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Der Strom des
Urchristentums (2): Montanus
»Eine Stimme, die
nie hätte
verstummen dürfen«
Als das lebendige Urchristentum in der Mitte des zweiten
Jahrhunderts verflachte, in seiner Begeisterung nachließ, als Rituale an die
Stelle der Erschließung des inneren Lebens traten – etwa das rituelle Abendmahl
an die Stelle des inneren »Liebesmahls« –, als die Verwalter des Glaubens, die
Bischöfe und Priester, an die Stelle von Propheten und Lehrern traten, da gab es
auch Proteste und Gegenbewegungen. Eine davon wurde bereits vorgestellt: die
Markioniten (Nr. 7/2002).
War Markion (ca. 85 - ca. 160), der
Verfechter des liebenden und Gegner des angeblich strafenden Gottes, eher ein
rationaler und klarer Denker, so war sein Zeitgenosse Montanus, ebenfalls aus
Kleinasien stammend, ganz anders: ein Visionär, ein Asket und Charismatiker.
Markion und Montanus hatten bei allen Gegensätzen jedoch eines gemeinsam: Sie
erkannten, dass das Christentum an einer Wegscheide stand: Entweder würde es
sich auf seine Ursprünge besinnen und mit dem sittlichen Ernst und der
mitreißenden Begeisterung der Frühzeit die Vollkommenheit im Geiste Gottes
anstreben – oder es würde sich weiter an die Bequemlichkeit der Welt anpassen
und die kirchlichen »Amtsgeschäfte« den Priestern überlassen, die sich
anschickten, die Gemeinden an ihr Gängelband zu nehmen. Die Priesterkaste hatte
die Geistesgaben des frühen Christentums bereits weitgehend zum Schweigen
gebracht: die Gabe des Heilens durch den Geist Gottes, die Gabe des Lehrens aus
innerer Vollmacht und nicht zuletzt die Gabe der prophetischen Rede. »Im
Montanismus rebellierte das prophetische Wort gegen den Amts-Charakter der
Kirche«, schreibt der Kirchenhistoriker Walter Nigg*.
Und an anderer Stelle**: »Das Wesen des Montanismus
besteht in der Wiederentdeckung des urchristlichen Enthusiasmus. Das
Geistesbrausen, das einst die Christen gleich Feuerflammen ergriffen hatte ...,
bemächtigte sich des Montanus.«
Neben Montanus traten die Frauen Priscilla, Maximilla und Quintilla als
Wortträgerinnen des Geistes auf. Sie verkündeten das Nahen des Gottesreiches und
erinnerten an die ethischen Forderungen der Bergpredigt des Nazareners. Den
Gläubigen sollte nur eine Ehe erlaubt sein. Sie sollten häufig fasten und vor
dem Martyrium der Christenverfolgungen nicht die Flucht ergreifen. Manches von
diesen Forderungen erscheint uns aus heutiger Sicht übertrieben, auf merkwürdige
Weise wiederum auf das Äußere gerichtet, obwohl man doch die Veräußerlichung der
Institution Kirche bekämpfen wollte. Es war offenbar nicht so einfach, die – zu
diesem Zeitpunkt wohl bereits verschüttete – ursprüngliche innere Religion des
Nazareners wieder zu beleben, die den Menschen durch Selbsterkenntnis und
Bereinigung seiner Sünden von innen heraus befähigt, die Gebote Gottes
einzuhalten. Der wahre Kern des Montanismus war die Betonung der unbedingten
Entscheidung für Gott, die der Mensch zu treffen hat, will er Gott wirklich
zustreben. Denn jegliche Lauheit führt in die Irre. »Wer nicht für Mich ist, der
ist gegen Mich«, sagt Jesus. Walter Nigg spricht von einem ethischen »Maximalismus«,
der »eine der beachtenswertesten Erscheinungen innerhalb der christlichen
Geistesgeschichte« sei.***
Die Kirche nahm die Herausforderung einer Rückbesinnung auf die hohe Ethik der
ersten Christen nicht an – sie entschied sich für den ethischen Minimalismus,
der sie bis heute kennzeichnet. Ebenso wie Markion duldete sie auch Montanus und
seine Gefolgsleute nicht in ihren Mauern – im Jahre 177 wurden die Montanisten
ausgeschlossen, rund 20 Jahre nach dem ersten Auftreten des Montanus. Menschen,
die höhere ethische Anforderungen an sich stellen wollten, wies die Kirche statt
dessen den Weg in die Klöster – doch Einsiedelei und Abschottung von der Welt
ist nicht der Weg des Nazareners. In der Abgeschiedenheit des Klosters fehlt dem
Menschen vielfach der Spiegel der Selbsterkenntnis, der ihm sein Nächster ist,
fehlen ihm die an jedem Tag anderen Erkenntnismöglichkeiten, die der Trubel des
Alltags mit sich bringt.
»Mit der Ausscheidung der montanistischen Bewegung aus der
Kirche verblasste auch das Prophetische in der Christenheit« so Nigg. »Eine
Stimme hörte auf zu reden, die niemals hätte verklingen dürfen, denn damit ging
eine unmittelbare Lenkung von oben verloren, die durch keine noch so geschickte
kirchliche Organisation wettgemacht werden kann.«****
Die montanistische Bewegung breitete sich noch einige Jahrzehnte lang weiter
aus, bis nach Frankreich und Nordafrika, wo sogar der kirchliche Jurist und
Ketzergegner Tertullian (gest. 220) zu ihr übertritt. Spätestens mit der
systematischen Ketzerbekämpfung durch den römischen Staat auf Betreiben der
katholischen Staatskirche im vierten Jahrhundert verschwinden die Montanisten.
Die prophetische Stimme hörte jedoch nicht auf zu reden. Nur innerhalb der
Kirche war sie bis zum Mittelalter nicht mehr zu hören – und auch dann, als
durch Meister Eckehard, Katharina von Siena, Theresa von Àvila Aspekte der
göttlichen Wahrheit zu den Menschen kamen, bekämpfte die Kirche diese Stimmen
erneut und nahm sie nicht an, auch wenn der eine oder andere dieser großen
Mystiker später »heilig« gesprochen wurde ... (mh)
Der Artikel wurde auch aufgenommen in das Buch
Verfolgte Gottsucher von Matthias Holzbauer
*
Prophetische Denker, Verlag Das Wort, S. 41
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http://www.das-wort.com/cgi/gen_article.cgi?article=s218de&type=desc&rtopic=Guenstigfuersie
** Das Buch der Ketzer, S. 119 [Zurück]
*** ebenda, S. 136 [Zurück]
**** Prophetische Denker, S. 43 [Zurück]
Die Serie "Verfolgte Gottsucher":
Einführung: Der Strom des
Urchristentums (Nr. 4/2002)
Teil 1: Markion deckt auf:
Verschwörung gegen die Wahrheit (Nr. 7/2002)
Teil 2: Montanus - Eine
Stimme, die nie hätte verstummen dürfen (Nr. 8/2002)
Teil 3: Mani - ein Kämpfer für
die innere Religion (Nr. 9/2002)
Teil 4: Origenes - der
Diamantene (Nr. 10/2002)
Teil 5: Die Paulikianer -
Hinwendung zum inneren Licht (Nr. 11/2002)
Teil 6:
Christliche Kelten - Das iroschottische Christentum (Nr. 1/2003)
Teil 7: Die Bogumilen - Die
wahre Kirche ist das Herz des Menschen (Nr. 2/2003)
Teil 8: Die Katharer -
Das Gute durch das eigene Leben bezeugen (Nr. 3/2003)
Teil 9: Girolamo
Savonarola: "Der wahre Tempel ist des Christen Herz" (Nr. 4/2003)
Teil 10: Waldenser, Hussiten,
Täufer: Die Sehnsucht nach dem neuen Jerusalem (Nr. 5/2003)
Journal Das Friedensreich, Ausgabe Nr. 8/02 |