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Das Imperium der Rinder Fleischessen
zerstört nicht nur den Regenwald Die verheerenden Auswirkungen der industriellen Tierhaltung machen sich die meisten Menschen kaum bewusst, wenn sie gedankenlos in einen Hamburger oder in ein Wurstbrot beißen. Der brutale Umgang des Menschen mit den Tieren hat unsere Zivilisation mitsamt ihren heutigen globalen Problemen mehr geprägt, als wir ahnen. Bestes Beispiel dafür ist die Rinderzucht. »Wenn wir in einen Hamburger beißen, dann fressen wir uns wie Termiten durch den Urwald!« Der Journalist Siegfried Pater aus Bonn steht vor einer Schulklasse und erläutert seinen provozierenden Satz mit eigenen Recherchen. Er verfolgte den Weg von Rindfleisch aus Costa Rica, für das in diesem Land Regenwälder abgeholzt wurden, bis in die USA, wo daraus Rindfleischscheiben für Hamburger hergestellt werden. Dieser Handelsweg wird vom Fast-Food-Konzern McDonalds geleugnet, weil man sich nicht die Wut amerikanischer Rindfleisch-«Erzeuger« zuziehen möchte. Soja-Anbau statt Regenwald Wie im Kleinen so im Großen: In Brasilien, dem Land mit den größten noch intakten Regenwäldern, grast inzwischen die größte kommerziell genutzte Rinderherde der Welt. Das südamerikanische Land ist weltweit der größte Exporteur von Rind- und Hühnerfleisch. Gleichzeitig steht Brasilien kurz davor, der größte Soja-Produzent der Welt zu werden. Soja wird hauptsächlich als Futtermittel für Rinder und Schweine verwendet – sowohl in Brasilien selbst als auch z. B. in Europa. Man schätzt, dass die Waldbestände des Amazonas bis 2020 um rund 40 % geschrumpft sein werden – hauptsächlich wegen des voranschreitenden Soja-Anbaus. Die brasilianische Regierung führt zwar den Umweltschutz im Munde, doch sie will auch um jeden Preis Devisen erwirtschaften, weil das Land hoch verschuldet ist. Deshalb werden neue Straßen in den Urwald vorangetrieben oder ausgebaut, wie die 1700 km lange Strecke vom Bundesstaat Mato Grosso zur Hafenstadt Santarém am Amazonas. Die Straße dient ausschließlich dem Transport von Sojabohnen, die im Süden Brasiliens angebaut werden, zu den Exporthäfen der Atlantikküste. Umweltschützer befürchten, dass auf neuen Straßen weitere Siedler in den Wald vordringen werden, die ihm mit Brandrodung den Garaus machen könnten (Welt am Sonntag, 14.3.2004). Ein neues Bündnis mit den Tieren Doch die Zerstörung der letzten Regenwälder der Erde ist nur eine der zahlreichen Folgen der industriellen Tierhaltung, allen voran der Rinderhaltung, auf unserem Planeten. Es ist das Verdienst des renommierten amerikanischen Journalisten und Zeitkritikers Jeremy Rifkin, diese Zusammenhänge bereits vor mehr als zehn Jahren dargelegt zu haben. In seinem Buch Das Imperium der Rinder (1992) beschreibt er den »Wahnsinn der Fleischindustrie«. Lange vor dem Höhepunkt der BSE-Krise warnte er davor, dass diese Praktiken auch die Gesundheit des Menschen nachhaltig schädigen. Doch das Buch fand nur geringen Widerhall. Im deutschsprachigen Raum ist es kaum bekannt. Und das liegt sicher nicht nur daran, dass bei uns mehr Schweine- als Rindfleisch gegessen wird – was übrigens in Bezug auf die Umweltauswirkungen kaum einen Unterschied macht. Es scheint eher darauf zurückzuführen zu sein, dass Rifkin am Ende seines Buches ganz direkt zur vegetarischen Ernährung auffordert: »Indem wir uns bewusst dafür entscheiden, das Fleisch des Rindes nicht mehr zu essen, bekunden wir unseren Willen, mit dieser Kreatur ein neues Bündnis einzugehen, das über das Diktat des Marktwertes und des übertriebenen Konsums hinausgeht. Das Rind von den Qualen und der Erniedrigung zu erlösen, denen es in den modernen Mastfabriken und Schlachtbetrieben ausgesetzt ist, wäre als menschlicher Akt von weit reichender symbolischer und praktischer Bedeutung zu begreifen, und es wäre ein Symbol der Reue und Wiedergutmachung, wenn wir darauf verzichten, das Rind zu enthornen, zu kastrieren, mit Hormonen und Östrusblockern, Antibiotika und Insektiziden zu behandeln und ihm einen würdelosen Tod an den vollautomatisierten Schlachtbändern zu bereiten. Es wäre dies alles ein Zeichen der Erkenntnis der Zerstörung, die wir der gesamten Schöpfung auf unserer Jagd nach der uneingeschränkten Macht über die Natur zugefügt haben« (S. 256). Derartig konsequente Schlussfolgerungen gehen wohl auch vielen »Umweltschützern« zu weit, die gerne Kritik an der Massentierhaltung üben, doch auf ihren Sonntagsbraten nicht verzichten wollen. Die Vision, die der amerikanische Zivilisationskritiker schon 1992 niederschrieb, hat jedoch nichts von ihrer Aktualität verloren. Er sagte voraus, »dass auch das Fleisch anderer Tiere, die mit Getreide gemästet werden, vom Speisezettel der Menschen gestrichen wird« (S. 259). »Wir lernen, die vom göttlichen Funken belebte Schöpfung als unsere Lebensgrundlage zu begreifen, die es zu pflegen und zu bewahren gilt. Die Natur wird nicht mehr als Feindin betrachtet, die besiegt und gezähmt werden muss, sondern als die Urgemeinschaft, in der wir zu Hause sind. Andere Geschöpfe sind für uns nicht länger Opfer oder Objekte, sondern Gleiche und Gefährten in der übergeordneten Gemeinschaft des Lebens, die die Natur und die Biosphäre ausmacht« (S. 257). Die Geschichte der Rinderhaltung Dieser Vision einer »im Entstehen begriffenen neuen Welt« (S. 257) geht eine profunde historische Analyse voraus. Schon vor Tausenden von Jahren begann ein Kampf zwischen Hirtenkulturen und Ackerbaugesellschaften, die zwar beide Fleisch aßen, jedoch in sehr unterschiedlichem Maße. Die Nomaden stellten immer schon fast ihre gesamte Ernährung auf das Fleisch, insbesondere der Rinder, ab. Zu ihnen gehörten auch die Reitervölker des Ostens, die in verschiedenen Wellen von der Antike (Skythen, Sarmaten) bis in das Mittelalter hinein (Mongolen) mit ihren schnellen Pferden nach neuen Lebensräumen suchten und dabei jedes Mal eine Spur der Verwüstung hinterließen. In ähnlicher Weise verheerten und eroberten später sowohl Spanier als auch Engländer – zwei Völker mit hohem Rindfleischkonsum! – den gesamten amerikanischen Kontinent. Ihre Rinder, die sie mitbrachten, spielten dabei eine wesentliche Rolle. Nach Rifkin könnte der Fleischkonsum zuvor sogar schon einen wichtigen Faktor bei der Entdeckung Amerikas durch Kolumbus gespielt haben: Man suchte einen Seeweg nach Indien, um billig an die Gewürze Asiens zu kommen. Wozu brauchte man sie? »Um den Geschmack von verdorbenem Fleisch zu überdecken« (S. 52). Die Rinder der Spanier verbreiteten sich sehr rasch über fast den gesamten
amerikanischen Kontinent. Sie brachten sogar die Samen der Gräser und Kräuter
mit, die sie in Europa zu fressen gewohnt waren. Diese Pflanzen verdrängten
rasch viele einheimische Sorten. In den Wirren der kolonialen Eroberungskriege
wurden immer wieder Rinderherden einfach freigelassen. Nachfolgende Eroberer
waren dann überrascht, nicht nur große frei lebende Rinderherden vorzufinden,
sondern auch die von Europa gewohnte Vegetation. Dass amerikanische Siedler
später im 19. Jahrhundert die Bisons in der Prärie fast ausrotteten, ist
keineswegs nur der Lust am Töten zuzuschreiben. Es war gleichzeitig, ökonomisch
betrachtet, eine gezielte Maßnahme, um den Langhornrindern Platz zu schaffen.
Gleichzeitig nahm man durch die Abschlachtung der Bisons den Indianern die
Lebensgrundlage, so dass diese der Landnahme durch Großgrundbesitzer und
Viehhalter nicht mehr im Wege standen. In England bildete sich im Verlauf der Neuzeit eine hierarchische Gesellschaftsordnung heraus, die den Rindfleischkonsum zum Statussymbol machte. Dabei legte man vor allem Wert auf fettes Fleisch. Es waren hauptsächlich Engländer, die im 19. Jahrhundert die Rindfleischzucht und -verarbeitung in den USA in ihre Hand brachten, um den Nachschub von Fleisch nach England zu sichern, wo das hungrige Industrieproletariat ernährt werden wollte. Dabei kam es zu einer folgenschweren Neuentwicklung, die bis heute unheilvoll nachwirkt: Um das Verlangen der britischen Verbraucher nach »üppigen durchwachsenen Fleischstücken« (S. 76) zu befriedigen, verfielen die britischen Rinderbarone des amerikanischen Westens auf die Idee, Getreideanbau und Viehzucht miteinander zu verschmelzen. Sie fütterten die Rinder in ihren letzten Lebensmonaten mit Mais, ehe sie in die Schlachthöfe von Saint Louis oder Chicago gebracht wurden. Seitdem hat man nicht mehr aufgehört, Rinder und andere Tiere mit Getreide und sonstigen Futtermitteln zu mästen, die man damit dem Verzehr durch den Menschen entzieht. Bis heute wird ein Drittel bis die Hälfte der Welternte an Getreide an Tiere verfüttert, die von Natur aus gar kein Getreide essen würden. In den Schlachthöfen der USA kamen auch zahlreiche technische Erfindungen zum ersten Mal zum Einsatz. Die Schlachtbetriebe waren der erste Industriezweig, in dem automatische Fließbandanlagen eingerichtet wurden. Das Schlachten wurde zu einem völlig mechanisierten und automatisierten Vorgang, bei dem auch der Mensch festgelegte Handgriffe wie eine Maschine vollführen musste. Der Autoproduzent Henry Ford schrieb in seinen Erinnerungen, dass die Idee für das Montageband in der Automobilproduktion aus einem Chicagoer Schlachthof stammte (S. 87). Damit wurde gleichzeitig aber auch der Grundstein dafür gelegt, dass das Tier mehr und mehr zur bloßen Ware degradiert wurde und dessen Tötung und »Verarbeitung« zu einem rein maschinellen Vorgang wurde. Globale Umweltprobleme durch Tierhaltung Heute leben Milliarden von Rindern und anderen Masttieren auf der Erde – meist auf künstliche Weise vermehrt und allein zum Verzehr durch den Menschen herangezüchtet. Diese Massen von Tieren verursachen immense Umweltprobleme: Abwässer vergiften Böden, Grundwasser, Wasser und die Luft und lassen das Treibhausgas Methan entstehen. Wälder werden abgeholzt, um Viehweiden oder Felder für den Futtermittelanbau anzulegen. Menschen werden von ihrem Grund und Boden vertrieben und in die Elendsviertel der Städte abgedrängt, wo sie Hunger leiden. Aber auch die Wüstenbildung in vielen Teilen der Erde ist direkt auf die Überweidung durch viel zu große Rinderherden zurückzuführen. In den letzten Jahrzehnten haben in vielen Teilen der Erde die Staubstürme zugenommen, in denen der ehemals fruchtbare Boden über weite Strecken verfrachtet wird, angereichert mit Industrieabgasen. In Nordostasien haben sich diese Staubstürme seit den 50er-Jahren verfünffacht. Auf der anderen Seite leiden die Menschen in den Industrieländern immer mehr unter Übergewicht und Krankheiten, die auf den Fleischkonsum zurückzuführen sind. Ein Zeichen der Wiedergutmachung Die Entscheidung, auf Fleisch zu verzichten und auch den Verzehr anderer tierischer Produkte mehr und mehr einzuschränken, hat also nicht nur für den Einzelnen einen gesundheitlichen und auch ethischen Aspekt. Sie ist auch von globaler Bedeutung. Jeder Einzelne setzt damit ein Zeichen für eine bessere Welt. Und ein Zeichen setzt auch die Gabriele-Stiftung, wenn sie heute immer mehr Rindern wieder eine angemessene Heimat bietet, wo sie keine Angst zu haben brauchen, in die Maschinerie des Todes zu geraten, die heute allen Masttieren bevorsteht. Es sind bisher nur einige wenige Tiere auf einem kleinen Stückchen Land. Doch wenn man die historische Dimension und die grauenhaften Auswirkungen dessen kennt, was der Mensch gerade in den letzten Jahrhunderten den Tieren angetan hat, so ist es tatsächlich ein Zeichen der Umkehr und der Wiedergutmachung, das andere dazu ermutigen soll und wird, ähnlich zu verfahren und die Tiere endlich als Mitgeschöpfe des Menschen zu betrachten. Es ist in der Tat ein »neues Bündnis« zwischen Mensch, Natur und Tieren, das im Namen des Gottesgeistes geschlossen wird, Der alles Leben beatmet. (Matthias Holzbauer) Literatur: Jeremy Rifkin, Das Imperium der Rinder - Der Wahnsinn der
Fleischindustrie, Campus-Verlag, 2001 |
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