Gesellschaft

Mose und die WTO

Der Tanz um das Goldene Kalb brachte noch nie etwas Gutes. Mose soll vor 3.500 Jahren über diesen Götzendienst seines Volkes so empört gewesen sein, dass er die Gesetzestafeln mit den Zehn Geboten Gottes, die er vom Berg Sinai mitgebracht hatte, wieder zerschmettert haben soll. Bei der Welthandelskonferenz im mexikanischen Cancún führte im September 2003 der Tanz um das inzwischen globale Goldene Kalb dazu, dass es gar nicht erst zu Gesetzestafeln kam – obwohl täglich rund 100.000 Menschen am Fehlen gerechter Regeln für den Welthandel zugrunde gehen.

So groß ist die Zahl derer, die Tag für Tag verhungern – alle sieben Sekunden ein Kind unter zehn Jahren. Ursache dafür ist nicht, dass die Erde nicht genug Nahrungsmittel für alle Menschen wachsen lassen würde, sondern das Fehlen einer sinnvollen Nahrungsmittelproduktion und eines gerechten Handels mit den Gütern und Produkten der Erde. Warum es bisher nicht dazu kam, ist auf eine Vielzahl von Ursachen zurückzuführen – von der Unübersichtlichkeit wirtschaftlicher Zusammenhänge einer globalisierten Welt über politische Abhängigkeiten von Staatsführern bis hin zu jenem kapitalistischen Raubrittertum, das in den Vorstands-Etagen mancher multinationaler Konzerne und in den Regierungszentralen mancher reicher Industrieländer praktiziert wird. Als Bezugsquelle für Rohstoffe war der unterentwickelte Süden willkommen. Gegen Fertigprodukte hingegen errichtete man hohe Zollschranken. Gleichzeitig ruinierte man die Landwirtschaft der so genannten Dritten Welt durch milliardenschwere Subventionen der eigenen Bauern.

Ein globales Tollhaus

Ein Lehrstück für weltwirtschaftlichen Wahnsinn stellt beispielsweise die Baumwollindustrie dar. Nirgends wird so preisgünstig Baumwolle produziert wie z. B. in Burkina Faso. Die Afrikaner zupfen die weiße Ware mit den Händen von den Sträuchern, was auch zu einer wesentlich besseren Qualität führt als die maschinelle Ernte. Ähnlich ist es in Mali und Benin. Deshalb halfen Frankreich und Deutschland im Verein mit der Weltbank vor zehn Jahren diesen Baumwollproduzenten durch Entwicklungshilfen kräftig auf die Beine. Die regionale Baumwollwirtschaft florierte und wurde zu einer wichtigen Einnahmequelle der Bevölkerung, die bis dahin unter dem Existenzminimum gelebt hatte – in Benin beispielsweise von einem jährlichen Pro-Kopf-Einkommen von lediglich 1.200 Dollar. Doch das ging nur so lange gut, bis den großen Baumwollnationen die Konkurrenz aus Afrika zuviel wurde. Die 25.000 Baumwollfarmer in den USA verlangten staatliche Förderung – und bekamen sie: im Jahr 2000 in Höhe von 3,9 Milliarden Dollar, dreimal soviel wie die gesamte Entwicklungshilfe Amerikas für 500 Millionen Afrikaner. Die US-Farmer produzierten ihre Baumwolle dreimal so teuer wie die Afrikaner und hatten keine Chance auf dem Weltmarkt. Jetzt aber, angetrieben von den milliardenschweren Subventionen, überschwemmten sie den Markt mit ihrer Ware. Die Weltmarktpreise sanken und sanken, und das Einkommen der Baumwollbauern rund um die Welt halbierte sich. Die Baumwollproduktion Westafrikas kann nicht mehr mithalten und ist von der Vernichtung bedroht.
Doch nicht nur die Amerikaner führen die Regie in der bizarren Inszenierung globaler Weltwirtschaft. Die Europäer bieten ein ähnlich skandalöses Beispiel auf dem Zuckerrohrsektor: Während Europa einst Hauptabnehmer des Zuckers aus den ehemaligen Kolonialgebieten war, wurde es inzwischen selbst zum größten Zuckerexporteur, obwohl der aus den europäischen Rüben gewonnene Süßstoff in der Produktion viel teurer kommt als Rohrzucker aus Südafrika. Nach Berechnungen der Entwicklungsorganisation Oxfam kostet die EU-Zuckermarktordnung, die den Preis des Zuckers innerhalb der Union dreifach so teuer als den Weltmarktpreis hält, die europäischen Steuerzahler und Verbraucher 1,6 Milliarden Euro im Jahr. Doch noch teurer kommt diese Milliardenspritze die Bauern in der Dritten Welt zu stehen. Sie werden ihre weit preiswerteren Rübenprodukte nicht los, weil die Europäer ihren überteuerten Zucker durch Schutzzölle und Exportsubventionen vor der Konkurrenz schützen. Die Folge davon ist, dass Südafrika den eigenen Markt nun ebenfalls durch Zollbarrieren schützt – ein Musterbeispiel dafür, welch negative Folgen Abgrenzung und Ausgrenzung für alle Beteiligten haben. Zuerst treibt die EU die Produktion durch Subventionen hoch; dann versucht sie, die Überproduktion durch weitere Subventionen wieder loszuwerden. Solche Schildbürgerstreiche bot die Europäische Agrarmarktordnung ja bereits bei der Produktion und dem Abbau von Milchseen, Butter- und Fleischbergen.

Zu krassen Ungerechtigkeiten kommt es auch beim internationalen Maisanbau. Hierzu wieder ein Beispiel aus Washington: Allein im Jahr 2000 wurden die US-amerikanischen Maisbauern mit zehn Milliarden Dollar unterstützt, was dazu führte, dass sie unter dem Produktionspreis verkaufen konnten. Zusätzlich erhielten sie Exporthilfen. Der amerikanische Mais wurde sagenhaft billig, und die USA wurden zum größten Mais-Exporteur der Welt. Einer der Hauptleidtragenden ist Mexiko. Die Ernte der mexikanischen Maisbauern ist heute 70 % weniger wert als vor zehn Jahren. Ein Großteil der Landbevölkerung lebt inzwischen in extremer Armut.
Und wieder zurück nach Europa: Die EU investierte bislang 40 Milliarden Euro, die Hälfte ihres Gesamthaushalts, in Subventionen, Preisstützungen, Export- und Einkommenshilfen für ihre Landwirte. Gleichzeitig wird ein Großteil der Weltgetreideernte in den Massentierställen der Fleischindustrie verfüttert. Europa importiert Getreide aus armen Ländern, nicht um daraus Brot für die Armen, sondern Futter für die Tiere der Reichen zu machen, für Tiere, deren qualvolle Aufzucht zur Befriedigung einer künstlich hoch geputschten Fleischsucht dient.

Eine neue Ordnung?

Das sind nur einige Beispiele vom ganz normalen Wahnsinn der Globalisierung, wie er sich in den letzten zehn Jahren entwickelt hat. Die Welt wurde zum globalen Dorf, dessen privilegierte Bewohner dank der modernen Technik überall sofort präsent sein können, um jeden Produktions-, Handels- und Steuervorteil auf der Stelle zu nutzen. Die Globalisierung hat einen Weltkapitalismus entfesselt, wie er erst nach dem Wegfall des Ost-West-Konflikts möglich wurde. Keine Großmacht scharwenzelt mehr um blockfreie unterentwickelte Länder und mildert bereitwillig durch Staatszuschüsse deren Schicksal, um sie an sich zu binden. Statt dessen dominieren multinationale Konzerne mit Großfusionen oder »feindliche Übernahmen« der Konkurrenz das Geschehen und unterlaufen staatliche Grenzen und staatlichen Einfluss.
Die schlimmen Folgen dieser Entwicklung kamen nach dem 11. September 2001 besonders deutlich ins Visier: Vielleicht war ja doch die Armut der Dritten Welt und die Arroganz der Industrieländer ein Nährboden für Fundamentalismus und Terrorismus. Also traf man sich im November des Terrorjahres in Doha am Persischen Golf, um im Rahmen der Welthandelsorganisation (WTO) zu gerechteren Regeln des Internationalen Umgangs zu finden: Es sollte eine mehrjährige »Entwicklungsrunde« eingeleitet werden, die mehr Freiheit und Gerechtigkeit in den internationalen Handel bringt. Nachdem die Verhandlungsrunde in Seattle 1999 an der Wut der Globalisierungsgegner auf den Straßen und der Verzagtheit der Verhandlungspartner in den Konferenzsälen gescheitert war, wollte man nunmehr mit den schlimmsten Verzerrungen des Welthandels aufräumen und dem Raubtierkapitalismus wenigstens die Eckzähne ziehen.

Unter diesem Vorzeichen versammelten sich im mexikanischen Ferienparadies Cancún an der Karibik Mitte September dieses Jahres wieder Hunderte von Ministern und Tausende von Bürokraten aus 146 Ländern. Die Entwicklungs- und Schwellenländer sollten stärker in den Welthandel integriert werden – durch Abbau von Agrarzöllen und -subventionen, die die Lebensgrundlagen vieler Bauern in den ärmsten Ländern zerstören und ihnen den Zugang zu den reichen Ländern verwehren. Es sollte Schluss sein mit dem Ruin der Baumwoll- und Zuckerproduzenten der unterentwickelten Länder; Schluss mit den hoch subventionierten Dumpingpreisen der großen Handelsmächte USA, Japan und Europa. Immer nachhaltiger machten die Armen solche Forderungen geltend. Die Reichen nickten zum Teil, aber betonten, dass der freie Welthandel keine Einbahnstraße sei: Zwar wolle Europa auf einen Teil der Exportförderung verzichten, aber nicht in allen Bereichen. Außerdem müssten die Direktinvestitionen der Industrieländer in den Entwicklungsländern dort vor Benachteiligung gegenüber der inländischen Wirtschaft geschützt werden. Und nicht zuletzt: Wenn die Entwicklungsländer den Abbau von Schutzzöllen verlangen, so müssten sie dies auch untereinander tun.
Manche, die die WTO schon totgesagt hatten, schöpften neue Hoffnung. Ein fairer Welthandel käme allen zugute. Nach den Berechnungen der Weltbank würde sich bei weltweiten Handelserleichterungen das Einkommen der Erdbevölkerung in den nächsten zehn Jahren um 520 Milliarden Dollar steigern lassen. Hoffnung für die Hungernden.

Das Scheitern von Cancún

Doch nun wurde wieder alles zunichte: Die Konferenz platzte. Warum? Äußerlich deshalb, weil die Delegierten von Mali, Kenia und Uganda plötzlich die Geduld verloren und den Sitzungssaal verließen, als westliche Forderungen nach Investitionsschutz auf den Tisch kamen. Vor Abbau der Agrarsubventionen wollte man darüber nicht mehr verhandeln. Doch die drei Staaten waren nur die Speerspitze einer inzwischen mächtigen Opposition innerhalb der WTO: Unter der Führung Indiens und Brasiliens hatte sich eine Gruppe aus Schwellen- und Entwicklungsländern zusammengetan, um den Industrieländern Paroli zu bieten. Auch China, Thailand, Indonesien, Südafrika und Argentinien gehören dieser neuen »G 23« an, die über die Hälfte der Weltbevölkerung und 63 % aller Landwirte vertritt.
Jetzt sind die Europäer, Amerikaner und Japaner schockiert. Sie spüren, dass ihre großen Reden die Geduld der jungen Staatenbündnisse und deren Vertretern aus Afrika, Brasilien oder Jamaika überfordern. Das Schicksal der WTO steht auf der Kippe. Die Akteure versuchen das Publikum zu beruhigen: In Genf werde man sich im Dezember wieder sehen – auf Botschafterebene – und dann die Gespräche wieder aufnehmen.
Möglicherweise weitet sich der Kampf zwischen Nord und Süd nun zum Kampf aller gegen alle aus. Wenn es keine faire Welthandelsordnung gibt, wuchern wieder bilaterale Abkommen, bei denen der jeweils Stärkere den Schwächeren über den Tisch zieht. Amerikaner, Europäer und Japaner haben keinen Grund, Afrikanern und Brasilianern Sturheit vorzuwerfen. Die reichen Industrieländer haben eine Bringschuld bei der Beseitigung der skandalösen Ungerechtigkeiten dieser Welt.

Was sind die Zehn Gebote wert?

Damit wären wir wieder bei Mose. Eines der von ihm überbrachten Gebote Gottes lautet: »Du sollst nicht stehlen« und ein anderes: »Du sollst nicht begehren deines Nächsten Hab und Gut«. Wer hat die Reichtümer dieser Erde für sich reserviert und den Rest der Welt ausgeschlossen? Wer hat es zu verantworten, dass die Hälfte der Weltbevölkerung täglich weniger als zwei Dollar zum Leben hat? Wer ist für den Hunger dieser Welt verantwortlich, der jährlich Millionen von Menschen das Leben kostet? Eines der wichtigsten Gebote Mose lautet: »Du sollst nicht töten«. Welchem Europäer müsste hier nicht das Gewissen schlagen? Wo sind die Christen, die für die Beachtung der Zehn Gebote im Welthandel eintreten?
Wir können uns nicht damit trösten, dass die Welt eben kompliziert, Äthiopien weit und der Einzelne machtlos sei. Wenn wir die hungernden Kinder im Fernsehen erleben, beruhigen wir unser Gewissen vielleicht durch eine Spende. Dass wir durch unsere Lebensweise täglich zu diesem Hungerelend selbst beitragen, ist uns nicht bewusst. Damit wir 200 g Steak auf unseren Teller bekommen, müssen 2 kg Getreide verfüttert werden, von denen acht Kinder in der Dritten Welt einen Tag lang satt werden könnten. Wenn wir nur auf 10 % unseres Fleischkonsums verzichten würden, müssten nicht mehr täglich 40.000 Kinder verhungern. Jeder einzelne könnte also einen nachhaltigen Beitrag zur Verringerung des globalen Hungertodes leisten.

Wie gerecht oder ungerecht es auf dieser Welt zugeht, ist nicht nur eine Frage von Regierungskonferenzen, Straßendemonstrationen und politischen Parolen. Noch wichtiger ist, wie jeder einzelne der sechs Milliarden Erdbewohner fühlt, denkt und handelt. Die Energie, die davon ausgeht, prägt die Aura unserer Welt. Es ist schlecht um eine Zivilisation bestellt, in der jeder zuerst an sich denkt. Der Tanz um das Goldene Kalb kann gar leicht zum Tanz in den Abgrund werden. (C. Sailer)


Journal Das Friedensreich, Ausgabe Nr. 10/03


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