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Strom des Urchristentums (3): Mani Ein Kämpfer für die Innere Religion Eine Zeit lang sah es so aus, als würde die manichäische Bewegung die römisch-katholische Kirche an Bedeutung und Mitgliederzahl in den Schatten stellen. Doch dann wurde der Katholizismus zur Staatsreligion im römischen Reich Wie kommt das Böse in die Welt? Und wie kann man es überwinden?
Diese Grundfragen der Menschheit bewegten gegen Ende des vierten Jahrhunderts
auch den nordafrikanischen Rhetoriklehrer Augustinus (354-430). Er fand zu einer
eher »katholischen« Lösung dieser Frage: »Und so suchte ich, woher das Böse
kommt«, schreibt er in seinen Bekenntnissen, »und ich suchte böse und sah das
Böse in meinem Suchen.« Augustin verurteilt demnach jegliche Beschäftigung mit
dem Bösen: Dieses ist zu meiden und zu bekämpfen. Mit den Begriffen der heutigen
Psychologie könnte man sagen: Das Böse wird verdrängt. Aus dieser Verdrängung
resultiert dann die Projektion des eigenen Bösen auf den »bösen Anderen«: den
Sündenbock, den »Ketzer«, den Juden, die »Hexe«. Das vermeintliche Heil findet
ein solcher Kirchenchrist in der Befolgung äußerer Regeln und Rituale:
Kirchgang, Beichte, Wallfahrten, Ablässe ... Neun Jahre lang (373-382) war der junge Nordafrikaner Mitglied bei den Manichäern gewesen – als auditor (»Hörer«), also einfacher Gläubiger. Es war ihm dabei nicht gelungen, in den Rang eines »electus«, eines Auserwählten, aufzusteigen – so nannte man dort diejenigen, die tiefer in die Geheimnisse des manichäischen Glaubens eingedrungen waren und andere darüber unterrichten durften. Augustinus berichtet selbst über seine Gespräche mit dem Manichäer Faustus (Contra Faustum), die ihm jedoch keine Antwort auf seine Zweifel und bohrenden Fragen gebracht hätten. Äußere oder innere Religion? Die Lehre der Manichäer über die Grundfragen des Lebens war in
der Tat eine völlig andere, als sie Augustinus später vertrat. Hier wurde die
Beschäftigung mit dem Bösen nicht abgelehnt – sie wurde sogar als eine
Grundvoraussetzung für dessen Überwindung angesehen. Der Mensch muss das Böse in
der Welt und vor allem in sich selbst nüchtern betrachten, um es dann mit Hilfe
des inneren Lichtes, mit der Kraft des im Menschen wohnenden Christus Gottes,
auch nous genannt, zu überwinden. Vor dem Sieg des Lichtes über die Finsternis
steht also die Erkenntnis. Für Augustinus hingegen ist diese Erkenntnis
zweitrangig: »Credo, quia absurdum«, ich glaube, weil es absurd ist, lautet ein
paradoxer Ausspruch, der ihm zugeschrieben wird. Erst im 20. Jahrhundert gelang es, aufgrund von sensationellen
Schriftenfunden vor allem in Ägypten, ein unabhängiges Bild dieses
Religionsgründers und seiner Lehre zu zeichnen. Bis dahin war alles, was man
darüber wusste, von der eineinhalb Jahrtausende währenden Verketzerung und
Verfolgung alles Manichäischen durch die Kirche geprägt. Mani wies auf Christus hin Das Phänomen des Inneren Wortes, durch das der Geist Gottes zu
aufbereiteten Menschen spricht, um ihnen Botschaften für die Menschen zu
übermitteln, tritt in der Geschichte immer wieder auf. Der junge Perser wurde
zunächst zwölf Jahre lang durch diese Innenschau unterwiesen, ehe er durch das
Engelwesen, das sich »Al Taun«, der Zwilling, nannte, zu öffentlicher
Wirksamkeit berufen wurde. Von da an erhielt er auch den Namen »Mani«, was auf
Indisch so viel wie »Edelstein, Kristall« bedeutet und an das »Manas«, das
Geist-Selbst, erinnert und auch mit »Mann« und »Mensch« sprachverwandt ist. Gewaltlos auch gegenüber Tieren Er selbst war ein begnadeter Künstler, der den Menschen als Musiker, Maler und Dichter die Geheimnisse des Lebens nahe brachte. Er versah seine Bücher selbst mit Illustrationen. Seine Haupt-Botschaft war die Liebe, mit deren Kraft es möglich sei, das Finstere zu erlösen – vielleicht könne man auch sagen: das Finstere zu »zerlieben«. Jeder Manichäer sollte mindestens für einen Menschen sorgen, der ohne ihn nicht leben könnte, also etwa für einen Behinderten oder Kranken. Die Bewegung der Manichäer war keine feste Organisation im kirchlichen Sinne – denn nach ihrer Auffassung sollte sich der Mensch weder an äußeren Besitz noch an eine äußere Organisation binden; das schwäche den Geist im Menschen. Die Manichäer lebten vegetarisch und gewaltlos und ihre Leiter blieben ehelos. Sie glaubten an die Wiederverkörperung und vertraten die Auffassung, dass jeder Mensch und jede Seele einst wieder zu Gott finden würde. Sie lehnten die Schriften des Alten Testamentes zum großen Teil ab, weil dort von einem Gott der Rache die Rede ist, und hielten sich statt dessen an die Bergpredigt Jesu. Mani selbst wurde zum ersten Märtyrer seiner Bewegung, als
neidische Magier des alten Zarathustra-Kultes gegen ihn intrigierten und er beim
persischen Hof in Ungnade fiel. Er wurde grausam gefoltert und am 28. Februar
276 gekreuzigt. Die Bewegung breitete sich jedoch rasch weiter aus. Erst als die
römische Kirche zur Staatsreligion wurde und auf Betreiben Augustinus’ und
anderer »Kirchenlehrer« die unbarmherzige Verfolgung aller konkurrierenden
Religionen begann, wurden den Manichäern zunächst alle Versammlungen verboten,
dann die bürgerlichen Rechte aberkannt, schließlich wurden sie vertrieben,
getötet, ihre Schriften vernichtet. Das Licht wird siegen Die Idee einer Religion des Inneren, die den Sieg des Lichtes über die Dunkelheit zum Ziel hat, lebte also weiter. Diese universelle, kosmische Idee kann niemand auslöschen. Manichäische Ideen begegnen uns sogar in Goethes Faust – der wohl nicht zufällig so heißt wie der von Augustinus geschmähte Manichäer Faustus. Faust, der durch alle Irrtümer hindurch »strebend sich bemüht«, das Gute zu erkennen und zu tun, wird am Ende erlöst – nicht, weil er sich an äußere Rituale gehalten hat, sondern weil er auf seinem Erkenntnisweg aus seinen Fehlern gelernt hat. (Matthias Holzbauer) Literatur:
Rudolf Kutzli, Die Bogumilen, Verlag Urachhaus
1977
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