Das Weisse Pferd - Urchristliche Zeitung für Gesellschaft, Religion, Politik und Wirtschaft

Ausgabe 22/97

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Die Börse: Zuviel Geld an der falschen Stelle

Die Macht der "Money-Mover"

Weltweit brechen die Aktienkurse ein wie selten zuvor - um am selben Tag wieder anzusteigen. Alles wieder in Ordnung? Oder sind die Turbulenzen Vorboten eines neuen "schwarzen Freitag" wie 1929?

Börsenindex

 

Im Unterschied zu 1929 finanzieren heute nicht mehr die Banken das Spekulations-Glücksspiel an den Börsen - und können daher nicht, wie damals, aufgrund einbrechender Kurse reihenweise zusammenbrechen. Die Kursverluste treffen hauptsächlich diejenigen, die ihr Geld aus Spekulationsgründen an der Börse "verwetten". Doch in Ordnung ist die Situation deshalb noch lange nicht. Denn das Börsentheater ist ein Symptom für tief greifende Fehlentwicklungen der Weltwirtschaft:

Zu viel vagabundierendes Kapital

Es ist zuviel Geld am falschen Platz versammelt. Die kaum vorstellbare Summe von drei Billionen Dollar wird täglich an den Weltfinanzmärkten umgesetzt. Zum Vergleich: Das Bruttosozialprodukt der Vereinigten Staaten betrug 1991, in einem ganzen Jahr, 5,7 Billionen Dollar.

Woher kommen die Unsummen an Spekulationsgeldern, die sich gegenseitig zu immer neuen Höhen aufschaukeln, oft nur aufgrund von Gerüchten? Von der tatsächlichen Wirtschaftleistung der Unternehmen, deren Kapital an der Börse gehandelt wird, haben sich die Kurse längst abgekoppelt. An vielen Stellen der Weltwirtschaft fehlt Geld, das zu günstigen Konditionen angeboten wird. Dafür geistert es durch die elektronischen Sphären der Finanzmärkte, immer auf der Suche nach noch höherer Rendite. Gleichzeitig werden weltweit die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer.

Was ist der Hintergrund?

Schon der englische Wirtschaftswissenschaftler Keynes fand heraus, dass der Preis für die Herausgabe von Geld, der Zins, nicht unter eine bestimmte Grenze, etwa 6 %, zu fallen pflegt. Ab dieser Untergrenze bieten viele Geldbesitzer ihre "Ware", das Geld, einfach nicht mehr für Kredite an. Sie treten in "Streik" und warten, dass die Zeiten sich bessern. Oder sie spekulieren damit. Weil Geld aber für den Kreislauf der Wirtschaft so wichtig ist wie das Blut im Körper, wird es trotz überhöhter Zinssätze von 6 % und mehr weiter nachgefragt. Die überhöhten Zinsen werden bezahlt. Dadurch sammelt sich bei den Geldverleihern im Laufe der Zeit ein immenser Reichtum an, der für "normale" Bedürfnisse nicht mehr benötigt wird. Also an die Börse damit. Bleibt die menschliche Sucht nach "Mehr", der Nervenkitzel der Spekulation, verstärkt diesen Prozess. Dem Reichtum der einen steht aber eine wachsende Verschuldung der anderen gegenüber - sowohl beim Staat als auch bei den Unternehmen als auch bei den Privathaushalten. Die Verschuldung wächst seit Jahren viel stärker als die gesamte Wirtschaftsleistung. Hier liegt die eigentliche "Crash"-Gefahr unserer Volkswirtschaft - weniger an der Börse.

Wer kriegt als nächster das "Fernostfieber"?

Nicht zufällig wurde als Auslöser für die Einbrüche an der Börse das "Fernostfieber" genannt. Im September waren an den Devisenbörsen der "Tigerstaaten" Thailand, Malaysia und Singapur die Währungen dieser Länder eingebrochen. Dies hat wesentlich ernstere Folgen als ein Auf und Ab an der Börse: Staatliche Wirtschaftsprojekte mussten gestoppt werden, Währungsreserven sind dahin geschmolzen, Tausende von Arbeitern wurden entlassen.

Der malaysische Premier Mahatir klagte: "Wir arbeiten 30 bis 40 Jahre, um unsere Länder auf dieses Niveau zu bringen, und dann kommt einer mit ein paar Milliarden Dollar, um in einem Zeitraum von zwei Wochen unsere Arbeit zunichte zu machen!" Die Woche (3.10.1997) kommentierte: "Über Wohl und Wehe einer Volkswirtschaft entscheiden inzwischen die Money-Mover der internationalen Finanzmärkte. Vor aller Augen wurden Mahatir, Indonesiens Suharto und Fidel Ramos, der Philippinische Regierungschef, zu Zaungästen ihrer eigenen Wirtschaftsentwicklung degradiert."

Geldverdienen ist einfach - vorausgesetzt, man hat das nötige Kleingeld dafür. Börsenprofis wie George Soros hatten einfach bei thailändischen Banken Kredite in thailändischer Währung Baht aufgenommen, im Wert von mehreren Millionen Dollar, und diese dann bei der Bank of Thailand, die bis dahin noch feste Wechselkurse garantierte, in Dollar eingetauscht. Sie spekulierten auf eine baldige Abwertung des Baht.

Gerüchte an den Devisenbösen über eine Abwertung bewirkten, dass viele Spekulanten ihre Baht abstießen. Die Währung wurde tatsächlich unhaltbar, der Kurs musste freigegeben werden - und nun brauchten die cleveren Profis ihre Dollars nur wieder in Baht einzutauschen und ihre Baht-Kredite - vom Dollar aus wesentlich billiger - zurückzuzahlen.

Welche Länder kommen als nächstes dran?

Nun gibt man die Schuld den fernöstlichen Staaten - dort herrsche eben Korruption, die Wirtschaft sei nicht frei genug, die Struktur stimme nicht. Der Markt hätte nur "darauf hingewiesen". Wirklich? Über die nächsten Opfer solcher gigantischen Abzock-Aktionen wird in der Presse ganz offen geschrieben: Brasilien, so stand in der Zeit schon am 5.9.1997 zu lesen, gelte "als nächster Kandidat für eine Währungskrise." Und die Welt schrieb am 2.11.1997: "Auch in Osteuropa könnten Länder unter Druck geraten ..."

Da haben Länder jahrelang nach "bestem" kapitalistischen Vorbild ihre Wirtschaft nach vorne getrieben und hohe Zuwachsraten erzielt. Doch äußeres Wachstum kann nicht unbegrenzt sein - im Körper zeigt es sich beispielsweise als Krebs. Sobald nun diese Länder Anzeichen der Schwäche oder Überhitzung zeigen, werden sie gnadenlos "abgezockt" und gedemütigt. Ein ganz normales Marktgeschehen - oder Anzeichen für eine bedrohliche Machtzusammenballung auf Seiten der Spekulanten, die mit einem "freien" Markt nichts mehr zu tun hat?

Shareholder-Values machen Druck

Auch wenn die Börse weitgehend abgekoppelt vom tatsächlichen wirtschaftlichen Wert der dort gehandelten Unternehmen ihr Wesen oder Unwesen treibt - was dort geschieht, hat dennoch Auswirkungen auf die Wirtschaft. Viele spekulieren an der Börse nicht selbst, sondern überlassen dies einem Fonds, der ihre Gelder vermehren soll. Diese Fonds, amerikanisch shareholder-values genannt, kaufen bisweilen ganze Unternehmen auf und fordern dann Mitsprache bei der Unternehmensführung.

Alle Betriebsteile, die eine vorgegebene Gewinnmarge nicht erreichen, werden geschlossen oder abgestoßen. Gewinn allein genügt also nicht mehr - er muss eine bestimmte Höhe erreichen. Die zahlreichen Fusionen großer Unternehmen, die wir derzeit erleben, hängen mit diesem immensen Druck zusammen. Werden Betriebsteile "zusammengelegt", bleiben immer Arbeitsplätze auf der Strecke. "Die Fusion von Thyssen und Krupp kostet 2000 Arbeitsplätze", lesen wir dann in der Presse.

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Die Wirtschaft soll dadurch quasi gezwungen werden mit hohen Gewinnen die Zinsen zu übertreffen. Doch Wachstumsraten von 6 % und mehr sind schon aus ökologischen Gründen nicht vertretbar, selbst wenn sie erreichbar wären. Die andere Möglichkeit wäre, die Verzinsung durch geeignete Reformen auf die Rate der tatsächlichen Wirtschaftsleistung herunterzubringen. Doch davon redet kaum jemand.

Krisen sind vorprogrammiert

Fazit: Auch wenn der Börsenzusammenbruch von 1929 sich in dieser Form kaum wiederholen wird - die gegenwärtigen Turbulenzen zeigen, dass in unserem gegenwärtigen Weltwirtschaftssystem Krisen vorprogrammiert sind. Das "Alles-nur-für-mich-um-jeden-Preis", das durch die Verzerrungen dieses scheinbar freien Marktes ermöglicht wird, wird früher oder später dem Gesetz von Saat und Ernte anheim fallen: Wer andere arm macht, wird irgendwann selbst verarmen. Nur: Bei der weltweiten Verflechtung der Wirtschaft, die wir heute haben, leiden alle unter den Folgen einer Krise, gleich, wo sie beginnt. (mh)


 


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