Afrika

Ein Kontinent wird geplündert

Afrika, Europas Nachbarkontinent, versinkt im Chaos und geht an irrwitzigen Bürgerkriegen zugrunde, ohne dass dies die abgebrühte Öffentlichkeit der Industrieländer sonderlich bewegt. Dabei sind es gerade westliche Industriekonzerne und Geheimdienste, die zahlreiche dieser Konflikte schüren, um so noch besser an die afrikanischen Bodenschätze heranzukommen.

Weshalb gehen Afrikaner immer im Gänsemarsch? Der polnische Journalist Ryszard Kapusciñski, der diesen Kontinent vierzig Jahre lang bereiste, erklärt es uns: »Weil es keine Fahrzeuge mit Rädern gab, gab es in der Vergangenheit auf diesem unermesslichen Kontinent auch keine Straßen ... Gepflasterte oder asphaltierte Straßen sind in Afrika eine Neuheit, die man erst seit ein paar Jahrzehnten kennt. Statt Fahrstraßen gab es Pfade. ... Dass der Verkehr über Pfade verläuft, erklärt auch, warum sich die Menschen hier für gewöhnlich im Gänsemarsch vorwärts bewegen; sogar wenn sie eine breite Überlandstraße benützen. ... Eine Gruppe, die dahinmarschiert, schweigt daher – der Gänsemarsch erschwert die Unterhaltung.«
Wohin ist Afrika unterwegs? Bewegt es sich überhaupt vorwärts? Ryszard Kapusciñski hat hier ein Bild eingefangen, das uns die Weite eines Kontinents vor Augen führt, der durch sein extremes Klima, durch seine geographischen Barrieren nicht leicht zu erschließen ist – Rinder, Pferde oder Kamele können z. B. nicht vom Norden Afrikas in den Süden gelangen, weil die Tsetse-Fliege ihnen im tropischen Regenwald-Gürtel den Garaus machen würde.
Trotz dieser klimatischen Besonderheiten ist es verwunderlich, weshalb viele asiatische Länder, die Mitte des 20. Jahrhunderts gleichzeitig mit den afrikanischen Ländern unabhängig wurden, heute wirtschaftlich ungleich besser dastehen als jene. Afrika existiert als eigenständiger wirtschaftlicher Faktor in der Weltwirtschaft praktisch nicht – es produziert gerade einmal 1,2 Prozent des weltweiten Sozialprodukts; fast alle Länder sind überdies hoch verschuldet. In vielen Teilen Afrikas geht es den Menschen heute sogar wesentlich schlechter als zur Kolonialzeit. Bürgerkriege, Seuchen, Minen, der Zerfall jeglicher staatlichen Ordnung haben viele Länder verwüstet, die Menschen traumatisiert.
Afrika kann zwar nur wenig produzieren, aber es ist nicht unwichtig als Rohstoffquelle. Es gibt hier Diamanten und Erdöl; es gibt mehr als die Hälfte des Goldes, 90 Prozent des Kobalts, 50 Prozent der Phosphate, 40 Prozent des Platins der Erde. Im Kongo befinden sich die mit Abstand größten Lagerstätten des Erzes Coltan, aus dem Tantal gewonnen wird – unentbehrlich für die Herstellung von Computern und Handys. Junge Hutus, Flüchtlingskinder aus dem benachbarten Ruanda, werden zum Schürfen unter Tage gezwungen. Westliche Konzerne, unter anderem die deutsche Firma Bayer, profitieren durch den Erzabbau. Ein Beispiel von vielen.

Die »amerikanische Wahrheit«

Während afrikanische Staaten zu Zeiten des Kalten Krieges wenigstens als vorgeschobene Basis einer der beiden Supermächte dienen und ihre Haut in Stellvertreterkriegen teuer verkaufen konnten, sind nach dem Fall der Sowjetunion einer grenzenlosen Ausbeutung Tor und Tür geöffnet. »Gemessen an der Raffgier und der Menschenverachtung dieses hemmungslosen ‘Wild-West-Kapitalismus’ erscheint das europäische Kolonialsystem von einst in einem beinah milden Licht«, so der deutsche Journalist Peter Scholl-Latour. In seinem Buch Afrikanische Totenklage prangert er die Schattenseiten einer Globalisierung an, deren Bedingungen einzig von den Mächtigen und Reichen diktiert werden. Er wählt dazu mit Bedacht, um nicht des Antiamerikanismus geziehen zu werden, die Worte des amerikanischen Publizisten William Pfaff: »Man erzählt uns heute, Globalisierung bedeute Fortschritt, Erziehung, Wohlstand und wirtschaftliche Modernisierung. Das ist nur die halbe Wahrheit. Gleichzeitig beschert sie der ‘Dritten Welt’ gesellschaftliche und politische Zerrüttung, die Vernichtung der kulturellen Grundwerte, den Ruin ihrer unterlegenen Industrie und Landwirtschaft.« Kein Wunder, dass die Afrikaner z. B. an der Elfenbeinküste die Globalisierung als »mal américain« bezeichnen, als »amerikanische Krankheit«.

Einmischung macht es nur schlimmer

Am deutlichsten wird dieses Übel am Kongo. Diese fast unerschlossene Landmasse, sechseinhalbmal so groß wie Deutschland, ist im Laufe eines fünfjährigen Bürgerkrieges, eines »afrikanischen Weltkrieges«, in dessen Verlauf mehr als zwei Millionen Menschen starben, von seinen Nachbarn fast vollständig aufgeteilt worden: Truppen aus Ruanda, Uganda, Angola, Simbabwe und Namibia stehen im Land und halten die wichtigsten Rohstofflager – Gold, Diamanten, Kupfer, Coltan – besetzt, deren Ausbeutung sie westlichen Firmenkonsortien überlassen. Ähnliches gilt für Angola oder den Sudan.
Es wäre kurzsichtig, all diese Missstände den ehemaligen Kolonialmächten oder den heutigen Industriestaaten anzulasten. Gewaltherrschaft, Sklaverei, Ausbeutung, Grausamkeiten gab es bereits im vorkolonialen Afrika, und Gewalt von Afrikanern gegen Afrikaner gibt es auch heute noch in erschreckendem Ausmaß. Doch die Geschichte der letzten Jahre und Jahrzehnte zeigt, dass die Einmischung der Europäer und Amerikaner in vielen Fällen zu einer Verschlimmerung der Zustände führte. In Ruanda beispielsweise hetzten die belgischen Kolonialherren Ende der 50er-Jahre die traditionell unterdrückten Hutu-Bauern gegen ihre Feudalherren, die Tutsi-Viehhirten, auf, weil die Tutsi eine baldmögliche Unabhängigkeit forderten. Im Verein mit der katholischen Kirche verschärften sie damit einen – vorkolonialen – sozialen Gegensatz, der zur Machtübernahme der Hutu und zu einem ersten Massaker der Hutu an den Tutsi führte; ein Teil der Tutsi flüchtete. Als die Söhne der vertriebenen Tutsi zu Beginn der 90er Jahre aus dem ugandischen Exil in Ruanda einmarschierten, stellten sich ihnen französische Truppen in den Weg, weil Frankreich, abgesehen von wirtschaftlichen Interessen, eine Gefährdung seiner Einflusssphäre fürchtete – Uganda gehört zum englischsprachigen Raum. Die Invasion wurde zwar aufgehalten – doch die angespannte Situation entlud sich dann umso stärker vier Jahre später, 1994, in dem schrecklichen Völkermord der Hutu an den im Land verbliebenen Tutsi, bei dem über eine halbe Million Menschen umkam. Ein Hauptmotiv für diesen Massenmord war offenbar die Angst vor der Rache der vertriebenen Herrenschicht. Gleichzeitig übertrug sich die Konfliktspannung auf das ethnisch ähnlich gelagerte Nachbarland Burundi, wo seit der Kolonialzeit durchgehend noch die Tutsi an der Macht sind und wo sich nun radikale Tutsi-Kräfte immer mehr durchsetzten, wo Massaker an den Hutu und Gegenmassaker (250.000 Tote) seit Jahren an der Tagesordnung sind.
Wegen einer viel geringeren Anzahl von Toten begannen die USA und ihre Verbündeten 1999 einen Bombenkrieg gegen Jugoslawien. Beim Völkermord in Ruanda schauten sie weg. Wieso kommt Afrika nicht zur Ruhe? Zwar gibt es viele Landstriche, in denen kein Krieg herrscht, in denen das Leben seinen wenn auch sehr einfachen Gang geht. Doch weitere Konflikte können jederzeit ausbrechen: im Vielvölkerstaat Nigeria zwischen dem muslimischen Norden und dem überwiegend christlichen Süden; in Südafrika, wo von multikultureller Eintracht zwischen Weiß, Farbig (asiatisch) und Schwarz trotz Abschaffung der Apartheid keine Rede sein kann, wo die schwarze Bevölkerung verbittert auf die Früchte des »Sieges« wartet und die Kriminalität erschreckende Ausmaße annimmt. Im Vergleich zu Südafrika, wo in den letzten Jahren mehrere tausend weiße Farmer umgebracht wurden, nimmt sich das viel gescholtene Simbabwe beinahe friedlich aus – ein weiterer Beleg dafür, wie selektiv (und möglicherweise an Konzerninteressen orientiert) die westliche Presse über Afrika berichtet.

Das bittere Ende der Sklaverei

Nachhaltiger als die eigentliche Kolonialgeschichte, also die etwa 150 Jahre dauernde Kolonisierung des Landesinneren, hat womöglich die über 400 Jahre anhaltende Sklavenjagd die Wirtschaftsstruktur Afrikas und die Psyche seiner Menschen deformiert. »Das Drama einiger Kulturen – darunter auch der europäischen – beruhte nämlich in der Vergangenheit darin, dass die ersten Kontakte zu anderen Kulturen meist durch Menschen der übelsten Sorte hergestellt wurden – durch Söldner, Abenteurer, Kriminelle, Sklavenhändler usw.«, schreibt Kapusciñski. »Sie waren einzig daran interessiert, zu plündern, zu rauben und zu morden.« Den Tiefpunkt grausamer Exzesse, oftmals verübt von unter Drogen stehenden Kindersoldaten, erlebt Afrika ausgerechnet in Liberia und Sierra Leone – den Staaten, die von freigelassenen Sklaven aus den USA und der Karibik gegründet wurden. Diese errichteten an der afrikanischen Westküste ein getreues Abbild der Sklavenhaltergesellschaft, in der sie aufgewachsen waren, und unterdrückten die eingeborene Bevölkerung. Bis ins 20. Jahrhundert hinein betrieb Liberia sogar Sklavenhandel. Als die Stämme aus dem Dschungel dann zurückschlugen, brachen Terror und Anarchie aus, die bis heute noch nicht unter Kontrolle sind.
Die Schwarzafrikanerin Axelle Kabou aus Kamerun ist sogar der Ansicht, dass viele Afrikaner bis heute durch die Demütigungen durch Sklavenhandel und weiße Eroberung so traumatisiert sind, dass sie in einer Art Opferrolle verharren, dass sie sich in einer Art Trotzhaltung auch gegen die positiven Aspekte der von weißen angebotenen »Entwicklung« verschließen, dass sie Effizienz, Tatendrang, Leistungsfähigkeit, Verantwortung ablehnen, obwohl ihre Vorfahren all diese Tugenden schon vor Jahrhunderten unter Beweis gestellt haben. Sie verharren in der Position des Hilfe-Empfängers, in der sie fatalerweise manche der weniger seriösen Hilfsorganisationen ganz gerne belassen.
Vor jeder äußeren Veränderung steht also – wie bei jedem von uns – eine Überprüfung und Änderung der eingefahrenen Denkmuster. Es ist ein Hoffungszeichen, dass sich in Afrikaner auf die eigenen Kräfte besinnen, um nicht länger der Allmacht der Konzerne ausgeliefert zu sein. Entwicklungshilfe ist nur als Hilfe zur Selbsthilfe sinnvoll; andernfalls kann sie sogar Schaden anrichten, wenn etwa einheimische Bauern wegen kostenloser Mehllieferungen ihre Produkte nicht mehr verkaufen können. Wir Europäer könnten Afrika vielleicht helfen, indem wir darüber nachdenken, weshalb wir, die wir uns Christen nennen, für andere Völker nicht Vorbilder einer höheren Ethik und Moral wurden, sondern noch heute einen Raubtier-Kapitalismus verbreiten; weshalb die Europäer den Afrikanern nicht Überwindung von Rache, Versöhnung mit den Mitmenschen und mit der Natur vorlebten, sondern ein Scheinchristentum brachten, das sich zur Rechtfertigung von Kriegen, Ausbeutung und sogar Rassentrennung eignet. Bis vor kurzem wurden in Europa selbst noch blutige »Stammeskriege« ausgetragen. Und liegt nicht in den meisten von uns eine »Alles-nur-für-mich-Haltung«, die nur so lange ruht, wie es uns gut geht? (Matthias Holzbauer)

Literatur:
Ø
Peter Scholl-Latour: Afrikanische Totenklage – der Ausverkauf des Schwarzen Kontinents, Bertelsmann 2001
Ø Ryszard Kapuciñski: Afrikanisches Fieber, Piper 2001
Ø Axelle Kabou: Weder arm noch ohnmächtig – eine Streitschrift gegen schwarze Eliten und weiße Helfer, Lenos 2001
 

Journal Das Friedensreich, Ausgabe Nr. 5/02

 


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