Kirchenvermögen

Abzocker im Talar

Früher kostete es das Leben, wenn sich die Kirche an ihren Opfern bereicherte – an den Sachsen im Frankenreich, den Sarazenen im Orient und den Indianern in Spaniens Kolonien. Heute kostet es nur mehr Geld, wenn kirchliche Würdenträger den Staat mit politischem Druck und ihre Mitglieder mit geistlichen Drohungen dazu zwingen, den Kirchenreichtum jährlich in Milliardenhöhe zu vermehren. Eine neue Untersuchung fördert dazu Erstaunliches zutage.

Es war einmal vor 2000 Jahren, da zog ein schlichter Wanderprediger durch Galiläa, begleitet von einer Schar Jünger, ebenfalls einfach wie ihr Meister, Jesus von Nazareth. Es stellte sich heraus, dass Er der Christus Gottes war, der Erlöser der Menschheit. Er lehrte: »Mein Reich ist nicht von dieser Welt« (Johannes 18, 36) und jagte die Händler und Geldwechsler aus dem Tempel (Markus 11, 15). Die frühen Christen hielten sich für rund 200 Jahre an Seine Regeln, teilten ihre bescheidene Habe und lebten in der Gemeinschaft (Apostelgeschichte 2, 42 f.).
Doch bald kam es zu einer historischen Wende: Ein römischer Kaiser erhob das Christentum Anfang des 4.Jahrhunderts zur Staatsreligion. Aus den frühen Christengemeinden formierte sich eine Kirche, die mit Jesus von Nazareth nichts mehr zu tun hatte, denn sie praktizierte das Gegenteil von dem, was Er lehrte: Sie raubte, brandschatzte und mordete im Verbund mit der jeweiligen Staatsmacht 1500 Jahre hindurch und wurde zu einer »Organisation«, die wie keine andere in der Welt »so lange, so fortgesetzt und so scheußlich mit Verbrechen belastet ist«1. Sie brachte auf Kreuzzügen, bei Ketzer- und Hexenverbrennungen und bei der gewaltsamen Missionierung der »Heiden« von Sachsen bis Südamerika mehr Menschen um als Hitler und Stalin zusammen. 

Fast eine Billion

Die weltweiten Raubzüge haben sich gelohnt. Es entstand das größte Wirtschaftsimperium der Geschichte. Vergessen war die Bergpredigt des Nazareners, verraten Seine Aufrufe zur Friedfertigkeit und verhöhnt Sein Grundsatz: »Mein Reich ist nicht von dieser Welt«. Dabei blieb es bis heute. Welche Steigerung kirchliche Raffgier bis in die jüngste Zeit erfährt, ergibt sich aus einer soeben erschienenen und vom Magazin Der Spiegel vorgestellten wissenschaftlichen Untersuchung des Hamburger Politologen Carsten Frerk zum Thema: »Finanzen und Vermögen der Kirchen in Deutschland«. Der Autor fördert Erstaunliches zutage: Die beiden großen Kirchen in Deutschland verfügen über ein Gesamtvermögen von fast einer Billion Mark – Aktien, Investmentfonds, Bankkonten, Immobilien, Firmenbeteiligungen ... die Kirchen sind die reichsten Unternehmer der Republik. Ihr Immobilienvermögen umfasst 6,8 Milliarden Quadratmeter Grund und Boden – laut Spiegel (Nr. 49/2001) »etwa dreimal so viel wie Bremen, Hamburg, Berlin und München zusammen.«

Ein frommes Märchen

Die Zahlen sind atemberaubend. Vor allem, wenn man bedenkt, was die Kirche mit ihrem Vermögen macht. Nach Frerks Untersuchung setzt sie es in erster Linie zu weiterer Vermögensmehrung ein. Vor einigen Jahren gaben beide Kirchen zu, allein aus ihrem Vermögensbesitz über 5 Milliarden Mark an Zinsen erzielt zu haben – steuerfrei, denn die Kirchen müssen keine Steuern zahlen. »Ihre Ausgaben für Personal, Seelsorge und gute Taten decken die Kirchen jedoch kaum aus Vermögen, sondern vor allem aus laufenden Einnahmen. Allein 17 Milliarden kommen jährlich durch die zwangsweise von den Mitgliedern erhobene Kirchensteuer herein ... weitere 19,1 Milliarden beziehen sie aus staatlichen Quellen ... Der Staat verzichtet außerdem auf 20 Milliarden Einnahmen, indem er den Kirchen steuerliche Privilegien einräumt. Zudem kostet die Abzugsfähigkeit der Kirchensteuer mittlerweile rund 6,8 Milliarden pro Jahr« (Der Spiegel Nr. 49/2001; die Zahl ist zufällig gleich groß wie bei den Quadratmetern an Grund und Boden; siehe oben). Mit öffentlichen Geldern werden unter anderem bezahlt oder unterstützt: Die Militärseelsorge, der Religionsunterricht an staatlichen Schulen, theologische Fakultäten, Bischöfe und Pfarrer, Kirchentage, kirchliche Jugendheime, kirchliche Kindertagesstätten, kirchliche Bibliotheken und Konfessionsschulen. Dabei geben die Kirchen für öffentliche Sozialeinrichtungen nur 5 - 8 % ihrer Kirchensteuereinnahmen aus. Den Rest bezahlen die privaten Nutzer, der Staat und die Krankenkassen. Diese Daten werden gerne verschleiert. Sie erweisen das »Sozialengagement« der Kirchen als frommes Märchen und die Behauptung, ohne durch die Kirchen finanzierte Sozialarbeit breche das bundesdeutsche Sozialsystem zusammen, als weniger schlichte Erpressung. Zugute kommt sie einer Kirche, von der sich jährlich Hunderttausende abwenden. Immer drängender stellt sich deshalb die Frage, ob die milliardenschwere staatliche Finanzierung einer Kirchenbürokratie ohne Gläubige und ohne angemessenen sozialen Einsatz länger zu rechtfertigen ist. Während die Staatskasse immer leerer wird, wird das Kirchensäckel immer praller, während der Bürger den Gürtel enger schnallen soll, schreitet der Klerus wohlbeleibt durch jede Rezession. Wie lange darf der Finanzminister, der verzweifelt nach Sparmöglichkeiten sucht, da noch dran vorbeischauen? (Matthias Holzbauer)
 

1 Karlheinz Deschner, Die beleidigte Kirche, Ahriman-Verlag, 1986, S. 43; Buch für 4,35 € + Versand erhältlich über die Redaktion: Tel. 09391/504-207 [Zurück]


Journal Das Friedensreich, Ausgabe Nr. 1/02
 


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