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Leben retten! Leben verlängern? Sterben verboten? Sterben gehört zum Leben des Menschen – aber man spricht nicht gerne davon. Man würde es lieber verdrängen, hinauszögern. Wer jedoch um jeden Preis Leben verlängern will, schafft in vielen Fällen nur zusätzliches Leid. Doch es geht auch anders! Fast unbemerkt von der Öffentlichkeit hat sich dieses Problem im Laufe der letzten zehn Jahre verschärft. Ironischerweise geschah dies durch einen Fortschritt der Medizin-Technik: Vor etwa zehn Jahren wurde nämlich zum ersten Mal eine Magensonde (PEG*) durch die Bauchdecke gelegt. Auch zuvor schon wurde mancherorts die Frage erörtert, ob man
bei einem offensichtlich im Sterben liegenden Menschen noch alles an moderner
Medizin einsetzen soll, was möglich ist. Ob es also sinnvoll ist, einen
sterbenden Menschen an alle möglichen Apparate und Schläuche anzuschließen. Gab
und gibt es nicht unter bestimmten Voraussetzungen die Möglichkeit, dass der
kranke oder alte Mensch seine letzten Stunden – wie in früherer Zeit – zu Hause
im Kreise der Angehörigen zubringen kann? Doch kann er das wirklich und in jedem Fall? Daran tauchen mehr
und mehr Zweifel auf. Kommen wir zurück zur PEG-»Magensonde«. Erst seit etwa
zehn Jahren ist es problemlos möglich, einen Menschen, der z. B. nicht mehr bei
Bewusstsein ist oder der keine Nahrung mehr zu sich nehmen kann, durch einen
Schlauch, der operativ durch die Bauchdecke in den Magen gelegt wird, künstlich
zu ernähren. Dies kann Leben retten – etwa, wenn ein Verunglückter ins Koma
gefallen ist, aus dem er dann wieder erwacht. Es gibt zahlreiche solcher Fälle. Der freie Wille ist maßgeblich Wie entscheiden Ärzte und Angehörige? Entscheidend ist nach der
Rechtslage der Wille des Patienten selbst. Ist der Patient nicht mehr in der
Lage, diesen Willen selbst zu äußern, soll der »mutmaßliche Wille« ermittelt
werden. Verlängertes Leben oder längere Qual? »Hunger ist
kein Schmerz, und gegen Durst kann man etwas tun«, sagt die Tochter dieser
Mutter, nachdem sie ihre Mutter in ihren letzten Tagen begleitet hatte und diese
friedlich hinüberging. Ihre Aussagen bestätigt eine Untersuchung, die vor kurzem
im New England Journal of Medicine (USA)
veröffentlicht wurde. Hier wurden Ärzte und Pflegekräfte befragt, welche
Erfahrungen sie mit Patienten gemacht hatten, die im Endstadium einer tödlichen
Krankheit die Aufnahme von Essen und Trinken verweigert hatten. 85 Prozent
dieser Patienten starben in einem Zeitraum von zwei Wochen, nachdem sie diesen
Entschluss getroffen hatten. Aktive Sterbehilfe ist verboten Und eine Qual kann es in der Tat sein. Im Film wird eine
91-jährige Frau gezeigt, die seit viereinhalb Jahren mit einer Magensonde in
einem Pflegeheim liegt. Nach einem Schlaganfall und einer halbseitigen Lähmung
war sie ins Krankenhaus eingeliefert worden. Nun dämmert sie, kaum bei
Bewusstsein, vor sich hin. Sie bekam durch die künstliche Ernährung einen
Abszess in der Mundhöhle, man musste ihr alle Zähne ziehen; durch das Liegen
bildeten sich zudem schmerzhafte Geschwüre. Andere Patienten leiden an
Entzündungen des Magens oder der Harnwege, an ständigem Erbrechen oder an
Blutungen. Unsicherheit und schlechtes Gewissen Doch die sind häufig fehlinformiert oder überfordert, oder sie folgen ihrem schlechten Gewissen, das ihnen eingibt, man müsse doch wenigstens jetzt alles versuchen, nachdem man sich zu Lebzeiten vielleicht nicht immer so um den alten Menschen gekümmert hat, wie man das hätte tun sollen. Auch viele jüngere Ärzte sind unsicher, weil sie nichts falsch machen wollen und vielleicht einen natürlichen Sterbevorgang noch gar nicht erlebt haben. Ältere Krankenschwestern haben da oft mehr Lebenserfahrung. »Ist es nicht der Wunsch jedes Menschen, bis 90 aktiv zu sein, und dann umzufallen?«, fragt eine Stationsleiterin. »Und dann wird er als Notfall hier eingeliefert, erhält maximale Intensivtherapie, wird zum Pflegefall gemacht, bekommt vielleicht noch einen weiteren Schlaganfall – und wir sind da noch stolz?« Bei intensiver Absprache zwischen Patient, Arzt, einer Pflegestation vor Ort und den Angehörigen ist es in vielen Fällen durchaus möglich, den sterbenden Menschen nicht ins Krankenhaus einzuliefern, sondern ihn in der gewohnten häuslichen Umgebung in seinen letzten Stunden zu begleiten. Falls jedoch ein akuter Notfall vorliegt, muss natürlich der Hausarzt oder ein Notarzt gerufen werden. Die rechtlichen Bestimmungen müssen beachtet werden – doch sie lassen Spielräume für den freien Willen, die vielfach nur wenig bekannt sind. Was ist gut für die Seele? Aufgabe des Arztes ist es, Leben zu retten. Doch kann es seine Aufgabe sein, Leben um jeden Preis zu verlängern? Und woran liegt es, dass diese Frage nur selten gestellt wird? Liegt es daran, dass der Tod vielfach verdrängt wird, weil er in ein oberflächlich geführtes Leben nicht hineinpasst? Hat es damit zu tun, dass heute das Wissen um die Seele des Menschen und ihre Wanderung vom Diesseits ins Jenseits kaum noch vorhanden ist? Der Mensch spürt oder ahnt vielleicht, dass er im Innersten seines Wesens unsterblich ist, weil der Kern seiner Seele nicht von dieser Welt ist. Doch dann projiziert er diese Unsterblichkeits-Sehnsucht auf das äußere Leben des Körpers und versucht krampfhaft, dieses zu verlängern. Der Seele ist aber im Rhythmus der Gestirne nur eine bestimmte Spanne des Lebens im Körper beschieden. Die Seele des Menschen selbst hat, als sie in früheren Einverleibungen in einem anderen Körper gelebt hat, durch ihr Verhalten dieses jetzige Leben vorgeprägt, in dem sie nun bestimmte Lernschritte auf dem Weg zu Gott tun sollte. Innerhalb einer gewissen Spanne am Ende des Lebens ist es vorgesehen, dass die Seele den Körper wieder verlässt, um im »Jenseits« (das für die Seele ein »Diesseits« ist) weiter zu wachsen und zu reifen – und sich später eventuell in einen neuen Erdenkörper wieder einzuverleiben. Doch was geschieht, wenn der Mensch, obwohl er bereits im Sterben lag, noch auf Jahre hinaus künstlich am Leben gehalten wird? Wird hier nicht unter Umständen eine Seele im Körper festgehalten, obwohl sie eigentlich weiterziehen möchte? Das Leben der Seele im Erdenkörper ist ein Geschenk Gottes, das in rechter Weise genützt werden sollte. Doch die materielle Existenz ist nicht das Ziel des Lebens, sondern nur eine Durchgangsstation auf dem Weg zu Gott. Wo diese Gedanken Fuß fassen, dort kann sich auch wieder ein natürlicher, verständnisvoller und hilfreicher Umgang mit dem Sterben und den sterbenden Menschen einstellen. (Matthias Holzbauer)
* PEG: perkutane endoskopisch kontrollierte Gastrostomie |
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