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Die Börse: Zuviel
Geld an der falschen StelleDie Macht der "Money-Mover"
Weltweit brechen die Aktienkurse ein wie selten zuvor - um am selben Tag
wieder anzusteigen. Alles wieder in Ordnung? Oder sind die Turbulenzen
Vorboten eines neuen "schwarzen
Freitag" wie 1929?

Im Unterschied zu 1929 finanzieren heute nicht mehr die
Banken das Spekulations-Glücksspiel an den Börsen - und können daher nicht, wie damals,
aufgrund einbrechender Kurse reihenweise zusammenbrechen. Die Kursverluste treffen
hauptsächlich diejenigen, die ihr Geld aus Spekulationsgründen an der Börse
"verwetten". Doch in Ordnung ist die Situation deshalb noch lange nicht. Denn
das Börsentheater ist ein Symptom für tief greifende Fehlentwicklungen der
Weltwirtschaft:
Zu viel vagabundierendes
Kapital
Es ist zuviel Geld am falschen Platz versammelt. Die kaum
vorstellbare Summe von drei Billionen Dollar wird täglich an den Weltfinanzmärkten
umgesetzt. Zum Vergleich: Das Bruttosozialprodukt der Vereinigten Staaten betrug 1991, in
einem ganzen Jahr, 5,7 Billionen Dollar.
Woher kommen die Unsummen an Spekulationsgeldern, die sich gegenseitig zu immer neuen
Höhen aufschaukeln, oft nur aufgrund von Gerüchten? Von der tatsächlichen
Wirtschaftleistung der Unternehmen, deren Kapital an der Börse gehandelt wird, haben sich
die Kurse längst abgekoppelt. An vielen Stellen der Weltwirtschaft fehlt Geld, das zu
günstigen Konditionen angeboten wird. Dafür geistert es durch die elektronischen
Sphären der Finanzmärkte, immer auf der Suche nach noch höherer Rendite. Gleichzeitig
werden weltweit die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer.
Was ist der Hintergrund?
Schon der englische Wirtschaftswissenschaftler Keynes fand
heraus, dass der Preis für die Herausgabe von Geld, der Zins, nicht unter eine bestimmte
Grenze, etwa 6 %, zu fallen pflegt. Ab dieser Untergrenze bieten viele Geldbesitzer ihre
"Ware", das Geld, einfach nicht mehr für Kredite an. Sie treten in
"Streik" und warten, dass die Zeiten sich bessern. Oder sie spekulieren damit.
Weil Geld aber für den Kreislauf der Wirtschaft so wichtig ist wie das Blut im Körper,
wird es trotz überhöhter Zinssätze von 6 % und mehr weiter nachgefragt. Die
überhöhten Zinsen werden bezahlt. Dadurch sammelt sich bei den Geldverleihern im Laufe
der Zeit ein immenser Reichtum an, der für "normale" Bedürfnisse nicht mehr
benötigt wird. Also an die Börse damit. Bleibt die menschliche Sucht nach
"Mehr", der Nervenkitzel der Spekulation, verstärkt diesen
Prozess. Dem
Reichtum der einen steht aber eine wachsende Verschuldung der anderen gegenüber - sowohl
beim Staat als auch bei den Unternehmen als auch bei den Privathaushalten. Die
Verschuldung wächst seit Jahren viel stärker als die gesamte Wirtschaftsleistung. Hier
liegt die eigentliche "Crash"-Gefahr unserer Volkswirtschaft - weniger an der
Börse.
Wer kriegt als nächster das
"Fernostfieber"?
Nicht zufällig wurde als Auslöser für die Einbrüche an
der Börse das "Fernostfieber" genannt. Im September waren an den Devisenbörsen
der "Tigerstaaten" Thailand, Malaysia und Singapur die Währungen dieser Länder
eingebrochen. Dies hat wesentlich ernstere Folgen als ein Auf und Ab an der Börse:
Staatliche Wirtschaftsprojekte mussten gestoppt werden, Währungsreserven sind
dahin geschmolzen, Tausende von Arbeitern wurden entlassen.
Der malaysische Premier Mahatir klagte: "Wir arbeiten
30 bis 40 Jahre, um unsere Länder auf dieses Niveau zu bringen, und dann kommt einer mit
ein paar Milliarden Dollar, um in einem Zeitraum von zwei Wochen unsere Arbeit zunichte zu
machen!" Die Woche (3.10.1997) kommentierte: "Über Wohl und Wehe einer
Volkswirtschaft entscheiden inzwischen die Money-Mover der internationalen Finanzmärkte.
Vor aller Augen wurden Mahatir, Indonesiens Suharto und Fidel Ramos, der Philippinische
Regierungschef, zu Zaungästen ihrer eigenen Wirtschaftsentwicklung degradiert."
Geldverdienen ist einfach - vorausgesetzt, man hat das
nötige Kleingeld dafür. Börsenprofis wie George Soros hatten einfach bei
thailändischen Banken Kredite in thailändischer Währung Baht aufgenommen, im Wert von
mehreren Millionen Dollar, und diese dann bei der Bank of Thailand, die bis dahin noch
feste Wechselkurse garantierte, in Dollar eingetauscht. Sie spekulierten auf eine baldige
Abwertung des Baht.
Gerüchte an den Devisenbösen über eine Abwertung
bewirkten, dass viele Spekulanten ihre Baht abstießen. Die Währung wurde tatsächlich
unhaltbar, der Kurs musste freigegeben werden - und nun brauchten die cleveren Profis ihre
Dollars nur wieder in Baht einzutauschen und ihre Baht-Kredite - vom Dollar aus wesentlich
billiger - zurückzuzahlen.
Welche Länder kommen als
nächstes dran?
Nun gibt man die Schuld den fernöstlichen Staaten - dort
herrsche eben Korruption, die Wirtschaft sei nicht frei genug, die Struktur stimme nicht.
Der Markt hätte nur "darauf hingewiesen". Wirklich? Über die nächsten Opfer
solcher gigantischen Abzock-Aktionen wird in der Presse ganz offen geschrieben: Brasilien,
so stand in der Zeit schon am 5.9.1997 zu lesen, gelte "als nächster Kandidat für
eine Währungskrise." Und die Welt schrieb am 2.11.1997: "Auch in Osteuropa
könnten Länder unter Druck geraten ..."
Da haben Länder jahrelang nach "bestem"
kapitalistischen Vorbild ihre Wirtschaft nach vorne getrieben und hohe Zuwachsraten
erzielt. Doch äußeres Wachstum kann nicht unbegrenzt sein - im Körper zeigt es sich
beispielsweise als Krebs. Sobald nun diese Länder Anzeichen der Schwäche oder
Überhitzung zeigen, werden sie gnadenlos "abgezockt" und gedemütigt. Ein ganz
normales Marktgeschehen - oder Anzeichen für eine bedrohliche Machtzusammenballung auf
Seiten der Spekulanten, die mit einem "freien" Markt nichts mehr zu tun hat?
Shareholder-Values machen
Druck
Auch wenn die Börse weitgehend abgekoppelt vom
tatsächlichen wirtschaftlichen Wert der dort gehandelten Unternehmen ihr Wesen oder
Unwesen treibt - was dort geschieht, hat dennoch Auswirkungen auf die Wirtschaft. Viele
spekulieren an der Börse nicht selbst, sondern überlassen dies einem Fonds, der ihre
Gelder vermehren soll. Diese Fonds, amerikanisch shareholder-values genannt, kaufen
bisweilen ganze Unternehmen auf und fordern dann Mitsprache bei der Unternehmensführung.
Alle Betriebsteile, die eine vorgegebene Gewinnmarge nicht
erreichen, werden geschlossen oder abgestoßen. Gewinn allein genügt also nicht mehr - er
muss eine bestimmte Höhe erreichen. Die zahlreichen Fusionen großer Unternehmen, die wir
derzeit erleben, hängen mit diesem immensen Druck zusammen. Werden Betriebsteile
"zusammengelegt", bleiben immer Arbeitsplätze auf der Strecke. "Die Fusion
von Thyssen und Krupp kostet 2000 Arbeitsplätze", lesen wir dann in der Presse.
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