|
Die Nachfolger des Nazareners Der Strom des Urchristentums
Jesus, der Zimmermann aus Nazareth, brachte eine schlichte Lehre. Mit der
Bergpredigt begeisterte er viele Menschen, die entschlossen waren, ihr Leben
grundlegend zu ändern. Doch das Urchristentum hatte zunächst nur kurze Zeit
Bestand, wie auch Theologen einräumen. »Schon im zweiten Jahrhundert hat
tatsächlich eine tief greifende Veränderung stattgefunden, welche in einer
bedenklichen Verflachung des Christentums-Verständnisses bestand« – so der
Theologe Walter Nigg in seinem Buch der Ketzer.* Und sein Kollege Gerhard Wehr
(Esoterisches Christentum) bedauert, dass die »frei waltenden Geistesgaben« des frühen Christentums, etwa die Prophetie oder die urchristliche Glaubensheilung, durch die »Amtsvollmacht« der Priesterkaste beseitigt wurden: »Spätestens seit der Mitte des 2. Jahrhunderts beginnt dieser Vorgang sich mit deutlichen Konturen innerhalb der Christengemeinden abzuzeichnen: Was einst aus ursprünglichem Geist-Erleben geschöpft war, wurde nun durch feste Bekenntnisformeln verdrängt.«** Markion deckt auf: Gerade als sich eine amtskirchliche Tradition herauszubilden begann, die den Geist der Freiheit und Einheit der Urgemeinden in veräußerlichte Rituale zwängen wollte, stand ein Kämpfer gegen diese Entwicklung auf: Markion. Um 85 in Sinope am Schwarzen Meer als Sohn eines christlichen Gemeindevorstehers geboren, hatte der begüterte junge Mann beim Lesen eines Evangeliumstextes - damals gab es noch keine fest umgrenzte Bibel wie heute - ein einschneidendes Erlebnis, über das er selbst berichtet: »O Wunder über Wunder, Verzückung, Macht und Staunen ist, dass man gar nichts über das Evangelium sagen, noch über dasselbe denken, noch es mit irgend etwas vergleichen kann.« Markion war kein Prophet und wohl auch kein Mystiker, doch ein radikal die Wahrheit suchender Mensch, der erfasste, dass die Lehre Christi etwas geistig Revolutionäres, den ganzen Menschen Erfassendes und Verwandelndes ist. Markion fiel aber auch auf, dass in den ihm zur Verfügung stehenden Texten ganz unterschiedliche Gottesbilder zu finden waren: Auf der einen Seite der Gott der Liebe und Fürsorge, auf der anderen der Gott der Strafe, der ewigen Verdammnis, der Angst. Markion konnte sich dies nur so erklären, dass eine »Verschwörung der Wahrheit« stattgefunden hatte, und zwar nicht nur in den Texten des »Alten Testaments« (das damals noch nicht so genannt wurde), sondern auch in den neueren Texten, die angeblich auf die Apostel zurückgingen. Neuer Wein in neue Schläuche Es ist das Verdienst Markions, als erster Mensch der neuen Zeitrechnung öffentlich auf den Widerspruch in der Bibel hingewiesen zu haben: Ein »Gott«, der wie in den Büchern Mose grausamen Völkermord und Tiermord befiehlt, der die Todesstrafe noch gegen ungehorsame Söhne oder den Priestern widersprechende Israeliten verhängt, kann kein Gott der Liebe sein. Markion ging im Jahr 140 nach Rom, vermachte sein Vermögen aus Reedereigeschäften der dortigen Christengemeinde und begann einen Überzeugungsfeldzug für den Gott der Liebe. Doch man wollte seine Kritik nicht hören und zwang ihn, die römische Kirche wieder zu verlassen. Woraufhin der »erste Reformator« (Walter Nigg) der Christenheit kurzerhand eine eigene Kirche gründete. Denn es war eine Grundüberzeugung Markions, dass man den »neuen Wein« des ursprünglichen Christentums nicht in die »alten Schläuche« einer äußeren Kultreligion gießen konnte. Vom Euphrat bis zur Rhone Markion traf mit seiner Art der Wahrheitssuche und Verkündigung »offenbar die geheimen Sehnsüchte vieler Christenmenschen«, so Gerd Lüdemann in seinem Buch über die »Ketzer«***. Seine Gemeinden fanden sich im 2. und 3. Jahrhundert vom Euphrat bis zur Rhone. »Anhänger des Markion« werden teilweise bis ins 6. Jahrhundert hinein erwähnt; in Kleinasien und Armenien bilden sie eine der Wurzeln der späteren Paulikianer, die sein Erbe fortsetzen werden. Gewaltlos und vegetarisch Wir wissen allerdings nicht viel über das Leben der Markioniten, die von der Amtskirche mit großem Hass verfolgt wurden. Sie feierten einfache Gottesdienste, bei denen auch Laien predigen und Frauen die Taufe vollziehen durften. Sie lebten gewaltlos, vegetarisch und tranken keinen Alkohol. Mehr ist über ihre Lehre bekannt. Der gebildete Reeder aus Sinope wurde zum ersten Textkritiker der Bibel, der Fälschungen und Hinzufügungen aufdeckte und korrigierte. Er verwarf schließlich das Alte Testament völlig und ließ von den neueren Texten nur das Lukasevangelium und zehn Paulusbriefe gelten. Damit schuf er, der »Ketzer«, auch den ersten »Kanon« der Bibel – die römische Kirche beeilte sich daraufhin, einen eigenen Kanon zusammenzustellen, der bis heute im Gebrauch ist. Dennoch setzte der »größte Ketzer, der jemals aus dem Christentum hervorgegangen ist« (Egon Fridell) einen frühen und wichtigen Kontrapunkt zur verheerenden kirchlichen Vorstellung eines strafenden, auf ewig verdammenden Gottes, die in den vergangenen 2000 Jahren unsagbares Leid und Unheil in die Welt brachte. Es ist auch sein Verdienst, dass die Begeisterung für den Gott der Liebe, der allen Menschen ungeteilt und uneingeschränkt zugetan ist, nie ganz aus dem Bewusstsein der Menschen verschwunden ist.
(mh) * Zürich 1986, S. 73
Die Serie "Verfolgte Gottsucher": Journal Das Friedensreich, Ausgabe Nr. 7/02 |
Copyright ©
Verlag Das Weisse Pferd, Max-Braun-Straße 2, 97828 Marktheidenfeld,
Fax: 09391/504-210
http://www.das-weisse-pferd.com -
E-Mail:
info@das-weisse-pferd.com
Fernsehtipp:
www.erde-und-mensch.tv