Die Nachfolger des Nazareners

Der Strom des Urchristentums
in der Geschichte

Einleitung
Teil 1: Markion deckt auf: Verschwörung gegen die Wahrheit


Einleitung

Jesus, der Zimmermann aus Nazareth, brachte eine schlichte Lehre. Mit der Bergpredigt begeisterte er viele Menschen, die entschlossen waren, ihr Leben grundlegend zu ändern. Doch das Urchristentum hatte zunächst nur kurze Zeit Bestand, wie auch Theologen einräumen. »Schon im zweiten Jahrhundert hat tatsächlich eine tief greifende Veränderung stattgefunden, welche in einer bedenklichen Verflachung des Christentums-Verständnisses bestand« – so der Theologe Walter Nigg in seinem Buch der Ketzer.* Und sein Kollege Gerhard Wehr (Esoterisches Christentum) bedauert, dass die »frei waltenden Geistesgaben« des frühen Christentums, etwa die Prophetie oder die urchristliche Glaubensheilung, durch die »Amtsvollmacht« der Priesterkaste beseitigt wurden: »Spätestens seit der Mitte des 2. Jahrhunderts beginnt dieser Vorgang sich mit deutlichen Konturen innerhalb der Christengemeinden abzuzeichnen: Was einst aus ursprünglichem Geist-Erleben geschöpft war, wurde nun durch feste Bekenntnisformeln verdrängt.«** 
Während Bischöfe die Macht übernahmen, drangen äußere Rituale und Kulte meist heidnischen Ursprungs vor – so etwa das kultische Abendmahl an Stelle des gemeinsamen »Liebesmahls« oder die rituelle Säuglingstaufe an Stelle der Geisttaufe Erwachsener. Vgl. dazu in der Ausgabe Nr. 4/2002: Der Strom des Urchristentums – und was daraus gemacht wurde.
Dieser Prozess der Verdunkelung der ursprünglichen Lehre Christi bis hin zur Verkehrung in ihr Gegenteil vollzog sich nicht ohne Kämpfe. Immer wieder leisteten Einzelne oder Gruppen von Menschen Widerstand gegen die Entstehung einer äußeren Machtkirche, die Jesus nie gewollt hatte. Dies bedeutet nicht, dass die zahlreichen »Ketzer«-Bewegungen der Geschichte, die wir in den nächsten Heften vorstellen werden, immer nahtlos an das frühe Christentum anknüpften. In einzelnen Aspekten waren auch sie Missverständnissen unterworfen oder schossen, wie wir sehen werden, über das Ziel hinaus. Doch sie alle sind der Beweis dafür, dass die Sehnsucht nach einem Reich des Friedens, das schon der Prophet Jesaja ankündigte, nicht aus den Herzen und den Seelen der Menschen verdrängt werden kann.

Teil 1

Markion deckt auf:
Verschwörung gegen die Wahrheit ...

Gerade als sich eine amtskirchliche Tradition herauszubilden begann, die den Geist der Freiheit und Einheit der Urgemeinden in veräußerlichte Rituale zwängen wollte, stand ein Kämpfer gegen diese Entwicklung auf: Markion. Um 85 in Sinope am Schwarzen Meer als Sohn eines christlichen Gemeindevorstehers geboren, hatte der begüterte junge Mann beim Lesen eines Evangeliumstextes - damals gab es noch keine fest umgrenzte Bibel wie heute - ein einschneidendes Erlebnis, über das er selbst berichtet: »O Wunder über Wunder, Verzückung, Macht und Staunen ist, dass man gar nichts über das Evangelium sagen, noch über dasselbe denken, noch es mit irgend etwas vergleichen kann.« Markion war kein Prophet und wohl auch kein Mystiker, doch ein radikal die Wahrheit suchender Mensch, der erfasste, dass die Lehre Christi etwas geistig Revolutionäres, den ganzen Menschen Erfassendes und Verwandelndes ist. Markion fiel aber auch auf, dass in den ihm zur Verfügung stehenden Texten ganz unterschiedliche Gottesbilder zu finden waren: Auf der einen Seite der Gott der Liebe und Fürsorge, auf der anderen der Gott der Strafe, der ewigen Verdammnis, der Angst. Markion konnte sich dies nur so erklären, dass eine »Verschwörung der Wahrheit« stattgefunden hatte, und zwar nicht nur in den Texten des »Alten Testaments« (das damals noch nicht so genannt wurde), sondern auch in den neueren Texten, die angeblich auf die Apostel zurückgingen.

Neuer Wein in neue Schläuche

Es ist das Verdienst Markions, als erster Mensch der neuen Zeitrechnung öffentlich auf den Widerspruch in der Bibel hingewiesen zu haben: Ein »Gott«, der wie in den Büchern Mose grausamen Völkermord und Tiermord befiehlt, der die Todesstrafe noch gegen ungehorsame Söhne oder den Priestern widersprechende Israeliten verhängt, kann kein Gott der Liebe sein. Markion ging im Jahr 140 nach Rom, vermachte sein Vermögen aus Reedereigeschäften der dortigen Christengemeinde und begann einen Überzeugungsfeldzug für den Gott der Liebe. Doch man wollte seine Kritik nicht hören und zwang ihn, die römische Kirche wieder zu verlassen. Woraufhin der »erste Reformator« (Walter Nigg) der Christenheit kurzerhand eine eigene Kirche gründete. Denn es war eine Grundüberzeugung Markions, dass man den »neuen Wein« des ursprünglichen Christentums nicht in die »alten Schläuche« einer äußeren Kultreligion gießen konnte.

Vom Euphrat bis zur Rhone

Markion traf mit seiner Art der Wahrheitssuche und Verkündigung »offenbar die geheimen Sehnsüchte vieler Christenmenschen«, so Gerd Lüdemann in seinem Buch über die »Ketzer«***. Seine Gemeinden fanden sich im 2. und 3. Jahrhundert vom Euphrat bis zur Rhone. »Anhänger des Markion« werden teilweise bis ins 6. Jahrhundert hinein erwähnt; in Kleinasien und Armenien bilden sie eine der Wurzeln der späteren Paulikianer, die sein Erbe fortsetzen werden.

Gewaltlos und vegetarisch

Wir wissen allerdings nicht viel über das Leben der Markioniten, die von der Amtskirche mit großem Hass verfolgt wurden. Sie feierten einfache Gottesdienste, bei denen auch Laien predigen und Frauen die Taufe vollziehen durften. Sie lebten gewaltlos, vegetarisch und tranken keinen Alkohol. 

Mehr ist über ihre Lehre bekannt. Der gebildete Reeder aus Sinope wurde zum ersten Textkritiker der Bibel, der Fälschungen und Hinzufügungen aufdeckte und korrigierte. Er verwarf schließlich das Alte Testament völlig und ließ von den neueren Texten nur das Lukasevangelium und zehn Paulusbriefe gelten. Damit schuf er, der »Ketzer«, auch den ersten »Kanon« der Bibel – die römische Kirche beeilte sich daraufhin, einen eigenen Kanon zusammenzustellen, der bis heute im Gebrauch ist.
Es mag sein, dass der Gottsucher Markion mit seiner Radikallösung über das Ziel hinausgeschossen ist, indem er auch die Aussagen der großen Propheten des Alten Testaments verbannte, die sich bereits gegen die Tieropfer und gegen die bereits damals stattfindende Verfälschung der göttlichen Botschaft durch die Priesterkaste aussprachen. Ähnliches gilt für Markions völlige Ablehnung der Welt als sündhaft - soweit man den zeitgenössischen Berichten Glauben schenken kann. Er erkannte zwar, was auch den heutigen Urchristen durch das Prophetische Wort wieder bekannt ist: dass die Welt, die verdichtete Materie, nicht die ursprüngliche Schöpfung Gottes ist, sondern eine Folge des Abfalls eines Teils der Geistwesen von Gott. Er sah oder wusste aber offenbar nicht, dass Gott auch die Materie am Leben erhält und dass in der Natur ein Abglanz der himmlischen Formen erahnt werden kann. Während Paulus, den Markion sehr schätzte, es den Christen freistellte, ehelos oder verheiratet zu leben (wobei er die Ehelosigkeit empfahl), forderte Markion, so ist es überliefert, von allen Gemeindemitgliedern strikte Enthaltsamkeit – ein Eingriff in den freien Willen, der den späteren Niedergang der markionitischen Gemeinden sicher mit verursachte.

Dennoch setzte der »größte Ketzer, der jemals aus dem Christentum hervorgegangen ist« (Egon Fridell) einen frühen und wichtigen Kontrapunkt zur verheerenden kirchlichen Vorstellung eines strafenden, auf ewig verdammenden Gottes, die in den vergangenen 2000 Jahren unsagbares Leid und Unheil in die Welt brachte. Es ist auch sein Verdienst, dass die Begeisterung für den Gott der Liebe, der allen Menschen ungeteilt und uneingeschränkt zugetan ist, nie ganz aus dem Bewusstsein der Menschen verschwunden ist. (mh)

Der Artikel wurde aufgenommen in das Buch Verfolgte Gottsucher von Matthias Holzbauer

* Zürich 1986, S. 73
** Stuttgart 1995, S. 27
*** Stuttgart 1995, S. 169

Die Serie "Verfolgte Gottsucher":
Einführung: Der Strom des Urchristentums (Nr. 4/2002)
Teil   1: Markion deckt auf: Verschwörung gegen die Wahrheit (Nr. 7/2002)
Teil   2: Montanus - Eine Stimme, die nie hätte verstummen dürfen (Nr. 8/2002)
Teil   3: Mani - ein Kämpfer für die innere Religion (Nr. 9/2002)
Teil   4: Origenes - der Diamantene (Nr. 10/2002)
Teil   5: Die Paulikianer - Hinwendung zum inneren Licht (Nr. 11/2002)
Teil   6: Christliche Kelten - Das iroschottische Christentum (Nr. 1/2003)
Teil   7: Die Bogumilen - Die wahre Kirche ist das Herz des Menschen (Nr. 2/2003)
Teil   8: Die Katharer - Das Gute durch das eigene Leben bezeugen (Nr. 3/2003)
Teil   9: Girolamo Savonarola: "Der wahre Tempel ist des Christen Herz" (Nr. 4/2003)
Teil 10: Waldenser, Hussiten, Täufer: Die Sehnsucht nach dem neuen Jerusalem (Nr. 5/2003)
 

Journal Das Friedensreich, Ausgabe Nr. 7/02


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