|
Ein Leben mit Tieren
Wenn frei lebende Tiere
ihre Scheu ablegen
Was macht ein Reh, wenn es auf einen Menschen trifft? Es läuft in Panik davon. Vögel fliegen weg, sobald man sich ihnen nähert und Eichhörnchen erklimmen den nächsten Baum. Warum ist das so? Können Mensch und Tier einander Freund sein?
Im Jahr 1970 berührte ein ausgewachsener Berggorilla die Hand eines Menschen. Es war der erste freundschaftliche Kontakt eines Menschen mit einem wildlebenden Gorilla seit Menschengedenken. Dian Fossey widmete ihr Leben der Beobachtung und dem Schutz der letzten Berggorillas in Afrika. Die Gorillas gewöhnten sich an ihre menschliche Beobachterin und das Vertrauen wuchs; die Gorillas akzeptierten sie und zeigten keine Scheu und keine Abwehr mehr. Dian Fossey wurde quasi in die Gorilla-Familie aufgenommen. Dies war eine Weltsensation. Ein Kinofilm wurde darüber gedreht. Am 26. Dezember 1985 wurde Dian Fosseys Leben jäh beendet. Sie wurde von Jägern ermordet. Sie hatte sich dafür eingesetzt, dass die vom Aussterben bedrohten Berggorillas von Wilderern verschont blieben. Dian Fossey kämpfte für ihre Freunde, die Gorillas, vernichtete eigenhändig die tödlichen Fallen und bezahlte dafür mit ihrem Leben.
Vor einigen Monaten berichteten alle großen deutschen Fernsehanstalten über folgende
Aufsehen erregende Geschichte: Ein Tierfotograf namens Matto Barfuss lebte 17 Wochen mit einer völlig wilden Gepardenfamilie in der Serengeti zusammen. Als Beweis brachte er außergewöhnliche Fotos und Filmdokumente nach Hause. Da offensichtlich nicht sein kann, was nicht sein darf, wurde Barfuss bald durch eine AP-Agenturmeldung der Scharlatanerie bezichtigt. Nachdem die Zeitungen diese Meldung verbreitet hatten, stellten sich die Anschuldigungen als haltlos heraus.
Auf allen Vieren durch die Steppe ...
Der Tierfotograf schildert sein Erlebnis wie folgt: »Als ich im Juni wieder einmal in die Serengeti fuhr, hatte ich anderes vor, als mich von einer wilden Gepardenfamilie adoptieren zu lassen.
Gerade hatten mein Massaifreund Nyangusi und ich die scheinbar endlosen Grassteppen des Serengeti-Nationalparks in Tansania erreicht, da fiel uns ein Punkt am Horizont auf: eine
Gepardin, wie sich bald herausstellte. Erst aus nächster Nähe erkannte ich durch mein 400mm Fotoobjektiv fünf sorgsam versteckte
Gepardenkinder, die mich mit großen Augen ängstlich anstarrten.
Es war Liebe auf den ersten Blick! Viele Tage folgte ich den Geparden im Geländewagen. Wann immer ich aus der »Blechkarosse« stieg, versuchte die Mutter mich zu attackieren. Schließlich, nach drei Wochen, glitt ich vorsichtig im Sichtschutz des Landrovers ins Freie, legte mich ins Gras und ließ Nyangusi wegfahren. Die Katzen sahen mich und waren rege interessiert an dem vierbeinigen Homo sapiens. Die Neugierde trieb die Jungen unwiderstehlich näher. Zunächst wichen sie immer angstvoll zurück, doch dann beschnüffelten und betatschten sie mich. Dies war der Beginn einer höchst ungewöhnlichen Geschichte: Stück für Stück wurde ich von allen Familienmitgliedern akzeptiert. Durch Imitation ihrer Verhaltensweisen und Lautäußerungen erreichte ich sogar in Kürze, dass sie ihr Sozialverhalten auf mich übertrugen. Siebzehn Wochen wanderte ich mit der Familie, meist auf allen Vieren, durch die afrikanische Steppe.«
1998 - nach über einem Jahr - trifft Matto Barfuss nach langer spannender Suche die Gepardentochter aus der Familie wieder. Sie hat ihre ersten zwei Jungen. Acht Wochen wird er wieder zum Geparden und lebt mit der neuen Familie zusammen. In 2 Büchern beschreibt und dokumentiert er seine Abenteuer mit seltenen Fotos, die das Zusammenleben eines Menschen mit wild lebenden Geparden dokumentieren. Ein einzigartiger Glücksfall?
Vom Menschen scheu gemacht?
Wildtiere sind scheu, lernt man als Kind. Sie trauen keinem Menschen, denkt man. Sind sie das wirklich von Natur aus? Oder wurden sie erst durch den Menschen scheu gemacht?
»Würden die Tiere vom Menschen nicht gejagt und verfolgt, wären sie zutraulich und der Mensch wäre ihr Freund«, sagt der bekannte Tierfotograf Günther Schumann. Und dafür hat er viele Beweise parat: »Schauen Sie einmal z. B. den Yellowstone-Nationalpark in Amerika. Die Bisons und Wapitis gehen auf den Parkplätzen zwischen den Autos durch. Da sieht man, wo nicht gejagt wird, wie zutraulich da die Tiere sind. Fischadler habe ich erlebt in Florida. Die brüten zum Teil in der Stadt. Und welche Fluchtdistanz haben Adler bei uns? Natürlich werden sie bei uns auch seit Jahren nicht mehr geschossen, aber die Gene geben das wohl noch eine Weile weiter«, vermutet Schumann. »Auch in Afrika habe ich große Greifvögel erlebt, die bleiben auf dem Ast sitzen, auch wenn ich mich unmittelbar darunter begebe.« Von den Kenianern werden diese Tiere seit jeher verehrt und wurden niemals gejagt. »Das wäre doch eigentlich normal«, meint Herr Schumann, »denn wenn ein Zebra unter dem Baum durchgeht, fliegt der Vogel ja auch nicht weg«. Doch vom Zebra zum Menschen ist es wohl noch ein weiter Weg. Schließlich hat sich der Mensch als der Feind aller Tiere, ja alles Lebendigen auf diesem Planeten, erwiesen. Muss das immer so bleiben?
Günther Schumann ist bekannt geworden als der »Freund der Füchse«. Doch auch er hat es nicht leicht gehabt, das Vertrauen eines wild lebenden Fuchses zu gewinnen: »Wir begegneten uns erstmalig an einem warmen Vormittag im Mai in einem großen nordhessischen Waldgebiet. Längsseits des Waldweges, den ich entlang wanderte, lagerten mehrere so genannte
Holzpolter. Ich befand mich noch etwa 100 Meter vor dem Holzlager, als ein Jungfuchs über den Weg lief und blitzschnell unter den Stämmen verschwand. Vorsichtig näherte ich mich noch ein wenig und wartete ab, was weiter geschehen würde, denn ich war mir ziemlich sicher, dass der kleine Bursche nach einer Weile wieder erscheinen würde. Das geschah etwa nach einem Viertelstündchen, nur waren es plötzlich zwei dieser possierlichen Jungfüchse.« Einer der beiden Füchse, ein Weibchen, kam nun regelmäßig zum »vereinbarten Treffpunkt«, um sich einige Leckerbissen abzuholen. Günther Schumann nannte die Füchsin
»Feline«. Es kostete ihn aber noch ein ganzes Jahr Ausdauer, Vertrauen erweckendes Zureden und auch möglichst langsame harmonische Bewegungen, bis Feline die Angst so weit überwunden hatte, dass sie ihm zum ersten Mal einen kleinen Bissen aus der Hand nahm. Im Laufe der Zeit übertrug sich diese Zutraulichkeit mir gegenüber auch auf ihre jeweiligen Welpen sowie auf mehrere Altfüchse und im Falle von Fähen (= weiblichen Füchsen) auch auf deren Welpen.
In den Jahren nach ihrer Geschlechtsreife hat Feline - mit Ausnahme eines Jahres - achtmal Junge gehabt. »Auf dem Weg zu ihrem Bau duldete
Feline, dass ich ihr folgte, ohne dass sie die Flucht ergriff. Weite Bogen und Schleifen machten wir auf unserem gemeinsamen Streifzug, die Richtung und das Tempo bestimmte immer
Feline. Es ist schon ein besonderes Erlebnis, einen wild lebenden Fuchs durch den Wald begleiten zu dürfen. Währenddessen konnte ich sein Verhalten - meist nur aus wenigen Metern Entfernung - beobachten, ohne dass er mich dabei als Störfaktor betrachtete.« Achtmal hat Feline den Tierfreund zu ihrem Bau geführt und die Jungen gezeigt. Manchmal hat sie ihn als Aufpasser bei ihren Welpen gelassen und ist lange Zeit auf Futtersuche gegangen. Die Fotos, die er dabei machte, und seine Erfahrungen hat Günther Schumann in drei Büchern veröffentlicht. Das neueste Buch trägt den Titel »Faszination Wald«. Nun ist Feline fast 11 Jahre alt. Feline ist der einzige Fuchs, der noch regelmäßig jede Woche zum »vereinbarten« Treffpunkt kommt. Die anderen Füchse haben ihr Leben meist auf einer Straße verloren, sind abgeschossen worden oder haben das Gebiet ganz verlassen.
Die genannten Beispiele von außerordentlichen, vielleicht weltweit einmaligen Tierfreundschaften haben bewiesen, dass einzelne Menschen mit viel Liebe und Herzenskommunikation, aber auch mit viel Ausdauer und Geduld das Vertrauen einiger wild lebender Tiere gewinnen konnten. Doch es sind alles Freundschaften auf Zeit und auf einige wenige Tiere bezogen. Zwar haben diese Tierfreunde Pionierarbeit geleistet. Sie haben bewiesen, dass das Verhalten der Tiere vom Menschen abhängt und keineswegs naturgegeben ist. Sie haben mit ihren Bildern und Erzählungen viele Menschen erfreut und bei vielen Menschen Nachdenken oder gar ein Umdenken ausgelöst. So haben z. B. die Jäger im Falle der Fuchsfreundschaft von Günther Schumann freiwillig auf die Fuchsjagd in diesem Gebiet verzichtet. Aber wohlverstanden - nur auf die Fuchsjagd. Doch wenn Feline stirbt, werden auch dort wieder Füchse gejagt werden. Kein Fuchs würde dann wieder Vertrauen zu einem Menschen haben können.
Lebensraum für freie Tiere
Etwas Neues entsteht im Spessart: eine Oase aus Wäldern und Wiesen, in denen die Tiere ohne Angst leben können. Das Ziel, das sich die dort beheimatete Gabriele-Stiftung gestellt hat, geht über zeitlich beschränkte Erfahrungen hinaus.
In der Broschüre der »Gabriele-Stiftung, das Saamlinische Werk der Nächstenliebe an Natur und Tieren« - die der Herausgeber dieser Zeitschrift ist - steht über die Stiftungsziele geschrieben (Auszug): »Es geht darum, im Saamlinischen Werk der Nächstenliebe an Natur und Tieren für die Tiere einen Lebensraum zu schaffen, in dem sie ein Leben führen können, das freier Gottesgeschöpfe würdig ist, in dem sie sich, ihrer Art gemäß, frei und in Frieden bewegen können, ohne Angst, verfolgt und gequält zu werden; in wachsender positiver Verbindung zu Menschen, die ihnen mit Hilfe und Fürsorge entgegenkommen, ihnen Achtung, Wertschätzung und Freundschaft in Gefühlen, Gedanken und in der selbstlosen Tat entgegenbringen. Die großen und kleinen Tiere der Felder und Wiesen, des Waldes und auf dem Wasser finden Unterstützung und Hilfe durch Erwerb von Wald, Wiesen und Feldern, durch das Einrichten von Biotopen. Auch großräumige Futter- und Wasserstellen sollen eingerichtet werden. Nistkästen werden in Wäldern und Gärten angebracht, Unterstände gebaut zum Schutz gegen Regen und Schnee, auch spezielle Iglus für Igel und Wohnungen und Brutmöglichkeiten für Tiere aller Art. (...) Unsere Tiergeschwister nehmen die Hilfe dankbar an. Wir erleben täglich, dass durch diese fürsorgliche Hilfe die Tiere nach und nach einiges von ihrer Angst vor den Menschen überwunden haben. Sie fliehen nicht mehr aus Angst vor den Menschen, um sich zu verstecken. Sie fassen allmählich Zutrauen und lassen die ihnen bekannten Betreuer auf Feldern und in Wäldern näher an sich heran.
Es kommt immer wieder vor, dass verletzte und geschwächte Tiere bei diesen Menschen Zuflucht und Hilfe suchen. Das begonnene und noch kleine Werk der Nächstenliebe an Natur und Tieren soll wachsen, ein Eiland des Friedens, bis einst das angekündigte Friedensreich Jesu Christi die Erde umfassen wird.«
Wichtig in der Anfangszeit ist vor allem: keine »Menschenbesuche«, denn die Tiere können erst nach und nach ihre Scheu vor den Menschen verlieren und gewöhnen sich zuerst an einzelne Menschen, die regelmäßig kommen. Was entstehen wird, hat schon der Prophet Jesaja vor rund 3000 Jahren in seiner berühmten Vision beschrieben. »Der Löwe soll liegen bei dem Kalbe und der Leopard bei dem Zicklein und der Wolf bei dem Lamm und der Bär bei dem Esel und die Eule bei der Taube. Und ein Kind soll sie führen ...«
(gm)
Bücher zum Thema:
-
Günther Schumann: Faszination Wald, ISBN 3-88627-901-4
-
Günter Schumann: Leben unter Füchsen, ISBN 3-86134-227-8
-
Matto H. Barfuss: Leben mit Geparden, ISBN 3-89440-329-2
Kostenlos:
Broschüre der Gabriele-Stiftung, zu beziehen per
Internet oder bei: Gabriele-Stiftung, Max-Braun-Str. 2, 97828 Marktheidenfeld, Tel. 09391/504-424, Fax 09391/504-430
Journal Das Friedensreich, Ausgabe Nr. 2/01
|