»Tiere töten nicht gerechtfertigt«

Fleischesser wider Willen?

Mal kursiert die Schweinepest, dann werden die Kühe wahnsinnig, zu viel Cholesterin ist nicht gut, dann hat man ja auch Mitleid mit den Tieren - und doch beißen viele tapfer in ihr Schnitzel. Warum?

3 % der Gesamtbevölkerung halten das Töten von Tieren zur Gewinnung von Lebensmitteln für nicht gerechtfertigt - das ergab eine von der Pharmaindustrie in Auftrag gegebene Befragung. Als Vegetarier bezeichnen sich hingegen nur etwa 6 % der Bundesbürger. Woher mag diese Diskrepanz kommen? Weshalb handeln 29 Millionen Menschen entgegen ihrer Überzeugung? Ist es Gewohnheit? Pure Gaumenlust? Oder das Jahrzehnte alte Märchen vom Fleisch als ein »Stück Lebenskraft«? 
Tatsache ist, dass immer weniger Menschen ihr Steak, die Wurst oder den Speck tatsächlich mit lebendigen Geschöpfen in Verbindung bringen, die wie wir Trauer, Freude, Leid und Schmerz empfinden können. »Tiere töten« - das klingt grausam. Beim Metzger ein Stück Wurst einzukaufen ist hingegen »normal«. Niemand möchte einer Gans eigenhändig den Hals umdrehen - die Gänseleberpastete hingegen, die es appetitlich verpackt im Feinkostgeschäft gibt, wird mit Genuss verzehrt. Hinzu kommt: Vom Leiden und Sterben der Tiere in den Massenbetrieben, Legebatterien, Schlachthöfen oder Transportwägen erfährt der Normalverbraucher in der Regel wenig. Allenfalls hört er hin und wieder die Forderungen von Tierrechtsbewegungen, liest deren Transparente oder spendet am Welttierschutztag ein bisschen Geld. Doch solange er das Tierleid nicht live vor Augen hat, die Bilder nicht ständig im Fernsehen präsentiert bekommt, werden die Tatsachen mit einem »s’ ist schon schlimm ...« gerne vergessen.

Wer dennoch hin und wieder abwägt Fleisch zu essen oder nicht - gerade wenn BSE-Meldungen den Appetit verderben - mag in seinen Überlegungen vielleicht noch mit der unbestimmten Furcht vor »Mangelernährung« konfrontiert werden, haben doch jahrzehntelang auch offizielle Stellen vor Eisenmangel, Kalzium-Defizit und Unterversorgung an Eiweiß gewarnt. Fleischlos essen scheint vielen Menschen noch immer eine komplizierte Angelegenheit zu sein und mit Blutarmut, Knochenabbau oder Wachstumsstörungen einherzugehen; so hatten es Mütter, Großmütter, Erzieher und Lehrer wohlmeinend einsuggeriert. Mittlerweile wird jedoch von allen ernährungswissenschaftlichen Institut bestätigt, dass Vegetarier ausreichend mit Nährstoffen versorgt sind - und in der Regel sogar sehr viel gesünder sind als Fleischesser.

Gesünder ohne Fleisch

Eine Studie der Universität Gießen, des Krebsforschungszentrums Heidelberg und des Bundesgesundheitsamtes Berlin ergab, dass Vegetarier länger leben als vergleichbare Menschen mit herkömmlichen Lebens- und Essgewohnheiten und dass sie seltener an Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs sterben. Im Tierschutzbericht der Bundesregierung hieß es 1995, dass »Fleisch keinen notwendigen Bestandteil der menschlichen Ernährung« darstelle. 
Auch mit den kritischen Nährstoffen Eiweiß, Eisen, Calcium und dem Vitamin B 12, die ein Fleischkonsument aus seiner Fleischmahlzeit bezieht, ist ein Vegetarier ausreichend versorgt, wenn er einen normalen, ausgewogenen Speiseplan mit Gemüse, Getreideprodukten und Obst hat. Reiner Pommes-Vegetarismus ist auf Dauer selbstverständlich ähnlich ungesund wie ausschließlicher Hamburger-Konsum.
Als letztes Argument der Fleischfraktion, weswegen man auf den Braten nicht verzichten kann, »obwohl man’s ja gern täte«, bleibt noch die Forderung nach Geschmack und Genuss. Jeder Vegetarier wird dagegenhalten, dass mit guten, aromatischen Zutaten und feinen Gewürzen noch jedes vegetarische Essen zu einem Festessen werden kann. Gemüse, das natürlich wachsen durfte und nicht mit chemischem Dünger, mit Mist oder Gülle in die Höhe gepuscht wurde, enthält zudem nicht nur Vitamine und Mineralstoffe in sehr viel höherer Menge als konventionelle Produkte, sondern ist auch um ein Vielfaches aromatischer.

Gourmet-Küche auf vegetarisch

Dass also »vegetarisch« nicht länger einfach mit Körner- und Grünzeug essen gleichzusetzen ist, beweisen die zunehmende Zahl an vegetarischen Gerichten in Feinschmeckerlokalen, Kochbücher mit exzellenten vegetarischen Gerichten oder etwa neue Projekte wie ein vegetarischer »Gourmet-Service« in der Gegend von Würzburg, der für festliche Anlässe internationale vegetarische Köstlichkeiten auftischt. Könnte dies für die 33 % »Fleischesser wider Willen« und andere Gourmets eine Alternative sein? Denn wenn wir schon das »Töten von Tieren zur Lebensmittelgewinnung« im Grunde für nicht gerechtfertigt halten, wäre es für unsere Mitgeschöpfe wünschenswert, wenn wir es nicht nur bei dem Bekenntnis belassen, sondern uns gemäß unserem Unrechtsempfinden auch verhalten. (Silke Dziallas)
 

»Tiere sind meine Freunde und ich esse meine Freunde nicht.« 
(George Bernhard Shaw)
 

Journal Das Friedensreich, Ausgabe Nr. 2/01

 


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