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Fantasy-Welle Flucht in eine andere Welt? Ausgerechnet in einer Zeit zunehmenden Terrors und größter Unsicherheit strömen Menschenmassen in die Kinos, um in andere, phantasievoll konstruierte Welten zu flüchten. Doch lässt sich daraus vieles für das eigene Leben erlernen. »Hotter than
Potter«, heißer als Potter – so kündigte der englische Mirror den ersten Teil
der Film-Trilogie Der Herr der Ringe an, der in der Tat den zuvor hochgejubelten Harry-Potter-Film als Publikumsmagnet noch übertrifft. Der Engländer J.R.R. Tolkien (1892-1973) gilt als »Urvater« der »Fantasy«. Sein Epos Der Herr der Ringe, seit 1954 in drei Bänden erschienen, wurde seither in über 50 Millionen Exemplaren verkauft und in viele Sprachen übersetzt. Der Anglistik-Professor erfand eine ganz eigene Welt, die er mit Sagengestalten aus keltischen, germanischen und finnischen Mythen bevölkerte: Elben, Zwerge, Zauberer, Trolle, Drachen, aber auch Menschen. Diese Sagenwelt reicherte er durch eigene »Erfindungen« an – etwa durch die eher gemütlichen »Hobbits« oder »Halblinge«, weil sie kleiner und kindlicher als Menschen sind. Oder durch die »Orks«, entartete Elben, die dem Bösen dienen. Aus heutiger Sicht sehr modern mutet Tolkiens Idee an, den bösen Zauberer Saruman durch eine Art Genmanipulation eine Kreuzung aus Mensch und »Ork« erschaffen zu lassen, wobei grässliche Kampfmaschinen, »Uruk-Hai« genannt, entstanden. In Film und Buch geht es um die Ringe, die der tyrannische Gewaltherrscher Sauron geschmiedet hat, um die (Tolkiensche) Welt zu beherrschen. Ein Ring übertrifft die anderen an heimtückischer Wirksamkeit: Er verführt seine jeweiligen Träger dazu, seine Macht zu benützen, um sich unsichtbar zu machen und über andere zu herrschen – doch dadurch geraten sie unweigerlich in Saurons Abhängigkeit. Ausgerechnet die kindlichen Hobbits widerstehen der Versuchung der Macht. Einer Koalition der dem Guten zustrebenden Kräfte aus Elben, Zwergen, Menschen, Hobbits, zahlreichen Tieren und Pflanzen gelingt es schließlich, den Ring zu vernichten und Saurons Macht zu brechen. Film und Buch stießen immer schon, trotz ihrer Beliebtheit bei Lesern und Zuschauern, auf Kritik vieler Intellektueller. »Murks in Mittelerde« höhnte Der Spiegel, »Gnadenloser Angriff auf den Markt« schrieb Die Zeit. Tolkiens Neigung zum Pathos, seine Sorgfalt bei der Auswahl der Worte und seine Betonung von Werten wie Ehre, Würde, Treue, Freundschaft, Mut und Opferbereitschaft für einen guten Zweck klingen nicht sehr zeitgemäß. Doch genau dies scheint viele Menschen anzusprechen. Ein besonderes Phänomen ist die internationale Gemeinde der »Tolkienisten«, die sich, gelegentlich auch übereifrig, gegen Versuche wehren, das Werk ihres »Meisters« auf modernes Zeitgeistformat herunterzuziehen. Als Klett-Cotta eine neue Übersetzung des inzwischen einmal mehr in die Bestseller-Listen vorgedrungenen Buches auf den Markt brachte, protestierte die Fangemeinde – wohl nicht ganz zu Unrecht, wie die Ketzerbriefe (Nr. 104) analysieren. Denn es macht schon einen Unterschied, ob man »Edelsteine« oder »Klunker« sagt, »Herr« oder »Chef«, »Wirtshäuser« oder »Imbissstuben«, ob der Zauberer (Neuübersetzung: »Wandergaukler«) Gandalf »grimmig redet« oder jemanden »anschnauzt«, ob einer der Gefährten die Tür »zudrückt« oder »zuknallt«. Sprache vermittelt Gefühle, Werte – und die Leser des Herrn der Ringe wollen nicht den gleichen Slang hören wie in jeder Nachmittagstalkshow. Der Verlag musste die »Verschlimmbesserung« wieder zurücknehmen. Kampf gegen das Böse Der Vorwurf der »Flucht« vor der Realität in eine heile Welt wurde Tolkien schon zu Lebzeiten gemacht. »Wer flüchtet, desertiert nicht«, soll er einmal dazu gesagt haben. Und sein Freund Roger Sale fügte hinzu, »dass nur ein Wahnsinniger oder ein Dummkopf das 20. Jahrhundert ohne Grausen betrachten« könne. Tolkien machte nicht nur tiefgreifende Erfahrungen mit Krieg und Gewalt – er nahm als junger Gefreiter am Ersten Weltkrieg teil. Schon als Kind wurde er geschockt durch die rücksichtslose Industrialisierung und Ausbeutung sowohl der Menschen wie der Natur in Mittelengland. »Das Böse« in seinem Buch versucht die Menschen zu versklaven und verwüstet gnadenlos die Natur. All diese Gefahren sind, von Terror und ungehemmter Globalisierung bis hin zu fortschreitender Umweltvernichtung, heute aktueller denn je; ihre Thematisierung erklärt zumindest teilweise den Erfolg des Buches. Drachen und Riesenspinne überwinden Wenn es in diesem Buch nur so von Kampfszenen wimmelt, so könnte man diese auch als Archetypen eines Kampfes deuten, der im Menschen selbst stattfindet: Der Kampf mit dem Drachen Smaug (im Einleitungsbuch Der kleine Hobbit) könnte auch der Kampf gegen die eigenen Aggressionen und ungehemmten Triebe sein; der Kampf mit der Riesenspinne Kankra (der wohl erst im zweiten Filmteil Ende 2002 zu sehen sein wird) erinnert an das Ringen mit der eigenen Selbstsucht, mit der wir uns in unsere Wünsche und Vorstellungen einspinnen. Der Kampf gegen das Böse in der Welt ist das Hauptthema des Buches – allerdings wird zuwenig deutlich, wo dieses Böse beginnt: in unseren Gedanken und Gefühlen. Doch wie kann es besiegt werden? Sieg über das Ego - für eine höhere Ethik Auch Gabriele,
die Prophetin im Universellen Leben, verwendet einen Archetypus, wenn sie in
ihrem Buch
Ich Ich Ich - die Spinne im Netz schreibt: »Das nimmersatte Ego des Menschen, das in allen seinen Äußerungen gleichsam schreit: ‚Ich, ich, ich – immer nur alles für mich’, schafft uns unsere Ego-Welt ... Inmitten unseres selbstgesponnenen Kommunikationsnetzes sitzen wir wie eine Spinne, auf Beute lauernd, spinnen weitere Fäden hinzu und sehen doch über den begrenzten Horizont unseres Netzwerks nicht hinaus. Wir sind – von unserem Bewusstsein her – der Nur-Mensch, ... Gefangener in seinem eigenen Netz, gebunden an jene, die er mit seinen Projektionsfäden einfing, ‚einwickelte’, begierig nach ‚noch mehr’ – und doch im Tiefsten rastlos und unzufrieden«
(S. 280).
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