Vivisektion

»Das schwärzeste aller Verbrechen«

Jedermann ist für Tierschutz – in Deutschland neuerdings sogar die Verfassung. Sie garantiert nicht nur die Menschenwürde, sondern erhebt den Schutz der Tiere zum Staatsziel. Die Tiere haben davon bisher wenig gemerkt – am wenigsten die Opfer von Tierexperimenten. Sie werden im Namen der Wissenschaft mit Krankheiten infiziert, operiert und malträtiert, ohne sich dagegen wehren zu können, obwohl ihre Qual weder wissenschaftlich notwendig noch ethisch oder rechtliche vertretbar ist ...

Die europäischen Staaten halten sich für Kulturnationen, weil ihre Bürger einigermaßen zivilisiert miteinander umgehen. Die Folter ist weitgehend abgeschafft und auch Hinrichtungen finden nicht mehr statt. Dafür geht es umso barbarischer in den Massentierställen, auf den Tiertransporten und in den Schlachthäusern der modernen Fleischindustrie zu. Doch die Rinder und Schweine, die in engen Pferchen und auf Spaltenböden dahinvegetieren und das Sonnenlicht nur auf dem Weg zum Schlachthof erleben, sind fast zu beneiden, wenn man ihr Leben mit dem Schicksal ihrer Artgenossen in den Versuchslaboratorien von Universitäten, Max-Planck-Instituten, Krankenhäusern und Industrien vergleicht.

Tiere quälen, um Menschen zu heilen?

Da wird mit und ohne Betäubung operiert und ausprobiert, was das tierische Leben hergibt: was Schweine an Waschmittellösungen verkraften, bis sie krepieren; was Albino-Kaninchen an ätzenden Augenflüssigkeiten vertragen, bis sie erblinden; wie Katzen, denen man die Sehne eines Augenmuskels durchtrennt und Elektroden an den Augenhöhlen implantiert hat, sich schielend orientieren; wann Hunde, denen man das Brustbein aufgefräst und die Hauptschlagader abgeklemmt hat, an Herzstillstand sterben; welche Schreie Affen ausstoßen, wenn man Stahlsonden in ihr Gehirn einbringt und chemische Substanzen einspritzt; wie bestimmte Giftstoffe wirken, wenn man sie Tieren verabreicht, die sich dann oft stundenlang in Krämpfen, hohem Fieber, blutigen Durchfällen und Lähmungen winden, bis am Ende bei Atemlähmung der Magen platzt.

»Schauen wir mal, was passiert ...«

Das sind nur einige Beispiele aus den Folterkellern von Universitäten und Pharmakonzernen, in denen als ehrbare Zeitgenossen getarnte Sadisten Grausamkeiten begehen, die das Vorstellungsvermögen eines normal empfindenden Menschen übersteigen. In Deutschland starben auf diese Weise nach dem im Mai dieses Jahres erschienenen Tierschutzbericht der Bundesregierung über 2,1 Millionen Tiere – unter anderem 2.115 Affen, 11.661 Schweine, 117.890 Kaninchen, 1.024.413 Mäuse und viele andere mehr, auch Pferde, Schafe und Rinder. In Zukunft sollen es noch mehr werden, wenn die neue Chemikalien-Richtlinie der EU in Kraft tritt, die vorsieht, dass 30.000 Chemikalien (die seit mehr als 20 Jahren auf dem Markt sind!) in einem umfangreichen Tierversuchsprogramm getestet werden. Man rechnet damit, dass dabei mindestens 50 Millionen Tiere, davon allein 20.000 bis 30.000 Hunde, vergiftet werden.

Die Tierversuche finden im Bereich der Medizin, der Kosmetik und Genussmittelindustrie und für die Herstellung von Gebrauchsgegenständen statt – von Farben und Kerzen über Frostschutzmittel bis hin zu Feuerlöschern werden die verwendeten Einsatzstoffe an Millionen von Tieren getestet. Hohen »Tierverbrauch« weist auch die so genannte Grundlagenforschung auf, die oftmals diffusen Untersuchungszielen gilt, nach der Devise: Schauen wir mal, was passiert, wenn wir dieses oder jenes Tier in bestimmten Gehirnbereichen verstümmeln oder ihm Gliedmaßen abschneiden ...

Was ist von einer Zivilisation zu halten, deren Wissenschaft solche Brutalitäten einschließt und deren Medizin Menschen mit Methoden heilen will, die Tieren so viel Unheil brachten. Der vor drei Jahren verstorbene Chirurg Dr. Werner Hartinger, der als Kritiker der Vivisektion internationales Ansehen genoss, antwortet auf die fassungslose Frage, wie dies alles möglich ist: »Die Politik legalisiert die quälerische Verwertung der Tiere, kirchliche Institutionen liefern die moralische Rechtfertigung, die Wissenschaft begründet sie ‘zum Wohle des Menschen’, die Industrie droht mit Arbeitsplatzverlusten, die Wirtschaft erklärt sie für unerlässlich, die Forscher warnen vor Abwanderung ins Ausland, die Medien verkünden bei Abschaffung ein Chaos der Medizinversorgung, Interessenverbände bangen um Milliarden Subventionen und alle rechtfertigen Tierversuche mit einem Gewinn, Nutzen und Vorteilserhalt.«

Moralisch betäubt

Die weltanschaulichen Grundlagen der als »Versuchslaboratorien« kaschierten Gruselkabinette sind eine grenzenlose Tierverachtung und eine wahnwitzige Selbstüberschätzung des Menschen. Selbst ein Bestandteil der Natur, erhebt er sich von Anbeginn an über seine Mitgeschöpfe. Statt sich die Erde als Verwalter und Pfleger allen Lebens »untertan zu machen«, macht er alles nieder: Es fing bereits bei den Massakern auf den Opferaltären der alttestamentarischen Priesterkaste an, die damit einen zürnenden Gott beruhigen wollte. Nach Jesus von Nazareth dauerte es nicht lange, bis dessen Tierliebe in den Grausamkeiten des zur Staatskirche avancierten römischen Katholizismus unterging. Für die Kirche waren Tiere seelenlose Wesen.

Daran hat sich bis heute nichts geändert, denn im katholischen Katechismus wird nicht nur vor zu viel Liebe gegenüber den Tieren ausdrücklich gewarnt, sondern auch deren Verwendung als Versuchsobjekte im Labor gebilligt. Wer werktags »aus wissenschaftlichen Gründen« Affen im »Primatenstuhl« fixiert und Hunden die Knochen bricht, kann sonntags als »guter Christ« bequem in der Kirchenbank sitzen. Früher waren die Opfer kirchlicher Unmoral nicht nur die Tiere, sondern auch Ketzer und Hexen, Farbige und Sklaven, die allesamt als minderwertig galten. Wie lange wird es noch dauern, bis man von der ethischen Perversion kirchlicher Herkunft endlich auch die Tiere befreit? Gewohnheit und Tradition verstellen uns den Blick auf himmelschreiendes Unrecht gegenüber unseren Mitgeschöpfen. Wann wachen die Europäer aus ihrer moralischen Betäubung auf, in die sie Theologen und Philosophen versetzten? – Wie beispielsweise der Kirchenlehrer Thomas von Aquin (1225-1274), der die Tiere abwertete, weil sie keine »unsterbliche Seele« hätten; oder der Philosoph und Mathematiker Descartes (1596-1650), der die Schmerzensschreie der Tiere mit dem Quietschen von Maschinen verglich. Der Inder Mahatma Gandhi sprach vor einem halben Jahrhundert aus, was die fortschrittsgläubigen Europäer bei der Beurteilung von Tierexperimenten verdrängen wollen: »Tierversuche sind nach meiner Auffassung das schwärzeste von allen schwarzen Verbrechen, deren sich der Mensch heute gegenüber Gott und seiner Schöpfung schuldig macht.«

Ein gigantisches Täuschungsmanöver

Um dieses Verbrechen zu rechtfertigen, wird die Öffentlichkeit systematisch hinters Licht geführt.
Zunächst wird ihr vorgegaukelt, dass es in Versuchslabors ganz harmlos zugehe. Am dreistesten logen die beiden Erlanger Professoren Handwerker und Kessler, die die Stirn hatten zu behaupten: »Die Vorstellung, dass es sich bei Tierversuchen um Grausamkeiten handelt, gehört ins Reich der Fabel.« Wie gemütlich die Atmosphäre im Tierlabor ist, versuchte jüngst der Bremer Hirnforscher Andreas Kreiter der Süddeutschen Zeitung klarzumachen. Er habe zu seinen Affen, die er mit Vornamen nennt, ein Verhältnis »wie ein guter Bauer zu seinen Hoftieren«. Die Tiere dürften dies etwas anders sehen, wenn man den Bericht der Süddeutschen Zeitung liest: »Kurt, Hinnerk und die anderen Affen haben ein Loch in der Schädeldecke. Auf dem Loch sitzt ein Aufbau aus Zahnzement, aus dem eine Metallstange herausragt; an dieser werden sie in speziell gefertigten Stühlen festgeklemmt, damit sie ohne größere Regungen ein paar Stunden am Tag auf einem Bildschirm wandernde Lichtreflexe verfolgen können. Ihre Hirntätigkeit wird dabei mit haardünnen Elektroden untersucht, die während des Versuchs in das Hirn vorgeschoben werden.« Hofbauer Kreiter nennt das dann: »Sie singen im Chor.«
Am nachhaltigsten ist die Täuschung, Tierversuche seien erforderlich, um Medikamente für die Humanmedizin zu entwickeln und zu testen. Da nicken die meisten beifällig und denken an Krebs, Alzheimer und andere Geißeln der Menschheit, für deren Bekämpfung man eben Tiere opfern müsse. Doch das Täuschungsmanöver gelingt nur dank der Uninformiertheit des Publikums.
Es gibt längst Alternativen, die Tierexperimente in der Arzneimittel-Entwicklung und Toxizitätsprüfung ersetzen können. Die Rede ist von der »Forschung an schmerzfreier Materie«, an Zell- und Gewebekulturen, die im Reagenzglas (»in vitro«) untersucht werden könnten. Zellen sind kleinste Bausteine eines Organismus von Mensch, Tier und Pflanze und reagieren in aller Regel genauso wie der Gesamtorganismus. Leberzellen vollziehen die gleichen Leistungen wie echte Leberzellen im kompletten Organ, sodass mit diesen Zellen Stoffwechselvorgänge untersucht werden können. Nierenzellen zeigen Blutfluss und Filtrierung wie im intakten Organ, sodass mit ihrer Hilfe die Entwicklung und Testung von wirksamen Nierenmedikamenten möglich ist. Gehirnzellen, z. B. aus klinisch notwendigen chirurgischen Eingriffen oder Tumoroperationen, liefern Erkenntnisse über die Wirksamkeit von Schlaf- und Beruhigungsmitteln sowie von Krampf hemmenden Substanzen für die Epilepsietherapie. Das sind nur einige wenige Beispiele eines umfangreichen In-vitro-Systems zur Entwicklung und Prüfung von Medikamenten und Toxinen.

Hinzu kommen die vielfältigen Möglichkeiten von Computersimulationen, die anstelle von Tierversuchen eingesetzt werden können: beim Aufbau komplizierter chemischer Verbindungen, bei der Entwicklung von Impfstoffen, bei der Messung von Gehirnströmen und bei der Reaktionsbestimmung auf giftige und ungiftige Substanzen. Ein mathematisches Modell der Knochenheilung in Verbindung mit Computersimulation erübrigt die Marter künstlicher Knochenbrüche bei Hunden und Schafen. Ein in der Toxikologie eingesetztes Computermodell ermöglicht aufgrund der chemischen Struktur einer Prüfungssubstanz die Beurteilung, ob die Struktur die Erbsubstanz verändert, karzinogen ist oder Missbildungen erzeugt. Außerdem gibt es computergestützte Chirurgie, Neurosimulatoren und Bioreaktoren, die qualvolle Mäuseversuche ersetzen. Schließlich gibt es Computerprogramme, mit denen Muskeln, Herz und andere Funktionen simuliert werden können. Tierethisch verantwortungsbewusste Wissenschaftler bemühen sich seit Jahren um die Entwicklung hochwertiger Systeme, um dem Tierelend in den Versuchslaboratorien Einhalt zu gebieten. Leider erfahren sie bisher keine annähernd ausreichende Förderung von Seiten des Staates. Dieser unterstützt statt dessen Jahr für Jahr mit öffentlichen Geldern von mehreren Hundert Millionen Euro die Experimente mit Tieren.

Trügerische Sicherheit

Fast noch schlimmer als die Vernachlässigung alternativer Forschungs- und Prüfungsmethoden ist der verhängnisvolle Glaube an die Zuverlässigkeit von Tierversuchsergebnissen. Er ist eng verbunden mit einem anderen Irrglauben: dass immer mehr Medikamente uns immer gesünder machen könnten.
Nach den Feststellungen der Weltgesundheitsbehörde (WHO) sind nur etwa 270 Wirksubstanzen notwendig, um den Großteil der heute auftretenden Erkrankungen zu behandeln. Die Pharmaindustrie weiß das natürlich besser und wirft in Deutschland 60.000 Medikamente auf den Markt, von denen 20.000 regelmäßig an Tieren getestet werden. Für diese Überproduktion der Pharmaindustrie werden Millionen von Versuchstieren verbraucht. Und dies, obwohl die Versuchsergebnisse auf den Menschen in aller Regel nicht übertragbar sind. 80 % der getesteten Wirksubstanzen erweisen sich beim klinischen Test, der dem Tierversuch in jedem Fall nachfolgen muss, als untauglich. Dr. Richard Klausner, Direktor des National Cancer Institutes, USA, stellte einmal fest: »Die Geschichte der Krebsforschung ist die Geschichte, wie man Krebs bei Mäusen heilt. Seit Jahrzehnten heilen wir Krebs bei Mäusen, aber beim Menschen klappt es einfach nicht.« Doch es geht nicht nur darum, dass es »nicht klappt«, sondern auch darum, dass die an Tieren getesteten Wirksubstanzen oft schwerste Schäden beim Menschen hervorrufen. So trug z. B. das Beruhigungsmittel Contergan, das zu Tausenden von Fehlgeburten und schwersten Missbildungen führte, das Gütesiegel »an Tieren erfolgreich getestet«. Fachleute gehen davon aus, dass pro Jahr allein in Deutschland mindestens 16.000 Menschen an den Nebenwirkungen tierversuchserprobter Medikamente sterben. In den USA sollen es jährlich 100.000 »Nebenwirkungstote« sein. »Tierversuchsexperimente sind grundsätzlich nicht auf den Menschen übertragbar«, stellte Prof. Dr. Überla vom Bundesgesundheitsamt in einem Gutachten bereits 1987 fest. Unzählige Arzneimittel und Impfstoffe waren für den Menschen katastrophal schädlich, obwohl sie beim Tierversuch harmlos erschienen. Nach einer Auflistung des Klinikums Großhadern in München sind 61 % aller Missgeburten und 88 % aller Totgeburten auf Arzneimittelschäden zurückzuführen.

Welch falsches Gefühl der Sicherheit Tierversuche vermitteln, zeigte sich auch bei den Testergebnissen über die schädlichen Wirkungen des Rauchens. Dass Rauchen Lungenkrebs verursacht, wurde durch Untersuchungen am Menschen erkannt, während entsprechende Untersuchungen bei Labortieren so wenig brachten, dass die gesundheitlichen Warnungen jahrelang verzögert wurden, was Tausenden von Menschen das Leben kostete. Ähnlich verhält es sich mit der Kausalität zwischen Alkoholexzessen und Leberzirrhose: Sie ist bei Versuchstieren kaum nachzuweisen. Fundierte klinische Tatsachen wurden angezweifelt, weil sie im Tierlabor nicht erhärtet werden konnten. Wie unzuverlässig Tierexperimente sein können, zeigte auch der berüchtigte »Draize-Test«, bei dem die Augen von fixierten Kaninchen mit Reizstoffen besprüht werden, bis sie erblinden. Im Auftrag der Carnegie Universität, USA, wurden 24 Substanzen an 24 Labors zur toxikologischen Prüfung verteilt. Die Ergebnisse reichten bei ein und derselben Substanz von »keinerlei Reizwirkung« über »schwerwiegende Wirkungen« bis zu »schwerwiegendste je getestete Reizsubstanz«.
Koryphäen der internationalen Wissenschaft haben den Unfug der Tierversuche längst erkannt. So führt beispielsweise das berühmte englische Krebsforschungszentrum National Cancer Research Institute längst keine Tierversuche mehr durch, weil sie keine sinnvollen Ergebnisse liefern. Und Prof. Bross, Direktor am angesehenen Krebsinstitut in New York, stellt ähnlich wie sein Kollege Dr. Klausner fest: »Nicht ein einziges neues Medikament zur Behandlung von Krebserkrankungen beim Menschen ging aus Tierversuchen hervor. Alle im Einsatz befindlichen Medikamente wurden erst nachträglich im Tierversuch getestet, als bereits Hinweise auf ihre therapeutischen Eigenschaften vorlagen. So ist die Tötung von Abermillionen Versuchstieren völlig umsonst gewesen.«

Tiere als Karrierehelfer

Besonders ungeniert geht die so genannte Grundlagenforschung mit den Tieren um. Sie behauptet gar nicht erst, bestimmte diagnostische oder therapeutische Ziele zu verfolgen, sondern bewegt sich gewissermaßen frei schwebend im Gruselkabinett. Es geht meist nur um wissenschaftliche Neugier, deren Ergebnisse sich vielleicht irgendwann einmal praktisch anwenden lassen – wie bestimmte Gehirnpartien reagieren, wenn man die anderen ausschaltet, wie Tiere ohne Augen leben, wie schmerzempfindlich sie sind und ähnliche Kostproben wissenschaftlichen Einfühlungsvermögens. Dr. Walter Schmidt von der Vereinigung Ärzte gegen Tierversuche schreibt dazu: »Es gab im finstersten Mittelalter wohl keine überlieferte Grausamkeit an Menschen, die in unseren heutigen Tagen nicht weltweit an Tieren begangen wird, und kein Tierexperimentator kann diese filmisch belegten Verbrechen leugnen. ‘Im Dienste der Wissenschaft und zum Wohle des Menschen’ werden Tiere in den Versuchslabors vergiftet, aufgeschnitten, verbrüht, radioaktiv verstrahlt, werden ihre Gehirne zerstört, ihre Knochen gebrochen und zersägt, werden sie erdrosselt, ertränkt, lässt man sie verdursten und verhungern, lässt sie ausbluten, bringt ihnen mit pneumatischen Schlaggeräten Schädelverletzungen bei, gießt ihnen heißes Wasser oder Öle ein und hält ihren jeweiligen grauenhaften Todeskampf in Protokollen fest.« 65 % aller Tierexperimente werden nicht mit dem Ziel, irgendjemanden zu heilen, durchgeführt, sondern zur höheren Ehre des Tierquälers, der mit einer wissenschaftlichen Arbeit seinen Doktorgrad oder seine Lehrerlaubnis an der Universität erwirbt.

Ein weites Feld für die wissenschaftliche Qualifikation Dr. Frankensteins bietet seit einigen Jahren die Gentechnologie. Sie wurde zu einer neuen Quelle grenzenlosen Tierleids. Die erste Errungenschaft war die »Krebsmaus«, der man per Genmanipulation die körperlichen Abwehrkräfte gegen Krebs nahm, damit sie bei Einverleibung krebserzeugender Stoffe schneller an Krebs erkrankt. Alle Nachkommen sind zwangsläufig dem Krebstod ausgeliefert, auch wenn damit unerträgliche Schmerzen verbunden sind. Es handelt sich ja nur um Mäuse, die sinnlos leiden, weil die künstliche Krebserzeugung bei Tieren nachgewiesenermaßen der Krebstherapie des Menschen nicht weiterhilft. Ähnlich wie Krebsmäuse werden inzwischen andere transgene Tiere produziert, denen menschliche Krankheitsgene eingepflanzt werden: Arthritis-Schweine, Schizophrenie-Ratten, Muskelschwund-Hunde ... Die menschliche Phantasie lässt offenbar keine Monstrosität aus. Seit den 80-er Jahren wurden über 10.000 genmanipulierte Tiersorten produziert und patentiert. Inzwischen kann man solche Versuchstiere bereits per Katalog bestellen. Bis heute ist kein einziger Heilerfolg durch die Gentechnik zu verzeichnen.

Dafür versucht man, das Hungerproblem durch sie zu lösen – zunächst durch die Manipulation in der Landwirtschaft. Die Rettung der Dritten Welt soll nicht durch eine bessere Verteilung des Überflusses der Industrieländer erfolgen, sondern durch genmanipulierten Mais und gentechnisch gestyltes Gemüse. Aber die Tierexperimentatoren sind schon viel weiter. Sie produzierten eine Mischung aus Schaf und Ziege, die »Schiege«, das federlose Huhn, die Turbo-Kuh und das Super-Schwein. Letzteres kann das übermäßige Gewicht nicht mehr tragen und rutscht auf den Knöcheln. Damit es seine Peiniger nicht sieht und hört, hat man es als blindes und taubes Tier konstruiert.

Ein Klagerecht für Tiere

All dies geschieht in Ländern, die als Fundament ihrer Rechtsordnung Ethik und Moral in Anspruch nehmen. Selbst in einer allein auf den Menschen bezogenen Ethik wäre der rechte Umgang mit den Tieren von Bedeutung – im Interesse der Menschenwürde, die Immanuel Kant verletzt sah, wenn der Mensch Tiere quält. Ist da nicht auch das Deutsche Grundgesetz verletzt, in dessen Artikel 1 es bekanntlich heißt: »Die Würde des Menschen ist unantastbar.« Doch wer kann sich auf die Verletzung der Menschenwürde berufen, wenn sie dadurch erfolgt, dass in den Folterkellern der Wissenschaft Tiere menschenunwürdig behandelt werden? Können dann Tierfreunde die Verletzung der Menschenwürde durch die Tierverächter vor Gericht einklagen?
Der Versuch wurde schon einmal gemacht, als im Jahr 2001 drei Landwirte die Gerichte anriefen, um zu verhindern, dass 400.000 Rinder allein deshalb getötet würden, damit der Rindfleischpreis wieder steigt. Das Verwaltungsgericht Frankfurt räumte ein, dass in juristischen Kreisen zum Teil die Meinung vertreten werde, »dass die Menschenwürde jedenfalls mittelbar auch den Schutz der Tiere umfasse und so der Idee des ethischen Tierschutzes Verfassungsrang zukomme ...«. Diese Auffassung stütze sich darauf, so referierte das Gericht, dass es mit der Würde des Menschen nicht vereinbar sei, mit Tieren unangemessen umzugehen. Der unangemessene Umgang mit Tieren führe mittelbar auch zu einem die Würde des Mitmenschen beeinträchtigenden Verhalten. Doch das Gericht vermochte sich dieser Meinung nicht anzuschließen. Wörtlich führte es aus: »Gegen die Auffassung, die dem ethischen Tierschutz Verfassungsrecht zubilligen will, spricht insbesondere die anthropozentrische Ausrichtung des Grundgesetzes, die ausschließlich den Schutz des Menschen und nicht den anderer Lebewesen zum Ziel hat.« Also wies es den Antrag der Landwirte ab.

Im Mai 2002 wurde nun der Tierschutz als Staatsziel in die Verfassung aufgenommen. War das die Wende zugunsten der Tiere? Allzu viel hat sich dadurch nicht geändert. Verstärkt wurde allerdings die Bedeutung der Gebote des Tierschutzgesetzes bei der Abwägung zwischen den Grundrechten der Tiernutzer und den Interessen der Tiere. Doch Staatsziele sind nicht einklagbar. Wird ein Tierversuch genehmigt, kann der Wissenschaftler, der ihn durchführen will, zu Gericht gehen und die Erlaubnis notfalls erzwingen. Wurde sie zu Unrecht erteilt und vom Gericht gebilligt, kann sich niemand mehr dagegen wehren, auch nicht die Tierschutzverbände im Namen der Tiere. Deshalb bleibt vieles auf der Strecke, was im Deutschen Tierschutzgesetz so schön formuliert ist. Z. B. der Satz: »Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen« (§ 1 Abs. 1). Oder die Aussage: »Tierversuche dürfen nur durchgeführt werden, soweit sie unerlässlich sind« für das »Vorbeugen, Erkennen oder Behandeln von Krankheiten, Leiden, Körperschäden oder körperlichen Beschwerden ...« oder für die »Prüfung von Stoffen oder Produkten für ihre Unbedenklichkeit für die Gesundheit von Mensch oder Tier«.

Nach all dem, was kritische Fachleute seit Jahren sagen, sind diese Voraussetzungen des Gesetzes schon deshalb nicht erfüllt, weil Tierversuche ungeeignet sind, um den gesetzlichen Zielen zu dienen. Diese Hürden werden in der Praxis leicht genommen: Bevor die zuständige Verwaltungsbehörde eine Genehmigung erteilt, hört sie entsprechende Ethik-Kommissionen an. Dort sitzen zu zwei Drittel Wissenschaftler und nur zu einem Drittel Tierversuchsgegner. Kein Wunder, wie die Ergebnisse in aller Regel lauten: Die Anträge der wissenschaftlichen Kollegen aus den Versuchslabors werden von der Kommission befürwortet und die Behörde erteilt die Genehmigung. Eine gerichtliche Überprüfung ist dann, wie gesagt, nicht mehr möglich, denn: Wo kein Kläger, da kein Richter.

Echter Tierschutz verlangt, dass er notfalls bei Gericht eingeklagt werden kann. Im Naturschutzrecht hat man zu diesem Zweck den Naturschutzverbänden ein Klagerecht eingeräumt. Dasselbe sollte auch im Tierschutzrecht geschehen. Erst dann wird das Staatsziel Tierschutz ernst genommen. Erst wenn die Anwendung der Tierschutzgebote gerichtlich überprüft bzw. erzwungen werden kann, wird die Voraussetzung, dass Tierversuche nur erlaubt sind, wenn sie »unerlässlich« sind, zum wahren Prüfstein. Dann wird sich zeigen, wie wenig von »Unerlässlichkeit« die Rede sein kann. Und dann wird es auch möglich werden, die eigenwillige »Ethik« der Hohenpriester einer tierverachtenden Wissenschaft zu überwinden, die sich nach Belieben Projekte fragwürdiger Grundlagenforschung genehmigen lassen – nach dem Motto: Was wir für richtig und ethisch vertretbar halten, ist auch rechtens.

Ein neues Weltbild

Letztlich ist die Vivisektion eine Fortsetzung der High-Tech-Medizin, die Krankheit ausschließlich als körperlichen Vorgang versteht, als eine mechanische Störung der menschlichen Organmaschine. In diesem Sinne werden bei Tieren Krankheiten mechanisch erzeugt, um sie mechanisch zu beseitigen und diesen Mechanismus dann auf den Menschen zu übertragen. Was völlig außer Acht bleibt, ist das Zusammenwirken von Leib, Seele und Geist, das sowohl für die Erkrankung als auch für die Gesundung des Menschen von Bedeutung ist. Die mechanistische Erklärung der Krankheit anhand eines linearen Ursache- und Wirkungsmodells zwischen Molekülen und Organen übersieht die ganzheitliche Struktur des Menschen, das weite Feld von miteinander vernetzten Ursachen und Wirkungen, welche die physische und psychische Verfassung des Menschen beeinflussen. Es handelt sich um ein durch und durch materialistisches Weltbild, das in den Tierlabors praktiziert wird.
Die Alternative ist eine Ganzheitsmedizin, die die psychosozialen Komponenten in Diagnose und Therapie einer Krankheit einbezieht. Heilung setzt die Unterstützung der Selbstheilungskräfte des Menschen voraus. Sie werden wirksam, wenn eine Wiederherstellung des Gleichgewichts von Geist, Seele und Körper stattfindet. Dieses Gleichgewicht lässt sich nicht durch Chemikalien oder Operationen erzwingen, so notwendig sie mitunter auch sein mögen. Entscheidend ist die seelische Mitarbeit des Patienten, der sich auch mit dem Sinn seiner Krankheit befasst, der möglicherweise sein Leben ändern muss, um wieder gesund zu werden, nicht nur im Äußeren, sondern auch durch die Änderung seiner Empfindungen und Gedanken, die eventuell Seele und Leib vergifteten. Auch aus diesem Grund kann die rücksichtslose Ausbeutung von Tieren niemals eine sinnvolle Grundlage der Heilkunde sein.

Eine weitere Alternative zu den Irrwegen der modernen Medizin ist eine neue Lebensweise, die wieder zur Einheit mit der Natur findet. Die größte Diskrepanz, die den Menschen von dieser Einheit trennt, ist der Verzehr seiner Mitgeschöpfe, der Fleischkonsum. Aus geistiger Sicht ist es kein Wunder, dass eine Menschheit, die so viel Fleisch vertilgt wie wir, von schweren Krankheiten geschlagen ist. Inzwischen ist längst nachgewiesen, dass ein Großteil unserer Zivilisationskrankheiten, vor allem Krebserkrankungen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen eine Folge des Fleischkonsums sind. Vegetarier sind überdies dreimal seltener übergewichtig und entsprechend selten von Alters-Zuckerkrankheit und hohem Blutdruck betroffen. Während die Steuerzahler immer mehr zur Kasse gebeten werden, um ein überdimensionales Gesundheitssystem zu finanzieren, tragen sie durch ihre Lebensweise selbst dazu bei, dass immer höhere Kosten entstehen. Sie tun es, weil sie nicht darüber aufgeklärt werden, dass wir einen Großteil unserer Krankheiten durch die richtige Lebensweise vermeiden könnten.

Tierleid fällt auf Menschen zurück

Wir müssen den Tieren wieder guten Gewissens in die Augen schauen können, indem wir nicht mehr dazu beitragen, dass ihre Artgenossen in Versuchslaboratorien gefoltert und in Schlachthöfen von uns getötet und zerstückelt werden. Der Friede unter den Menschen setzt den Frieden mit den Tieren voraus. Der Krieg gegen Natur und Tiere ist nicht der natürliche Zustand der Geschöpfe Gottes, sondern die Folge des Fallgeschehens, in dessen Verlauf sich die Menschen immer weiter von Gott, dem Allgeist, Der alles durchströmt und durchwirkt, entfernt haben. Die Rückkehr in die kosmische Einheit ist das bereits von Jesaja mit dem Bild des Friedensreichs verheißene Ziel. Jesus von Nazareth war auf dieser Erde erschienen, um dieses Reich des Friedens zu errichten. Die Menschen haben Ihn nicht angenommen. In unseren Tagen kündet die göttlich-geistige Welt durch Prophetenmund Seine geistige Wiederkunft und die Errichtung Seines Friedensreiches an. Unter anderem in einer Offenbarung des Geistwesens Liobani, die in dem Buch Du, das Tier – Du, der Mensch, Wer hat höhere Werte? niedergelegt ist. Dort heißt es zur kommenden Einheit zwischen Mensch und Natur: »Im Friedensreich Jesu Christi werden die Tiere mit den Menschen sein, und die Tiere, Pflanzen und Mineralien werden ihnen bewusst dienen. Mögen meine Worte, die ich über Menschenmund, über das Instrument Gottes, offenbart habe, bald in Erfüllung gehen. Dann ist Friede unter den Menschen und die Tiere werden des Menschen Freunde sein. Sie werden mit ihnen leben und die Menschen mit den Tieren«
(http://www.das-wort.com/cgi/gen_article.cgi?article=s133de&type=desc&rtopic=tiereundnatur).

Solange wir dieses Ziel nicht erreichen, unterliegen wir dem Gesetz von Ursache und Wirkung. Es gilt nicht nur in der Physik, sondern auch in der Medizin und in der Ethik – als das Gesetz von Saat und Ernte. Was wir den Tieren an Leid zufügen, werden wir selbst wieder erleiden. Jesus von Nazareth lehrte: »Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr Mir getan« (Mt 25, 40). Er hat die Tiere in Seine Nächstenliebe eingeschlossen. Bei Seiner Warnung, zum Schwert zu greifen, hat Er das Skalpell der Vivisektoren nicht ausgenommen. Er würde sie aus ihren Laboratorien treiben wie seinerzeit die Händler aus dem Tempel. (Dr. Christian Sailer)


Journal Das Friedensreich, Ausgabe Nr. 9/03


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