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Der Strom des Urchristentums (6)
Christliche
Kelten - Am äußersten Rand Europas entzog sich ein naturverbundenes, freies Christentum über Jahrhunderte der Herrschaft der Romkirche. Als es auf den gesamten Kontinent auszustrahlen begann, waren seine Tage gezählt ... »Oft treten die Barden, wenn die Heere bereits gegeneinander
anrücken und sich mit gezogenen Schwertern und Lanzen gegenüberstehen, vor sie
in die Mitte und stimmen beide Seiten friedlich, gleich als ob sie wilde Tiere
durch ihren Gesang besänftigen.« Das berichtet der griechische Historiker
Diodorus im letzten Jahrhundert vor Christus über die sagenumwobenen Kelten. Als
800 Jahre später die Nachfahren der keltischen Barden, inzwischen längst von Rom
unabhängige Christen geworden, in Mitteleuropa umherziehen, werden sie von
Willibald (ca. 700-787), einem Schüler des Papstgesandten Bonifatius (672-754),
wüst beschimpft: »Falsche Brüder sind eingedrungen, die das Volk verführten und
unter dem Namen der Religion einer höchst verderblichen Sekte von Ketzern
Eingang verschafften.« Die irischen und schottischen Christen jener Zeit waren nicht eigentlich »Ketzer«. Sie stellten die römische Kirche und den Primat des Papstes nicht offen in Frage. Dennoch verdienen sie es, in der Reihe der urchristlichen Bewegungen nicht vergessen zu werden. Denn es war den Päpsten schon immer ein Dorn im Auge, dass am äußersten Rand Europas sich ein Volk ihrer Herrschaft entzog – so wie sich die in Schottland und Irland lebenden Kelten der Unterwerfung unter das römische Imperium entzogen hatten. Es liegt im historischen Dunkel, wann und wie genau das Christentum in Irland Einzug hielt. Fest steht lediglich, dass es ohne Gewalt geschah, ohne Verfolgungen und ohne Märtyrer. Der Sage nach erfuhren Vertreter des Keltentums von der Einverleibung des Christus durch eine Art Inspiration. Es gab aber mit Sicherheit auch einen Austausch von geistigen Ideen, etwa über Nordafrika, Spanien und Gallien – Gegenden, in denen Manichäer und Arianer in der Antike lebten. Die Romkirche hat später versucht, dieses keltisch inspirierte Christentum für sich zu reklamieren. So wird z. B. behauptet, der irische »Nationalheilige« Patrick (395-459) sei von Rom als Bischof eingesetzt worden. In Wirklichkeit verbreitete Patrick das Christentum in Irland, weil er in seinem Inneren durch das innere Wort dazu aufgefordert worden war: »Und eines Nachts (ich weiß es nicht, nur Gott weiß, ob es in mir oder außer mir geschah), da sprach man mich in Worten an ...« Das keltische Christentum unterschied sich von der dogmatisch-römischen Lehre in wesentlichen Punkten:
Das rief nun endgültig die römische Kirche
auf den Plan, die zur Eroberung des der iro-schottischen »Ketzerei« verfallenden
Landes blies. Bereits im 7. Jahrhundert hatte Papst Gregor I. mit Hilfe der
Angeln und Sachsen, die den römischen Glauben annahmen, den
keltisch-christlichen Einfluss in Britannien zurückgedrängt. Nun rief, zu Beginn
des 8. Jahrhunderts, Papst Gregor II. den britischen Mönch Winfrid, später
Bonifatius genannt, nach Germanien. Er sollte nicht nur – immer mit fränkischer
Waffenhilfe – die »Heiden« bekehren, sondern vor allem auch die iro-schottischen
Mönche zur Unterwerfung zwingen oder aber vertreiben. Sowie »etwas Gegnerisches
auftreten sollte«, befahl Papst Zacharias dem Bonifatius, sollte es »mit Stumpf
und Stiel ausgerottet werden«. Bonifatius zerstörte nicht allein »heidnische«
Naturheiligtümer, sondern er ließ mit Genehmigung des Papstes auch irische
Feldkreuze zerstören. Später dann, nach ihrem Sieg über die »Ketzer«,
vereinnahmte die Kirche diesen Brauch: »Katholische« Wegkreuze – nun allerdings
mit dem Korpus des gemarterten Jesus – gelten heute als »kirchliche Tradition«
schlechthin. Eine Wurzel des Nordirland-Konflikts Doch auch die Heimat der »Wanderer« von der grünen Insel blieb nicht verschont: Im Jahre 1155 forderte Papst Hadrian IV., selbst englischer Abstammung, den englischen König Heinrich II. auf, Irland zu annektieren. Damit wurde nicht nur das iro-schottische Christentum von der Romkirche niedergemacht, sondern es wurde durch die nachfolgende Unterdrückungspolitik der Engländer auch die Ursache gelegt für den bis heute andauernden Konfessionskrieg in Nordirland. (mh)
* Markus Osterrieder, »Sonnenkreuz
und Lebensbaum«, Stuttgart 1995, S. 67 [Zurück]
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