Kinohit »The Day after Tomorrow«

Kommt wirklich eine neue Eiszeit?

Durch die Treibhausgase erwärmt sich die Erde immer mehr. In der Arktis schmilzt so viel Eis, dass der warme Golfstrom, der für das gemäßigt milde Klima auf der Nordhalbkugel der Erde verantwortlich ist, zum Stillstand kommt. Die Folge: In wenigen Tagen erstarrt dort das Leben zu einer neuen Eiszeit. Nur wenige Menschen überleben. – Kann so etwas wirklich passieren? Oder wurde das Szenario nur für den Film The Day after Tomorrow (Übermorgen; mit Dennis Quaid, Jake Gyllenhaal, Emmy Rossum) entworfen? Viele Millionen Menschen haben ihn gesehen, und so mancher dachte auch über den deutschen Untertitel nach: »Wo wirst du sein«, wenn eine solche endzeitliche Katastrophe eintritt?

Dass wir uns auf dem Planeten Erde mitten in einem Klimawandel großen Ausmaßes befinden, wird kaum mehr von jemandem bestritten. 2003 war weltweit das drittwärmste Jahr seit Beginn der Temperaturaufzeichnungen. Die bislang zehn wärmsten Jahre liegen alle im Zeitraum zwischen 1990 und 2003. Der Vogelzug und das Brüten der Vögel schieben sich immer weiter nach vorne, ebenso die Blüte vieler Pflanzen. Nach einer UN-Studie kommen schon jetzt jährlich ca. 150.000 Menschen durch die Auswirkungen der globalen Klimaänderung ums Leben: v. a. durch Überschwemmungen und Stürme. Eine entscheidende Rolle bei der weltweiten Klimaentwicklung spielen der Nord- und der Südpol. Derzeit ist die im Sommer mit Eis bedeckte Fläche schon um 13 % geringer als noch 1980. Während sich das Tempo der Erwärmung seit Anfang der 80er-Jahre weltweit verdreifachte, stieg es in der Arktis im selben Zeitraum bereits um das Achtfache. Das Grönland-Eis schmilzt sichtbar dahin. Daraus folgt, dass der Meeresspiegel allmählich steigt, aber auch, dass der Golfstrom, die gigantische Warmwasserheizung für die Nordhalbkugel der Erde, die warmes Wasser aus den Tropen nach Norden zirkuliert, sich verlangsamt. In den letzten 50 Jahren hat sich seine Stärke bereits um 20 % verringert.

Abrupter Klimaeinbruch

Nach einer Studie des US-Klimatologen Josefino Cosimo ist »die Geschwindigkeit der Erwärmung, die wir gegenwärtig erleben«, »nahe daran, alles in diesen vergangenen zehntausend Jahren, die Geowissenschaftler das Holozän nennen, in den Schatten zu stellen« (Junge Welt, 10.1.2004). Der Wissenschaftler gibt dem arktischen Meereis noch ca. 100 Jahre, im Film tritt die Katastrophe bereits früher ein: Der Golfstrom erreicht plötzlich den Kipp-Punkt und bricht zusammen, was in wenigen Tagen eine Eiszeit auslöst. Was diese Darstellung betrifft, beruhigen uns die Wissenschaftler: Der Film sei hier nicht realistisch. Ohne den Golfstrom würde es in den betroffenen Regionen zwar kälter, doch »das Klima kann nicht innerhalb weniger Tage kippen«, so z. B. Mojib Latif vom Kieler Leibniz-Institut für Meereswissenschaften. Einen geschichtlichen Vergleichspunkt für die heutigen Prognosen gibt u. a. ein abrupter Klimaeinbruch vor 8.200 Jahren in Grönland. Damals sank dort die Temperatur plötzlich um 10° C. Als Grund vermutet man ebenfalls ein Aussetzen des Nordatlantikstroms. In den angrenzenden Regionen ging die Temperatur jedoch deutlich weniger zurück. Also alles halb so schlimm?

Die Pentagon-Studie

Doch ausgerechnet im US-amerikanischen Verteidigungsministerium blies man in dasselbe Horn wie die Filmemacher. Wenige Monate vor der Fertigstellung des Films wird dort in der so genannten »Pentagon-Studie« genau dieses Katastrophen-Szenario einer abrupten weltweiten Klimaveränderung durchgespielt. Dieses Szenario, so die Autoren der Studie, sei zwar »nicht das wahrscheinlichste«, aber plausibel, und es wird unter dem Motto »Das Undenkbare denken« präsentiert.

Dass das Versiegen des Golfstroms aufgrund der Erderwärmung sogleich zu einer Eiszeit führt, wie in dem Film dargestellt, glaubt von allen mit dem Thema vertrauten Wissenschaftlern zwar niemand. Doch auch wenn es »nur« in Kanada und Skandinavien allmählich »eiskalt« würde, ist dies bereits ein sehr drastischer Einschnitt. Und im übrigen nördlichen Europa könnte es demnach schon um 2020 zumindest »sibirisch« werden, und Städte wie Amsterdam oder Den Haag müssten aufgrund der steigenden Fluten aufgegeben werden. Hungersnöte und Energiemangel nehmen aufgrund der klimatischen Veränderungen laut Studie weltweit zu, und ein »kaltes und hungriges China« späht z. B. »neidisch« auf die russischen Energiereserven. Immer mehr Staaten, so das Pentagon-Szenario, versuchen, mit Hilfe von Atomwaffen ihre Ressourcen zu verteidigen oder neue zu erobern. Und Europa und die USA könnten zu »regelrechten Festungen« werden, um Millionen von Flüchtlingen aus dem Süden abzuhalten, wo unerträgliche Hitze, Dürre und Überschwemmungen kein erträgliches Leben mehr ermöglichen. Die Schlussfolgerung der Studie: Der weltweite Klimawandel ist für die westliche Zivilisation ein noch größerer Gefahrenherd als der internationale Terrorismus, was auch der britische Premierminister Blair bestätigt, wenn er davon spricht, dass es »keine wichtigere Frage« gibt, »die die Weltgemeinschaft betrifft« (ntv, 23.2.2004).

Hinzu kommt, unabhängig von der Pentagon-Studie, die drohende Gefahr eines Polsprungs oder anderer Katastrophen, die dazu führen könnten, dass es doch – ähnlich wie im Film dargestellt – zu einem abrupten Ende der Zivilisation kommt. So weist etwa der britische Klimatologe David Viner darauf hin, dass ein großer Vulkanausbruch oder ein Asteroiden-Treffer es durchaus bewirken könnten, dass, wie im Film, eine schnelle Eiszeit kommt, wenn nämlich die Atmosphäre mit Staub bedeckt und damit die wärmende Sonneneinstrahlung drastisch verhüllt würde (Spiegel online, 13.5.2004).

Die NASA muss schweigen

Die US-amerikanische Regierung will bis heute nichts davon wissen, dass wir Menschen die Verursacher dafür sein könnten, dass es »the day after tomorrow«, übermorgen, unsere Zivilisation nicht mehr geben könnte. So hielt sie z. B. die Pentagon-Studie mehrere Monate unter Verschluss. Denn darin wird die Regierung auch zum sofortigen Handeln aufgefordert, und der Klimaschutz als ein mögliches Handlungsfeld hat Präsident Bush noch nie interessiert. Bis vor kurzem bezweifelte er sogar noch, dass sich das Klima überhaupt erwärmt. Und obwohl die USA für über 36 % des Schadstoffausstoßes weltweit verantwortlich sind, weigert sich die US-Regierung bis heute beharrlich, das UN-Abkommen von Kyoto zu unterzeichnen, in dem sich die Länder der Erde zu stufenweisen kleinen Verringerungen verpflichten. Doch jetzt hat der Film The Day after Tomorrow in den USA einen »political firestorm« (politischen Feuersturm) in der Öffentlichkeit losgetreten, und dieser kommt derzeit dem demokratischen Präsidentschaftskandidaten Kerry zugute, der auf die Untätigkeiten der Regierung Bush verweist. Während die US-Regierung allen ihr unterstehenden Forschungseinrichtungen, z. B. der NASA, zwischenzeitlich untersagte, sich zum Film und zum Thema Klimawandel zu äußern, empfiehlt der bei der letzten Wahl knapp unterlegene Präsidentschaftskandidat Al Gore dringend, ins Kino zu gehen.

Anders denken lernen

Was einem der Kinobesuch oder die Beschäftigung mit dem Thema bringen kann, beschreibt Elmar Uherek vom Max-Planck-Institut für Chemie der Universität Mainz wie folgt: »Unser Wissen, dass die USA oder Europa nicht binnen Wochen oder Monaten in einer eiszeitlichen Katastrophe erstarren werden, darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die als realistisch angesehenen Gefahren durch den tatsächlich ablaufenden Klimawandel zwar stiller, zeitlich weiter gestreckt und räumlich gleichmäßiger verteilt, aber in ihrer gesamten Dimension kaum weniger erschreckend ablaufen werden …«

Und: »Der Mensch reagiert in seiner Art wahrzunehmen auf spektakuläre Ereignisse, die in einem gewissen Moment eine große Wirkung entfalten (z. B. Tornados, Terroranschläge). Sie erzeugen Ängste und überzeugen zur Notwendigkeit von Abwehr, so diese möglich ist. Schleichende Änderungen über Jahre bis Jahrzehnte (Erosion, Schmelzen von Gletschern) können ihn im Alltag nicht dauerhaft belasten … An dieser Art der Bedrohung scheitert auch die Politik und der einzelne. Für Klimawandel müssen wir anders denken lernen – im Weltmaßstab und für die nächste Generation.« (Klimainformationsnetzwerk www.espere.de) Auch aus diesem Grund inszeniert der Film schleichende Änderungen spektakulär, was den Filmemachern bewusst ist.

Eine Art Gerechtigkeit

Regisseur Roland Emmerich, ein Deutscher, der seit 13 Jahren in Los Angeles lebt, ließ sich von der literarischen Vorlage für den Film, dem Buch The Coming Global Superstorm (Der kommende weltweite Supersturm) überzeugen: »Die Industriestaaten der Nordhalbkugel sind die schlimmsten Klimaverschmutzer – und sie trifft es selbst zuerst. Ich empfand das als eine Art natürliche Gerechtigkeit. Die Erde rächt sich an ihren Peinigern«, so Emmerich (Bild am Sonntag, 23.5.2004), womit er auf das Gesetz von Ursache und Wirkung hinweist, wonach die Erde dem Menschen nur das zurückgibt, womit sie zuvor von ihm malträtiert wurde.
Während sich die USA an ihrer Südgrenze mit meterhohen Sperranlagen gegen Flüchtlinge aus Mexiko absichert, flüchten im Film US-Amerikaner in Richtung Mexiko und werden dort aufgenommen. Durch die Ereignisse wird das Denken der Überlebenden verändert, bis hin in die höchsten Ränge der Politik: »Wir alle haben in den letzten Tagen die Zerstörungskraft der Natur erlebt. Sie hat uns demütiger gemacht«, erklärt der US-Präsident im Film in einer Fernsehansprache. Er bedankt sich dafür, dass Mexiko die US-Flüchtlinge zu Millionen ins Land lässt, anders als es die USA derzeit mit den mexikanischen Flüchtlingen hält. »Wir haben gedacht, wir könnten die Ressourcen unseres Planeten unbegrenzt nutzen«, so der Präsident, ehe er einen Satz ausspricht, den man in der tatsächlichen Politik leider kaum hört: »Wir haben uns geirrt.«
Trotz der gewaltigen Zerstörungen hat der Film für die Überlebenden eine tröstende Botschaft, die der Drehbuch-Autor den Hauptdarsteller sagen lässt: »Wichtig ist, dass wir aus unseren Fehlern lernen«, was jeder politisch oder auf sich privat beziehen kann. Der Filmheld kümmert sich etwa mehr um seinen Sohn, und Emmerich selbst hat z. B. einiges dafür getan, seinen Film auch ethisch glaubwürdig zu machen: So hat er aus seinem Privatvermögen eine Abgabe von 150.000 $ in eine Umweltstiftung gezahlt, um die mit der Produktion des Filmes verbundene Umweltverschmutzung auszugleichen. Oder er hat sein Haus auf Energieversorgung mit Solarenergie umgerüstet. Bei der Frage, wo er selbst sein würde, wenn es zu einer solchen endzeitlichen Katastrophe käme, und was er dann tun würde, ließ er die Antwort offen: »Ich habe mir diese Frage bei den Dreharbeiten häufig gestellt. Leider oft ohne Ergebnis.« Beruflich bereitet Emmerich auf jeden Fall schon seinen nächsten Film vor – Das Thema: Der US-Präsident wird durch die demokratischen Instanzen seines Amtes enthoben. Doch er weigert sich zu gehen und bleibt mit seiner Mannschaft einfach im Amt. Eine große Verschwörung nimmt ihren Lauf.

»Die Luft war noch nie so klar«

Wie es den Anschein hat, wird sich auch im tatsächlichen politischen Leben wenig ändern, das Anlass zur Hoffnung gibt, dass die Menschen aus den sich anbahnenden Katastrophen die Konsequenzen ziehen und auf vielfältige Art umkehren. So bemüht sich zwar beispielsweise die deutsche Regierung um eine Forcierung erneuerbarer Energien, doch die deutsche Opposition, die Prognosen zufolge die nächste Regierung stellt, will die Weichen wieder in Richtung Ausbau der Atomenergie stellen – eine Energieform, die schon im Normalbetrieb störanfällig ist und Schädigungen von Mensch und Umwelt verursachen kann – ganz zu schweigen von einem Unglück wie 1986 in Tschernobyl.

Der Film läuft deshalb auf das Ende unserer Zivilisation zu. Er schließt damit, dass Wissenschaftler aus einem Raumschiff auf den Planeten Erde schauen, kurz nachdem die Eiszeit-Katastrophe alles verwandelt hat. Die Mehrzahl der Menschen ist verschwunden, und einer der Astronauten spricht: »Die Luft war noch nie so klar.« Für denjenigen, der an die Möglichkeit der Reinkarnation glaubt, ist damit aber kein Schlusspunkt gesetzt. Denkt heute noch so mancher »Nach mir die Sintflut«, so wird er unter Umständen den Beginn der Sintflut erleben und in einer anderen Einverleibung womöglich dort wieder anfangen, wo er schon einmal in einem früheren Leben stand. Wie sagte es doch der Hauptdarsteller: »Wichtig ist, aus unseren Fehlern zu lernen.« (Dieter Potzel)
 

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Ausgabe Nr. 7/04, Journal Das Friedensreich



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