Menschheitsideale (2): Gleichheit

Gleichheit - Sehnsucht des Menschen

Gott schuf alle gleich, doch der Mensch schuf Hierarchien. Keinen Menschen höher zu stellen oder zu bevorzugen ist eine Revolution.

»Gleichheit« - nur ein Ideal für Philosophen oder etwas sehr Praktisches, das uns hilft, glücklicher und zufriedener zu werden? Um die Gleichheit wurde in der Geschichte der Neuzeit immer wieder gerungen. Die Parole »Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit« steht z. B. auf allen französischen 1- und 2-Euro-Münzen. Sie stammt aus der Zeit der Französischen Revolution von 1789. In den USA wurde die Sklaverei im Namen der Gleichheit abgeschafft, und in der russischen Revolution von 1917 strebte man ein System an, das für immer mit den gesellschaftlichen Hierarchien Schluss macht. Während mittlerweile in fast allen Staatsverfassungen die »Gleichheit« als Menschenrecht niedergelegt ist, scheint es in der Praxis nicht so gut um sie zu stehen. Vor allem bei Eigentum und Verdienst ist die Ungleichheit in allen Ländern der Erde besonders groß. Während eine Arbeiterin auf einer Erdnussfarm im Senegal für weniger als das Existenzminimum hart arbeiten muss, bekommt die Frau des Ex-Tennis-Profis Boris Becker 30 Millionen DM Scheidungs-Abfindung, und viele ihrer Nachbarn in Florida/USA leben von Zinseinnahmen und Börsengeschäften, d. h. von »arbeitsfreien« Einkommen.

Woher kommt das »Oben und Unten«?

Ein Blick in die Wirtschaftsunternehmen der Welt zeigt: Gleichheit - weit gefehlt! Warum? Sind die Menschen vielleicht nicht »reif« für die Gleichheit? Gleichheit lässt sich nicht verordnen, und ein Blick in unsere Gefühlswelt könnte uns beantworten, wie es bei uns um die Gleichheit steht: Fühle ich mich allen anderen Menschen gegenüber »gleich« oder gibt es da einen oder mehrere »Höhergestellte« oder »Untergebene« bzw. »Unterlegene«? Wenn dem so ist, ist es dann ein Wunder, wenn man sich auch im Arbeitsleben oder in der Familie in einer »höheren« oder »niedrigeren« Rolle wieder findet? Von Gott kommt dieses hierarchische Denken jedenfalls nicht, denn Er hat alle gleich geschaffen und Er hat die Vollkommenheit in uns hinein gelegt. Wie also kam der Mensch dazu, sich über seine Nächsten zu stellen, in die ja Gott auch die Vollkommenheit hinein gelegt hat?
Wer das »Gesetz von Saat und Ernte« als allgemeine Erklärung für seine Lebenssituation akzeptiert, müsste sich eingestehen: »Ich habe dies selbst so verursacht.« Vermutlich habe ich die Verhaltensmuster des »Herrschen-Wollens« oder der Unterordnung schon aus früheren Einverleibungen mit in dieses Leben gebracht.
Doch nichts muss bleiben, wie es ist. Wer kein Freund von Hierarchien ist und die Gleichheit in sich entwickeln will, kann z. B. damit beginnen, für alles, was er tut oder lässt, die volle Verantwortung zu übernehmen und diese nicht auf Andere abzuschieben. Wer seine Angst vor diesem Schritt oder seine Trägheit an der Wurzel aufarbeitet, wird nicht ewig ein Unterwürfiger bleiben. Seine inneren Schritte werden ihm dabei helfen, auch im Äußeren einen Arbeitsplatz zu finden, an dem er sein Verantwortungsbewusstsein einbringen kann. Und von der anderen Seite her gedacht: Ein Chef, der seine Angestellten dabei unterstützen würde, selbstständiger und eigenverantwortlicher zu denken, würde nicht auf Dauer von hörigen Jasagern oder eifersüchtigen Neidern umgeben bleiben.
Um früher oder später in die volle Gleichheit zu gelangen, bedarf es jedoch noch mehr. Menschen, die bereits einige Schritte in Richtung »Gleichheit« gegangen sind, werden nicht damit zufrieden sein, dass es in der Wirtschaft überhaupt ein »Oben« und »Unten« gibt. So wurden vor einigen Jahren Betriebe im urchristlichen Geist gegründet, in denen Menschen in der schrittweisen Nachfolge des Jesus von Nazareth die Gleichheit im Arbeitsleben verwirklichen wollen. Praktisch heißt das zum Beispiel: Jeder bekommt den gleichen Lohn. Doch trägt er dann auch die gleiche Verantwortung? Wenn nicht, wird auch hier gegen das Prinzip der Gleichheit verstoßen.

Was du heute tust, lerne ich morgen ...

Damit es nicht nur bei Worten bleibt, gibt es neben den inneren Schritten zur Gleichheit auch eine äußere Hilfe, um in die Gleichheit hineinzuwachsen, nämlich die »Rotation«. Das heißt z. B.: Man bleibt nicht an seinem »Posten« kleben, sondern übernimmt die Tätigkeit eines Anderen, wenn man seine bisherige Arbeit verantwortungsbewusst ausgeführt und weit gehend erfüllt hat. Ist die Motivation für den Kunden und das gegenseitige Wohlwollen die Grundlage, dann bringt jede Bewegung sowohl den Betrieb als auch den einzelnen Mitarbeiter nach vorne. Denn: Rotation setzt einen Kreislauf in Gang, der weitere Fähigkeiten erweckt und einen größeren Weitblick ermöglicht, der über den eigenen Betrieb hinaus reicht.
Wenn im Betrieb eine Rotation derzeit in weiter Ferne scheint, kann man auch einmal bei kleinen Anlässen im »Privatleben« üben: Wie wäre es mit einer Rotation beim Kochen, Spülen, Putzen, Autowaschen, usw.? Wer hier bereits im Kleinen Veränderungen einübt, kann Erstaunliches erleben. Er erfährt zum Beispiel, wie eine Tätigkeit, die er bisher wenig beachtet und geschätzt hat, ihm doch einiges an Konzentration und Können abverlangt. Oder er verspürt zuerst eine Abneigung. Und jetzt kommt es darauf an: Strebe ich wirklich die Gleichheit an und komme ich meiner Abneigung auf den Grund und arbeite an mir? Oder entscheide ich mich für die anspruchslose Lösung, dass alles bleibt, wie es ist?

Ein neues Gottesbild

Oft ist es eine Vision, die Menschen motiviert, sich im Inneren zu verändern und eingefahrene Bahnen zu verlassen. Zur Vision der Gleichheit gehört, dass alle Brüder und Schwestern sind. Dann kann mir das Schicksal meines Bruders nicht gleichgültig sein. Bei einer wirklichen Gleichheit ist auch jeder mit jedem verbunden. Das heißt: Ich stehe meinem Nächsten bei - entsprechend den Fähigkeiten, die ich entwickelt habe - auch wenn es bequemer ist, wegzusehen ... Diese Entwicklung kennt keine Grenzen. Ich sehe dann eben nicht nur im Ehepartner oder Geliebten »einen Teil von mir«, sondern ich mache mir bewusst, dass ich mit jedem Menschen im Inneren verbunden sein sollte und kann. Und alles, was sich in mir noch dagegen sträubt, Menschen nicht mehr zu bevorzugen oder zu benachteiligen, zeigt mir die Aufgabe an, die ich in der Erdenschule noch zu bewältigen habe. Dann verändert sich die Arbeitswelt, das Privatleben und auch mein Verhältnis zu Gott. 
Denn wer sich dieser Aufgabe stellt, hat einen mächtigen Helfer an seiner Seite, den Christus-Gottesgeist, der alles Leben durchatmet. Hier ist dann kein Platz mehr für den geheimnisvollen Gott der kirchlichen Tradition, der Schicksale nach seinem Gutdünken zuteilt (»unerforschlicher Ratschluss Gottes«) und der in einer ewigen Hölle Ungleichheiten für alle Ewigkeit zementiert. Gott hilft mir stattdessen, mein »Schicksal« zu begreifen und mein Leben in die Hand zu nehmen. Mein »Gott« hat mich dann auch nicht mehr für eine »besondere« Berufung »auserwählt«, die mir vor Anderen einen Vorzug gibt, sondern Er will, dass alle die innere Verbindung zu Ihm finden - ohne Priester, Papst und Kirche aus Stein. Mein »Gott« hilft mir dann auch nicht mehr dabei, über andere zu herrschen. Und Er wird nicht als ständiger Tröster dafür missbraucht, weil die Anderen mich angeblich immer schlecht behandeln. Wenn ich wirklich »gleich« werden möchte, ist Gott für mich Einer, der im Nächsten genauso lebt wie in mir - in allen gleich - und der auch im Tier, in der Pflanze, im gesamten Naturreich sichtbar zur Entfaltung kommen möchte. Vielleicht braucht es noch ein wenig mehr Einfühlungsvermögen, um sich vorstellen zu können, wie sich das Leben anfühlt, wenn alle Geschöpfe Gottes in Gleichheit miteinander leben. Die Sehnsucht nach diesem verlorenen Paradies, so heißt es oft, steckt in jedem von uns. (D. Potzel) 


Serie "Menschheitsideale":  Freiheit    Gleichheit    Einheit    Brüderlichkeit   Gerechtigkeit
                                              Göttliche Prinzipien


Journal Das Friedensreich, Ausgabe Nr. 3/01


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