Mazedonien

Fragwürdige »Friedensmission«

Der Balkan kommt nicht zur Ruhe. Kaum hat sich im Kosovo das Leben zumindest äußerlich etwas normalisiert, wird schon wieder am nächsten Pulverfass gezündelt: Mazedonien. Ist der Westen daran unschuldig?

Steht ein neuer Balkan-Krieg bevor? Hunderte von albanischen Untergrundkämpfern, offenbar zum großen Teil aus dem Kosovo eingesickert, provozierten die nur unzureichend gerüstete mazedonische Armee ein erstes Mal in offenen Kämpfen. Dass ihre vorübergehende Vertreibung nicht das Ende des Konfliktes darstellen wird, ist unverkennbar. 
Der Konflikt droht ein Land zu zerreißen, das nur mit äußersten diplomatischen Anstrengungen aus den Balkan-Konflikten der letzten zehn Jahre herausgehalten wurde. Einer knappen Mehrheit von slawischen Mazedoniern - sprachlich mit den Bulgaren verwandt - stehen etwa ein Viertel Albaner gegenüber, die im westlichen Landesteil um Tetovo die Bevölkerungsmehrheit stellen. Diese beiden Volksgruppen trennt nicht nur die Sprache, sondern auch die Religion: Die Mazedonier sind orthodox, die Albaner Muslime. 
Doch die beiden Volksgruppen trennt noch mehr als das: eine gemeinsame Geschichte, die bis heute nicht aufgearbeitet ist (siehe unten). Diese untergründigen Spannungen führten jedoch in den letzten zehn Jahren, seit Mazedonien unabhängig wurde, nicht zu bewaffneten Konflikten. Weshalb dann ausgerechnet jetzt? Offenbar wird der Konflikt geschickt von außen importiert - aus dem Kosovo.

Krieg: »Humanitärer Friedenseinsatz«

Dies stellt heute, zwei Jahre nach dem NATO-Krieg gegen Jugoslawien, den Sinn solcher »humanitären Friedenseinsätze« erneut in Frage. Denn ohne das Eingreifen der NATO und die Besetzung des Kosovo durch westliche Truppen wären die albanischen Untergrundkämpfer heute gar nicht in der Lage, die Lunte an ein weiteres Land des Balkans zu legen. Die UCK wurde seither nicht entwaffnet, obwohl klar war, dass sie ihre großalbanischen Bestrebungen nicht aufgeben würde.
Belgrad wurde nicht zuletzt deshalb bombardiert, weil man damit »großserbische Pläne« durchkreuzen wollte. Doch dabei hat man nur neue, möglicherweise noch größere Gefahren heraufbeschworen. Die westlichen Mächte ließen sich auch in den vergangenen Balkankriegen immer wieder zu militärischem Eingreifen provozieren, ohne zu beachten, dass auf dem Balkan »gut« und »böse« keineswegs so klar zu trennen sind wie im Westernfilm. Gewalt und Terror werden von fast allen Volksgruppen verübt. Wer sich da zum Schiedsrichter aufspielen will, hat meist eigene Einfluss- und Machtinteressen.

Kriegsspirale ohne Ende?

Gewalt erzeugt immer neue Gewalt. Wer sich von Gewalttätern, gleich welcher Nationalität, zu Gegengewalt provozieren lässt, der löst keine Konflikte und schafft schon gar keinen Frieden. Er macht sich stattdessen mitschuldig am Leid vieler Menschen und am Auftreten immer neuer Probleme. 
Das einzige, was man tun kann, ist, selbst Vorbild zu sein im Abbau seiner eigenen kriegerischen Gedanken und Gefühle. Das lehrte schon Jesus von Nazareth. Es ist beschämend, dass gerade Völker und Regierungen, die sich christlich nennen, diese Wahrheit immer wieder bewusst missachten. (Matthias Holzbauer)

Die »mazedonische Frage« - bis heute ungelöst

Weshalb leben in Mazedonien Slawen und Albaner seit vielen Generationen Seite an Seite, ohne sich näher zu kommen? Weshalb ist es seit der Unabhängigkeit 1992 nicht gelungen, ein gemeinsames Nationalbewusstsein für beide Volksgruppen aufzubauen?
Das heutige Mazedonien war bis 1913 Teil des Osmanischen Reiches, also türkisch beherrscht. Im Osmanischen Reich besetzten Muslime, zu denen auch die Albaner gehörten, alle wichtigen Stellen in Wirtschaft und Verwaltung. Die orthodoxen Christen, also die Slawen, wurden benachteiligt. In verschiedenen Aufständen und Kriegen kam es immer wieder zu Gräueltaten der osmanischen Besatzungstruppen an den Slawen. Diese rächten sich durch Terroranschläge. Vor rund hundert Jahren war Mazedonien ein Hexenkessel unterschiedlicher Terrorgruppen und Geheimbünde: der eigentliche Kern des Pulverfasses Balkan, das dann im ersten Weltkrieg explodierte.
An der Entstehung dieses Pulverfasses hatten die damaligen Großmächte - Großbritannien, Österreich-Ungarn, Frankreich, Deutschland, Russland - erheblichen Anteil, weil sie schon damals eifersüchtig darüber wachten, dass keiner seine Machtansprüche auf dem Balkan zu stark entfalten konnte. Auf dem Berliner Kongress 1878 wurde das mazedonische Problem nicht gelöst, sondern nur verlagert. Bulgarien hatte mit russischer Hilfe das Gebiet erobert, musste es aber wieder abtreten, damit Russland nicht zu mächtig wurde. Ein schlechter Kompromiss war auch die Abtretung Bosniens an Österreich-Ungarn. 1914 begann in Sarajevo (Bosnien) der Erste Weltkrieg.
Albaner und Slawen sehen sich heute - bewusst oder unbewusst - noch immer in der Konfliktsituation des Osmanischen Reiches. Nur dass heute umgekehrt die Christen die Mehrheit stellen und die Schlüsselpositionen besetzt halten. Warum ist das so? Was aus der Vergangenheit nicht vergeben und bereinigt ist, das führt immer wieder zu neuen Konflikten. Das Gesetz von Saat und Ernte sorgt dafür, dass sich dabei die Vorzeichen immer wieder umkehren können - bis eine Versöhnung stattgefunden hat, weil jeder seinen Anteil erkennt und ändert. 

Stellt man dabei noch in Rechnung, was heute immer mehr Menschen wissen und glauben, dass es nämlich die Möglichkeit wiederholter Einverleibungen gibt, dann ist es möglich, dass bestimmte Seelen, die noch Feindseligkeit und Rache in sich tragen, sich immer wieder in dieselben Völker einverleiben und den Konflikt fortsetzen. So wäre erklärbar, weshalb auf dem Balkan (oder anderswo) plötzlich Nachbarn aufeinander schießen. Solange die seelischen Ursachen solcher alten Konflikte nicht gelöst sind, werden sie immer wieder aufbrechen. Gerade Christen hätten hier die Aufgabe, Vorbilder zu sein, statt militärisch einzugreifen.


Journal Das Friedensreich, Ausgabe Nr. 5/01

 


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