Neue Erkenntnisse zu pflanzlichen Nahrungsmitteln

Wer knackt die Nuss?

»Irgendwo muss doch der Nussknacker sein«, überlegte ein Familienmitglied. Endlich wird er im hinteren Teil einer Schublade gefunden, und die seit Weihnachten wochenlang auf dem Wohnzimmertisch dekorierten Walnüsse können geknackt und gegessen werden. Welches wertvolle Nahrungsmittel sich hinter der harten Schale verbirgt, ist noch den wenigsten bekannt. Doch der Einfluss der Ernährung auf die menschliche Gesundheit oder Krankheit wird immer offenkundiger, und in diesem Zusammenhang werden viele lange vernachlässigte Nahrungsmittel neu entdeckt.

In den letzten Jahren erscheint der berühmte Satz des Hippokrates »Eure Nahrungsmittel sollen eure Heilmittel sein, und eure Heilmittel sollen eure Nahrungsmittel sein« in einem völlig neuen Licht. Denn lange Zeit wurden Nahrungsmittel ausschließlich nach ihrem Gehalt an Kohlenhydraten, Fetten, Proteinen, Vitaminen und Mineralstoffen bewertet. Pflanzliche Nahrungsmittel wurden nach dieser Bewertung eher gering geschätzt und die Vorzüge einer tiereiweißreichen Ernährung propagiert. Doch genau das hat erheblich zur Entstehung der modernen Zivilisationskrankheiten beigetragen. Man hat z. B. kaum beachtet, dass Pflanzen über die üblichen Nährstoffe hinaus eine Vielzahl an gesundheitsförderlichen Substanzen bilden, »sekundäre Pflanzeninhaltsstoffe« genannt, die es in tierischen Produkten nicht gibt. Derzeit sind rund 30.000 solcher Stoffe identifiziert, von denen 5.000-10.000 in pflanzlichen Nahrungsmitteln vorkommen. Der vorbeugende und therapeutische Nutzen dieser Substanzen ist mittlerweile Gegenstand intensiver Forschung.

Nüsse lange Zeit verkannt

Seit ca. 20 Jahren hat eine Gruppe pflanzlicher Nahrungsmittel vor allem in den USA für erhebliches öffentliches Interesse gesorgt, nämlich die Nüsse. Nüsse zählen zwar zum Obst (»Schalenobst«), wurden aber lange Zeit von der Ernährungswissenschaft wenig beachtet und sogar als fettreiche »Kalorienbomben« abgewertet. Diese ernährungsphysiologische Einschätzung hat sich zwischenzeitlich völlig geändert, was auch Erdnussfarmer wie den ehemaligen US-Präsidenten Jimmy Carter freuen dürfte.

Bei der Auswertung der Adventist Health Study, bei der von 1977 bis 1982 die Ernährungsgewohnheiten von über 30.000 Adventisten erfasst wurden, zeigte sich, dass Studienteilnehmer ein um 24 % niedrigeres Herzinfarktrisiko hatten, wenn sie ein- bis viermal die Woche Nüsse aßen. Bei Personen mit täglichem Nussverzehr war das Herzinfarktrisiko um 50 % verringert. Die Fortsetzung dieser Studie über einen Zeitraum von 12 Jahren bestätigte die ersten Ergebnisse: Bei hohem Nussverzehr kam es seltener zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen, und ohne diese Krankheiten erhöhte sich bei Männern die Lebenserwartung um 5,6 Jahre, bei Frauen um 4,7 Jahre. Auch bei älteren Menschen über 80 Jahre zeigte sich ein deutlicher Schutzeffekt des Nusskonsums gegen Erkrankung der Blutgefäße.

Geringeres Herzinfarktrisiko

Da die Adventisten eine Religionsgemeinschaft sind, deren Mitglieder sich vorwiegend vegetarisch ernähren, war zunächst unsicher, ob sich diese Ergebnisse auf die Allgemeinbevölkerung übertragen lassen. Mehrere epidemiologische Studien in den USA (Iowa Women´s Health Study, Nurses´ Health Study, Physicians´Health Study) zeigten aber schließlich die gleichen Resultate, nämlich eine starke Verminderung des Herzinfarktrisikos bei hohem Nusskonsum.

Die bisher einzige epidemiologische Studie in Europa über den Zusammenhang zwischen Nussverzehr und Herz-Kreislauf-Erkrankungen wurde von der Universität Grenoble in Frankreich durchgeführt. Hier kamen die Studienteilnehmer aus der Dauphiné, einer Region, in der viel Walnüsse angebaut werden. Entsprechend hoch ist dort der Konsum von Walnüssen und Walnussöl. Und auch bei dieser Studie zeigte sich: Bei den Teilnehmern mit einem häufigen Walnussverzehr waren die positiven Blutfettwerte HDL-Cholesterin und ApoA1 deutlich besser als bei denjenigen mit geringem Verzehr.
Aufgrund der Ergebnisse dieser epidemiologischen Studien wurden in den letzten Jahren zahlreiche weitere klinische Studien, so genannte Interventionsstudien durchgeführt. Das Besondere daran ist die »Intervention«, d. h., den Teilnehmern wird eine bestimmte Ernährungsweise vorgeschrieben. Meist wird das so genannte Crossover-Design verwendet, d. h., die Hälfte der Teilnehmer beginnt mit der Diät A, die andere Hälfte mit der Diät B. Etwa nach drei bis vier Wochen wechseln die Gruppen. Dadurch wird jeder Teilnehmer zu seiner eigenen Kontrollperson. Durch Blutuntersuchungen kann man dann feststellen, wie sich die unterschiedlichen Ernährungsweisen auf jeweils ein und dieselbe Person auswirken.

Macadamia contra Blutfett

Solche Studien sind mit allen gängigen Nussarten durchgeführt worden. Meist wurden Diäten verabreicht, in denen die einzelnen Nusssorten 20 % der Energie lieferten. Das Ergebnis: Bei Mandeln, Haselnüssen, Pekanüssen, Erdnüssen, Pistazien, Macadamianüssen und Walnüssen wurde übereinstimmend eine Verminderung des Gesamtcholesterins und des LDL-Cholesterins festgestellt. Dabei gab es sehr interessante Einzelergebnisse:

In einer australischen Studie wurde eine Macadamia-Nussdiät mit einer fettarmen Diät verglichen. Und obwohl Macadamianüsse sehr fettreich sind, waren die verschiedenen Blutfettwerte bei der Nussdiät deutlich besser als bei der fettarmen Diät.

In einer türkischen Studie wurde die Wirkung des Verzehrs von Haselnüssen an 30 Medizinstudenten getestet. Eine interessante Feststellung bei dieser Untersuchung war, dass das »antioxidative« Potenzial des Blutplasmas (das die gesundheitsgefährdenden aggressiven »freien Radikale« im Organismus neutralisiert) zunahm und ein wichtiges Anzeichen für »oxidativen« Stress – die Konzentration des Malondialdehyds – abnahm.

Erdnüsse beugen Diabetes vor

Im April 2003 wurde eine Studie der amerikanischen Purdue University über den Einfluss des Erdnussverzehrs auf »kardiovaskuläre« Risikofaktoren (das Herz und die Blutgefäße betreffend) veröffentlicht. Dabei zeigte sich eine Verminderung der Triglycerid-Bluttfett-Konzentrationen sowie eine Verbesserung der Blutkonzentrationen von Magnesium, Folsäure, Vitamin E, Kupfer und der lebenswichtigen Aminosäure Arginin. Und in einer anderen Studie erwiesen sich Erdnüsse gar als vorbeugend wirksam gegen Diabetes mellitus.

Gut fürs Gehirn

Bisher wurden insgesamt sechs Interventionsstudien mit Walnüssen durchgeführt, bei denen durchweg eine Senkung des Cholesterin-Bluttfett-Spiegels beobachtet wurde. Walnüsse unterscheiden sich von anderen Nussarten besonders dadurch, dass sie eine größere Menge mehrfach ungesättigter Fettsäuren enthalten, unter anderem auch die Alpha-Linolensäure, die zu den Omega-3-Fettsäuren gehört, die der menschliche Organismus benötigt. Walnüsse enthalten außerdem eine ganze Reihe gesundheitsförderlicher Substanzen, wie Vitamin E, Folsäure, Pflanzenfasern, Polyphenole (zählen zu den so genannten sekundären Pflanzeninhaltsstoffen; siehe oben) und andere Gerbstoffe. Und neben dem günstigen Fettsäureprofil ist es sicher der hohe Gehalt an der Aminosäure Arginin, der speziell die Walnüsse zu einem wertvollen Nahrungsmittel für das Gehirn macht.
Zum Arginin sei angemerkt: Es ist die Ausgangssubstanz für Stickstoffmonoxid (NO), einem Gasmolekül, das eine entscheidende Rolle für die Regulation der Durchblutung spielt. Je höher also die Argininzufuhr, um so mehr NO kann gebildet werden und umso besser wird der Körper durchblutet. Nun enthalten pflanzliche Proteine generell mehr davon als Eiweiße tierischer Herkunft. Und besonders argininreich sind wiederum die Nussproteine.
Die vorhandenen wissenschaftlichen Daten über die gesundheitlichen Vorteile des Nusskonsums haben dazu geführt, dass die American Heart Association Nüsse mittlerweile offiziell als Bestandteil einer gesunden Ernährung empfiehlt.

Wieviel Nüsse sind sinnvoll?, mag sich jetzt natürlich ein ernährungsbewusster Mensch fragen. Wenn er optimal von den gesundheitlichen Vorteilen der Nüsse profitieren möchte, ist eine Handvoll Nüsse täglich durchaus sinnvoll, sie sollten allerdings wegen des Fettgehalts nicht zu spät am Abend verzehrt werden.

Nahrungs- und zugleich Arzneipflanze

Fazit: Das Beispiel der Nüsse zeigt eindrucksvoll, wie sich innerhalb weniger Jahre durch neue ernährungsmedizinische Forschungsergebnisse das Image einer Nahrungsmittelgruppe erheblich verbessert. Angesichts dieser Erkenntnisse ist die strikte Trennung zwischen Arzneipflanzen, die ausschließlich für Heilzwecke dienen, und Nahrungspflanzen, die ganz überwiegend der Ernährung dienen, nicht mehr zeitgemäß. Die gesundheitlichen Vorteile der vegetarischen Ernährung insgesamt beruhen zu einem großen Teil auf verschiedenen Pflanzeninhaltsstoffen, deren Erforschung erst am Anfang steht.

Anmerkung: Die Bundesforschungsanstalt für Ernährung (BFE) publiziert in zweimonatigen Abständen in der Reihe »Basiswissen aktualisiert« umfangreiches Informationsmaterial zu verschiedenen pflanzlichen Wirkstoffgruppen wie den Phytosterinen, Glukosinolaten, Flavonoiden, Monoterpenen, Sulfiden, Phenolsäuren, Carotinoiden, Anthocyanen und Phytoöstrogenen. Die entsprechenden Publikationen, die hier Verwendung fanden, können auf der Website der BFE, www.bfa-ernaehrung.de/BFE-Deutsch, beim Institut für Ernährungsphysiologie nachgelesen werden. (hgk/dp)


Journal Das Friedensreich, Ausgabe Nr. 4/04


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