Dettelbach in Unterfranken

Der verhinderte Aufbau einer Naturklinik

Seit fast 2000 Jahren versuchen die Kirchen, den Staat für die Bekämpfung von »Ketzern« einzuspannen. So war es auch in der fränkischen Kleinstadt Dettelbach (mit einem kirchlichen "Würdenträger" im Stadtwappen), wo man in den Jahren 1984-1988 lieber Steuergelder verschwendete als Anhänger der Glaubensgemeinschaft Universelles Leben in den Ort zu lassen.

Die verhinderte Christusklinik im fränkischen Dettelbach

Man müsse verhindern, so Bürgermeister Reinhold Kuhn in der Stadtratssitzung, »dass die Stadt Zentrum einer Sekte wird«. Man müsse »aus der Erfahrung mit Jugendsekten heraus besonders besorgt sein ... um die Heranwachsenden«. (...)
Der Bürgermeister der Stadt Dettelbach hat seinen Part gut gelernt. Der beschauliche Weinort im Landkreis Kitzingen liegt auch nahe genug an Würzburg, so dass man »einschlägige« Argumente vom bischöflichen Ordinariat geliefert bekam. Das gewichtigste »Argument« wird der Bürgermeister aber wenige Tage später auf höherer Ebene, im Kitzinger Kreisausschuss, vorbringen. Dort macht er »Bedenken aus Dettelbacher Sicht gegen die eventuelle Christusklinik geltend, zumal da die Kleinstadt bekannter Wallfahrtsort ist«. (...)
Die Amtsträger waren in der Klemme – denn sie selbst hatten bereits längst vollendete Tatsachen geschaffen. Sowohl die Stadt Dettelbach als auch der Landkreis (der eigentliche Besitzer) hatten wenige Wochen zuvor freudestrahlend einem Verkauf des leer stehenden ehemaligen Kreiskrankenhauses Dettelbach an eine deutsch-schweizerische Ärztegruppe zugestimmt. In dem Gebäude sollte vor allem Nachsorge für Krebskranke durchgeführt werden. Landrat Siegfried Naser lobte sich selber, »man« habe bei der Suche nach einem neuen Verwendungszweck des Krankenhauses eine »glückliche Hand« gehabt. Spätestens Anfang 1985 werde der Betrieb mit 50 Betten aufgenommen werden. Auch der Kaufpreis von 1,2 Millionen Mark entspreche »durchaus unseren Vorstellungen«. Und nun mussten sie auf Druck der Kirche wieder zurückrudern – denn es war durchgesickert, dass es sich bei den Ärzten und Heilpraktikern um Menschen handelt, die dem Heimholungswerk [das sich 1984 in »Universelles Leben« umbenannte] nahe stehen.

»Kirchen bedrängen den Landrat«

Und warum konnte man es nicht so lassen, wie es war? Die Main-Post (28.9.1984) ließ daran keinen Zweifel. Unter der Überschrift »Kirchen bedrängen den Landrat« stand dort zu lesen: »Landrat Dr. Siegfried Naser, so hieß es aus gut unterrichteter Quelle, machte in der Sitzung hinter verschlossenen Türen deutlich, dass ihn die beiden Amtskirchen bedrängten, wonach er den Verkauf des Hauses wieder rückgängig machen müsse.« (...) Zum Rückzug blies auch der Kreisrat und Krankenhausreferent des Kreistages, Albrecht Fürst zu Castell-Castell, Spross einer einflussreichen protestantischen Fürstenfamilie, für den »kein Zweifel« bestand, »dass sich die Klinik zu einem Zentrum des Heimholungswerkes entwickeln wird, das nicht in diese Landschaft passt«.
Wie absurd das »Argument« von der Errichtung eines »Zentrums der Sekte« ist, wird bei folgendem Vergleich deutlich: Hätte man beim Verkauf des Gebäudes an einen katholischen oder lutherischen Krankenhausträger wohl auch davor gewarnt, hier entstehe vermutlich ein katholisches oder evangelisches »Großsekten-Zentrum«?

Außerdem hatten die Ärzte auf einer Pressekonferenz eigens darauf hingewiesen, dass in der Klinik niemand indoktriniert werden solle, sondern dass die ärztlichen Leistungen ohne Rücksicht auf Weltanschauung und Religionszugehörigkeit und ohne jeglichen Missionsversuch angeboten würden.
Doch die Politiker interessiert jetzt nur noch eines: Wie kommt man aus dem Kaufvertrag wieder heraus? Mit einem formellen Trick: Der Kaufvertrag muss – normalerweise reine Formsache – noch von der Aufsichtsbehörde, der Regierung von Unterfranken mit Sitz in Würzburg, bestätigt werden. Diese verweigert jetzt ihre Zustimmung, weil der Verkauf »weit unter dem Schätzpreis« von 3 Millionen Mark erfolgt sei – angesichts der Zufriedenheit aller Beteiligten noch wenige Wochen zuvor ein leicht zu durchschauender Vorwand. (...)

Vollends unglaubwürdig wird das Vorgehen der Regierungsbehörde, wenn man weiß, dass der Landkreis Kitzingen kurz zuvor ein zweites ehemaliges Kreiskrankenhaus verkauft hatte: das in Marktbreit, und zwar für nur 800.000 Mark an die Arbeiterwohlfahrt. Auch hier lag der Schätzpreis erheblich höher – doch die Regierung von Unterfranken hatte den Vertrag anstandslos passieren lassen ...

Bei Nacht und Nebel Schlösser ausgetauscht

Dass es diesmal anders kam, dafür hatten sich eine knappe Woche vor dieser merkwürdigen Entscheidung die Dettelbacher Kirchengemeinden beider Konfessionen stark gemacht – in einem Brief, in dem sie an die »verantwortlichen Politiker« appellierten, »alles in ihren Kräften Stehende zu unternehmen, den Verkauf wieder rückgängig zu machen«, weil es sich bei der Glaubensgemeinschaft des Ärzteteams um eine »Kunstreligion aus fernöstlichen und christlichen Gedanken« handle - und weil es »den Kindern und Jugendlichen auf die Dauer nicht zuzumuten« sei, »ständig einer möglichen pseudoreligiösen-ideologischen Infiltrierung ausgesetzt zu sein«. Wie skurril solche Worte ausgerechnet in einem katholischen Wallfahrtsort klingen, der ja einer ständigen »Infiltrierung« ganz anderer Art ausgesetzt ist, fiel den frommen Schreibern offenbar gar nicht auf. Der Kreistag jedenfalls forderte nur vier Tage später die Verwaltung auf, mit den Ärzten über die Rückgängigmachung des Kaufvertrages zu verhandeln. Was die unterfränkische Regierung wiederum zwei Tage später mit ihrem Votum überflüssig machte.
Die Ärzte bestehen jedoch auf der Einhaltung des Vertrages, bekunden gleichzeitig ihre Bereitschaft, über einen höheren Preis zu verhandeln. (...) Doch es ist längst beschlossene Sache, das Angebot der urchristlichen Ärzte nicht mehr zu beachten. Nur muss man dann einen Käufer finden, der freiwillig noch mehr zahlt. Wie realitätsfern in Bezug auf die tatsächlichen Marktverhältnisse die Ausrede der staatlichen Behörden ist, erweist sich in der skurrilen Provinzposse, die nun anhebt und sich über Jahre hinzieht.

Der Kreistag bringt zunächst das katholische St.-Josefs-Stift ins Gespräch, dem man ein Angebot von 1,36 Millionen unterbreiten will. Daraus aber wird nichts. (...) Nun verkauft man die Klinik für 1,5 Millionen Mark an Petronella Bausenwein aus Güntersleben, die dort ein »Haus Sorgenruh« einrichten will. Um dem Ärzteteam, das (bis zur Grundbucheintragung eines neuen Käufers) nach wie vor rechtmäßiger Besitzer (wenn auch nicht mehr Eigentümer) des Gebäudes ist, den weiteren Zutritt zu verwehren, werden bei Nacht und Nebel die Schlösser ausgetauscht. Doch Dettelbach kommt nicht zur Ruhe; auch dieser Verkauf erweist sich als Flop: Das zugesagte Geld geht nicht ein. Das Haus steht – auf Kosten des Steuerzahlers – weiter leer. Obwohl zwischenzeitlich die Urchristen noch mehrmals ihre Kaufbereitschaft bekundet hatten, wird dann im Sommer 1988 an die evangelische Diakonie vermietet. Nach wenigen Wochen, gerade nachdem die Umbauarbeiten für ein Ausweichquartier für Senioren begonnen haben, wird der Mietvertrag wieder gekündigt: Man habe einen Käufer gefunden. Es ist der »Burgenkönig« Hillebrand aus dem Rheinland, der die Immobilie für den Spottpreis von ca. 240.000 Mark erwirbt. Nun wird der Leser sich fragen: Wie kann das sein? Der Verkaufspreis liegt ja um ca. eine Million Mark unter dem, was die urchristlichen Ärzte gezahlt hatten. Hat das die Regierung von Unterfranken genehmigt? Sie hat es nicht – denn der schlaue Landrat hat ein Umgehungsgeschäft eingefädelt: Er verkauft das Gebäude erst an die Stadt Dettelbach, die es dann an den Immobilienmakler Hillebrand veräußert. Bezüglich der Stadt ist nun aber der Landkreis selbst die Prüfungsbehörde ... Unter dem Strich hat der Landkreis aber gegenüber dem ursprünglichen Angebot der Ärztegruppe ca. eine Million (an öffentlichen Geldern!) verloren. Und die gut 200.000 Mark dürften wohl für die Abfindung der brüskierten Diakonie gerade gereicht haben. Und jetzt kommt noch ein Clou: Hillebrand verkauft die Immobilie sofort weiter - für 12 Millionen Mark an eine schwedische Aktiengesellschaft, die unter der selben Anschrift residiert wie Hillebrand selbst. Man will dort nun ein »Seniorenwohnheim gehobenen Stils« errichten. Damit streicht der Burgenkönig hier fast wie ein »Arisierungsgewinnler« unseliger Zeiten die Früchte einer religiösen Diskriminierung ein. (mh)

Dieser Artikel ist ein Auszug aus dem Buch »Der Steinadler und sein Schwefelgeruch« von Matthias Holzbauer, Verlag »Das Weiße Pferd«, ISBN-Nr. 978-3-9808322-3-6; siehe auch www.steinadler-schwefelgeruch.de


Journal Das Friedensreich, Ausgabe Nr. 9/02


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