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Der Strom des Urchristentums – Teil 10: Waldenser, Hussiten, Täufer Die Sehnsucht nach dem »neuen Jerusalem« Eigentlich hatten sie ja nur den stereotypen Ablauf der katholischen Messen verbessern wollen, indem sie sich als kundige Laienprediger anboten. Doch dann kamen den »Armen Christi«, wie sie sich selber nannten, erhebliche Zweifel und Fragen in Bezug auf das ganze Gehabe der Kirche: »Wenn in der eigenen Gruppe Frauen und Männer predigen durften, warum war es dann in der offiziellen Kirche den Frauen verboten? Wenn eigenständiges Denken und verständiges Auslegen der Evangelientexte so viele neue und wichtige Erkenntnisse brachten, warum sollte man sich dann immer noch vom Kirchenklerus als ´idiote et illiterati`, als dumm und ungebildet, lächerlich machen lassen? Wieso sollten rechtschaffene, keusche und ehrliche Frauen und Männer jedes Mal den korrupten, fett gefressenen und ausbeuterischen Bischof um Erlaubnis fragen, wenn sie vor einer Volksversammlung sprechen wollen?«* Die Waldenser Was Ende des 12. Jahrhunderts als innerkirchliche Protestbewegung um den Lyoner Kaufmann Waldes begann, entwickelte sich – nicht zuletzt aufgrund der brutalen Ablehnung und Verfolgung durch die Kirche – zu einer der bedeutendsten Ketzerbewegungen des Mittelalters – und darüber hinaus. Nach Eugen Roll** war Waldes, der sein zum Teil unrechtmäßig erworbenes Vermögen aufgrund eines Bekehrungserlebnisses spontan an die Armen verschenkte, zunächst in der katharischen Bewegung »stark verwurzelt«, wandte sich später von ihr wieder ab. Während die Katharer nur das Johannes-Evangelium anerkannten und ansonsten auf die innere Wandlung und Geisterkenntnis des Menschen mit Hilfe des innewohnenden Christus setzten, wollte Waldes der Bibel ein stärkeres Gewicht verleihen und sie dazu in die Volkssprache übersetzen. Genau das brachte ihn aber in Konflikt mit der Kirche, die er – im Gegensatz zu den Katharern – ursprünglich gar nicht verlassen wollte. Menschen, die selbständig denken, die in Eigenverantwortung ein ethisch hoch stehendes Leben anstreben, waren der Kirchenhierarchie schon immer ein Dorn im Auge. Waldes und seine Anhänger wurden um 1180 auf Anordnung des Bischofs von Lyon aus der Stadt und ihrem Umkreis vertrieben. Doch damit sorgte die Kirche ungewollt für die rasche Verbreitung der Bewegung. Wenn man die Lehre der Waldenser mit derjenigen der Katharer vergleicht, so fehlten zwar wesentliche Elemente – etwa das Wissen um das Gesetz von Saat und Ernte und die Wiederverkörperung der Seele, die Überzeugung, dass es eine ewige Verdammnis bei einem Gott der Liebe nicht geben kann; oder das Wissen um die Einheit der Natur und die spirituelle Notwendigkeit einer vegetarischen Ernährung. Und doch gibt es Gemeinsamkeiten: die Betonung der Verantwortung und der Fähigkeiten des Einzelnen, der Gleichheit aller Menschen – und damit die Ablehnung einer Hierarchie, auch wenn diese dann zeitweise doch wieder eingeführt wurde; die Ablehnung kriegerischer Gewalt und die Weigerung, für Ablässe oder den Kirchenzehnten zu zahlen. Wie die Katharer führten die Waldenser ein einfaches Leben und waren in der Regel geschickte Handwerker. Ihr Ideal war das Urchristentum, wie sie es aus den Evangelien und der Apostelgeschichte entnehmen konnten. Die Waldenser fielen – nach anfänglicher Duldung – derselben blutigen Verfolgung durch die kirchliche Inquisition zum Opfer wie die Katharer, konnten ihre Bewegung aber dennoch in versteckten Alpentälern bis ins 19. Jahrhundert hinüberretten, als dann der aufgeklärte italienische Staat ihnen endlich Glaubensfreiheit brachte. Allerdings sind die Waldenser heute glaubensmäßig kaum noch von den Calvinisten zu unterscheiden. Die Geschichte ihrer Bewegung ist ein Beleg dafür, dass es der Romkirche im Grunde nur um Macht und Geld geht – denn sonst hätte sie nicht eine Bewegung fast ausgerottet, die ihr gegenüber zwar kaum eine Alternative im Glauben, aber sehr wohl eine Alternative in der ethischen Lebensführung darstellte und vertrat. Die Bewegung der Waldenser ist zugleich ein Beweis dafür, dass die Sehnsucht des Menschen nach einem Leben im Einklang mit den urchristlichen Idealen der Gleichheit, Freiheit, Einheit, Brüderlichkeit und Gerechtigkeit sich immer wieder neu Bahn brach, auch als das geistige Wissen, das die Katharer und Bogumilen noch in hohem Maße besaßen, nicht mehr unmittelbar verfügbar war. Die Hussiten Das trifft auch für weitere Bewegungen zu, die zum Teil auf dem Glaubensgut versprengter Waldenser aufbauten. Im 15. Jahrhundert vertrat in Böhmen der Priester Jan Hus die Lehre von einer »unsichtbaren Kirche« Jesu Christi, die er in Gegensatz zur sichtlich verdorbenen und gespaltenen Kirche seiner Zeit setzte. Auch er verwies auf das frühe Christentum und forderte ein einfaches und geradliniges Leben nach den ethischen Maßstäben der Bergpredigt, geißelte den Amtsmissbrauch und die Bereicherung des Klerus. Hus wurde 1415 auf dem Konzil in Konstanz als Ketzer verbrannt. Er hinterließ jedoch keine einheitliche religiöse Bewegung. Die »Hussiten« sind eher ein historischer Sammelbegriff für unterschiedliche Gruppierungen, die zunächst vor allem der Protest gegen diese barbarische Untat vereinte. Der radikale Flügel der Hussiten, Taboriten (nach ihrem Hauptort Tábor) genannt, zog zur Verteidigung der böhmischen Reformation in den Krieg und lehrte fünf kirchliche »Kreuzzugsheere« das Fürchten. Sie beriefen sich dabei auf das Alte Testament, das bekanntlich für eine Rechtfertigung von Gewalt genügend kriegerische und grausame Stellen bereit hält – sicherlich kein Wesenszug des Urchristentums. Es gab jedoch auch pazifistische Hussiten wie Petr Chelcicky (sprich: Cheltschitzki, ca. 1380-1455), der in seinen Schriften dem ansonsten von ihm verehrten Magister Hus vorwarf, die Tür zu einer Rechtfertigung des Krieges nicht verschlossen zu haben. Chelcicky gilt auch als geistiger Vater der »Böhmischen Brüdergemeinde«. Zu ihr gehörte später der große Pädagoge Johann Amos Comenius (1592-1670). Er vertrat den Grundsatz der Gleichheit aller Menschen und sah die Natur als einen Gesamtorganismus, den es zu achten gilt. Er musste mit seinen Glaubensgenossen immer wieder vor katholischen Heeren fliehen, sprach sich jedoch, wo er konnte, für friedvolle Lösungen aus. Am Ende des 30-jährigen Krieges duldete man aber nur noch drei Konfessionen (katholisch, lutherisch, calvinistisch) in Deutschland – die Brüdergemeinde musste sich auflösen. Im Zuge der Gegenreformation wurde die polnische Stadt Lyssa (Leszno), in der Comenius lebte, von einem katholisch-polnischen Heer erobert, angezündet, und alle Einwohner, die nicht – wie Comenius – rechtzeitig geflüchtet waren, wurden ermordet. Dennoch schrieb Comenius am Ende seines Lebens: »Ich danke meinem Gott, dass er mich mein ganzes Leben hindurch einen Mann der Sehnsucht hat sein lassen.« Er nannte es die Sehnsucht nach dem Licht, das über die Finsternis siegen wird. Die Täufer Die Sehnsucht nach einem »neuen Jerusalem« inspirierte auch die Bewegung der Täufer, die in der Reformationszeit entstand. Im Gegensatz zu den Reformatoren Luther, Zwingli und Calvin lehnten die Täufer die Säuglingstaufe ab und erkannten die katholische Taufe nicht an. Sie begannen, Erwachsene zu taufen. Sie lehnten auch jede Form des Eides und des Kriegsdienstes ab und legten großen Wert auf eine schlichte, gottgefällige Lebensführung. Ihre Treffen fanden in schlichten Räumen, auf Dachböden, in Scheunen oder in der freien Natur statt. Die katholische und protestantische Kirche, einander ansonsten spinnefeind, waren sich in einem einig: in der Bekämpfung der Täufer und »Hexen«. Auf einem Reichstag zu Speyer beschlossen ihre Abgesandten 1529, gegen die »jetzt kürzlich newen aufgestanden irsal und sect des widertauffs« gemeinsam vorzugehen. Den »Haupträdelsführern« drohten Folter und Scheiterhaufen. Der Reichstag zu Speyer wurde somit zwar zur »Geburtsstunde des ´Protestantismus`, nicht jedoch der Toleranz und Religionsfreiheit.«*** Auch die Täufer waren keine einheitliche Bewegung. Unter dem Druck der Verfolgung gaben einzelne Täufergruppen im Norden Deutschlands die Gewaltlosigkeit auf und wurden zu militanten Vorkämpfern z. B. des »Reichs der Täufer« in Münster, das dann unter den Kanonen des Bischofs ein blutiges Ende fand (1535). Andere wiederum, wie die Gefolgsleute des 1536 in Innsbruck lebendig verbrannten Täufers Jakob Hutter, gründeten Lebens- und Arbeitsgemeinschaften, in denen sie die Gütergemeinschaft der ersten Christen anstrebten. Ehrliche Arbeit ohne Müßiggang, gemeinsamer Besitz, gemeinsame Kindererziehung und die Laienpredigt (also Ablehnung einer Priesterkaste) waren die Grundpfeiler ihrer »Bruderhöfe«. Wegen der Verweigerung des Kriegsdienstes – und übrigens auch jeglicher Steuern für kriegerische Zwecke – wurden sie immer wieder schikaniert und vertrieben, mussten über Mähren, Siebenbürgen, Russland bis schließlich nach Amerika ziehen, um ihre Lebensform ungestört pflegen zu können. Solche Höfe der Hutterer und Mennoniten (benannt nach dem holländischen Täufer Menno Simons) gibt es noch heute – doch sie sind durch die Jahrhunderte lange Abschottung oftmals erstarrt, nicht zuletzt durch einen wörtlichen Bibelglauben und durch eine rückwärtsgewandte Ablehnung jeglicher Technik. Was aber heute einen hutterischen Hof in den USA nicht daran hindert, ausgerechnet als erster genmanipulierten Tabak anzubauen … In der Welt, aber nicht mit der Welt Waldenser, Hussiten und Täufer zeigen, dass der Impuls eines Christentums der Bergpredigt nicht auf Dauer unterdrückt werden kann, dass er sich immer wieder auf unterschiedliche Weise Bahn bricht – deshalb sollten sie auch in dieser Artikelreihe nicht unerwähnt bleiben. Ihre Geschichte zeigt aber auch, dass es der Romkirche im Laufe der Jahrhunderte blutiger »Ketzer«-Verfolgung gelungen war, wesentliche Teile der ursprünglichen Botschaft des Jesus von Nazareth zu unterdrücken. Jesus lehrte keine Abschottung (so z. B. auch kein Mönchstum), sondern ein Leben »in der Welt, aber nicht mit der Welt«. Er lehrte keinen Buchstaben-Glauben, sondern den aktiven Glauben, der den Menschen befähigt, seine Fehler und Schwächen nicht zu verdrängen oder zu unterdrücken, sondern sie mit Christi Hilfe Tag für Tag zu erkennen, zu bereuen, um Vergebung zu bitten und zu vergeben, nach Möglichkeit wiedergutzumachen und nicht mehr zu tun. Er zeigte auch den Weg nach Innen auf, auf dem der Mensch sich nicht als unverbesserlicher Sünder zu fühlen braucht, sondern auf dem er Schritt für Schritt sein göttliches Erbe wieder erschließen kann. Gerade auf dem Hintergrund der »Ketzer«-Geschichte der letzten 500 Jahre wird die epochale Bedeutung deutlich, die dem wieder erstandenen Prophetischen Wort unserer Tage zukommt. Durch unsere Schwester Gabriele wurden und werden uns nicht nur die durch die Kirche unterdrückten Teile der göttlichen Wahrheit wieder ins Bewusstsein gehoben, es ist darüber hinaus die ganze Fülle göttlicher Weisheit, soweit sie in menschlichen Worten ausgedrückt werden kann, auf die Erde gekommen, darunter auch vielfältige Anregungen für ein Leben und Arbeiten in der Gemeinschaft. Es liegt an jedem einzelnen, sie in die Tat umzusetzen. (mh) * Antje Schrupp, Waldenser, in Adolf Holl (Hg.), »Die Ketzer«,
Hamburg 1994, S. 233 f.
Dieser Artikel wurde auch in das Buch Verfolgte
Gottsucher von Matthias Holzbauer übernommen.
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