Edzard Reuter über die Weltwirtschaft:

»Tanz auf dem Vulkan«

Edzard Reuter, von 1987 bis 1995 Vorstandsvorsitzender von Daimler-Benz, äußerte sich in der Stuttgarter Zeitung über die heutige Weltwirtschaft:

Aktienkurse: »Es ist eine der teuflischen Erfindungen dieser Zeit, die Leistungsfähigkeit eines Unternehmens und seines Managements nur am Aktienkurs zu messen.«

Börsen-Analysten: »Die Kaste der Analysten besteht aus Damen und Herren im Alter zwischen 30 und 40 Jahren, die genau wissen, wie die Weltgeschichte marschieren soll. Sie zwingen Unternehmensleitungen, sich nach ihrer asozialen Logik zu verhalten. Das ist eine skurrile Situation.«

Die Philosophie des Shareholder-Value: »Ihr Credo lautet: Vergiss diesen Sozialklimbim, vergiss, darüber zu reden, dass eine Firma aus Menschen besteht. Unternehmen sind allein dazu da, das Vermögen der Aktionäre zu mehren. Alles andere geht uns nichts an. Selbst in Amerika hat sich inzwischen die Erkenntnis durchgesetzt, dass dies unser Verständnis von sozialer Verantwortung auf den Kopf stellt und irgendwann zur Katastrophe führen kann.«

Gehälter von Spitzen-Managern: »Ich hätte mich mit Händen und Füßen gegen solche Beträge gewehrt, weil wir uns damit Sodom und Gomorra nähern. Diese Summen sind unanständig, sie stehen in keiner Relation zur Leistung, und sei sie noch so hart erbracht.«

Die Situation der Weltwirtschaft: »Ich weiß nur, dass der reine Turbokapitalismus in Chaos und Kampf münden kann. Beispiel USA: Die Altersvorsorge von Millionen Menschen ist dort vom Wohlergehen der Pensionsfonds abhängig, die sich weitgehend auf Aktien stützen. Wenn die derzeitige Baisse zur Dauersituation werden sollte, dann führt das dazu, dass die Existenz dieser Menschen gefährdet ist. Das birgt ungeheuren sozialen Sprengstoff in sich.«

Die schon von Karl Marx angekündigten wachsenden Konzentration ökonomischer Macht: »Genau das findet heute statt, doch nur wenige der Beteiligten scheinen sich über den Tanz auf dem Vulkan zu sorgen, bei dem sie so fröhlich mitmachen« (11.4.2001).


Für Sie gelesen:

Europa - eine »Welt für Auserwählte«?

Mit wachsender Geschwindigkeit bewegen sich die Politiker auf die Schaffung der neuen Supermacht »Europa« zu. Weil auch die ärmeren Länder Osteuropas eingegliedert werden, fürchten viele Bürger in Westeuropa um ihren Wohlstand. Und wie ist es im Osten? Freuen sich die Menschen dort auf ein »goldenes Zeitalter«, in dem alles besser wird? Der polnische Schriftsteller Andrzej Stasiuk schreibt in der WELT (17.2.2001), dass es nicht so ist

»Nein, ich verspüre keine Euphorie, keine Erregung, nicht einmal einfache Freude. Wenn ich an diese ganze Vereinigung denke, verspüre ich eher Melancholie, wie sie Ereignisse begleitet, die von Niedergang und Verfall gezeichnet sind ... Der Gedanke, ein universales Geld, eine universale Wirtschaft und der vereinheitlichte Geschmack der Lebensmittel könnten die Grundlage einer Gemeinschaft sein, ist eine furchtbare Karikatur ... Die Vereinigung bedeutet nichts als den sicheren Konsum in einem geschlossenen und gut bewachten geografischen Raum ... Natürlich bin ich kein Idiot. Ich weiß, wer die Bedingungen diktiert ... Ich lebe in einer recht armen und, vom Standpunkt des Westeuropäers betrachtet, rückständigen Gegend. Die Worte ´Europa` und ´Brüssel` erwecken hier eher Angst und Ablehnung ... Diese einfachen Menschen spüren, dass die versprochene Welt des Wohlstands und der Freiheit eine Welt für Auserwählte sein wird. Der Reichtum reicht nie für alle, und die, die als Letzte kommen, bekommen in der Regel nichts. Diese Wahrheit versteht jeder Bauer in meiner Gegend, auch wenn er kaum lesen und schreiben kann.«


Journal Das Friedensreich, Ausgabe Nr. 7/01

 


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