Das Weisse Pferd - Urchristliche Zeitung für Gesellschaft, Religion, Politik und Wirtschaft

Ausgabe 23/00

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Die Juden passten nicht in die deutsche "Leitkultur" der 30er-Jahre

Sie galten als „Fremdkörper“ im kirchlich geprägten „Volksleben“

Seit einigen Wochen bestimmt ein Begriff die Auseinandersetzungen zum Thema "Zuwanderung" und „Fremdenfeindlichkeit". Es geht um die deutsche "Leitkultur". In den 20er- und 30er-Jahren sprachen viele vom deutschen "Volksleben" und einschließlich Adolf Hitler waren sich die Verfechter eines deutschen "Volkslebens" einig, dass die beiden großen Kirchen dieses maßgeblich prägen. Kirchenvertreter betrachteten damals vor allem die Juden als "Fremdkörper" in diesem "Volksleben" und legten den Nährboden für die Diskriminierungen, die sich schließlich zur Verfolgung ausweiten. Vor diesem Hintergrund wehren sich heute vor allem Juden in Deutschland gegen die Vorherrschaft einer neuen deutschen "Leitkultur".

Tatsache ist, dass bereits Martin Luther die Judenverfolgung forderte, doch erst die Nazis seine Forderungen erfüllten. Schon bei Luther finden sich Hinweise, die in Richtung "Endlösung" verstanden werden können. Wesentliches zu diesem Thema haben wir in früheren Ausgaben veröffentlicht und es wird hier nicht wiederholt. Wir dokumentieren nachfolgend von uns noch nicht veröffentlichte Fakten zu diesem Thema, die deutlich machen, wie die evangelische Kirche als Anstifter und Vorläufer wirkte und wie sie z. B. den Boykott jüdischer Geschäfte und weitere Maßnahmen ab 1933 über Jahre hinweg geistig vorbereitete. Immer mehr Stimmen verlangen deshalb auch eine Wiedergutmachung seitens der Kirchen.
 

Damals: Der antisemitische evangelische Landesbischof Meiser fordert Maßnahmen gegen die „Verjudung unseres Volkes“ und wehrt sich erfolgreich gegen Versuche Einzelner, bei kirchlichen Synoden über die Judenverfolgung zu sprechen.     Heute: Die evangelische Kirche wehrt sich dagegen, die vielen Meiser- oder Bischof-Meiser-Straßen umzubenennen.Adolf Hitler schreibt 1927 in seinem Buch Mein Kampf: "Im Jahre 1918 konnte von einem planmäßigen Antisemitismus gar keine Rede sein. Noch erinnere ich mich der Schwierigkeiten, auf die man stieß, so weit man nur das Wort Jude in den Mund nahm. Man wurde entweder dumm angeglotzt oder man erlebte heftigsten Widerstand. Unsere ersten Versuche, der Öffentlichkeit den wahren Feind zu zeigen, schienen damals fast aussichtslos zu sein und nur ganz langsam begannen sich die Dinge zum Besseren zu wenden." Dafür sorgte maßgeblich die Kirche, vor allem die evangelische.

Die meisten Pfarrer waren Antisemiten

Bereits um 1920 sind die meisten evangelischen Pfarrer Antisemiten und verleumden die jüdischen Mitbürger. Ab 1921 tauchen in evangelischen Zeitungen in diesem Zusammenhang immer wieder Begriffe wie "Fremdkörper im Volksleben" auf. Erstmals ist verschiedentlich von Boykott die Rede bzw. von einer "christlichen Pflicht", gegen das Judentum vorzugehen. 1921 fordert das evangelische Hamburger Sonntagsblatt bereits ein Berufsverbot für Juden im Bereich von Presse und Medien.
Obwohl die Kirche der demokratischen Weimarer Republik distanziert bis feindlich gegenübersteht, sichert sie sich in den 20er-Jahren durch Staatsverträge regelmäßige Subventionen. Mit der Zeit addieren sich auf diese Weise hohe Milliardenbeträge, die aus dem allgemeinen Steueraufkommen stammen. Mit einer so genannten "Freundschaftsklausel" erreichte die Kirche, dass der Staat sich verpflichtete, den Vertrag nicht einseitig zu kündigen. So ist er bis heute in Kraft - nur mit dem Unterschied, dass der Staat die Kirche nicht mehr in Reichsmark, sondern in D-Mark und bald in Euro mitfinanziert.

Landesbischof fordert: Jüdische Lehrer entlassen

1926 befürwortet der spätere Landesbischof Meiser, nach dem heute noch viele Straßen benannt werden, ein Gesetz zur besonderen Kennzeichnung von Zeitungsartikeln jüdischer Verfasser. Jüdische Kinder sollten in getrennten Schulen unterrichtet werden, jüdische Lehrer aus dem Unterricht anderer Schulen verbannt werden. Der spätere Landesbischof schreibt: "Ganz entschieden wehren wir uns, ... wenn unsere Kinder dem Einfluss jüdischer Erzieher unterstellt werden." 1927 plädiert die bekannte überregional erscheinende evangelische Zeitung Licht und Leben, für den Boykott jüdischer Geschäfte: Deutsche sollen nicht mehr bei Juden kaufen. Sechs Jahre später wird die Maßnahme von den Nazis organisiert.

Hitler: Katholiken und Protestanten mögen einander finden

Die Kirche stand Pate: Schon 1921, lange vor der Nazi-Herrschaft, fordern evangelisch-lutherische Amtsträger, jüdische Geschäfte zu boykottieren und nur in arisch-deutschen Geschäften einzukaufen.Adolf Hitler beschwört unterdessen immer wieder den konfessionellen ökumenischen Frieden. 1927 schreibt er z. B. "Wir sind erfüllt von dem Wunsch, dass Katholiken und Protestanten sich einander finden mögen in der tiefen Not unseres eigenen Volkes." NSDAP-Veranstaltungen dieser Zeit beginnen meist mit dem Ruf "Juda verrecke!" und immer mehr evangelische Pfarrer werden aktive Nazis. Die Bibel wird 1931 von der großen Allgemeinen Evangelisch-Lutherischen Kirchenzeitung als "Anti-Judenbuch" dargestellt.

Kirche: Judenboykott sei Gottes Wille

Gemeinsam erreichen Nazis und Kirche am 1.4.1933 ein erstes gemeinsam gestecktes Ziel: Der deutschlandweite Boykott gegen die jüdischen Geschäfte geht in die Geschichtsbücher ein. Adolf Hitler selbst bedankt sich ausdrücklich bei der evangelischen Kirche für die Unterstützung. Und der Evangelische Presseverband für Württemberg mahnt alle Kirchenmitglieder, die wegen der Judenverfolgung in Gewissensnöte kommen: Wer sein Volk bei dieser "Notwehr"-Handlung im Stich lässt, "vergeht sich gegen Gottes Willen". Ein evangelischer Dekan wird 1933 sogar gleichzeitig Führer der NSDAP-Ortsgruppe. Wahrscheinlich kein Einzelfall. In einer Doktorarbeit heißt es dazu: "Die Wirkung solchen Handelns lokaler Meinungsführer auf jene Bevölkerungskreise, die sich 1933/34 noch abwartend verhielten, kann kaum unterschätzt werden" (Vollnhals, Ev. Kirche und Entnazifizierung, S. 276).

Wiedergutmachungsleistungen der Kirche

Erst als sich der Staat ab 1934 verstärkt in innere kirchliche Angelegenheiten mischt, regt sich Protest in eigener Sache. Gegen die Verfolgung der Juden bis zum Holocaust protestiert die Kirche nicht. Im Gegenteil: Alle zögerlichen Versuche Einzelner werden unterbunden. Doch es scheint, dass die evangelische Kirche kaum je das Ausmaß dessen erfasst hat, wofür sie die Verantwortung trägt. Bereits 1945 vergleicht die neu formierte EKD (Evangelische Kirche in Deutschland) die neue Grenzziehung im Osten mit dem Holocaust und 1946 formuliert sie in einem Protestschreiben an die amerikanische Militärregierung: "Wie kann heute Unrecht sein, was gestern Recht war?"
Sollte die Kirche die Frage heute anders beantworten als 1946, müsste sie auch über Wiedergutmachungsleistungen neu nachdenken. Die Kirche könnte z. B. den Opfern der Verfolgung und ihren Nachkommen im kirchlichen "Jubeljahr 2000" die Subventionen zur Verfügung stellen, die sie aus dem allgemeinen Steueraufkommen erhält. Dann hätten wenigstens einige der Opfer wirklich Grund zum Jubeln.
(Dieter Potzel)

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Eine ausführliche Information enthält die Dokumentation „Der Theologe Nr. 4", Die evangelische Kirche und der Holocaust, komplett einsehbar unter www.theologe.de/theologe4.htm
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