelische Hamburger Sonntagsblatt
bereits ein Berufsverbot für Juden im Bereich von Presse und Medien.
Obwohl die Kirche der demokratischen Weimarer Republik distanziert bis
feindlich gegenübersteht, sichert sie sich in den 20er-Jahren durch
Staatsverträge regelmäßige Subventionen. Mit der Zeit addieren sich
auf diese Weise hohe Milliardenbeträge, die aus dem allgemeinen
Steueraufkommen stammen. Mit einer so genannten "Freundschaftsklausel"
erreichte die Kirche, dass der Staat sich verpflichtete, den Vertrag
nicht einseitig zu kündigen. So ist er bis heute in Kraft - nur mit
dem Unterschied, dass der Staat die Kirche nicht mehr in Reichsmark,
sondern in D-Mark und bald in Euro mitfinanziert.
Landesbischof
fordert: Jüdische Lehrer entlassen
1926 befürwortet der spätere Landesbischof Meiser,
nach dem heute noch viele Straßen benannt werden, ein Gesetz zur
besonderen Kennzeichnung von Zeitungsartikeln jüdischer Verfasser.
Jüdische Kinder sollten in getrennten Schulen unterrichtet werden,
jüdische Lehrer aus dem Unterricht anderer Schulen verbannt werden.
Der spätere Landesbischof schreibt: "Ganz entschieden wehren wir
uns, ... wenn unsere Kinder dem Einfluss jüdischer Erzieher
unterstellt werden." 1927 plädiert die bekannte überregional
erscheinende evangelische Zeitung Licht und Leben,
für den Boykott jüdischer Geschäfte: Deutsche sollen nicht mehr bei
Juden kaufen. Sechs Jahre später wird die Maßnahme von den Nazis
organisiert.
Hitler:
Katholiken und Protestanten mögen einander finden
Adolf
Hitler beschwört unterdessen immer wieder den konfessionellen
ökumenischen Frieden. 1927 schreibt er z. B. "Wir sind erfüllt von
dem Wunsch, dass Katholiken und Protestanten sich einander finden
mögen in der tiefen Not unseres eigenen Volkes."
NSDAP-Veranstaltungen dieser Zeit beginnen meist mit dem Ruf "Juda
verrecke!" und immer mehr evangelische Pfarrer werden aktive
Nazis. Die Bibel wird 1931 von der großen Allgemeinen
Evangelisch-Lutherischen Kirchenzeitung als "Anti-Judenbuch"
dargestellt.
Kirche:
Judenboykott sei Gottes Wille
Gemeinsam erreichen Nazis und Kirche am 1.4.1933
ein erstes gemeinsam gestecktes Ziel: Der deutschlandweite Boykott
gegen die jüdischen Geschäfte geht in die Geschichtsbücher ein.
Adolf Hitler selbst bedankt sich ausdrücklich bei der evangelischen
Kirche für die Unterstützung. Und der Evangelische Presseverband
für Württemberg mahnt alle Kirchenmitglieder, die wegen der
Judenverfolgung in Gewissensnöte kommen: Wer sein Volk bei dieser "Notwehr"-Handlung
im Stich lässt, "vergeht sich gegen Gottes Willen". Ein
evangelischer Dekan wird 1933 sogar gleichzeitig Führer der
NSDAP-Ortsgruppe. Wahrscheinlich kein Einzelfall. In einer
Doktorarbeit heißt es dazu: "Die Wirkung solchen Handelns lokaler
Meinungsführer auf jene Bevölkerungskreise, die sich 1933/34 noch
abwartend verhielten, kann kaum unterschätzt werden" (Vollnhals,
Ev. Kirche und Entnazifizierung, S. 276).
Wiedergutmachungsleistungen
der Kirche
Erst als sich der Staat ab 1934 verstärkt in innere
kirchliche Angelegenheiten mischt, regt sich Protest in eigener
Sache. Gegen die Verfolgung der Juden bis zum Holocaust protestiert
die Kirche nicht. Im Gegenteil: Alle zögerlichen Versuche Einzelner
werden unterbunden. Doch es scheint, dass die evangelische Kirche
kaum je das Ausmaß dessen erfasst hat, wofür sie die Verantwortung
trägt. Bereits 1945 vergleicht die neu formierte EKD (Evangelische
Kirche in Deutschland) die neue Grenzziehung im Osten mit dem
Holocaust und 1946 formuliert sie in einem Protestschreiben an die
amerikanische Militärregierung: "Wie kann heute Unrecht sein, was
gestern Recht war?"
Sollte die Kirche die Frage heute anders beantworten als 1946, müsste
sie auch über Wiedergutmachungsleistungen neu nachdenken. Die Kirche
könnte z. B. den Opfern der Verfolgung und ihren Nachkommen im
kirchlichen "Jubeljahr 2000" die Subventionen zur Verfügung
stellen, die sie aus dem allgemeinen Steueraufkommen erhält. Dann
hätten wenigstens einige der Opfer wirklich Grund zum Jubeln.
(Dieter Potzel) |