Interview

               Wie man sich bettet ...

Was für unsere Großeltern keine Frage war – einmal gekauft, bis ans Lebensende bewahrt –, ist heute längst nicht mehr selbstverständlich. Wohn-Journale sprießen aus dem Boden, Einrichtungstipps sind fester Bestandteil der Publikumszeitschriften geworden. Gleichzeitig hält esoterisch-östliches Gedankengut zur Inneneinrichtung Einzug in westliche Wohnzimmer – Tischerücken für aufgeklärte Zeitgenossen?

Die Redaktion hat zwei Mitarbeiter des Second-Hand-Möbelhauses "Das Karussell" eingeladen und sie zu ihren Erfahrungen befragt

Sie sind in einem Einrichtungshaus tätig, das Möbel und Accessoires aus zweiter Hand anbietet. Welche Gesichtspunkte sind für Sie bei der Wohnungseinrichtung maßgeblich?

Vera M.: Die Wohnung ist für mich ein Ort zum Auftanken. Wenn ich nach Hause komme, erfreue ich mich an meiner Wohnung und den schönen Dingen, die ich darin finde. Das bringt Ruhe und Ausgewogenheit nach einem turbulenten Arbeitstag.

Wenn man sich einmal in seinen vier Wänden wohl fühlt, welchen Grund sollte es dann geben, die Einrichtung zu erneuern oder zu verändern?

Vera M.: Dafür gibt es viele Gründe. Einer ist, dass man sich selbst im Laufe des Lebens verändert. Man macht verschiedene Phasen oder Lebensabschnitte durch, entwickelt sich. Entsprechend kommt auch das Gefühl »dieser Stil, dieses Möbel, diese Farbe passt nicht mehr zu mir«.

Dann ist die Zeit reif für eine komplett neue Einrichtung? 

Karin H.: Oft kommen Kunden, die sich gerne neu einrichten möchten und sich unsicher sind: »Muss ich alles Alte rausschmeißen?«, fragen sie dann. Eine Möglichkeit ist, einmal mit einem Stück zu beginnen, das einem wirklich gefällt. Das kann ein kleines Tischchen sein oder ein Stuhl oder auch nur eine Lampe. Und dann geht das weiter wie ein Dominoeffekt. Bald kommt ein weiteres Stück dazu, und noch eines. Es muss nicht von Anfang an perfekt durchdacht sein.

Vera M.: Wenn man einmal begonnen hat, wird auch das Auge sensitiver. Der Mut zur Veränderung weckt eine kreative Ader. Man bekommt Ideen, blättert in Büchern oder Zeitschriften, oder man sieht etwas in einem Schaufenster, in das man noch nie hineingesehen hat. 

Andererseits ist Inneneinrichtung aber doch auch nicht jedermanns Sache. Manche Menschen haben da ein Händchen, andere eben nicht, oder?

Vera M.: Ich sehe das anders. Kreativ sein kann jeder. Einfach mal etwas Neues reinstellen in die Wohnung und dann ruhig mal von einer Ecke in die andere räumen. Einfach ausprobieren und dann schauen, wie es wirkt. Das kann jeder, und jeder entwickelt ein Gefühl dafür, was ihm gefällt und entspricht.

Karin H.: Kinder haben dieses Gespür meist noch. Wir Erwachsenen richten uns viel zu sehr nach Trends.
Meine ältere Tochter hat neulich das Zimmer der Jüngeren einfach komplett umgeräumt, die Schränke leicht schräg, das Bett in eine Nische... Als die Jüngere abends in ihrem »neuen« Zimmer im Bett lag, war sie ganz glücklich.

Vera M.: Das ist ein guter Tipp. Denn wenn man etwas verändern möchte, und nicht so genau weiß, was, kann man einfach mal die bisherigen Möbel umstellen. Vor einer anderen Wand oder einer anderen Tapete wirkt ein Möbelstück oftmals völlig anders. Man kann auch damit beginnen, eine Wand neu zu streichen. Eine neue Zimmerfarbe verändert den Raum total, gibt ihm einen anderen Charakter. Eine Veränderung in der Wohnung ist vielen Menschen z.B. eine Hilfe, plötzliche Veränderungen oder Schicksalsschläge besser zu bewältigen.

Eine persönliche Frage: Wie oft räumen Sie bei sich zu Hause um?

Karin H.: Nicht selten. Eine veränderte Umgebung, in der ich mich wohl fühle, ist oft auch Unterstützung für einen inneren Schritt, für eine innere Veränderung. Jedes Möbel oder Accessoire hat seinen Charakter. So kann ein Möbelstück auch Einfluss auf die eigene Charakterentwicklung haben. Ich kann mich mit eher bodenständigen Möbeln umgeben oder mit leichten, je nachdem, was für mich persönlich gerade dran ist. Ein Möbel kann etwas ins Rollen bringen, es ist so eine Art Wechselwirkung.

Vera M.: Das stimmt. Man verhält sich zum Beispiel in einer gehobenen Umgebung tatsächlich anders. Auf ein edles Sofa setzt man sich anders. Man lümmelt nicht so. Oder haben Sie schon einmal aus einer richtig wertvollen Porzellantasse getrunken? Das ist komplett anders, als aus dem üblichen Tee-Pott.

Wie wichtig sind für Sie bei der Zimmereinrichtung diese kleinen Dinge, wie z.B. eine Tasse?

Vera M.: Accessoires kleiden einen Raum aus. Sie sind das Tüpfelchen auf dem i, sie machen ein Zimmer gemütlich und runden das Gesamtbild ab. 

Karin H.: Das kann jeder ausprobieren und einmal beobachten, wie stark sich ein Accessoire, z.B. ein Bild an der Wand oder eine Stehlampe, auf die gesamte Atmosphäre eines Raumes auswirkt. 

Vera M.: Durch Accessoires oder Kleinmöbel wird man oftmals erst angeregt zu einer größeren Veränderung. Eine Kundin sagte vor einigen Wochen: »Mir gefällt mein Zimmer, da möchte ich gar nichts verändern.« Sie hat dann trotzdem ein kleines Mahagonitischchen mitgenommen, obwohl das eigentlich gar nicht so recht zu ihrer Einrichtung passte. Es hat ihr einfach so gut gefallen. Und dann bekam das Tischchen offenbar eine Art Eigendynamik - vor kurzem hat sich die Kundin noch ein passendes Vertiko dazugekauft.

Das klingt nach einem teuren Hobby. Geht diese stetige Veränderung der Wohnräume nicht ziemlich ins Geld?

Karin H.: Kostbares muss nicht teuer sein. Es lohnt sich, einfach mal die Augen offen zu halten, was es Günstiges gibt, und dann nach und nach die Einrichtung zu ergänzen. Man muss ja nicht alles auf einmal kaufen.

Vera M.: Außerdem: Für andere Dinge geben wir auch oft sehr viel Geld aus, für ein Auto zum Beispiel. Ich finde die Einrichtung sehr wesentlich, man darf das nicht unterschätzen. Wenn ich mich in meinen Möbeln zu Hause fühle, wenn ich mich an der Einrichtung erfreuen kann und ein Stück Zufriedenheit einzieht, dann ist mir das auch etwas wert. Die Einrichtung ist wie ein zweites Kleid und wenn ich damit unzufrieden bin, belastet mich das letztendlich mehr, als wenn ich mir einmal etwas leiste.

Karin H.: Außerdem kann man die Dinge, die einem nicht mehr gefallen, auch wieder verkaufen und sich so etwas Neues leisten - ruhig auch etwas aus zweiter Hand, das kostet oft nur einen Bruchteil des Neupreises.

Hat Second-Hand-Ware nicht eher ein Schmuddel-Image? Wenn ich mir etwas Neues kaufe, soll es ja dann doch auch etwas Schönes, Gehobenes sein ...

Karin H.: Dieses Image wird der Realität überhaupt nicht gerecht. Guterhaltene und gepflegte Möbel aus zweiter Hand haben meist eine Qualität, die es heute gar nicht mehr gibt oder die unbezahlbar wäre. In den Trüggelmann-Möbeln oder den Schnitzereien einer Chippendale-Kommode - da steckt noch echte Handwerkskunst drin. Die Sorgfalt und Liebe, die da hineingelegt wurden, strahlen diese Möbel heute noch aus. 

Vera M.: Möbel oder Accessoires aus zweiter Hand haben eine Geschichte, besonders wenn es antike Stücke sind. Sie sind lebendig, sie wirken im Raum oft ganz anders, individueller als nagelneue Möbel.

Karin H.: Wobei ich auch nichts gegen neue Sachen habe. Ich finde, man kann das gut kombinieren. Manche Leute denken, alles muss einheitlich sein, aber das stimmt nicht. Eine moderne Couchgarnitur mit antiken Möbeln - das ist erste Sahne. Auch lässt sich dunkles Mahagoni-Holz mit hellen Kirschmöbeln stilvoll arrangieren. Auch hier ist die Devise: Mut zum Ausprobieren!

Eine letzte Frage: Was halten Sie vom neuen Trend, die Zimmergestaltung anhand von Ost-West-Systemen, Trigrammen oder so genannten »Energieeingangstüren« vorzunehmen, wie das in der östlichen Feng-Shui-Philosophie empfohlen wird?

Vera M.: Ich halte davon nicht viel. Man richtet sich durch intensive Beschäftigung mit solchen Kräften auf diese Energien aus statt auf Gott und kann auch ungewollt zum Spielball dieser Energien werden. Mein Motto ist: Selbst empfindsam werden und spüren, welches Möbel, welche Farbe, welche Einrichtung zu mir passt oder was mir gut tut. Aus diesem Einklang, aus dem Wohlgefühl und der Freude an einem Raum, der mir entspricht, kann ich Kraft schöpfen für meinen Alltag und meinen weiteren Lebensweg.

Vielen Dank für das Gespräch!


Siehe
: http://www.das-karussell.com/


Journal Das Friedensreich, Ausgabe Nr. 2/02

 


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