Die Zahl der Vegetarier wächst

BSE & Co -
was kann man eigentlich noch essen ?

»Mund auf - Augen zu«? Mit jedem Lebensmittelskandal wächst die Unsicherheit der Verbraucher - und der Ruf nach »sicherem Essen«.

Mit der ersten BSE-Kuh in Schleswig-Holstein ist vielen Deutschen endgültig der Appetit auf Rindsroulade vergangen, sind doch die Bilder der Creutzfeldt-Jakob-kranken Briten noch zu eindrücklich in den Köpfen. Was soll’s, dachte mancher, bleiben ja noch Geflügel, Schwein und Fisch für den Speiseplan. Diese Illusion war nur von kurzer Dauer, denn auch an andere Tiere wurde zu Tiermehl verarbeitetes infiziertes Rinderhirn und Rindermark verfüttert. Die BSE-Erreger können sich, so ist zu lesen, in jeder elften Leberwurst und jeder sechsten Mettwurst sowie in Schweineschwarte, Putenschnitzel oder im Lachs verbergen. Auch ein Übertragungsweg von BSE über Milch, Joghurt und Käse kann nicht mehr ausgeschlossen werden. Auf Gummibärchen, Vitaminkapseln und Tortenguss verzichtet der ängstliche Verbraucher ebenfalls - kann sich schließlich auch darin Rindergelatine mit dem todbringenden Knochenmehl befinden.

 Was sollen wir noch essen?

Für viele Verbraucher ist Fleisch erst einmal passee. Fast-food und Fertiggerichte sind ebenfalls in Verruf geraten - wer will sich schon via Glutamat ein »Chinese-Restaurant-Syndrome« mit Hautbrennen und Kopfschmerz einfangen ...? Und sonst? Soja-Lecithin kann Allergien auslösen, Light-Produkte machen nur noch mehr Appetit und letztendlich dick, der leckere Frucht-Joghurt bekommt sein »natürliches« Aroma zum Teil aus Schimmelpilzen, Fischabfällen und Bakterien. Die Backmittel, die 98 % aller Bäckereien verwenden, bergen unbekannte Gesundheitsrisiken von verstärkter Allergie-Neigung bis zum erhöhten Krebsrisiko. Bleiben dem aufgeklärten Esser offenbar nur noch Gemüse und Salat aus »Öko«-Anbau? Doch da kommt der Lebensmittelchemiker Udo Pollmer und verdirbt auch den Bio-Kunden den Appetit: Im Zusammenhang mit der BSE-Gefahr warnt er vor Mist und Gülle, mit dem vornehmlich Öko-Gemüse reichhaltig gedüngt ist: »Man weiß ja, dass auch der Darm der Rinder infektiöses Material ist, folglich auch der Kot der Tiere.« Ratlosigkeit macht sich breit: allein von Luft und Liebe leben?

Lebensmittel ohne Gefahr

»Die Landwirtschaft muss eine Perspektive jenseits der Agrarfabriken entwickeln« sagt Kanzler Schröder in einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin Spiegel. Solche Perspektiven gibt es bereits.
Einzelne Landwirte und kleine Gruppen Gleichgesinnter pflegen seit Jahren eine Landwirtschaft jenseits von profitorientierter Naturausbeute. Viel versprechende Modelle ohne Gift und Doping, sogar ohne Mist und Gülledüngung sind entstanden. Eine Landwirtschaft ohne Nutztierhaltung, mit bewährten ackerbaulichen Methoden wie etwa der Dreifelderwirtschaft oder der Brache werden zwar erst vereinzelt, aber mit Erfolg erprobt. Ebenso hoffnungsvolle Perspektiven bieten ehemals als »Spinner« belächelte Außenseiter der Bäckerbranche, die ohne die umstrittenen Backhilfsmittel nach altem Bäckerhandwerk ein gutes, ehrliches Brot backen. Immer mehr Verbraucher wissen solches zu schätzen und erkennen, dass die »So-viel-und-so-billig-wie-möglich«-Rechnung nicht mehr aufgeht. Sie erkennen auch, dass es keinen Sinn hat, vom Rind auf Schwein oder Geflügel auszuweichen. Die Zahl der Vegetarier wächst. So ist eine Umstellung der Essgewohnheiten zugleich ein Segen für Natur, Tiere und Mensch. (Silke Dziallas)


Journal Das Friedensreich, Ausgabe Nr. 1/01

 


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