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Interview Ein Schäfer steigt aus ... und seine Schafe bleiben heute am Leben Schon als Jugendlicher war er der »Hausschlächter« in der Familie. Als Schäfer schlachtete er seine Schafe teilweise selbst. Bis dann der Zeitpunkt kam, da er es nicht mehr konnte und wollte. Ein Interview von unserem Redaktionsmitglied Dieter Potzel mit dem friedfertigen Schäfer Günter Garbers aus Seevetal. Redaktion: Herr Garbers, Sie haben früher als Schäfer ihre Tiere auch selbst geschlachtet. Dann sind Sie ausgestiegen, weil Sie keine Schafe mehr töten wollten. Aus welcher Motivation heraus sind Sie Schäfer geworden? Günter Garbers: Ich stamme aus der Landwirtschaft und machte zuerst eine Ausbildung zum Gärtner. Danach schloss ich ein Studium als Landschaftsarchitekt ab und arbeitete auch in diesem Beruf. Das war in den 60er- und 70er-Jahren. Damals haben viele junge Menschen rebelliert und sind ausgestiegen, eines Tages auch ich. Ich habe dann eine Schäferausbildung gemacht, mir eine eigene Schafherde mit ca. 500 Muttertieren aufgebaut und bin als Wanderschäfer durch die Gegend gezogen. Redaktion: Das klingt nach Abenteuer und Romantik. Günter Garbers: Es war nicht romantisch. Der Schäfer muss zum Beispiel schlachten können, damit er seinen Lebensunterhalt verdient. Das Schlachten hat keinen Spaß gemacht, ich hatte anfangs aber auch keine Probleme damit. Ich kannte die Spielregeln schon aus der Landwirtschaft. Schafe hüten, da geht es um Fleischproduktion, und ein Schäfer ist ein Fleischproduzent, das ist die Realität. Die Alternativ-Leute, die nur Schafe hüten und Gitarre spielen wollten, sind alle gescheitert. Nur wer auf Hochleistung getrimmt ist und sich 24 Stunden um die Schafe gekümmert hat, um optimales Futter, um die Pflege, um die Gesundheit, ist durchgekommen. Die Schäferei-Romantik ist eine Volksverdummung. Redaktion: Das Ziel dieses Rund-um-die-Uhr-Einsatzes ist also, möglichst gutes Fleisch anzubieten? Günter Garbers: Ja. Eine ideale Futter-Kombination, damit die Lämmer schnell Fleisch ansetzen, sind z. B. möglichst stärke- und eiweißhaltige Nahrungsmittel wie Klee, Zuckerrüben und Kartoffeln. Findet der Schäfer hier die besten Weiden, dann sind die Lämmer schneller »schlachtreif«. Andernfalls muss er oft noch einige Wochen Kraftfutter zufüttern, was ja auch wieder Geld kostet. Redaktion: Mussten nur die Lämmer zur Schlachtung oder auch ältere Schafe? Günter Garbers: Nur die einjährigen Lämmer, nicht die Muttertiere. Die Lämmer bringen Geld, weil das Fleisch so zart schmeckt. Die Muttertiere lässt man 5-6 mal ein Lamm zur Welt bringen, solange sie eben leistungsfähig sind. Dann müssen auch sie zur Schlachtung. Redaktion: Sie haben ja ihre Schafe nicht nur schlachten lassen, sondern haben selbst geschlachtet. Dann haben Sie Probleme damit bekommen. Wie ist das gekommen?
Günter Garbers: Ich habe schon als Jugendlicher in der Landwirtschaft geschlachtet. Ich war der Töter in der Familie. Mein Vater sagte eines Tages: »Ich habe keine Lust mehr, mach du das.« Dafür wurde ich in der Nachbarschaft gelobt: »Der Günter, der kann schon Hühner schlachten«, hieß es. Redaktion: Gab es so etwas wie ein Schlüsselerlebnis, von dem an Sie sich sagten: »Ab jetzt ist Schluss.«
Günter Garbers: Ja. Es begann damit, dass ich mit einer Vegetarierin befreundet war. Wir sprachen oft über dieses Thema und ich gewann neue Einsichten: Über den Zusammenhang von Fleischproduktion und dem Hunger in der Welt, über die Zerstörung des Regenwaldes, die Ausbeutung der Dritten Welt. So schrieb der Internationale Währungsfond den Bauern z. B. den Sojaschrot-Anbau als Viehfutter vor. Und er gaukelte ihnen vor, es würde ihnen dann besser gehen. Doch das Gegenteil ist der Fall. Dann die Probleme mit dem Methan, das Wiederkäuer ausatmen, ein Klimagift. Oder die Gülle, die den Boden und das Grundwasser vergiftet. Schauen Sie doch bei uns, diese Verwüstung der Flächen! Da stehen nur noch zwei bis drei Gräser-Arten, die der bedingungslosen Stickstoffdüngung standhalten, aber als Viehfutter ordentlich Masse bringen. Viele Insekten und Kleintiere sind ohnehin schon ausgestorben. Redaktion: Was haben Sie geändert? Günter Garbers: Wenn ich nicht mehr schlachten will, kann ich keine Schafe mehr halten, so die Konsequenz. Es war eine Befreiung, eine seelische Befreiung. Heute verkaufe ich Obst und Gemüse aus kontrolliert-ökologischem Anbau. Redaktion: Es ist aber immer noch eine kleine Herde mit ca. 50 Schafen übrig geblieben. Günter Garbers: Ja, ich hüte sie, bis sie eines natürlichen Todes sterben. Und es sind seither einige hinzugekommen, die sonst geschlachtet worden wären. Das bringt allerdings finanziell nichts mehr ein, ich muss noch drauflegen, z. B. für das Winterfutter, für die Schur und für den Tierarzt. Redaktion: Und was ist mit dem Verkauf der Wolle? Günter Garbers: Die Wolle ist das landwirtschaftliche Produkt mit dem stärksten Preisverfall. Obwohl ich die Schafe selbst schere - vor 15 Jahren bekam man noch 3 - 4 DM für das Kilo, heute gerade mal noch 30 Pfennig. Der Handel verlangt viel Fleisch und wenig Wolle. Deshalb ist der Preis auf dem Tiefpunkt. Redaktion: Derzeit erleben wir ja einen Trend zu Fleisch von Tieren aus artgerechter Tierhaltung und von Höfen, die nach kontrolliert-ökologischen Richtlinien arbeiten. Das Fleisch bekommt jetzt ein neues Bio-Siegel. Wie stehen Sie dazu?
Günter Garbers: Das ist schizophren. Da stehen dann die Kälber manchmal direkt bei den Kunden oder werden von ihnen auf dem Biohof besucht. Die Kinder füttern und streicheln das Tier und das Kalb kriegt sogar einen Namen, meinetwegen Max oder Gustl oder was weiß ich. Und ein Jahr später hat die Mutter dieses Kalb in der Tasche. Was man allein den Kindern hier psychologisch antut, ist eine Zumutung. Aber man möchte sich einen Persilschein geben, dass man doch nichts so Schlimmes tut, wenn man nur Tiere aus artgerechter Haltung aufisst. Doch die Ziele sind dieselben wie bei der üblichen Tierhaltung. Auch hier geht es um die Ausbeutung der Tiere für die Gaumenlust. Und um Geld. Um mehr nicht. Redaktion: Haben Sie eine Vision für ein Zusammenleben zwischen Mensch und Tier?
Günter Garbers:
Leider ist die Situation oft so, dass der Mensch die Tiere missbraucht, um seine Gefühle damit zu befriedigen, vor allem bei so genannten Haustieren. Er reagiert seine Gefühle an den Tieren ab, weil die zwischenmenschlichen Beziehungen kaputt sind. Doch wer mit seinem Mitmenschen nicht klar kommt, kommt bald auch mit dem Tier nicht klar. Wir holen uns vielleicht, weil die Kinder am Quengeln sind, eine Katze oder einen Hund. 14 Tage später hängt er dann an der Autobahn. Oder die Kinder schlagen dann die Tiere. Und wenn es ans Futter geht, muss wieder ein anderes Tier dafür sterben. Das ist eine schizophrene Entwicklung, die ich nicht befürworten kann, diese Trennung zwischen Nutz- und Streicheltieren. Redaktion: Sie weisen auf einen Zusammenhang hin: Wenn Menschen untereinander nicht klarkommen, müssen oft die Tiere darunter leiden. Kann man es auch umgekehrt sagen: Wer Tiere berufsmäßig quälen muss oder tötet, der ist auch eine Gefahr für die Menschen? Günter Garbers: Ja. Als der Balkankrieg im Jahr 1999 anfing, hörte ich einmal ein Interview mit einem Soldaten, der 20 Menschen die Kehle durchgeschnitten hatte. Er wurde gefragt, woher er diese Fähigkeit hätte, diese Brutalität. Seine Antwort war, er hatte dies vorher an Schweinen geübt. Und da fiel mir ein: »Mensch, du bist doch auch ein perfekter Killer. Du bist doch perfekt mit dem Messer.« Ich kann ein Schaf in Bruchteilen von Sekunden töten ohne Betäubung. Das geht so schnell, so schnell können Sie gar nicht gucken. Und was beim Tier geht, geht natürlich beim Menschen auch. Es sind dieselben Bewegungen. Da habe ich vor mir Angst bekommen, vor meinen eigenen Händen. Wie schnell das geht, das sieht man im Krieg, wo die Soldaten von Politikern zum Töten instrumentalisiert wurden. Redaktion: Was kann man tun, um sein Gewissen zu schärfen? Günter Garbers: Das beste wäre, wenn Leute bei der Schlachtung zugucken würden. Einmal war eine Journalistin da, der ich das Töten eines Schafes demonstrierte. Die Frau war geschockt, die war fix und fertig. Wenn die Schlachthäuser Glaswände hätten, dann würde der Fleischverbrauch sich vielleicht auf die Hälfte reduzieren. Ansonsten setze ich auf Aufklärung. Ich arbeite z. B. bei einer Vegetarischen Initiative mit und berate auch andere, die das möchten. Das Problem ist dann die Umsetzung – nicht nur zur Hälfte, sondern ganz. Deshalb lebe ich auch vegan und esse und trinke überhaupt keine tierischen Produkte - aus ethischen und ökologischen Gründen und aus gesundheitlichen.
Herr Garbers, vielen Dank für das Gespräch!
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