Schizophrenie des Jagens

Blutiges Hobby als »Pflege« verbrämt

»Auf, auf zum fröhlichen Jagen« - in Volksliedern ist sie noch sichtbar, die eigentliche Triebfeder der Jagd. Da die Lust am Töten allerdings nicht mehr zeitgemäß ist, bezeichnen Jäger ihr nächtliches Treiben als »Waldpflege«. 

Überbleibsel der Feudalherrschaft

Die Jägerei genießt in der Gesellschaft ein hohes Ansehen. Minister, Diplomaten, Bürgermeister, Ärzte, Wirtschaftsfunktionäre, Kleriker ... wer etwas auf sich hält, geht auf die Jagd. War das Jagen vor Urzeiten reine Nahrungsbeschaffung, ist das Waidwerk heute ein Überbleibsel der Feudalherrschaft, wo Macht und Einfluss durch den geschickten Umgang mit der Waffe unter Beweis gestellt werden musste. Heute versuchen die Jäger zwar, diese längst überholte Praxis der Machtdemonstration als »Hegen und Pflegen des Waldes« zu tarnen und sich nur hinter vorgehaltener Hand zur Lust am Töten zu bekennen, doch immer mehr Jäger entlarven sich selbst - und stellen bei öffentlichen Veranstaltungen die abenteuerlichsten Thesen auf:

Die Pilzsammler seien schuld ...

Der Leiter des Forstamtes im unterfränkischen Lohr am Main - gleichzeitig Jäger - beklagt bei einer Sendung des Bayerischen Rundfunks: »Die fröhlichen Urstände, die die Hirsche früher feiern konnten, sind vorbei.« Woran liegt’s? An der Jägerflinte, die den vierbeinigen Waldbewohnern im Lohrer Spessartwald von zahlreichen Schusstürmen aus auflauert? Keineswegs. Die Spaziergänger sind’s, erfährt der Hörer vom Herrn Förster, und die Pilzsammler, die ihre Zeit damit verbringen, »Wildtiere zu stören« ... - eine originelle Sichtweise der Welt durchs Zielfernrohr eines Jagdgewehrs.

 Jäger klagen: Das Verhältnis des Menschen zu Waffen sei "gestört"

Ähnlich kuriose Thesen zum Waidwerk liefert Frau Dr. Dr. Sigrid Schwenk vom Institut für Jagdkultur der Universität Bamberg. Sie beklagt das schwindende Ansehen der Jägerei in der Bevölkerung: Das Verhältnis der Menschen zu Waffen sei »gestört«, seit dem zweiten Weltkrieg würden Waffen von der Bevölkerung mehr und mehr »kritisch gesehen«. Das ist nicht mehr komisch. Während der hemmungslose Umgang mit der Schusswaffe und die zunehmende Gewalt- und Schussbereitschaft an Schulen mehr und mehr zum gesellschaftlichen Problem wird, bedauert die Jagdprofessorin und Hobbyjägerin tatsächlich, dass solcherlei Tötungsinstrumente von der Bevölkerung kritisch gesehen werden ...

Naturbegeisterung schade der Jagd

Die Krönung ist jedoch: Die zunehmende Naturbegeisterung - besonders unter jungen Leuten - schade dem Ansehen der Jägerei - warum wohl? »Man sieht in der Natur heute das Schöne und Gute«, klagt Frau Schwenk. Sie bedauert diesen »Hang zum Romantizismus«, da sie mit dem gängigen Waidwerk offenbar nicht zu vereinbaren ist. Dies ist wirklich ein Grund zum Jammern: Naturschutzverbände, Erzieher und Eltern sind darum bemüht, Jugendlichen einen Zugang zur Natur und eine Achtung vor dem Leben darin zu vermitteln, und am Ende ist ihnen die Natur mehr wert als die Jagd ... 

"Nehmt die Kinder mit auf die Jagd"

Doch die Lösung liefert die zweifach promovierte Jägerin gleich mit: Man müsse die Bevölkerung besser informieren, das Jagdhandwerk müsse sich öffnen - ihr Anliegen gipfelt in der Forderung: »Nehmt die Kinder mit auf die Jagd!« 
Die Bevölkerung zu informieren ist tatsächlich dringend notwendig - aber nicht, um mit Scheinargumenten ein todbringendes Hobby zu verbrämen, sondern um die Lügen der Jäger zu entlarven. Denn eines ist längst erwiesen: Für den Arten- und Naturschutz braucht es keine Jäger - im Gegenteil!

Jäger richten mehr Schäden an als Tiere

Jägerlüge Nummer eins - und weit verbreitetstes Argument für die Jagd - ist: Jagen sei deshalb notwendig, um die Bäume vor »Wildverbiss« zu schützen. Rehe und auch Wildschweine würden ohne die Jagd »enorme Wildschäden« anrichten. Diese Behauptung ist mittlerweile widerlegt: »Wald ist auch dann Wald, wenn darin ein paar kleinere Bäume wachsen, die weniger Gewinn einbringen«, sagt der Bayreuther Wildbiologe Harald Kilias. Zudem: Der Stress, den Tiere durch die Bejagung erfahren, erhöhen ihren Nahrungsbedarf und somit auch den Wildverbiss. Auch in Zahlen geht das Märchen vom Wildverbiss nicht auf: Die Jäger richten weit mehr Schäden an als die Tiere: In Frankreich beispielsweise verursachten in den 80er Jahren Wildtiere einen jährlichen Schaden von 80 Millionen Francs. Zum Vergleich: Die Jäger verursachten bei der Ausübung der Jagd Personen- und Sachschäden für 122 Millionen Francs (Mathieu Roger, 1987).
In den meisten Fällen sind Verbissschäden übrigens minimal und betreffen deutlich weniger als 2 % an Pflanzen bzw. des Holzertrags. Zudem können Schonungen und Jungwaldanpflanzungen durch Schutzzäune oder Netze vor Verbiss geschützt werden. Und eine Studie für die Minister für Agrarwirtschaft in Brüssel zeigt auf: Wildschäden könnten fast vollständig vermieden werden, wenn der Mensch die Wildfütterung über das ganze Jahr ausdehnen würde (Ueckermann, Einfluss der Fütterung auf den Schälumfang des Rotwildes, 1985). 

Die von Jägern erzeugte Überpopulation der Tiere

Das zweite Hauptargument für die vermeintliche Notwendigkeit des Jagens ist die Aussage, dass durch die Jägerei der Wald vor »Überpopulation« geschützt werden müsste. Weshalb, fragt man sich, werden dann in vielen Ländern und Jagdgebieten Tiere aus dem Ausland importiert, um sie dann zur Jagd freizugeben? 6.200.000 Fasane, 800.000 Stockenten, 500.000 Rot- und Rebhühner und 200.000 Feldhasen wurden z. B. in den letzten Jahren in Frankreich ausgesetzt und abgeschossen. Die Jäger »regulieren« also eine selbstgemachte »Überpopulation«. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die Frage, aus welchem Grund Jäger in Deutschland jedes Jahr ca. 300.000-400.000 Katzen und 35.000-65.000 Hunde schießen? Wohl wegen »Wilderei-Gefahr« - der Mensch duldet eben keinen zweiten oder dritten Räuber neben sich ...

Tiere: Den Lebensraum genommen, das Existenzrecht verwehrt

Die ganze Schizophrenie der Jagd lässt sich auf einen Punkt bringen: Erst wird den Tieren durch exzessive, profitorientierte Landwirtschaft, durch Zersiedelung und Straßenbau der Lebensraum genommen - und wenn sie sich dann in den wenigen Flächen, die ihnen bleiben, sammeln, malt man das Schreckgespenst von der »Überpopulation« an die Wand und schießt die Tiere rücklings ab. Auch nimmt man ihnen die Nahrung weg - durch chemischen Dünger werden Pflanzen und Früchte in weiten Flächen ungenießbar und durch moderne Ernte-Maschinen bleibt kein Körnchen, keine Karotte auf den Feldern übrig. Und wenn sie dann - um nicht zu verhungern - einige kleine Bäume anknabbern, spricht man von »Verbissschäden« und schießt die Tiere ab - Schizophrenie in Reinform.

Die Freude beim "sauberen Schuss"

Was also steckt wirklich hinter dem Tötungs-Sport? Es gibt auch aus den Reihen der Jäger bereits einige Vorreiter, die sich offen zu dem bekennen, was Jagen wirklich ist: Hobby, Freude und die Lust am Töten. »´Jagd als angewandter Naturschutz` oder ´Jäger als die wahren Naturschützer` und so weiter - alles schön und gut. Akzeptiert werden wir von den Funktionären der Naturschutzverbände aber trotz allem nicht. Warum stehen wir nicht endlich mehr zu Sinn und Zweck unserer Jagdausübung? ... Jagd ist eben nicht in erster Linie Hegen, sondern im ganz ursprünglichen Sinn Beutemachen, und Beute wollen wir doch machen. Es ist nicht verwerflich, Freude zu empfinden, wenn es gelungen ist, ein Stück Wild zu erlegen. Nein, es darf durchaus Freude bereiten, wenn ein Stück Wild durch einen sauberen Schuss schmerzlos verendet ...« (Wild und Hund Nr. 13/2001). 

Der Mensch hat den Kannibalismus überwunden. Er hat die Sklaverei überwunden. Wann wird er aufhören, der feigen Lust zu frönen und von Schusstürmen aus wehrlose Lebewesen zu töten?

Link: http://www.abschaffung-der-jagd.de


Journal Das Friedensreich, Ausgabe Nr. 10/01

 


Copyright © Verlag DAS WEISSE PFERD GmbH, Marktheidenfeld, Deutschland
Altfeld, Max-Braun-Straße 2, 97828 Marktheidenfeld, Fax: 09391 / 504-210
http://www.das-weisse-pferd.com - E-Mail: info@das-weisse-pferd.com

TV-Programmtipp:
http://www.erde-und-mensch.org/de

Einige aktuelle Themen
:
Im Blickpunkt: Die Main-Post - http://www.das-weisse-pferd.com/2009/mainpost_holtzbrinck_universelles-leben.html

Die Neue Zeit-TV auf Astra Digital - http://www.das-weisse-pferd.com/2009/die_neue_zeit.html
Die Kirche soll sich nicht mehr "christlich" nennen - http://www.christus-oder-kirche.de

Die verschwiegenen Leiden von Organspender und Organempfänger - http://www.theologe.de/theologe17.htm