Verheimlichte Quellen (Teil 3)

Der Widerstand gegen die vegetarische Ernährung

"Man macht sich keine Vorstellung, welch ein Vernichtungskampf gegen diese vegetarische Wahrheit im Christentum seit 2000 Jahren geführt worden ist", schreibt der bekannte Theologe Carl Anders Skriver in seinem Buch Die Lebensweise Jesu und der ersten Christen (Lübeck 1973). So ist den meisten Menschen heute nicht mehr bekannt, dass Jesus und die ersten Urchristen auch Freunde der Tiere waren und auf Fleischnahrung verzichteten (siehe dazu Teil 1 und Teil 2 der Serie "Verheimlichte Quellen"). Nachfolgend einige ausgewählte Beispiele, wie diese Einsicht durch die Kirchen bekämpft wurde.

Kuchen oder Heuschrecken

Eine heftige Auseinandersetzung zu diesem Thema lieferten sich z. B. um das Jahr 400 die aus dem Urchristentum hervorgegangene Gruppe der Ebionäer mit dem damaligen kirchlichen "Ketzerbekämpfer" (heute heißt es "Sektenbeauftragter") Epiphanius. Die Ebionäer essen kein Fleisch und sie berufen sich dabei auf Jesus von Nazareth, der solches geboten habe (Epiphanius, Panarion, 30, 18, 9). Doch auch der Vorläufer von Jesus, Johannes der Täufer, war nach der Überzeugung der Ebionäer kein Fleischesser. Denn in dem später nach ihnen benannten Ebionäerevangelium heißt es über ihn: "Seine Speise war wilder Honig, dessen Geschmack der des Manna war, wie Kuchen in Öl."

Das Ebionäerevangelium, das um das Jahr 110 verfasst wurde, ist deutlich älter als die bis heute erhaltenen Handschriften der biblischen Evangelien und es wurde von der katholischen Kirche vollständig vernichtet. Dass wir heute dennoch einige Sätze daraus kennen, "verdanken" wir ausgerechnet dem Sektenbeauftragten Epiphanius, der vor allem durch die Bekämpfung des bekannten Bibellehrers Origenes bekannt wurde. Epiphanius bezichtigt in seinem Buch Panarion omium haeresium (= "Arzneimittelkästchen" gegen alle Irrlehrer) die Ebionäer der "Lüge", und der Kirchenmann zitiert aus diesem Anlass das damals noch erhaltene Evangelium, und der Kirchenmann zitiert aus diesem Anlass das damals noch erhaltene Evangelium. Johannes hätte sich nicht - wie dort zitiert - von Ölkuchen (griechisch enkris) ernährt, sondern von Heuschrecken (griechisch akris), wie es im kirchlich anerkannten Matthäusevangelium steht. Der Vorwurf der "Lüge" beruht jedoch auf Gegenseitigkeit. Denn das Ebionäerevangelium warnt umgekehrt, dass die damals kursierenden Handschriften des Matthäusevangeliums, die später zu "Gottes Wort" erklärt wurden "gefälscht und verstümmelt" sind. Enkris oder Akris - wie hat es also ursprünglich geheißen? Sicher nur ein kleines Beispiel, wo Aussage gegen Aussage steht, Überlieferung gegen Überlieferung. Wer sagt nun die Wahrheit? Und wer lügt? Gewiss ist nur - der Kirchenvater Hieronymus hat Ende des 4. Jahrhunderts darüber berichtet -, dass es der sich herausbildenden Amtskirche darum geht, die bisher vielfältigen Überlieferungen mehr und mehr in ihrem Sinne zurecht zu biegen.

Zum Schlachten geboren?

In den ersten Jahrhunderten gilt es in kirchlichen Kreisen als Kriterium für Wahrheit, wenn eine Schrift von einem Apostel stammte. Eine solche Herkunft kann man natürlich auch vortäuschen, um für eine bestimmte Schrift z. B. einen Platz in der entstehenden Bibel zu beanspruchen. Dies ist offenbar der Fall beim 2. Petrusbrief, der angeblich vom Jünger Petrus stammt und deshalb von der Kirche auch zum "Wort Gottes" erklärt wurde. Doch die neutestamentliche Wissenschaft ist sich heute weitgehend sicher, dass der Brief nicht von Petrus stammt - man spricht aber nur selten von einer "Fälschung", sondern verwendet lieber den beschönigenden Begriff "Pseudepigraphie" (= "Pseudo-Schrift").
Und was trägt dieser kirchlicherseits zum "Gotteswort" erhobene gefälschte Brief zum Thema bei? Der Verfasser lässt anlässlich der Beschimpfung von Andersgläubigen durchblicken, was er von Tieren hält. Die angeblichen Irrlehrer seien nämlich wie die angeblich "unvernünftigen" Tiere, "die von Natur dazu geboren sind, dass sie gefangen und geschlachtet werden" (2, 2) - eine Perversion der Lehre des Jesus und seines Jüngers Petrus, der sich nach antiken Quellen vegetarisch "von Brot und Oliven" ernährte, "denen er teilweise Gemüse hinzufüge" (Clementinische Homilien XII, 6; vgl. auch die Fälschung in Apostelgeschichte 11, 7-9).

Blei in den Hals

Doch es kommt noch einmal schlimmer: In der nun folgenden Zeit bleibt es nicht beim Rufmord an einzelnen Urchristen oder an einzelnen Gemeinschaften, die man wie z. B. im 2. Petrusbrief verleumdet. Die kirchlichen Tiermörder werden sehr bald auch zu Menschenmördern. Ein Beispiel dafür wird von Kaiser Konstantin berichtet, der die katholische Kirche ab dem Jahr 313 massiv bevorzugt und die urchristlichen Bewegungen ab 326 verfolgen lässt, auch wenn er selbst erst auf dem Sterbebett katholisch wurde. In diesem Jahr wird von ihm das so genannte "Häretikergesetz" erlassen, das jede Art von Versammlungen von Christen, die vom Katholizismus abweichen, auch private, verbietet. Wer von nun an Urchristen oder verwandten Gruppen einen Raum für Treffen zur Verfügung stellt, dessen Haus soll an die römisch-katholische Kirche übereignet werden. Von Konstantin ist überliefert, dass er den auf Alkohol verzichtenden und vegetarischen "Irrlehrern" offenbar flüssiges Blei in den Hals schütten ließ.
In dem Kampf gegen die vegetarische "Irrlehre" hatte die Kirche bis dahin schon Erfahrung. So lautete im 2. Jahrhundert im Osten des römischen Reiches z. B. ein Abschnitt eines Glaubensbekenntnisses, das neue Mitglieder beim Eintritt in die Kirche sprechen mussten: "Ich verfluche die Nazarener, die Sturen, die verneinen, dass das Opfergesetz von Moses gegeben wurde, die sich dem Essen lebender Kreaturen enthalten und die nie Opfer darbieten". Das Glaubensbekenntnis ist den Clementiner Erinnerungen beigefügt  (zit. nach dem Buch des Qumran-Forschers Hugh J. Schonfield, Die Essener, Fulda 1985, S. 99, der wiederum auf den bekannten Klassiker von James Parkes, The Conflict of the Church and the Synagogue, London 1934, S. 398, verweist. Die Clementiner Erinnerungen sind offenbar beim Kirchenvater Hegesipp (um 180) erwähnt). Von jüdischen "Neubekehrten" wurde darin eine klare Abgrenzung von den "Nazarenern" gefordert, einer der vielen von der Kirche bekämpften urchristlichen oder jüdischen Gemeinschaften, die in den Schriften der Kirchenväter unter zahlreichen Namensbezeichnungen erwähnt wurden.

Daran anknüpfend lässt die kirchliche Inquisition des Mittelalters Menschen aufhängen, die sich weigern, Tiere zu töten. Als Beweis seiner Rechtgläubigkeit muss ein Verdächtiger z. B. öffentlich ein Tier schlachten. Aus dem Jahr 1051 wird berichtet, dass die Bischofsversammlung von Glosar/Frankreich die Todesstrafe für einige Urchristen verhängt, die sich weigern, Hühner umzubringen (Das Papsttum in seiner sozial-kulturellen Wirksamkeit, Leipzig 1904, S. 35). Als Verdachtsmoment gilt bereits ihr "blasses Aussehen", was man mit der vegetarischen Ernährung in Verbindung bringt (Strehlow, a. a. O., S. 55). Und während im oströmischen Reich der Genuss von Wurst noch verboten ist, fördert ihn das kirchenchristliche Abendland mit Nachdruck, und die Situation für die Tiere verschlechtert sich immer weiter. So wird ihnen durch die Kirchenheiligen Augustin und Thomas von Aquin eine unsterbliche Seele abgesprochen. Damit werden sie ausdrücklich vom Heil in Christus ausgeschlossen. In diesem Umfeld gründet man kirchliche Metzgerzünfte, und Vegetarier werden bedrängt und verfolgt. Eine Grundlage dafür ist auch der Bannfluch von Papst Johannes III. (561-574) auf der 1. Synode von Braga/Portugal: "Wenn jemand Fleischspeisen, die Gott den Menschen zum Genuss gegeben hat, für unrein hält und ... auf sie verzichtet ..., der sei mit dem Bannfluch belegt" (Cod. Alderspac. 184 membranac. Saec. XIV. zit. nach Ignaz von Döllinger, Beiträge zur Sektengeschichte des Mittelalters, Bd. 2, München 1890, S. 295 f.). Ein päpstlicher Bannfluch ist eine Art Todesurteil, denn er hatte die "Vogelfreiheit" zur Folge. Der Verfluchte wird aus der Gesellschaft ausgeschlossen, er verliert alle Rechte, und jeder darf ihn straflos töten.
Und wie ergeht es den Tieren selbst? Zu Ehren des "heiligen" Vinzenzus wird z. B. jährlich eine Ziege in Manganeses de la Polverosa in Spanien lebend vom Kirchturm geworfen. In anderen Orten werden Stiere zur Ehre des katholischen Schutzheiligen des Ortes durch die Straßen getrieben und am Ende der Festlichkeiten abgestochen. Diese und viele weitere grausame Bräuche und Traditionen entstehen in der katholischen Bevölkerung. Zahllose Tiere werden zudem als Weihnachts- und Osterfestbraten in allen kirchlich geprägten Ländern bis heute qualvoll gemästet und verzehrt, und in dem überwiegend katholischem Frankreich erklärt die Nationalversammlung erst im Jahr 2005 die Gänsestopfleber, wofür die Tiere zuvor "gestopft", d. h. mit qualvollen Mitteln aufgebläht und aufgedunsen werden, zum "nationalen Kulturerbe".
Während die katholische Lehre bestrebt ist, das teilweise furchtbare Verhalten der Menschen gegenüber den Tieren auch theologisch zu rechtfertigen (z. B. Katholischer Katechismus Nr. 2417 und Nr. 2418), wird das Thema in der evangelischen Theologie weitgehend ignoriert. So schreibt etwa der Theologe Dr. Guido Knörzer über die evangelischen Denkgebäude: "Tiere, Pflanzen, die Welt kommen hier nicht mehr vor" (Töten und Fressen? München 2001, S. 60). Vielleicht ist ein tiefenpsychologischer Grund für den schlimmen Umgang der Kirche mit den Tieren auch, dass diese weder katholisch noch evangelisch sind, sondern einfach Geschöpfe Gottes.

Kleine Veränderungen ...

Da das Thema "Tiere" bzw. "Tierleid" im aktuellen evangelischen Katechismus überhaupt nicht vorkommt, ist es nicht verwunderlich, dass man auch bis in die jüngere Vergangenheit hinein die trotz Vernichtung noch vorhandenen Spuren der urchristlichen Tierfreundlichkeit gerne unterschlägt. Z. B. wird in dem von Eduard Hennecke herausgegebenen wissenschaftlichen Nachschlagewerk Neutestamentliche Apokryphen (2. Auflage, 1924) der Kirchenvater Hegesipp (um 180) zitiert. Der antike Zeuge schreibt darin über den Jesusbruder Jakobus, den ersten Leiter der Jerusalemer Urgemeinde: "Er genoss weder Wein noch Rauschtrank." Professor Hennecke zitiert diese Quelle aber nur teilweise, worauf Carl Anders Skriver (a.a.O., S. 13) aufmerksam macht, denn bei Hegesipp heißt es weiter "... und aß nichts, das beseelt war". In der 6. Auflage (1990) ist der Satz mittlerweile wieder vollständig zitiert.

Eine Verwechslung?

Doch was manchen Theologen nicht ins Konzept passt, wird möglicherweise auch dann angezweifelt, wenn die Quelle eindeutig ist. So mutmaßt z. B. der bekannte evangelische Theologe Walter Bauer (20. Jahrhundert), Professor und Herausgeber des Standardwerks Handbuch zum Neuen Testament, ob der Kirchenvater Clemens von Alexandrien (2. Jahrhundert) wohl die Jüngernamen durcheinander gebracht habe (nach Skriver, a.a.O., S. 15). Er schreibt: "Die Meinung, dass er [Matthäus] strenger Vegetarier gewesen sei (Paidagogos II, 1.16: "Matthäus lebte von Samenkörnern, Baumfrüchten und Gemüsen ohne Fleisch"), hat ihren Grund wohl in einer Verwechslung mit dem Apostel Matthias ..." Aus den antiken Quellen geht jedoch hervor, dass beide, Matthäus und Matthias, Vegetarier waren und längst nicht nur diese beiden. Es gibt allem Anschein nach keine antiken Zeugnisse, dass auch nur ein Apostel Fleisch gegessen hatte (mit Ausnahme des Außenseiters Paulus). Demgegenüber stehen viele Berichte, dass sie darauf verzichteten.

Verfolgt und getötet

Dieses Wissen von der Lebensweise von Jesus und den Jüngern zieht sich im Untergrund durch die gesamte Geschichte der Christenheit und findet immer wieder Nachfolger. Ein weiteres Beispiel sind die ebenfalls vegetarisch lebenden Katharer im mittelalterlichen Südfrankreich. Sie werden - wie viele andere Urchristen auch - von der Kirche grausam verfolgt und getötet.

Heute kann man die weltweite Massentierhaltung und den Rekord an Tierversuchen als grausige Höhepunkte einer kirchlichen Tradition betrachten, die den Menschen als "Ebenbild Gottes" von Natur und Tieren getrennt hat. Als Tüpfelchen auf das "i" passte dazu, dass sich im Jahr 2000 noch die meisten Abgeordneten der so genannten C-Parteien in Deutschland ("c" von "christlich"), CDU und CSU, weigerten, der Aufnahme des Tierschutzes in das deutsche Grundgesetz zuzustimmen. Erst im Jahr 2002 fand sich in diesen Parteien dafür eine Mehrheit und das Grundgesetz konnte um den Tierschutz erweitert werden. Doch als eine Folge des bis dahin fehlenden Grundrechts wurde Anfang 2002 noch das Verbot des betäubungslosen Schlachtens ("Schächtens") für muslimische Metzger in Deutschland aufgehoben. Gleich den jüdischen Metzgern wurde nun auch ihnen das Schächten erlaubt. Und auch sonst hat sich trotz der Grundgesetz-Erweiterung für die Tiere seither praktisch so gut wie nichts verbessert.

Eindringliche Warnungen

Mittlerweile hat sich die weltgeschichtliche Situation allerdings vielfach verändert, und Natur und Tiere gehorchen dem Kannibalen "Mensch" insgesamt immer weniger. Naturkatastrophen stürzen immer häufiger auf die Menschen ein, und die durch den Fleischverzehr verursachten Krankheiten und Seuchen nehmen weltweit rapid zu. Immer wieder hatte es zuvor in der Geschichte gegen den Widerstand von Theologie und Kirche Versuche gegeben, die verrohte und tierkannibalische Menschheit aufzurütteln. So wird auch heute von vielen Gruppen und Einzelpersonen eindringlich davor gewarnt, das bestialische Verhalten gegenüber der Tierwelt fortzusetzen. Denn Tiere leiden und empfinden wie wir Menschen, je nach ihrem Bewusstseinsgrad mehr oder weniger. Für den Verursacher dieses Leids, den Menschen, bedeutet dies früher oder später: Was er sät, das wird er ernten, so die Warnungen. Konkret: Was er den Tieren antut, fällt früher oder später auch auf ihn zurück und wird ihm angetan - wenn es nicht rechtzeitig und ernsthaft bereut und durch ein neues Verhalten unter Beweis gestellt wird.
 

Hinweis: Der oben stehende Aufsatz wurde auch als Teil 3 der vierteiligen Schrift Jesus und die ersten Christen waren Freunde der Tiere übernommen. Alle vier Teile einsehbar unter www.theologe.de/theologe7.htm


Journal Das Friedensreich, Ausgabe Nr. 12/01


Copyright © Verlag Das Weisse Pferd, Max-Braun-Straße 2, 97828 Marktheidenfeld, Fax: 09391/504-210
http://www.das-weisse-pferd.com - E-Mail: info@das-weisse-pferd.com

Hit Counter