Der Strom des Urchristentums (Teil 4)

Origenes - der Diamantene

»Das Gute ist einfach und klar; verwirrend vielfältig aber ist das Schlechte. Einfach ist die Wahrheit; vielfältig ist die Lüge. Einfach ist die Gerechtigkeit; vielfältig sind die Möglichkeiten, sie zu erheucheln ... einfach ist Gottes Wort; vielfältig aber ist das Gott entfremdete Wort.«

Mit diesen Worten sprach der große Denker Origenes nicht nur bis heute gültige Wahrheiten aus – er charakterisierte auch seine Zeit. Bereits im Verlauf des zweiten Jahrhunderts büßte das frühe Christentum seine innere Strahlkraft ein. Rituale wie die Säuglingstaufe, das rituelle Messopfer oder die von Priestern abgenommene Ohrenbeichte traten an die Stelle innerer Vorgänge wie der Geist-Taufe Erwachsener, des gemeinsamen Liebesmahls oder der Aussöhnung zwischen Streitenden. »Funktionäre« wie die Kassenführer (Bischöfe genannt, von episkopos, Aufseher) oder die Verwalter (Diakone oder Priester) begannen die Gemeinden zu beherrschen und waren vor allem an einem möglichst großem Zustrom zahlender »Schafe« interessiert. Der Glaube wurde verwässert, Christus z. B. als eine Art antiker Mysterien-Gott hingestellt, der dem Menschen ohne eigenes Zutun alle Sünden abnehmen kann – vermittelt durch die Priester.

Origenes wusste um die Reinkarnation

Ein entschiedener Kämpfer gegen diese Aushöhlung des ursprünglichen urchristlichen Glaubens und Lebens war der aus Ägypten stammende Origenes (ca. 184-253). Er studierte die überlieferten Texte der Bibel kritisch und unterschied mit seinem klaren Geist Ursprüngliches von Fälschungen und Hinzufügungen. Für Origenes, auch »der Diamantene« genannt, war die sichtbare Welt eine Folge des Abfalls einiger ursprünglich reiner Geistwesen von Gott. Durch die Erlösertat Christi auf Golgatha hatten alle Menschen und Seelen – ohne Ausnahme – die Möglichkeit erhalten, mit Christi Hilfe und durch ein Leben nach den göttlichen Gesetzen wieder in die reinen Welten zurückzugelangen. Dieser Rückweg kann in wiederholten Einverleibungen erfolgen – Origenes lehrte also das Gesetz der Reinkarnation. Er wandte sich nur gegen die Annahme einer »Seelenwanderung« von Menschenseelen etwa in Tierkörper. Auch eine ewige Verdammnis lehnte er als unchristlich und als Irrlehre ab.
Doch in einer Zeit zunehmender Christenverfolgung – auch Origenes selbst fiel ihr zum Opfer – konnte sich die wieder erweckte Lehre eines Geist- und Tatchristentums nur vereinzelt gegen die Übermacht der Verflachungskräfte durchsetzen. Ein gewaltiger Etappensieg für das äußere Macht- und Scheinchristentum war der Pakt, den Kaiser Konstantin, ein brutaler Machtpolitiker, im vierten Jahrhundert mit der römischen Kirche schloss. Und wieder stand ein Verfechter eines inneren Christentums bereit, den geistigen Kampf aufzunehmen: der ebenfalls aus Ägypten stammende Arius (ca. 260-336), der unmittelbar an die Lehren des Origenes anknüpfte. Doch die Lehre des Arius, insbesondere seine Ablehnung der völligen Gleichsetzung von Gott-Vater und Christus in der amtskirchlichen Dreifaltigkeitslehre, wurde auf dem Konzil von Nizäa (325) von Kaiser Konstantin verboten. Als, nach weiteren geistigen Kämpfen, Arius rehabilitiert wurde, vergiftete man ihn kurzerhand in Konstantinopel (336).
Man hätte die Anhänger der Lehre des Origenes, die der frühchristlichen Lehre entsprach, eigentlich »Origenisten« nennen können - doch weil Origenes auch in der Kirche noch immer großes Ansehen genoss, nannten die Theologen der Romkirche die Anhänger seiner Lehre lieber »Arianer«. Der Kampf zwischen Katholiken und Arianern ging im weströmischen Reich noch bis zum Ende des vierten Jahrhunderts weiter. Teilweise fanden regelrechte Schlachten z. B. um den Besitz von Kirchen statt; die Arianer sanken dabei zum Teil auf das Niveau ihrer Gegner. Dann sorgte »Kirchenvater« Ambrosius (ca. 333-397) für ihre gnadenlose Verfolgung und für die Anwendung römischer Strafgesetze gegen sie: Beschlagnahmung von Gebäuden und Vermögen, Aberkennung bürgerlicher Rechte, Verbannung, Tod. Der Spanier Priscillian, der ebenfalls origenistische Ideen vertrat, unter anderem eine vegetarische Ernährung empfahl und das prophetische Wort schätzte, wurde 385 in Trier enthauptet – der erste von der Rom-Kirche ermordete »Ketzer«. Von nun an war klar, was jedem anderen blühen konnte, der nicht den römisch-katholischen Glauben annehmen wollte.
Doch über eine geografische »Hintertüre« bekamen die Gedanken des Origenes neuen, ungeahnten Aufschwung: Der Gote Wulfilas (313-383), dessen Vorfahren aus Kleinasien stammten, lernte in Konstantinopel die Lehre des Origenes kennen und brachte sie den Goten nahe. Es entstand so etwas wie eine gotische Volkskirche, die zwar nicht direkt als »urchristlich« bezeichnet werden kann – die Goten waren z. B. wie alle Germanen, im Gegensatz zu Jesus von Nazareth, keine Pazifisten, sondern in ihrer Mehrzahl eher kriegerische Naturen. Die gotisch-arianische Kirche kannte auch Priester und Bischöfe, obwohl Jesus solche nicht eingesetzt hat. Doch diese mussten von ihrer Hände Arbeit leben und waren verheiratet. Es gab keinen Papst, keinen Kirchenzehnt, keine Heiligen- oder Reliquienverehrung, keinen Mutter-Gottes-Kult, keine Ohrenbeichte, keine Kindertaufe, kein rituelles Abendmahl, sondern ein »Brudermahl« nach urchristlichem Vorbild. Es gab zwar Klöster, aber deren Insassen blieben dort nur »auf Zeit«, also ohne lebenslange Gelübde.

»Religion kann man nicht anbefehlen«

Bemerkenswert ist auch die Toleranz der germanischen Arianer: In den von ihnen beherrschten Gebieten machten sie keine Missionierungsversuche und beließen in der Regel den Katholiken ihre Kirchen. »Religion kann man nicht anbefehlen«, lautete der Grundsatz des in Italien herrschenden Ostgotenkönigs Theoderich. Intolerant gegenüber Katholiken waren zeitweise lediglich die Wandalen, ebenfalls ein arianischer Germanenstamm, in Nordafrika. Die Arianer zeigten selbst in Kriegszeiten Achtung vor ihren Gegnern: Während der katholisch-byzantinische General Belisar 536 nach der Eroberung der von den Ostgoten verteidigten Stadt Neapel Plünderungen billigte und ein Blutbad anrichten ließ, bei dem auch katholische Einwohner nicht geschont wurden, ließ der Ostgote Totila alle Einwohner nach der Rückeroberung 543 am Leben, versorgte sie mit Nahrung und ließ sie gehen, wohin sie wollten, stattete sie teilweise sogar mit Reisegeld aus.
Die meisten der Germanenstämme, die seinerzeit rund um das Mittelmeer siedelten, nahmen den arianischen Glauben an. Erst die Vernichtungskriege Kaiser Justinians im 6. Jahrhundert gegen Wandalen und Ostgoten sowie die Unterwerfungs-Feldzüge der katholischen Franken gegen ihre germanischen Nachbarstämme im 7./8. Jahrhundert sorgten für den Sieg der römischen Kirche über die verhasste »Häresie«. Im Jahre 543 ließ Kaiser Justinian die Lehren des Origenes verdammen, nicht zuletzt um die Religion seiner Kriegsgegner, der Ostgoten, in Verruf zu bringen.
Doch die Lehren des Origenes, die unter den Germanen - in freilich etwas abgewandelter Form - über viele Jahrhunderte Bestand hatten, wichen nur vorübergehend der kirchlichen Gewalt. Es ist sicher kein Zufall, dass ehemals von Goten besiedelte Gebiete, nämlich Oberitalien, Südfrankreich, Bulgarien, Bosnien, in späterer Zeit zum Nährboden für die bogumilische und katharische Bewegung wurden – die dann ebenfalls von der Kirche verfolgt und ausgerottet wurden. Doch bereits zur Reformationszeit tauchten in Ungarn und Polen wieder Glaubensgruppen auf, die sich »Arianer« nannten und an den Glauben der längst besiegt Geglaubten wieder anknüpften. Menschen kann man umbringen - Ideen und Ideale nicht. (mh)

In der nächsten Ausgabe lesen Sie: Das Volk der Paulikianer

Der Artikel wurde auch aufgenommen in das Buch Verfolgte Gottsucher von Matthias Holzbauer


Die Serie "Verfolgte Gottsucher":
Einführung: Der Strom des Urchristentums (Nr. 4/2002)
Teil   1: Markion deckt auf: Verschwörung gegen die Wahrheit (Nr. 7/2002)
Teil   2: Montanus - Eine Stimme, die nie hätte verstummen dürfen (Nr. 8/2002)
Teil   3: Mani - ein Kämpfer für die innere Religion (Nr. 9/2002)
Teil   4: Origenes - der Diamantene (Nr. 10/2002)
Teil   5: Die Paulikianer - Hinwendung zum inneren Licht (Nr. 11/2002)
Teil   6: Christliche Kelten - Das iroschottische Christentum (Nr. 1/2003)
Teil   7: Die Bogumilen - Die wahre Kirche ist das Herz des Menschen (Nr. 2/2003)
Teil   8: Die Katharer - Das Gute durch das eigene Leben bezeugen (Nr. 3/2003)
Teil   9: Girolamo Savonarola: "Der wahre Tempel ist des Christen Herz" (Nr. 4/2003)
Teil 10: Waldenser, Hussiten, Täufer: Die Sehnsucht nach dem neuen Jerusalem (Nr. 5/2003)


Journal Das Friedensreich, Ausgabe Nr. 10/02


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