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Die Welt, in der wir leben

Es war eine makabre Premiere: Das »Urbi et orbi« des Mannes in Rom, der sich für den Stellvertreter Gottes hält, wurde an Ostern 2004 erstmals von Scharfschützen überwacht. Auf allen Dächern rund um den Petersplatz waren sie verteilt, Hubschrauber kreisten am Himmel und zehntausend Polizisten durchkämmten die Stadt nach möglichen Attentätern, die Schlimmstes angedroht hatten – für den 11. April, nach dem 11. März und dem 11. September. Kalenderdaten werden zu magischen Zahlen der Angst. Auf die Stadt, von der vor Jahrhunderten die Kreuzzugsbefehle ausgingen, projiziert sich islamistischer Hass gegen die Nachkommen der Kreuzritter. Was hilft es da noch, die »Stadt und den Erdkreis« zu segnen? Die Stadt blieb dank des Polizeiaufgebotes ruhig; doch der Erdkreis rebellierte – trotz des Segens – weiter.

Unsinn und Unmoral von Kriegen

Vor allem im Irak. Wir sind in Gefahr, uns an die Grausamkeiten zu gewöhnen. Bei weniger als zehn Toten hören viele schon gar nicht mehr hin. Deshalb der neue PR-Gag mit den Geiselnahmen – systematisch, nach Möglichkeit aus den Nationen der Besatzer des Landes. Es wird wieder mit Scheiterhaufen gedroht – dieses Mal nicht vom westlichen Großinquisitor, sondern von seinen östlichen Rächern. Das Land, das die Feldherren aus dem Weißen Haus und dem Pentagon durch einen Krieg in eine Demokratie verwandeln wollten, versinkt im Chaos eines Kampfes aller gegen alle.

Selten wurde der Beweis für den Unsinn und die Unmoral eines Krieges so nachhaltig erbracht wie am ersten Jahrestag des zweiten Golfkriegs. Der Krieg hatte so gut wie alles zerstört, was zerstört werden konnte: Unzählige Menschen wurden getötet und verstümmelt; die Landschaft zwischen Euphrat und Tigris durch Bomben und Granaten umgepflügt – von den getöteten Tieren spricht man erst gar nicht; und das Völkerrecht wurde mit Füßen getreten, denn die Massenvernichtungswaffen, mit denen der irakische Diktator »binnen vierzig Minuten den Westen bedrohen« könnte (Tony Blair), gab es nicht. Als neuer Kriegsgrund gilt nun der Sturz Saddam Husseins. Die Welt sei dadurch besser geworden, so heißt es. Zugegeben: Ein Diktator weniger, der sein Volk quält; doch dem Volk geht es kaum besser. Viele betonen: Es geht uns heute schlechter. Mit modernsten Waffen gewann die Megamacht Amerika ihren Blitzkrieg und schlittert in ein zweites Vietnam. Der Krieg gegen den Terrorismus, der angeblich im Irak geführt werden musste, machte das Land zum Sammelplatz aller Terroristen dieser Welt.

Und der andere Sammelplatz, das Grenzgebiet zwischen Afghanistan und Pakistan, existiert weiter. Die ungeheure Bombenlast, die den Hindukusch erschütterte, hat auch daran nichts geändert. Was man heutzutage »Nation building« nennt und in Afghanistan nach dem Krieg praktiziert werden sollte, die Schaffung eines demokratischen Staates also, scheint gescheitert: Stammesführer befehligen eigene Heere und teilen sich die Regionen des Landes auf, während die Regierung die Stadtgrenze von Kabul kaum verlassen kann. Der Rauschgifthandel blüht und das vertriebene Taliban-Regime hat die Hoffnung auf Rückkehr noch längst nicht aufgegeben. Der Unsinn und die Unmoral des Krieges wurden erneut offenbar.
Auch im Kosovo sind die Früchte dieser Art von Weltpolitik zu ernten: Albaner und Serben gehen wieder aufeinander los. Auch dort wurde »im Namen der Menschenrechte« bombardiert - um den Diktator Milosevic zu vertreiben und seine »ethnische Säuberung« zu stoppen. Doch nichts wurde gestoppt: Im Schatten des Angriffs der Nato wurde zwischen Serben und Albanern noch mehr gemordet als vorher. Hunderttausende sind inzwischen geflohen. Eine neue Staatsordnung ist weit und breit nicht in Sicht. Der Unsinn und die Unmoral eines Krieges.

Neues Unheil in Israel / Palästina

Doch die blutigen Lehren der jüngsten Geschichte fruchten nicht bei Unbelehrbaren. Die Fernsehbilder von der Pressekonferenz, die Bush und Sharon Mitte April in Washington gaben, löst neues Entsetzen aus: Amerika und Israel einigten sich ohne Einbeziehung der Palästinenser über den Verbleib jüdischer Siedlungen im Westjordanland. Nach der ersten Lähmung der arabischen Welt droht neues Unheil durch Selbstmordattentate und Aufstände, weit blutiger als in den letzten drei Jahren. Apocalypse now? Wer wachen Auges diese Welt betrachtet, braucht Mut, um nicht zu verzweifeln.

Das alte Unheil von Ruanda

Während wir all dies erleben, gedenken wir des zehnten Jahrestages des Völkermords in Ruanda. 800.000 Menschen starben innerhalb von hundert Tagen, als Hutus über Tutsis herfielen und Nachbarn ihre Nachbarn mit Macheten und Keulen abschlachteten. Die UNO, die 2500 Blauhelme im Land hatte, war Monate vorher gewarnt worden. Doch als das Schlachten begann, zwang Amerika die Weltorganisation, ihre Friedenstruppen bis auf 270 Mann zurückzuziehen. Ein Freibrief für den Genozid. Kühl bis ans Herz blieben die Weltöffentlichkeit und der amerikanische Präsident. Die UNO stand machtlos daneben. Kofi Annan war damals als Assistent des Generalsekretärs Boutros Boutros-Ghali für den Einsatz der Friedenstruppen zuständig. Annan trat weder zurück, noch ließ er einen öffentlichen Aufschrei los. Der Mann mit dem Charisma des Gutmenschen wurde zur tragischen Figur – und dennoch später zum Generalsekretär der Vereinten Nationen und Friedensnobelpreisträger.

Sonst noch Probleme?

Die Welt wird mehr und mehr zum Alptraum ihrer Bewohner. Während sich ein blutiger Kampf der Kulturen entwickelt, geraten andere Furchtbarkeiten in den Hintergrund. Das menschliche Bewusstsein ist begrenzt. Zeichnete sich da nicht eine Klimakatastrophe ab? Wie war das mit dem Raubbau an Natur und Tieren? Die Meldung, dass bis nächstes Jahr eine Million Robben totgeschlagen werden soll, erscheint nur mehr auf den letzten Zeitungsseiten.

Dafür machen sich weiter vorne die Raffkes aus Politik und Wirtschaft breit. Gier ist geil... Wenn Vodaphone Mannesmann »feindlich übernimmt«, dann wird dies zum goldenen Handschlag, bei dem über hundert Millionen fließen. Auch wenn sich herausstellen sollte, dass Ackermann und Kollegen sich nicht strafbar machten, als sie so großzügig Geld verteilten, haben sie jedenfalls der öffentlichen Moral schwer geschadet. Auch in diesem Bereich droht Abstumpfung: Hier ein Senator, der sich Wahlparties finanzieren ließ, dort ein Ministerpräsident, der seine Hochzeitsreise nicht selbst bezahlen wollte, zwischendurch der Bundesbankpräsident, der sich sein süßes Leben von Banken sponsern lässt, die er beaufsichtigen soll.
Ethik und Moral geraten aus den Fugen. Es ist heutzutage leichter denn je, mit dem Finger auf die Sünden dieser Welt zu deuten – die Sünden der großen Verbrecher im Krieg, die Verfehlungen politischer Emporkömmlinge, den Egoismus und die Rücksichtslosigkeit allerorten.

Licht und Dunkel bestimmen wir selbst

Doch wollen wir es im Ernst dabei belassen? Die Welt, in der wir leben, ist unsere Welt, für die jeder ein Stück Verantwortung mitträgt. Vor allem die, die sich im Ernst Christen nennen wollen, wie es die Urchristen im Universellen Leben für sich in Anspruch nehmen. Sie trafen sich an Ostern bei einem Gastmahl, das unter dem Thema stand: »Christus ist ewige Gegenwart / Die unmittelbare Wirkung des Ostergeschehens / Christus hat uns erlöst, und wie sieht es in der Welt aus? Warum die vielen schweren Kreuze dieser Welt?«

Einige Urchristen trugen Anregungen Gabrieles, der Prophetin und Botschafterin Gottes für unsere Zeit, zu diesem Thema vor
(vgl. dazu http://www.universelles-leben.org/cms/prophetie/warum-spricht-gott-der-ewige.html). Mehrere Tausend nachdenkliche Menschen waren zugegen oder hörten über Telefon oder Radio, wie man in dieser Welt leben kann und dennoch nicht verzweifeln muss. Denn: »Wo wir auch gehen und stehen, wir begegnen überall dem allgegenwärtigen Leben, dem Geist, dem Christus Gottes. In allem und in der ganzen Unendlichkeit können wir uns selbst als Wesen der Gegenwart in Christus finden.«
Und weiter: Er hat uns wirklich erlöst. »Seine Erlösung ist das Licht in uns, das uns auf dem Weg zum ewigen Vater leuchtet.« Niemand muss also verzweifeln im Angesicht apokalyptischer Zustände. Jeder ist in der Lage, die Kraft des Christus Gottes in sich durch sein tägliches Leben zu aktivieren und zum Leuchten zu bringen; mit dieser Kraft mit seinem Nächsten Frieden zu schließen, aber auch mit Natur und Tieren, unseren Übernächsten. Wer das immer wieder ausprobiert, der bekommt allmählich ein Gefühl dafür, was es heißt: Gott ist dir näher als deine Arme und Beine.

Schließlich: Warum gibt es immer noch so viele schwere Kreuze in dieser Welt? Die mahnenden Worte lauteten: »Die meisten Christen haben Christus nur angenommen, aber nicht aufgenommen, weil sie den Weg der ewigen Gegenwart nicht gegangen sind.« Deshalb haben sie Angst vor dem neuen Tag und Angst vor dem Morgen. In der Tat: Die Angst geht um in dieser Welt. Die Angst lauert nicht nur in den Straßencafès Jerusalems oder in Kabul oder Bagdad. Sie lauert in den Vorortszügen europäischer Großstädte, auf Flughäfen und Bahnhöfen. Es ist die Angst einer Welt, die in ihrer Aggression versinkt.

Doch diese Aggression ist die Folge einer Jahrtausende währenden Menschheitsgeschichte voller Aggressionen und Kriege; sie ist die Folge der Friedlosigkeit ganzer Völker, aber auch jedes einzelnen von uns. Die Wolken der Aggression lassen sich nur auflösen, wenn jeder seinen Teil zum Frieden beiträgt, wie es Jesus von Nazareth vor 2000 Jahren lehrte: »Liebe deine Feinde wie dich selbst.« Und: »Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem anderen zu.« Das ist oft leichter gesagt, als im Alltag bis ins Kleinste verwirklicht. Aber nur wenn wir es immer wieder versuchen, gewinnt unser Leben seinen tiefen Sinn, weil Christus in uns aufersteht. (Christian Sailer)


Journal Das Friedensreich, Ausgabe Nr. 5/04



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