»Die geheimen Verführer«

Körperverletzung im Blindversuch

Der heutige Mensch ist mit einer Vielzahl mehr oder weniger gefährlicher Stoffe konfrontiert. Gegen radioaktive Strahlen oder Abgase versuchen wir uns durch die Festlegung von Grenzwerten zu schützen. Müssen wir uns neuerdings auch gegen hormonelle Emissionen schützen?

»Die geheimen Verführer« – so lautete ein Bestseller, der vor etwa 40 Jahren die Manipulation der Verbraucher durch die moderne Werbung analysierte: Der »Duft der großen weiten Welt« animiert zur Bevorzugung einer bestimmten Zigarettenmarke. Muskelstrotzende Männer suggerieren die Unverzichtbarkeit eines Rasierwassers. Verführerische Blondinen mit seidigem Haar preisen das ultimative Shampoo an. Mannequins posieren neben glitzernden Sportwagen. Immer ungenierter werden Produkte jedweder Art mit den geheimen Wünschen des Publikums aufgeladen und mit ihnen die Kauflust stimuliert.

Gefahr für Ehe und Familie

Das alles war noch relativ harmlos, denn man spürte die Absicht - mit Schmunzeln oder auch Ablehnung - und konnte sich den jeweiligen Verführungsversuchen notfalls entziehen, oder glaubte das wenigstens. Doch nun scheint die Manipulation eine neue Qualität zu erreichen. Sie erfolgt unsichtbar und verändert die Chemie unseres Körpers und über diese unser Verhalten, nicht zuletzt im Sexualbereich. Es geht um Hormonstoffe, die – geruchlos oder hinter harmlos riechenden Duftwässerchen verborgen – unseren Hormonhaushalt verändern. Wer Viagra nimmt, weiß, was er tut und damit bezweckt. Wer der Duftwolke eines betörenden Parfums begegnet, glaubte bislang ebenfalls zu wissen, was los ist. Doch nach neuesten Forschungen kann er nicht mehr sicher sein, dass er nur dem duftenden Charme seines weiblichen oder männlichen Gegenübers erliegt. Er weiß nicht, ob nicht jene »Pheromone« im Spiel sind, die ihn auf unberechenbare Weise »verzaubern«. Frei nach Goethes Faust, der durch Mephistos Zaubertrank in Verzückung geriet, ließe sich sagen: Mit einem Pheromon im Leibe, siehst du bald Marilyn in jedem Weibe.
Mancher mag sich das vielleicht wünschen. Doch die Sache ist weniger komisch, als sie auf den ersten Blick erscheint. Wie wir in dieser Ausgabe des Friedensreichs in verschiedenen Beiträgen erfahren, zeichnet sich eine dramatische Steuerung menschlicher Verhaltensweisen ab: Ernsthafte Wissenschaftler versichern uns, dass menschliche Pheromone synthetisch hergestellt und bereits kommerziell eingesetzt werden – Stoffe, die uns sexuell aus dem Häuschen bringen: Männer und Frauen finden einander auf unnatürliche Weise attraktiv, weil sie mit synthetischen Hormonen bestückt sind – Sex-Appeal aus dem Fläschchen. Wir setzen uns auf bestimmte Stühle oder begeben uns in bestimmte Räume, weil uns Androstenone oder Kopuline dorthin locken.
Oder wir fühlen uns auch abgestoßen, weil wir zu viele eigene Pheromone vorfinden. Biochemische Vorgänge steuern unser soziales Verhalten, sei es ein Flirt, ein Streit, ein Seitensprung oder der Besuch eines Warenhauses.
Unsere Gesellschaft, die sich auf die sexuelle Selbstbestimmung des einzelnen so viel zugute hält, gerät an die Grenzen ihrer Freiheitlichkeit, wenn die seelisch-körperliche Begegnung zweier Menschen nicht mehr von Kopf und Herz entschieden, sondern wenn sie zu einer Funktion von Pheromondosierungen wird. Wollen wir das? Wenn ja – dann sollten wir »den Schutz von Ehe und Familie in Artikel 6 des Grundgesetzes« und »die Würde der Menschen« in Artikel 1 mit einem einschränkenden Vorbehalt zugunsten der Parfümindustrie versehen. Oder auch zugunsten der Textilindustrie, die auf dem Sprung ist, die Klamotten, die wir kaufen sollen, mit passenden Pheromonen zu imprägnieren, um sie unwiderstehlich zu machen.

Eine strafbare Handlung?

Wie wir hören, nimmt vor allem die Fleischindustrie eine Ausnahmegenehmigung für Freiheitsbeeinträchtigungen und Körperverletzungen für sich in Anspruch: Sie benutzt massenhaft Pheromone, um die Paarung von Kühen und Stieren zu beschleunigen. Schon beim bloßen Aufsprühen der männlichen Pheromone auf die Stiere nehmen die Kühe augenblicklich Paarungsposition ein. Kleinste Mengen des Sexuallockstoffs lösen in Sekundenbruchteilen Reize im Gehirn aus.
Die Fleischproduzenten verletzen nicht nur die Würde der Tiere, sondern auch die der Menschen: Ganze Wolken von Eberpheromonen entweichen den Massentierställen und schwängern die Luft, die wir atmen. Was Wunder, wenn auch die Tiere in freier Wildbahn davon rauschig werden. Und es ist zu vermuten, dass es den Menschen kaum anders ergeht, deren Hormonstruktur mit der von Kühen und Rindern identisch ist.

Der moderne Mensch ist giftige Immissionen vieler Art gewöhnt und versucht, sich dagegen notdürftig zu schützen, z. B. durch die Festlegung von »Grenzwerten«, die sich in einer Vielfalt von Verordnungen und Gesetzen finden, oft zu hoch sind und noch öfter nicht eingehalten werden. Doch noch nie erfolgte ein Anschlag auf unsere körperliche Unversehrtheit auf so raffinierte Weise wie im Fall des Blindversuchs mit Pheromonen. Ob die hierdurch bewirkte Veränderung unserer psychosomatischen Konstitution nicht eine Körperverletzung im Sinne des Strafgesetzbuchs ist, ist eine durchaus ernsthafte Frage.

Doch es geht um weit mehr als die körperliche Integrität. Wenn ein wichtiger Teil unserer Lebensgestaltung gesteuert wird, fällt ein Teil unserer Selbstbestimmung aus. Auch die Fähigkeit zur Selbsterkenntnis leidet dadurch, denn sie setzt den unbeeinflussten Umgang mit unseren Empfindungen und Gefühlen voraus, Sensibilität nach innen, die uns verloren geht, wenn uns immer neue Hormonschübe überschwemmen. Die wissenschaftliche Erforschung dieser Phänomene steht erst am Anfang. Wir sollten nicht nur nach äußerer Abhilfe rufen, sondern auch die inneren Abwehrkräfte stärken. Wer sich von seinen Sinnen treiben lässt, wird sicher leichter zum Objekt der modernen Hormonspielerei als jemand, der disziplinierter lebt und seinen inneren Seismographen beachtet, mag er ihn »Gewissen« nennen oder sein »höheres Selbst«. Zwar wird auch er die Pheromone nicht erschnuppern, aber im Umgang mit seiner Umwelt selbstkritischer reagieren, wenn ihm etwas besonders anziehend oder besonders abstoßend erscheint. (Christian Sailer)


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Journal Das Friedensreich, Ausgabe Nr. 12/02                            


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