Fantasy-Welle

Flucht in eine andere Welt?

Ausgerechnet in einer Zeit zunehmenden Terrors und größter Unsicherheit strömen Menschenmassen in die Kinos, um in andere, phantasievoll konstruierte Welten zu flüchten. Doch lässt sich daraus vieles für das eigene Leben erlernen.

»Hotter than Potter«, heißer als Potter – so kündigte der englische Mirror den ersten Teil der Film-Trilogie Der Herr der Ringe an, der in der Tat den zuvor hochgejubelten Harry-Potter-Film als Publikumsmagnet noch übertrifft. 
Verwunderlich ist allerdings weniger der Erfolg dieses Films, sondern die Tatsache, dass es fast 50 Jahre dauerte, ehe eines der erfolgreichsten Bücher aller Zeiten verfilmt wurde. Es blieb dem Außenseiter Peter Jackson vorbehalten, die aufwändigste Verfilmung aller Zeiten (600 Millionen Dollar) durchzuführen – nicht in Hollywood, sondern in seiner Heimat Neuseeland.

Der Engländer J.R.R. Tolkien (1892-1973) gilt als »Urvater« der »Fantasy«. Sein Epos Der Herr der Ringe, seit 1954 in drei Bänden erschienen, wurde seither in über 50 Millionen Exemplaren verkauft und in viele Sprachen übersetzt. Der Anglistik-Professor erfand eine ganz eigene Welt, die er mit Sagengestalten aus keltischen, germanischen und finnischen Mythen bevölkerte: Elben, Zwerge, Zauberer, Trolle, Drachen, aber auch Menschen. Diese Sagenwelt reicherte er durch eigene »Erfindungen« an – etwa durch die eher gemütlichen »Hobbits« oder »Halblinge«, weil sie kleiner und kindlicher als Menschen sind. Oder durch die »Orks«, entartete Elben, die dem Bösen dienen. Aus heutiger Sicht sehr modern mutet Tolkiens Idee an, den bösen Zauberer Saruman durch eine Art Genmanipulation eine Kreuzung aus Mensch und »Ork« erschaffen zu lassen, wobei grässliche Kampfmaschinen, »Uruk-Hai« genannt, entstanden.

In Film und Buch geht es um die Ringe, die der tyrannische Gewaltherrscher Sauron geschmiedet hat, um die (Tolkiensche) Welt zu beherrschen. Ein Ring übertrifft die anderen an heimtückischer Wirksamkeit: Er verführt seine jeweiligen Träger dazu, seine Macht zu benützen, um sich unsichtbar zu machen und über andere zu herrschen – doch dadurch geraten sie unweigerlich in Saurons Abhängigkeit. Ausgerechnet die kindlichen Hobbits widerstehen der Versuchung der Macht. Einer Koalition der dem Guten zustrebenden Kräfte aus Elben, Zwergen, Menschen, Hobbits, zahlreichen Tieren und Pflanzen gelingt es schließlich, den Ring zu vernichten und Saurons Macht zu brechen.

Film und Buch stießen immer schon, trotz ihrer Beliebtheit bei Lesern und Zuschauern, auf Kritik vieler Intellektueller. »Murks in Mittelerde« höhnte Der Spiegel, »Gnadenloser Angriff auf den Markt« schrieb Die Zeit. Tolkiens Neigung zum Pathos, seine Sorgfalt bei der Auswahl der Worte und seine Betonung von Werten wie Ehre, Würde, Treue, Freundschaft, Mut und Opferbereitschaft für einen guten Zweck klingen nicht sehr zeitgemäß. Doch genau dies scheint viele Menschen anzusprechen. Ein besonderes Phänomen ist die internationale Gemeinde der »Tolkienisten«, die sich, gelegentlich auch übereifrig, gegen Versuche wehren, das Werk ihres »Meisters« auf modernes Zeitgeistformat herunterzuziehen. Als Klett-Cotta eine neue Übersetzung des inzwischen einmal mehr in die Bestseller-Listen vorgedrungenen Buches auf den Markt brachte, protestierte die Fangemeinde – wohl nicht ganz zu Unrecht, wie die Ketzerbriefe (Nr. 104) analysieren. Denn es macht schon einen Unterschied, ob man »Edelsteine« oder »Klunker« sagt, »Herr« oder »Chef«, »Wirtshäuser« oder »Imbissstuben«, ob der Zauberer (Neuübersetzung: »Wandergaukler«) Gandalf »grimmig redet« oder jemanden »anschnauzt«, ob einer der Gefährten die Tür »zudrückt« oder »zuknallt«. Sprache vermittelt Gefühle, Werte – und die Leser des Herrn der Ringe wollen nicht den gleichen Slang hören wie in jeder Nachmittagstalkshow. Der Verlag musste die »Verschlimmbesserung« wieder zurücknehmen.

Kampf gegen das Böse

Der Vorwurf der »Flucht« vor der Realität in eine heile Welt wurde Tolkien schon zu Lebzeiten gemacht. »Wer flüchtet, desertiert nicht«, soll er einmal dazu gesagt haben. Und sein Freund Roger Sale fügte hinzu, »dass nur ein Wahnsinniger oder ein Dummkopf das 20. Jahrhundert ohne Grausen betrachten« könne. Tolkien machte nicht nur tiefgreifende Erfahrungen mit Krieg und Gewalt – er nahm als junger Gefreiter am Ersten Weltkrieg teil. Schon als Kind wurde er geschockt durch die rücksichtslose Industrialisierung und Ausbeutung sowohl der Menschen wie der Natur in Mittelengland. »Das Böse« in seinem Buch versucht die Menschen zu versklaven und verwüstet gnadenlos die Natur. All diese Gefahren sind, von Terror und ungehemmter Globalisierung bis hin zu fortschreitender Umweltvernichtung, heute aktueller denn je; ihre Thematisierung erklärt zumindest teilweise den Erfolg des Buches. 
Im Grunde hat Tolkien in gleichnishafter Weise uralte Menschheits-Fragen und -Erfahrungen zur Sprache gebracht: Wie können wir in einer aussichtslos erscheinenden Lage mit aller Entschlossenheit für das Gute kämpfen, den Eigennutz besiegen, der Versuchung zur Macht über andere und die Natur widerstehen? Wie können wir zu einem friedlichen Miteinander nicht nur unter uns Menschen, sondern auch mit Tieren und Pflanzen finden?

Drachen und Riesenspinne überwinden

Wenn es in diesem Buch nur so von Kampfszenen wimmelt, so könnte man diese auch als Archetypen eines Kampfes deuten, der im Menschen selbst stattfindet: Der Kampf mit dem Drachen Smaug (im Einleitungsbuch Der kleine Hobbit) könnte auch der Kampf gegen die eigenen Aggressionen und ungehemmten Triebe sein; der Kampf mit der Riesenspinne Kankra (der wohl erst im zweiten Filmteil Ende 2002 zu sehen sein wird) erinnert an das Ringen mit der eigenen Selbstsucht, mit der wir uns in unsere Wünsche und Vorstellungen einspinnen. Der Kampf gegen das Böse in der Welt ist das Hauptthema des Buches – allerdings wird zuwenig deutlich, wo dieses Böse beginnt: in unseren Gedanken und Gefühlen. Doch wie kann es besiegt werden?

Sieg über das Ego - für eine höhere Ethik

Auch Gabriele, die Prophetin im Universellen Leben, verwendet einen Archetypus, wenn sie in ihrem Buch Ich Ich Ich - die Spinne im Netz schreibt: »Das nimmersatte Ego des Menschen, das in allen seinen Äußerungen gleichsam schreit: ‚Ich, ich, ich – immer nur alles für mich’, schafft uns unsere Ego-Welt ... Inmitten unseres selbstgesponnenen Kommunikationsnetzes sitzen wir wie eine Spinne, auf Beute lauernd, spinnen weitere Fäden hinzu und sehen doch über den begrenzten Horizont unseres Netzwerks nicht hinaus. Wir sind – von unserem Bewusstsein her – der Nur-Mensch, ... Gefangener in seinem eigenen Netz, gebunden an jene, die er mit seinen Projektionsfäden einfing, ‚einwickelte’, begierig nach ‚noch mehr’ – und doch im Tiefsten rastlos und unzufrieden« (S. 280). 
Das Böse, Destruktive in der Welt lässt sich nur besiegen, wenn wir zunächst das Böse, die selbstsüchtigen Gedanken und Gefühle, in uns erfassen und besiegen. Wer das selbst gesponnene Netz der eigenen negativen Gedanken und Gefühle erkennt und Faden für Faden – mit Christi Hilfe – auflöst, der erfasst auch, was er Tag für Tag an Positivem in die Welt bringen kann. Er muss sich nicht mehr in Phantasiewelten begeben, um dort gleichsam eine höhere Ethik und Moral zu suchen – er erschließt sie in sich selbst. (mh)

 

Historische Wurzeln

Tolkien schöpft in seinem Epos Der Herr der Ringe aus alten Mythen, unter anderem aus keltischen und germanischen. So kommt ein verwunschener Ring auch in der Välsunga-Saga vor (die auch den Stoff für den Opernzyklus Der Ring des Nibelungen lieferte). Schlapphut und Mantel des Zauberers Gandalf sind in der Mythologie Attribute des Gottes Odin. Der Name »Gandalf« wiederum kommt in der Edda vor - als Name eines Zwerges. Tolkien stritt zwar jegliche Beziehung seines Buches zur tatsächlichen Geschichte ab – doch möglicherweise haben sich historische Erfahrungen z. B. der Kelten in einzelnen Namen niedergeschlagen. So klingt z. B. der Name des bösen Herrschers Sauron (der im Buch nur als lidloses Auge in Erscheinung tritt) ganz ähnlich wie der des assyrischen Gewaltherrschers Sargon II. (Regierungszeit 722-704 v. Chr.), der stolz auf Steinplatten beschreiben ließ, wie er Tausende seiner Gefangenen zu foltern und zu töten befahl. »Sar« steht im Keltischen und Angelsächsischen für »Schmerz«. Nach Ansicht des Historikers Robert Sträuli (1936-97) stammten die Vorfahren der Kelten (und auch der verwandten Germanen) aus Kleinasien und wurden von Reitervölkern nach Europa vertrieben. Auch der Name der scheußlichen »Orks« klingt möglicherweise nicht zufällig wie griech/lat. »orcus«, die Hölle, die Unterwelt. Die »Horiter« oder »Churriter« versetzten damals vom Kaukasus her die umliegenden Völkerschaften, auch die griechischen Ionier, in Angst und Schrecken (»Horror«).

 

Das Spinnennetz auflösen

»Jeder Tag, jede Stunde, jede Minute, jede Sekunde, ja sogar jeder Augenblick ist uns Hilfe auf unserem Weg. Die Bausteine unserer Erdentage geben uns vielfach die Möglichkeit, Aspekte unserer Sünden, also unserer Entsprechungen, die zu unserer Programmwelt wurden, zu erkennen und zu bereinigen, also zu tilgen.
Immer dann, wenn wir uns erregen, wenn uns die Röte ins Gesicht steigt, wenn wir empört mit Worten oder Gesten zurückschlagen oder in Gedanken unsere Mitmenschen beschimpfen, sie abwerten oder hassen, ihnen dieses oder jenes neiden, spricht der Tag zu uns. Er weist uns auf Teile unserer Eingaben hin. Fäden unseres Netzes vibrieren und zeigen uns, die wir uns einer Spinne gleich eingesponnen haben, auf, dass dort eine sündhafte Eingabe vorliegt.« (Aus dem Buch »Ich, Ich, Ich – Die Spinne im Netz«, S. 102, Verlag DAS WORT, http://www.das-wort.com/deutsch/mensch-und-kosmos/ich-ich-ich---die-spinne-im-netz.php

 

»Gegen die Hässlichkeit,
für Heldenmut und Freunde...«

»Für mich zumindest steckt nichts Mysteriöses dahinter, warum das Werk meines Vaters eine so starke Anziehungskraft ausübt: Sein Genie hat schlichtweg dem Ruf der Menschen aller Altersklassen und jeden Temperaments geantwortet, die so angeödet sind von der Hässlichkeit, der Schnelllebigkeit, den falschen Werten, den aalglatten Philosophien, die man ihnen als trostlosen Ersatz gegeben hat für Schönheit, das Gefühl für Geheimnis, Erregung, Abenteuer, Heldenmut und Freunde, ohne die die Seele schließlich stirbt.« (Michael Tolkien)



Journal Das Friedensreich, Ausgabe Nr. 2/02

 


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