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Der Strom des Urchristentums (Teil 5) - Die Paulikianer Hinwendung zum Inneren Licht Sie wurden geächtet, enterbt, ausgestoßen, ermordet, von Land zu Land gehetzt. Doch urchristliche Bewegungen sammelten sich immer wieder neu. In Anatolien bildete sich aus den Versprengten das Volk der Paulikianer. Das hatte man im byzantinischen Reich noch nicht erlebt: Kaiser Leon III. aus der Dynastie der Isaurier löste im 8. Jahrhundert teilweise den Großgrundbesitz auf und verteilte Land an Kleinbauern. Er hob die Hörigkeit der Bauern auf und schuf Genossenschaften. Die Armen erhielten kostenlose Rechtsprechung. Die Stellung der Frau wurde erheblich verbessert: Schriftliche Eheverträge wurden eingeführt; die Frau war als Witwe Vertreterin ihrer Kinder usw. Woher kam diese unerwartete Wende? Welcher Geist spricht aus den
Gesetzen des Isauriers, in denen z. B. zu lesen steht: »Gott hat den Menschen
geschaffen und mit Freiheit geschmückt. ... Die Gerechtigkeit, die Botin vom
Himmel, ist das höchste irdische Gut, ... die höchste Sorge des Kaisers.«? Der
Historiker Rudolf Kutzli* ist der Ansicht, dass diese Gesetze unverkennbar von paulikianischer Ethik geprägt waren. Die Wiege der Paulikianer steht in Kurdistan Der Osten der heutigen Türkei, in unseren Tagen überwiegend von Kurden bevölkert, ist eine solche Region, in der sich versprengte Urchristen immer wieder sammelten und neue Bewegungen gründeten. Hier findet sich auch die erste Spur der so genannten Paulikianer. Mitte des siebten Jahrhunderts wird uns von der Manichäerin Kallinike aus Samosata berichtet. Ihre Söhne Paulus und Johannes sollen eine christliche Lehre verkündet haben, deren Anhänger als »Paulikianer« bezeichnet wurden. Wobei der Namensgeber dieser Lehre wohl nicht der eine dieser Brüder, Paulus, gewesen ist, sondern der Apostel Paulus, auf den sich bereits Markion berief. Eine zweite historische Wurzel führt uns etwas weiter nördlich in die Provinz Mananali (damals überwiegend von Armeniern bewohnt), wo ebenfalls im 7. Jahrhundert ein gewisser Konstantin auftrat. Dieser gab sich - nach einem Jünger des Apostels Paulus – den Beinamen »Sylvanus«. Er gründete in Kibossa (heute: Nordost-Türkei) die erste nachweisliche Gemeinde der Paulikianer. Um zu erahnen, wer die Paulikianer waren, ist es hilfreich, sich die verschiedenen Bewegungen vor Augen zu rufen, aus denen sie sich speisten und schließlich zu einer neuen Glaubensrichtung entwickelten:
Diese Zeilen klingen heute, im Zeitalter der ökologischen Katastrophen, sehr aktuell. Zarathustra lebte fünf Jahrhunderte vor Christus, doch in vieler Hinsicht nahm er Aspekte der Lehre Jesu vorweg – auch wenn, wie bei fast allen großen Religionsgründern, seine Lehre später verfälscht und zu einer ritualisierten äußeren Religion gemacht wurde. Den Mazdakisten ging es in erster Linie um die innere Befreiung des Menschen, um seine Hinwendung zum Inneren Licht: »Wann wird es aufgehen, das Morgenrot jener Tage, wo die Menschheit sich wendet zum Inneren Licht, zum Lichte der Wahrheit? Doch sei, wann es wolle ... Ich will mich mühen, als sei es schon Zeit.« (Zarathustra) Keine Priesterkaste Das urdemokratische Element der Mazdakisten zeigte sich später auch in der inneren Haltung der Paulikianer. Ihre geistigen Führer lehnten jede Machtausübung ab. Sie bezeichneten sich, wie ihre Vorläufer in den frühchristlichen Urgemeinden, als »Synekdemoi« - Begleiter des Volkes – und wurden auch vom Volk gewählt. Sie unterschieden sich in Kleidung und Lebensweise nicht von anderen Gemeindemitgliedern. Jeder Gläubige war dazu aufgerufen, selbst das Neue Testament (das Alte Testament wurde abgelehnt) zu lesen und auszulegen und das wahre Christentum in sich zu ergründen. Als einziges Sakrament kannten die Paulikianer die Taufe. Die einzelnen Glaubensinhalte der Paulikianer sind nur indirekt zu erfahren, weil fast nur Berichte ihrer Gegner erhalten geblieben sind. Dies gilt übrigens für die meisten der von der Kirche verfolgten Gruppen, zu denen, dies sei vorweggenommen, auch die Paulikianer zählten. Dennoch lässt sich unter Vorbehalt sagen: Die Paulikianer lehnten den Kult der »Gottesmutter« Maria ab. Sie waren der Auffassung, dass die »Gottesmutter« in Wahrheit das himmlische Jerusalem sei, aus dem Christus als der »Logos«, das Wort Gottes, zu den Menschen gesandt wurde. In Anlehnung an bestimmte Denkrichtungen der Gnosis scheinen die Paulikianer allerdings auch geglaubt zu haben, dass Christus nur scheinbar Mensch geworden sei und in Wirklichkeit nicht am Kreuz gelitten habe (Doketismus). Außerdem waren sie wohl zumindest zeitweise Anhänger eines Glaubens, den man als »absoluten Dualismus« bezeichnen könnte: Das Gute und das Böse sind zwei völlig getrennte Prinzipien, die seit Ewigkeit bestehen. Im gemäßigten Dualismus, der auch der Lehre des Origenes entspricht, wird hingegen gelehrt, dass das Böse ursprünglich ein Teil des Guten war, von diesem abfiel und einst wieder zum Guten zurückfinden wird. Ein Kriegsherr dreht um Wir sehen an diesem Beispiel einmal mehr, dass es schwierig war,
den Glauben des ursprünglichen Christentums rein und unverfälscht durch die
Wirren der zahlreichen Verfolgungen urchristlicher Glaubensbewegungen in der
Antike hindurch zu retten. So manche Abweichung oder Verwirrung schlich sich
ein. Das gilt auch für die Frage der Gewaltanwendung. Die Paulikianer waren
keine Pazifisten wie Jesus von Nazareth, sondern verteidigten sich militärisch
gegen die zahlreichen Angriffe und Ausrottungsversuche vor allem des
byzantinischen Staates, dessen Kaiser durch die Priesterkaste zur Verfolgung der
»Häretiker« aufgestachelt wurden. Immer wieder wurden Tausende von Paulikianern
gesteinigt, verbrannt, geköpft. Der byzantinische Feldherr Symeon soll Ende des
7. Jahrhunderts allerdings von der Standhaftigkeit der Besiegten so beeindruckt
gewesen sein, dass er den Dienst quittierte, seinen Besitz veräußerte und in das
Land der Paulikianer zog. Er sammelte die Reste der Bewegung und baute die
Gemeinden neu auf. Bereits Ende des 8. Jahrhunderts jedoch begannen wieder grausame Verfolgungen der Paulikianer. Sie hatten aber zu dieser Zeit bereits auf dem Balkan Fuß gefasst. Andere Paulikianer flüchteten an den Euphrat – wo sie der muslimische Emir wesentlich toleranter behandelte als der »christliche« Kaiser – oder über Nordafrika bis nach Frankreich, wo sie »Populicani« genannt wurden. Die Grundlage für weitere »Ketzerbewegungen« war damit gelegt: für die Bogumilen und Katharer. (mh) * Rudolf Kutzli, »Die Bogumilen«, Stuttgart 1977
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auch aufgenommen in das Buch
Verfolgte Gottsucher von Matthias Holzbauer
Die Serie "Verfolgte Gottsucher":
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