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Medizin
Parasiten im
Gehirn
Wie Toxoplasmen aus
Fleisch und Wurst unser Verhalten beeinflussen können
In einer kaum beachteten Produktion des britischen Senders
BBC stellen
Forscher der Universität Oxford Studienergebnisse vor, die eindrücklich zeigen,
wie Parasiten im Gehirn das Verhalten von Mensch und Tier beeinflussen können.
Und obwohl circa zwei Drittel aller Mitteleuropäer davon betroffen sind (in
Frankreich sind es bis zu 80 % der Bevölkerung), scheint die Medizin kaum Notiz
davon zu nehmen. Dabei brachten die Untersuchungen Erstaunliches zu Tage:
Toxoplasmen führten bei Ratten zu ausgeprägten Verhaltensauffälligkeiten, sie
verloren z. B. jegliches Gefühl für Gefahrensituationen. Auch
Verhaltensänderungen bei Menschen, die mit Toxoplasma infiziert sind, konnten in
verschiedenen Studien nachgewiesen werden. In der Fachliteratur gibt es hierzu
wenn auch wenige, so doch umso erstaunlichere Untersuchungsergebnisse:
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Erstmals wurde 1994 eine Studie zu diesem Thema von der Prager
Karls-Universität publiziert. 338 Versuchspersonen wurden auf
Toxoplasma-Antikörper getestet. Außerdem wurde bei den Versuchspersonen ein
Persönlichkeits-Test mittels eines international üblichen Fragebogens (Cattel’s
personality questionnaire) durchgeführt. Bei zwei Persönlichkeitsfaktoren
zeigten sich deutliche Unterschiede zwischen Toxoplasma-positiven und
Toxoplasma-negativen Menschen. Toxoplasma-Infizierte zeigten eine höhere
Affektlabilität (stark schwankende Stimmungslage) sowie höhere Indizes für
Dogmatismus, Misstrauen und Eifersucht.
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1996 publizierte die Prager Arbeitsgruppe eine weitere Studie: 170
Frauen und 224 Männer wurden auf Toxoplasmose untersucht und füllten einen
Persönlichkeits-Fragebogen aus. Die meisten der Teilnehmer waren
Biologiestudenten oder Mitarbeiter des Zoologischen Instituts. Die
angesteckten Menschen unterschieden sich in ihrer Persönlichkeit merklich
von Menschen ohne Erreger im Gehirn. Die infizierten Männer hatten
beispielsweise eine deutlich geringere Bereitschaft, moralische Standards zu
akzeptieren. Infizierte Frauen erschienen seltsam gelöst, oft geradezu
vorwitzig.
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Eine weitere Arbeit erschien 1999. Diesmal wurden 191 schwangere Frauen
getestet. Die Versuchspersonen mit latenter Toxoplasmose hatten eine
niedrigere Frustrations-Toleranz und höhere Skalenwerte für Unsicherheit.
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Ebenfalls 1999 erschien eine Studie der University of Maryland, in der
Nichtvegetarier und Vegetarier auf eine Toxoplasma-Infektion untersucht
wurden. Bei den Nichtvegetariern waren 50 % infiziert, bei den Vegetariern (Seventh
Day Adventists) nur 24 %.
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Eine weitere aufschlussreiche Studie der Prager Karls-Universität wurde
2001 publiziert. In einer Doppelblindstudie wurde die Reaktionszeit bei
einem einfachen psychometrischen Test verglichen zwischen
Toxoplasma-negativen und Toxoplasma-positiven Testpersonen. Dabei zeigte
sich, dass Toxoplasma-positive Testpersonen eine signifikant längere
Reaktionszeit aufwiesen als die Kontrollgruppe. Es stellte sich heraus, dass
die Testpersonen mit latenter Toxoplasmose wesentlich größere
Schwierigkeiten mit der Langzeitkonzentration hatten als die
Toxoplasma-negativen. Testpersonen mit einer langen Infektionsdauer,
nachgewiesen durch die Konstellation der Antikörper, schnitten deutlich
schlechter ab. Die Autoren bemerkten zum Schluss der Publikation, dass die
latente Toxoplasmose wegen ihrer großen Häufigkeit (zwischen 30 und 70 % in
westlichen Ländern) ein ernstes und hochgradig unterschätztes Problem der
öffentlichen Gesundheit darstellen könne.
2002 wurden die Ergebnisse einer Studie veröffentlicht, in der Opfer von
Verkehrsunfällen auf Toxoplasma-Antikörper untersucht wurden. Diese
Testpopulation wurde mit einer Kontrollgruppe verglichen. Personen mit
latenter Toxoplasmose hatten ein 2,7 mal höheres Unfallrisiko als
Toxoplasma-negative Personen. Der plausibelste Grund dafür dürfte die
schlechtere Reaktionszeit der Infizierten sein.
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Die aktuellste Studie der Prager Arbeitsgruppe erschien im letzten Jahr.
857 Rekruten wurden auf Toxoplasma-Antikörper untersucht und es wurde ein
psychologisches Testverfahren durchgeführt. Bei diesem Test handelte es sich
um einen Persönlichkeitsfragebogen, der nach neuesten psychobiologischen
Kriterien konzipiert war. Das heißt, aufgrund neuropharmakologischer und
neuroanatomischer Erkenntnisse lassen sich bestimmte Persönlichkeitsfaktoren
der Konzentration einzelner Neurotransmitter im Gehirn zuordnen.
Die Toxoplasma-positiven Rekruten unterschieden sich in einigen
Persönlichkeitsmerkmalen deutlich von den Toxoplasma-negativen. Vor allem
war das Interesse, Neues zu erlernen und Neues kennen zu lernen, deutlich
vermindert. Der Intelligenzquotient war niedriger, ebenso das Interesse an
höherer Bildung.
Männer und Frauen
reagieren verschieden
Aufgrund der bisherigen Prager Studienergebnisse zeigt sich, dass eine
Toxoplasma-Infektion bei Männern und Frauen zu unterschiedlichen
Persönlichkeitsmerkmalen führt.
Sowohl infizierte Männer als auch Toxoplasma-positive Frauen waren weniger
bereit, moralische Standards und gesellschaftliche Regeln zu akzeptieren. Bei
Frauen führte das zu häufigerem Partnerwechsel und generell zu einer sehr
lockeren Lebensauffassung. Infizierte Männer legten im Gegensatz zu nicht
infizierten Vergleichspersonen ein eher ungeselliges, misstrauisches oder
aggressives Verhalten an den Tag. Es konnten auch eine verminderte
Lernbereitschaft und Desinteresse an höherer Bildung festgestellt werden.
Schizophren durch
Toxoplasmen?
Aus Untersuchungen an Tieren war schon lange bekannt, dass eine
Toxoplasma-Infektion zu einem Anstieg des Neurotransmitters Dopamin im Gehirn
führt. Aufgrund der Ergebnisse der Rekrutenstudie kann man davon ausgehen, dass
dies auch beim Menschen der Fall ist.
So wurde z. B. an Tieren mehrfach nachgewiesen, dass eine Toxoplasma-Infektion zu
einer Veränderung des Neurotransmitterhaushalts führt. Neurotransmitter sind
Botenstoffe im Gehirn, die eine wesentliche Funktion für die psychische
Befindlichkeit und das Verhalten von Mensch und Tier haben. Die meisten
Psychopharmaka entwickeln über diesen Neurotransmitter-Haushalt ihre
Wirksamkeit.
Bekanntlich ist eine Überfunktion des dopaminergen Systems charakteristisch für
schizophrene Psychosen. Im April 2001 berichtete die ZEIT, dass eine wachsende
Zahl von Wissenschaftlern Infektionen als Ursache psychiatrischer Erkrankungen
vermutet. Der amerikanische Virologe Fuller Torrey von der University of
Maryland untersuchte Blutproben von 53.000 schwangeren Frauen auf
Toxoplasmose-Antikörper. Dabei zeigte sich, dass die Mütter schizophrener
Patienten deutlich höhere Toxoplasma-Antikörper im Blut aufwiesen als die Mütter
gesunder Patienten.
Seit 1953 wurden 19 Studien durchgeführt, in denen Toxoplasmose-Antikörper bei
Patienten mit schweren psychiatrischen Erkrankungen bestimmt wurden. 18 Studien
zeigten einen höheren Prozentsatz von Antikörpern bei den betroffenen Patienten.
An der Universitätsklinik von Heidelberg wurden 1998/99 bei Patienten mit
erstmalig aufgetretener Schizophrenie deutlich erhöhte
Toxoplasma-Antikörper-Titer festgestellt. Durch die Behandlung der Schizophrenie
mit Psychopharmaka scheinen sich die Antikörper-Titer zu reduzieren. Dies wurde
in einer Studie der Universität Köln nachgewiesen. Ein Zellkulturversuch zeigte,
dass z. B. Haloperidol das Wachstum von Toxoplasmen hemmt.
Toxoplasmen können Retroviren im ZNS aktivieren, die wiederum vermehrt bei
schizophrenen Patienten nachgewiesen wurden. Frankreich, das zu über 80 %
Toxoplasma-positiv ist, hat eine etwa 50 % höhere Neuerkrankungsrate an
Schizophrenie im Vergleich zu England. In Irland konnte nachgewiesen werden,
dass in Gegenden mit hoher Toxoplasma-Durchseuchung auch die Schizophrenie
verstärkt auftritt. Die vorhandenen epidemiologischen Daten lassen aber noch
keine endgültigen Schlüsse zu.
Es wurden auch Verhaltensauffälligkeiten bei Toxoplasma-positiven Kindern
festgestellt. In einer Studie wurde vermehrt über Lernstörungen berichtet, in
einer anderen Studie berichteten die Kinder über Energiemangel und vermehrte
Müdigkeit.
Wenn man die Studienergebnisse in ihrer Gesamtheit betrachtet, fällt auf,
dass eine Toxoplasma-Infektion ausgerechnet solche Charaktereigenschaften
fördert, die gerade in der heutigen Zeit stark vorherrschen, z. B. Missachten
moralischer Werte, Gleichgültigkeit, Desinteresse und Leichtfertigkeit. Da die Toxoplasma-Infektion am häufigsten durch Fleischkonsum übertragen wird, ist die
Frage nahe liegend, inwieweit der Fleischkonsum einen erheblichen Beitrag zum
Verfall der Werte in unserer Gesellschaft beiträgt – sicherlich Anlass für
weitere Diskussionen und Forschungen. (Dr. med. Hans-Günter Kugler)
Journal Das Friedensreich, Ausgabe Nr. 6/04 |