Neuerscheinung

Verfolgte Gottsucher
Der Strom des Urchristentums in der Geschichte

Wenn die Vatikankirche und die Lutherkirche heute ungeniert mit dem Anspruch auftreten, das Christentum zu repräsentieren, so verdanken sie dies einer gigantischen Geschichtsfälschung, die sie selbst in Szene gesetzt haben. Denn das Wissen um die zahlreichen Gegenbewegungen zur Kirche, die an das frühe Christentum anknüpften, wurde von den etablierten Kirchen bis heute systematisch unterdrückt. Ein Beitrag, diese Geschichtslücke zu schließen, ist ein neues Buch mit dem Titel Verfolgte Gottsucher – Der Strom des Urchristentums in der Geschichte.

Der Journalist Matthias Holzbauer, vielen Lesern des Friedensreichs als Autor des Buches Der Steinadler und sein Schwefelgeruch bekannt, skizziert in diesem flott geschriebenen Buch zunächst das frühe Christentum und seine Verfälschung durch die entstehende Institution Kirche. Er zeigt auf, wie die Kassenverwalter der frühen Gemeinden (bis heute »Bischöfe« und »Priester« genannt) die Macht an sich rissen, wie sie heidnische Bräuche und Rituale in das Gemeindeleben einführten, wie sie aus einer lebendigen Gemeinschaft von Gleichgesinnten ein hierarchisches Herrschaftssystem machten, das bis heute auf Macht und Ausbeutung gegründet ist. Die Geistesgaben des frühen Christentums, insbesondere das Prophetische Wort, wurden verdrängt und an ihre Stelle das kirchliche Dogma gesetzt.
Die selbsternannten Erben des Jesus von Nazareth, in Wirklichkeit Erbschleicher und Räuber, glaubten, auf diese Weise die Lehre des Nazareners »verbessert« zu haben – wie dies Dostojewski den »Großinquisitor« aussprechen lässt. Doch sie rechneten nicht damit, dass der lebendige Geist des Urchristentums sich nicht auslöschen ließ, sondern immer wiederkehrte – so wie in der Novelle Der Großinquisitor eines Tages Jesus von Nazareth auf dem Marktplatz von Sevilla steht.

Zeugnisse wurden vernichtet

In dem Buch Verfolgte Gottsucher werden verschiedene Bewegungen dargestellt, die von der Antike bis in die Gegenwart immer wieder an das Urchristentum anknüpften. Die einzelnen Kapitel beruhen auf einer Serie von Artikeln, die im Laufe der letzten Jahre in der Zeitschrift Das Friedensreich erschienen sind. Die Bewegungen werden in ihren Glaubensinhalten und in ihrer Lebenspraxis dargestellt, soweit die Quellen es hergeben – denn die Kirche verfolgte nicht nur die Gottsucher selbst und rottete sie immer wieder aus, sondern sie vernichtete auch ihre Zeugnisse und Schriften. Der Autor vermeidet es, die verschiedenen Strömungen des Urchristentums zu idealisieren oder gar ihre Anhänger als »Heilige« hinzustellen. Es wird im Verlauf des Buches deutlich, dass es nicht immer einfach war, den Glauben und das urchristliche Leben immer wieder erstehen zu lassen, wie Jesus von Nazareth es gelehrt und vorgelebt hatte. Zahlreiche Unterschiede und Abweichungen vom ursprünglichen Glauben und Leben schlichen sich ein. Und doch hatten all diese Bewegungen eines gemeinsam: die Sehnsucht nach einem Leben in Einheit und Frieden, ohne soziale Unterschiede und auch im Einklang mit der Natur und den Tieren.

Sie verbreiteten sich wie Lauffeuer

Der Weg durch die unterdrückte »Gegengeschichte« beginnt mit den Markioniten und Montanisten der Antike – zwei Bewegungen, die fast gleichzeitig existierten und einander eher misstrauisch gegenüberstanden. Doch hat jede dieser beiden Bewegungen auf ihre Weise Aspekte des Urchristentums verwirklicht: die Markioniten, indem sie die von der Priesterkaste verfälschte Überlieferung kritisch hinterfragten; die Montanisten, indem sie das Innere Wort des lebendigen Geistes wieder zum Vorschein kommen ließen. Weiter geht es zu den Manichäern aus Persien, denen bis heute zu Unrecht das Christentum abgesprochen wird. Bis zum heutigen Tag sagt man ihnen nach, einen übertriebenen »Dualismus« zwischen Gut und Böse gelehrt zu haben. Doch es ist dies eine Verleumdung der kirchlichen Ketzerjäger, die bis heute nachwirkt. Erstaunlich ist die weite Verbreitung der manichäischen Lehre bis ins ferne Asien. Doch gerade dies ist ein Kennzeichen aller urchristlichen Strömungen: Sie verbreiteten sich wie ein Lauffeuer. Aus den Randbereichen des jeweiligen Verbreitungsgebietes, wohin die Hand der Inquisition nicht reichte, nahm der Strom Jahrzehnte oder Jahrhunderte später einen neuen Anlauf in einem neuen Gewand. So konnten die in Kleinasien beheimateten Paulikianer an die Manichäer anknüpfen und bildeten ihrerseits das Bindeglied zu den späteren Bogumilen und Katharern des Mittelalters.

Gerade was diese beiden zuletzt genannten Bewegungen betrifft, gibt das vorliegende Buch einen Anreiz, sich anhand der angegebenen Literatur näher mit diesen Christus-Nachfolgern zu befassen, deren Lehre und Wirken in ihrer geistesgeschichtlichen Dimension noch kaum ausgelotet wurden.

Bemerkenswert ist auch die Einbeziehung der »christlichen Kelten«, die im frühen Mittelalter ganz Europa bereisten und dort ihre geistigen Spuren hinterließen. Die Vatikankirche hat sie restlos vereinnahmt, gleichzeitig aber ihre nichtrömischen Impulse ausgemerzt. Wer weiß heute noch, um nur ein Detail zu nennen, dass das Aufstellen schlichter Wegkreuze in der Landschaft ursprünglich kein katholischer Brauch war, sondern im Gegenteil, von der Kirche zunächst bekämpft wurde? Die iroschottischen Mönche wollten dadurch ausdrücken, dass der Geist Gottes auch in der Natur zu finden ist, was den kirchlichen Theologen jedoch als »Pantheismus« suspekt war.

Das Experiment des Savonarola

Nicht vereinnahmt, sondern schlicht umgebracht und bis heute verketzert wurde der Dominikanermönch Savonarola, dessen Versuch einer »Gottesstadt« in Florenz des 15. Jahrhunderts ebenfalls Aufnahme in das Buch gefunden hat. Wer Savonarola, wie meist üblich, als einen fanatischen Bußprediger abtut, der ist einer der vielen Geschichtsfälschungen aufgesessen, die kirchliche Theologen bis heute mit Erfolg betreiben, und hat das wahre Anliegen und die geistigen Hintergründe dieses Experiments nicht erfasst. Der katholische Theologieprofessor Joseph Schnitzer stellte zu Beginn des 20. Jahrhunderts fest: »Mit Savonarola schlug die letzte Stunde für eine rechtmäßige Reform der Kirche.« Von daher ist es kein Zufall, dass die späteren Ketzerbewegungen in der Reformationszeit – Waldenser, Hussiten und Täufer – zwar an die urchristliche Sehnsucht nach dem Neuen Jerusalem anknüpfen konnten, jedoch maßgebliche Glaubensinhalte der vorherigen Ketzerbewegungen, wie z. B. das Wissen um die Reinkarnation der Seele, verloren hatten.

Erst in unseren Tagen dürfen wir erleben, dass die Brücke zum frühen Christentum im vollen Sinne dieses Wortes wieder geschlagen wird – durch das Prophetische Wort der heutigen Zeit. Wer als Leser dieses Buches in den Strom des Urchristentums eingetaucht ist, der vermag den Geist des universellen Lebens, der sich darin fortsetzt und heute mehr denn je strömt, in seiner tiefen Dimension neu zu erfassen. (dp)

Matthias Holzbauer: Verfolgte Gottsucher – Der Strom des Urchristentums in der Geschichte, Verlag Das Weiße Pferd, 2004, 106 S., zahlreiche Abbildungen, 9,80 € + Versand. Zu bestellen über die Redaktion: Fax: 09391/504-210, E-Mail: info@das-weisse-pferd.com


Journal Das Friedensreich, Ausgabe Nr. 6/04


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