Das Weisse Pferd - Urchristliche Zeitung für Gesellschaft, Religion, Politik und Wirtschaft

Ausgabe 16/97

abstand.gif (36 Byte)

Was der Agrarmarkt den Steuerzahler kostet

Der europäische
Subventions-Wahnsinn

Was würden wir von einem Weinhändler halten, der teuer eingekauften Tafelwein zu Alkohol destillieren lässt - um diesen Alkohol anschließend mit 98 Prozent Verlust an brasilianische Tankstellen zu verhökern?

Wie lange könnte sich eine Molkerei halten, die erst für teures Geld Butter produziert, um sie anschließend als billigen Fettgrundstoff an die Farben- und Kosmetikindustrie abzugeben? Was würden wir über ein Land denken, das seinen Bauern jährlich Milliarden zahlt, damit sie Obst und Gemüse produzieren - das dann aber jährlich 2,5 Millionen Tonnen davon mit Bulldozern eingraben lässt?

Dieses Land gibt es. Es heißt Europäische Union. Mit achtzig Milliarden Mark subventioniert Europa jedes Jahr eine hochtechnisierte Landwirtschaft - mit der Hälfte seines Budgets. Hinzu kommen rund 30 Milliarden an Investitionsbeihilfen. Schlachthöfe etwa, von denen es ohnehin zu viele gibt, werden mit bis zu 50 Prozent bezuschusst.

Allein drei Milliarden fließen jährlich in den Transport von Schlachtvieh in die Türkei oder in den Libanon - dem Fernsehzuschauer sind die skandalösen Bilder der grausamen Transporte noch in lebhafter Erinnerung. Um den Fleischmarkt zu "entlasten", erhält der Exporteur 700 Mark für jedes Tier. Gleich, ob Tiere oder Pflanzen - der Steuerzahler zahlt immer zweimal: Erst für die Subventionierung der Produktion, dann für deren Beseitigung.

Wozu Subventionen?

Wieso gibt es diesen Wahnsinn überhaupt? In den Sechziger Jahren begann man, den Landwirten garantierte Preise für ihre Erzeugnisse zu zahlen. Damit wollte man die Europäische Wirtschafts-Gemeinschaft (wie sie damals noch hieß) landwirtschaftlich autark machen. Doch schon bald war man weit über das Ziel hinausgeschossen.

Die Gigantomanie begann. Dabei wäre ein gewisses Maß an Subventionen durchaus zu rechtfertigen. Fielen alle Zahlungen von heute auf morgen weg, dann wäre ein großer Teil der europäischen Landwirtschaft der billigeren Konkurrenz des Weltmarktes nicht gewachsen. Hunderttausende von Arbeitsplätzen gingen verloren. Besonders betroffen wären Bauern in den Bergen, die ohnehin mit schlechteren Böden zurechtkommen müssen. Dass man etwas für die Landwirte tun muss, darüber sind sich alle Parteien einig.

riesiges Getreidefeld

Landwirtschaft heute - auf dem Weg in eine gigantische Sackgasse?

Doch was soll subventioniert werden? Darüber gibt es ganz unterschiedliche Ansichten. Der Bund für Umwelt- und Naturschutz fordert, ähnlich wie Die Grünen und die SPD, eine direkte Subventionierung von Landwirten, die bei ihrer Produktionsweise die Umwelt nicht schädigen, die beispielsweise auf Stickstoffdünger und Insektengifte verzichten. Oder an Bauern, die nicht mehr Vieh halten, als sie mit den auf eigenem Land angebauten Futtermitteln füttern können. In der Schweiz hat man solche Kriterien schon eingeführt. Die müssen ja auch nicht in Brüssel anfragen.

Die Kleinbauern bekommen kaum etwas

Aber sogar die Brüsseler Kommission hat inzwischen erkannt, dass es so nicht weitergehen kann - vor allem dann nicht, wenn weitere Länder im Osten Europas mit zum Teil kleinbäuerlicher Landwirtschaft (Polen!) hinzukämen. Agrarkommissar Fischler aus Österreich fordert, die Subventionen nicht mehr an die Fläche, sondern an die Betriebsgröße zu binden:

Die Kleinen haben es nötiger. Doch damit beißt er bei den mächtigen Bauernverbänden und bei den "christlichen Regierungsparteien" auf Granit. Denn dort sind längst die Großagrarier mit der Maschinen-, der Düngemittel- und der Lebensmittelindustrie verbündet - und alle verdienen am Milliardensegen kräftig mit. Für die kleinen Bauern, die vier von fünf Höfen bewirtschaften, fallen gerade mal drei Prozent der 80 Milliarden ab. Das hat ein niederländischer Europaabgeordneter ausgerechnet (Die Woche, 14.7.1995).

Wenn also christliche Politiker Reformvorschläge mit dem Argument abblocken, "die Bauern" erhielten dann weniger Geld, so grenzt dies an Volksverdummung. Denn "die Bauern" gibt es schon lange nicht mehr. In kaum einem Berufsstand ist der Unterschied zwischen dem Einkommen von Groß- und Kleinbetrieben so groß wie in der Landwirtschaft. Allein in Bayern müssen jeden Tag 36 Bauernhöfe den Betrieb einstellen.

Hausgemachte Skandale

Die Subventionen aus Brüssel sind in ihrer derzeitigen Form weder sozial noch ökologisch sinnvoll, im Gegenteil: Subventioniert wird eine Massenproduktion, die auf Umwelt und auf Verbraucher keinerlei Rücksicht nimmt.

Die Skandale sind hausgemacht: Rinderwahnsinn, Antibiotika und Hormone im Fleisch, Verseuchung des Grundwassers mit Nitraten und Insektengiften, Bodenerosion und ausgelaugte Böden, grausame Massentierhaltung, brutale Tiertransporte und Prämien für Kälbermord (siehe unten), Missbrauch von Subventionen (1996 allein 2,6 Milliarden Mark) - all dies sind Auswüchse einer Landwirtschaft, die rein unter Profitgesichtspunkten betrieben und subventioniert wird, losgelöst von ökologischen und auch ethischen Normen.

Handgreifliche Schizophrenie

Die ganze Schizophrenie dieser Politik offenbart sich in der Zweiteilung unserer Landschaft: Während auf den großen Monokulturfeldern mit hohem Einsatz an Chemie drauflos produziert wird, zahlt Brüssel gleichzeitig Gelder für die völlige Stilllegung anderer Flächen, um die Produktion wieder zu senken. Weshalb unterstützt man nicht, dass auf der gesamten Fläche ein umweltschonender Anbau betrieben wird? Der Steuerzahler würde sich freuen - und die Natur auch.

Verkehrte Welt

Die europäische Agrarpolitik spiegelt in besonders markanter Weise die Fehler unserer Wirtschaftspolitik: Die Subventionen kommen vor allem den Reichen und Mächtigen zugute, die Ärmeren gehen meist leer aus - und ganz unten in der Hackordnung stehen die natürlichen Lebensgrundlagen, der Boden, das Wasser, die Luft - und die Tiere.

Wenn schon die Politiker nicht in der Lage oder willens sind, dem Raubbau auf Kosten der Natur und der Volksgesundheit Einhalt zu gebieten und das Geld der Steuerzahler in die richtigen Kanäle zu lenken, so könnten die Verbraucher es ihnen vormachen: indem sie entscheiden, welche Anbaumethoden und welche landwirtschaftlichen Betriebe sie unterstützen.

Eines Tages, das ist sicher, wird der Wahnsinn ein Ende haben. Die Frage ist nur: Wird er aufhören, weil wir Menschen ihn beenden - oder weil die Natur einfach nicht mehr kann und die Produktion einstellt? Wir haben es in der Hand.

 


Kälbermord:
"Aus dem System genommen"

Zum Jahreswechsel wurde der Skandal bekannt: Kälber werden nach Frankreich transportiert, dort geschlachtet und die toten Körper anschließend zu Tiermehl verarbeitet. Dafür wird dann eine "Verarbeitungsprämie" gezahlt. Die Kälber werden "aus dem System genommen", wie es ein Euro-Bürokrat gegenüber dem Fernsehen formulierte. Was ist das für ein System, in dem Kälber, die gerade laufen können (das ist Voraussetzung!), beseitigt werden, nicht einmal, um gegessen zu werden, sondern damit der Markt "stabil bleibt"?

Die Transporte, das bewiesen die Fernsehbilder, laufen immer noch. Von Deutschland aus, wo die Behörden keine Prämien zahlen und auch keine Transportgenehmigungen dafür ausstellen, laufen die Lastwagen eben nachts und auf Umwegen zu den Schlachthöfen in Frankreich. Meist werden die Transporte falsch deklariert, die Kälber als "zur Mast bestimmt" ausgegeben. Zahlreiche Kälber überleben den Transport nicht. Die lebend Ankommenden werden in den Schlachthöfen äußerst brutal behandelt. Fernsehaufnahmen beweisen: Einzelne Tiere leben noch, wenn sie in die Container geworfen werden, die dann zu den Tiermehlfabriken gefahren werden.

Inhalt Ausgabe 16/97
Hauptseite
Archiv - alle früheren Ausgaben
Suchen
Abo-Service
Impressum
Post an uns

Und immer noch erhalten die Viehzüchter 250 Mark pro Tier als "Herodesprämie". Für die eine Million Kälber, die seit Herbst 1996 "verarbeitet" wurden, haben die europäischen Steuerzahler also an die 250 Millionen Mark ausgegeben. Das Leid wird wohl erst aufhören, wenn keine Steuergelder für irgendwelche Viehtransporte oder Schlachtaktionen mehr bezahlt werden.


 



Copyright © Verlag DAS WEISSE PFERD GmbH, Marktheidenfeld, Deutschland
Altfeld, Max-Braun-Straße 2, 97828 Marktheidenfeld, Fax: 09391 / 504-210
http://www.das-weisse-pferd.com - E-Mail: info@das-weisse-pferd.com

TV-Programmtipp:
http://www.erde-und-mensch.org/de/index.html


Links:

Main-Post und Pressefreiheit

Die-Neue-Zeit-TV auf Astra Digital
Stuttgart 21: Die Unterwanderung der Demokratie
Hintergründe zu Papst und Vatikan