Wollen Kirche und CDU/CSU Deutschland teilen?
Ein entschiedenes Jein zur Gentechnik
„Ob Gentechnik gut oder schlecht ist, darüber
dürfen bei CSU-Politikern die Kinder und Ehefrauen entscheiden – und die
sind alle dagegen“. Dies lies ein „Parteistratege“ die Frankfurter
Allgemeine wissen (31.10.2006).
Tatsächlich vollzog
sich im Jahr 2006 ein bemerkenswerter Schwenk in der bayerischen
Regierungspartei. Man sehe im Moment „keinen Bedarf für einen
kommerziellen Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen“, verkündete die
Landtagsfraktion im September. Man wolle aber „unter größtmöglicher
Sicherheit in der Forschung weiterarbeiten“.
Sicherheit heißt vor allem: Abstand halten. Während man
bislang von mindestens 20 Metern Abstand zwischen einem Feld mit
genmanipulierter Saat und einer konventionell oder ökologisch
bewirtschafteten Fläche ausging, sprach Landwirtschaftsminister Josef Miller
plötzlich von „mindestens 150 Metern“, andere CSU-Politiker forderten gar
300 Meter Abstand. „In der kleinräumigen Agrarlandschaft Bayerns kommt das
einem Gentechnikverbot gleich“, so die FAZ (ebenda).
Was hat zu diesem Stimmungswandel geführt? Eine große
Rolle dürfte gespielt haben, dass die Ablehnung der Genmanipulation aus der
Bevölkerung in den Bayerischen Bauernverband, eine wichtige
CSU-Wählerklientel, hinübergeschwappt war. Doch das allein hätte nicht
genügt. Ohne den Segen der Kirche passiert in Bayern kaum etwas.
Und in der Tat: Im Herbst 2006 stieg auch die
Vatikankirche groß mit dem Thema Umwelt ein und tat so, als sei das schon
immer ihr Anliegen gewesen. Man brachte ein „Klimapapier“ heraus, das jede
Menge Wortgeflimmer enthielt, und machte den Abt des ökologisch
wirtschaftenden Klosters Plankstetten, Gregor Hanke, zum neuen Bischof von
Eichstätt. Hanke, der zu seiner Bischofsweihe gebratenen Ochsen am Spieß aus
„biologischer“ Haltung und Dinkelbier servieren ließ, ist erklärter
Gentechnik-Gegner. Wenn Bundeslandwirtschaftsminister Horst Seehofer (CSU)
zu Besinnungstagen in Hankes Kloster einkehrte, soll es so manche heiße
Diskussion mit Landwirten aus der Nachbarschaft gegeben haben. Seehofer,
bisher eher ein Gentechnik-Befürworter, hält sich in den letzten Monaten
auffallend zurück und bereitet ein neues Gentechnik-Gesetz vor. Das allerdings auch unter seinen Parteifreunden auf
Bundesebene höchst umstritten sein dürfte. Kanzlerin und Pfarrerstochter
Angela Merkel (CDU) befürwortet dien Gentechnik ebenso wie
Wissenschaftsministerin Annette Schavan, studierte Theologin und ehedem
Leiterin einer bischöflichen Studienstiftung.
Der wachsame Leser wird aus alldem unschwer entnehmen
können, dass die sich in bestimmten Bereichen abzeichnenden Positionen gegen
die Gentechnik in Unionsparteien und Kirchen, von Einzelfällen abgesehen,
wohl kaum einer tieferen Überzeugung entspringen dürften. Dem Volk aufs Maul
schauen, abwarten und Zeit gewinnen, heißt die Devise. Die großen Kirchen
haben sich nie klar gegen die Gentechnik ausgesprochen, sondern betonen
meist in wohlgefeilten Worten das Einerseits-andererseits eines
entschiedenen Vielleicht.
Der Ordinariatsrat Joachim Drumm aus der Diözese
Rottenburg (Baden-Württemberg) etwa betont in einem Interview mit der
Stuttgarter Zeitung (Sonntag aktuell, 26.11.06), die Kirche sei
überhaupt nicht technikfeindlich, die Gentechnik berge auch Chancen, aber
die Risiken seien derzeit noch nicht abschätzbar usw. „Dass wir dem lieben
Gott nicht ins Handwerk pfuschen sollten – dieser Satz ist mir zu einfach.“
Theologen lieben eben das Komplizierte und Künstliche,
Gott aber ist einfach und genial. Und während so mancher Gentechnik-Gegner
vielleicht Hoffnung schöpft und an einen echten Gesinnungswandel glaubt,
haben die Politiker längst eine neue Strategie ausgeknobelt, die sie doch
noch zum Ziel bringen soll.
Und manchmal kann man Teile einer solchen Strategie
direkt in der Zeitung lesen. In der Frankfurter Allgemeinen vom 14.
Oktober 2006 berichtet Christian Schwägerl unter der Überschrift
„Bioraffinerien statt Bioziegenkäse“ über die wachsende „geopolitische
Bedeutung“ des „ländlichen Raumes“ durch „Pflanzenenergie“. Kurz
zusammengefasst: Da nachwachsende Rohstoffe zur Energiegewinnung in Zukunft
immer wichtiger werden, nimmt auch der Wert des Ackerbodens wieder zu, auf
dem sie – mit hohem Chemie- und Pestizideinsatz – angebaut werden können.
Dies betrifft aber nicht alle Flächen gleichermaßen. Gefragt sind große
Ackerflächen, wie es sie z. B. im Nordosten Deutschlands auf ehemaligen
LPG-Flächen gibt.
Schwägerl wörtlich: „Im Norden und Osten Deutschlands werden sich
bioindustrielle Energieerzeugungslandschaften erstrecken ... Hebt die
Gentechnik die Ausbeute stärker als klassische Züchtungsmethoden, kommt sie
zum Einsatz. ... Für eine gentechnikfreie und auf Biolandbau und
Ökotourismus ausgerichtete Landwirtschaft stehen nicht mehr alle Flächen zur
Verfügung, sondern nur noch einzelne Gebiete, etwa der Freistaat Bayern, der
neuerdings Gentechnikfeindlichkeit signalisiert. Eine solche Aufgabenteilung
könnte auch den Streit über die Gentechnik auflösen, weil Ökobauern und
Energiewirte gar nicht nebeneinander wirtschaften würden.“
Ist da nicht gerade die Katze aus dem Sack geschlüpft?
„Aufgabenteilung“ heißt das Stichwort. In eher kleinteiligen
Landwirtschaften wie Bayern und Baden-Württemberg geht man den Konflikten
zwischen Genmanipulierern und Gentechnikgegnern lieber aus dem Weg und
konzentriert sich auf „strukturschwache“ Gebiete, wo weniger
Widerstand zu befürchten ist. Diesen Teilrückzug vermarkten Politiker und Kirchen jedoch
mediengerecht als ökologische Großtat. Wenn die Zeiten noch schlechter
werden, kann man ja immer noch den Rückzug vom Rückzug antreten. Ihre Aktien
bei den Konzernen, die an Gentechnik und Agrarindustrie verdienen, werden
die Kirchen jedenfalls nicht so rasch abstoßen.
Wer genmanipulierte Nahrungsmittel ablehnt, weil sie
einen nicht rückgängig zu machenden Eingriff in die Schöpfung Gottes
darstellen, der sollte wachsam bleiben. „Eure Rede sei Ja – ja, Nein – Nein“
sagte der Nazarener. Von Wischiwaschi und faulen Kompromissen sagte er
nichts. |