Das Weisse Pferd - Urchristliche Zeitung für Gesellschaft, Religion, Politik und Wirtschaft

Ausgabe 20/97

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Steht unsere Zivilisation vor dem Ende?

"Seltsame Ähnlichkeiten
 mit dem Ende des
 römischen Reiches
"

"Werde ich zum Bettler?" - "Wird man mir meinen Lohn auszahlen?" - "Werde ich fliehen müssen?" Diese Fragen sind rund zweitausend Jahre alt. Ein Ägypter stellte sie an ein römisches Orakel.

römisches Steinrelief

Römische Soldaten ziehen in den Krieg. Ohne immer
neue Beute gerät die "Maschine" Rom ins Stocken.

Heute, am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts, titelt der Spiegel (Nr. 40/97): "Die Reichen reicher, die Armen ärmer ..." und schreibt: "Arbeit lohnt sich nicht mehr - das gilt für viele, die bisher glaubten, ein Job sichere die Existenz ... Selbst in Stadtvierteln, die früher als gut bürgerlich galten, findet ein Szenewechsel statt. Vor der Kulisse schmucker Wohnhäuser schleichen immer mehr Menschen durch die Straßen, deren Hab und Gut in zwei Plastiktüten passt."

Immer mehr Menschen werden in Arbeitsverhältnisse abgedrängt, die entweder unterbezahlt oder nicht sozial abgesichert sind - oder beides zugleich. Es gibt immer mehr "Scheinselbständige".

Die Schmuckverkäuferin im Kaufhaus beispielsweise, die nur auf dem Papier selbständige Unternehmerin ist. In Wirklichkeit bekommt sie von einer Schmuckfirma ihr Sortiment genau vorgeschrieben, trägt aber das gesamte wirtschaftliche Risiko. Wenn sie krank ist, muss sie selbst für Ersatz sorgen - auf ihre eigenen Kosten. Oder der Aushilfskellner, der auf Abruf bereit steht, für Stoßzeiten.

Er weiß nicht, wann und wie oft er in dieser Woche angerufen wird und was er verdienen wird. In England können 2,3 Millionen Menschen ihre Wohnungen nicht mehr heizen. In Frankreich zeugen wild abgestellte Wohnwagen überall im Land von einem Heer mobiler Zeitarbeitskräfte.

Ungehemmter Luxus

In der Spätphase des römischen Reiches gab es die "peregrini", Menschen zwischen freien Bürgern und Sklaven, die auf Arbeitssuche durch die Lande zogen. Die Masse der Bevölkerung verarmte, die Kaufkraft ging zurück. Gleichzeitig stellte die Oberschicht ihren Luxus immer ungehemmter zur Schau.

Ruinen des Forum Romanum

Das Forum Romanum -
verfallener Mittelpunkt eines vergangenen Weltreichs

"Seltsame Ähnlichkeiten mit dem Ende des römischen Reiches" bescheinigt der französische Soziologe Denis Duclos unserer heutigen Zeitepoche. Sein Artikel in der deutschen Ausgabe von Le monde diplomatique (10.8.1997) trägt die Überschrift: Erosion des Gemeinwohls - ein Merkmal der neuen Weltordnung. Die Parallelen sind tatsächlich verblüffend.

Der von Duclos zitierte Historiker Michael Rostovtzeff schreibt über das alte Rom: "... diese Bourgeoisie ... übte sich im Erfinden von Vorwänden und Tricks, um sich den Forderungen des Staates zu entziehen; es war eine Bourgeoisie, die Spekulation und Ausbeutung zur Grundlage ihres Wohlstands machte und mit der es trotzdem ständig bergab ging." Wer denkt dabei nicht an die Prominenten und Neureichen unserer Tage, die mit Steuertricks ihre Abgaben an den Staat auf Null bringen?

Und wer denkt nicht an die Milliarden an Spekulationsgeldern, die heute um den Erdball rotieren und ganze Währungen in die Knie zwingen? Rostovtzeff weiter über Rom: "Da die Immunitätsverleihungen (Befreiung von Abgaben; die Redaktion) zum Teil gerade den Reichsten zugute kamen, lasteten die Liturgien (unentgeltliche Leistungen für das Gemeinwesen; d. R.) jetzt schwer auf den Grundbesitzern und Kleinindustriellen, die in der Hauptsache dem Mittelstand angehörten." Auch heute rutschen immer mehr Menschen aus dem Mittelstand in die Armut ab.

Im römischen Reich beanspruchte eine wachsende Bürokratie immer mehr Macht und Geld für die Durchsetzung eines gleichgeschalteten Systems im gesamten Staatsgebiet. Heute, so Duclos, seien es die multinationalen Konzerne, die diese Rolle übernommen hätten, die eine Art Welt-Konsumsystem verbreiten und durchsetzen. Dabei werden Arbeitskräfte nach Belieben verschoben und auf die Straße gesetzt. Wer auf diese Weise "rationalisiert", wird von den Aktionären belohnt. Die wachsende Jugendkriminalität, hervorgerufen durch Resignation und das Fehlen von Perspektiven, vergleicht Duclos mit den bürgerkriegsartigen Wirren am Ende der Römerzeit. Damals, so Rostovtzeff, herrschten "Hass und Neid ... überall:

Die Bauern hassten die Grundbesitzer und die Beamten, das städtische Proletariat hasste die städtische Bourgeoisie, das Heer wurde von jedermann gehasst, sogar von den Bauern."

Duclos führt die Fehlentwicklungen damals und heute auf die "Lust an der Unterdrückung" zurück, die in bestimmten Situationen auftrete. Er warnt die Reichen: "Denken die Mächtigen, die jedes Jahr in Davos zum Schaulaufen antreten, auch nur eine Sekunde an die Möglichkeit, dass die Machtgier auch die unteren Gesellschaftsschichten erfassen und zu einer Lawine werden könnte, die sie eines Tages wie einen Strohhalm hinwegfegen könnte?"

Das moralische Problem, das Duclos hier anspricht, ist sicher sehr wesentlich für das Verständnis der Vorgänge und für deren Lösung im Sinne einer Ethik der Bergpredigt. Doch weshalb tritt dieses Problem in bestimmten Zeiten auf und in anderen nicht? Der Wirtschaftshistoriker Fritz Schwarz führte schon kurz nach dem zweiten Weltkrieg in seinem Buch Segen und Fluch des Geldes in der Geschichte der Völker den Niedergang Roms unter anderem auf eine falsche Währungspolitik zurück.

Zeitarbeitsvermittlung beim Arbeitsamt

Ein Symptom der Krise: die fast unbegrenzte Verfügbarkeit der Arbeitskraft. Auch die Behörden können sich dem Trend nicht entziehen.

Die Anzahl der umlaufenden Geldmünzen war abhängig vom Ertrag der Gold- und Silberminen. Als diese versiegten, kam das Wirtschaftsleben ins Stocken, die Preise sanken. Gleichzeitig suchten die römischen "Kapitalisten" jedoch weiter nach rentablen Anlagemöglichkeiten und trieben das erschöpfte Reich auf der Suche nach Beute zu immer neuen militärischen Abenteuern. Hinzu kam, dass der Boden immer mehr zur Handelsware und damit zum Spekulationsobjekt von Großgrundbesitzern wurde, die Heere von Landarbeitern vertrieben oder zu Sklaven machten.

Die Krisen sind vorprogrammiert

Heute gibt es zwar das Papiergeld - doch die Wirtschaft ist gegen Stockungen des Geldumlaufs und Depressionen keineswegs gefeit. Auch heute sucht das Kapital weltweit nach der höchstmöglichen Rendite - Umwelt und Arbeitskräfte bleiben dabei auf der Strecke.

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Unser heutiges Währungssystem ist mit seinen Zinseszinsen und mit seiner "Schlagseite" zugunsten der Kapitalbesitzer im Grunde noch das gleiche wie zu römischen Zeiten - und produziert daher periodische Krisen und Zusammenbrüche, weil es noch immer über kurz oder lang dazu tendiert, die Reichen reicher und die Armen ärmer zu machen. "Die Welt will betrogen sein", sagte Sebastian Brant im Narrenschiff.

In der nächsten Ausgabe: Eine Zivilisation geht zugrunde, wenn sie ihre Böden ausbeutet. Diese Warnung sprach der große Naturforscher Justus von Liebig schon vor über hundert Jahren aus. Hat man auf ihn gehört?


 




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