Pius XII. und die Juden
Warum schwieg der Papst
zum Holocaust?
Papst Wojtyla möchte zum Jahr
2000 ein "Mea culpa" gegenüber den Juden sprechen. Doch warum nicht
jetzt, warum erst zur Jahrtausendwende, mehr als 50 Jahre nach dem
Holocaust?

Die
Institution Kirche machte auch ihn zum
"Stellvertreter Gottes" auf Erden - Papst Pius XII.
Der Vatikan und die Juden - das Thema
wurde in den letzten Wochen immer mehr aktuell, z. B. in der ZDF-Serie Vatikan - die Macht der Päpste. Dort wurde berichtet, Papst Pius XI.
habe noch wenige Monate vor seinem Tod eine Enzyklika gegen
Antijudaismus und Antisemitismus vorbereiten lassen. Sein Nachfolger,
Pius XII., habe das Papier jedoch ad acta gelegt. Die Begründung in dem
Fernsehbeitrag: "Keine noch so donnernde Enzyklika des Papstes hätte
einen Zug nach Auschwitz aufgehalten." "Unbewiesen und unbeweisbar"
nennt Georg Denzler, Professor für Kirchengeschichte, eine solche
Behauptung.
Durch
Schweigen Schlimmeres verhindert?
Offensichtlich unterschätzt der
kritische Theologe die Romkirche. Denn in einer dpa/eu-Meldung vom
12.11.1997 wird versucht, diese These, Papst Pius XII. habe durch sein
Schweigen nur Schlimmeres verhindern wollen, zu untermauern. Und das
klingt dann so: Auf einen vergleichbaren Protest des damaligen
holländischen Erzbischofs hätten die Nazis mit einer Strafdeportation
von Juden reagiert. Das behauptet heute jedenfalls der niederländische
Kardinal Simonis: "Die Rache der Deutschen für diese Kritik habe den
Papst so schockiert, dass er seinen Protestbrief zerrissen habe. Die
Haushälterin des Kirchenoberhaupts, Schwester Pasqualina, sei dabei
gewesen und habe es später einer Freundin im holländischen Kolleg in Rom
erzählt."
Sicher ist: Pius XII. als höchste
moralische Autorität unterstützte den Protest der holländischen Bischöfe
nicht. Was aber wäre geschehen, hätte er öffentlich protestiert? Denn:
In Budapest war kirchlicher Protest erfolgreich: Dort rettete der
wiederholte Protest des dortigen Nuntius tausende Juden vor der
Ermordung. Wenn nun bereits ein Nuntius solches bewirken konnte, was
wäre dann der Weltautorität für Ethik und Moral, dem römischen Papst,
möglich gewesen?
Durch den Abschluss des Konkordats mit
Hitler, wodurch das Naziregime hoffähig wurde und weltweit Anerkennung
fand, war das Gewicht Pius XII. sicherlich nicht kleiner geworden.
Der
Vatikan bleibt unversehrt
Und: Wie hätte sich wohl Jesus von
Nazareth, der Christus, verhalten? Hätte Er zu einem Massenmord an den
Juden geschwiegen? Misst man den Papst an seinem eigenen Anspruch,
Stellvertreter Christi und "Heiliger Vater" auf Erden zu sein, dann reicht die kleine
dpa-Meldung aus Holland wohl nicht aus, die Frage zu beantworten: Warum
schwieg Pius XII. zum Holocaust? Präsident Roosevelt hat seinen
Botschafter Taylor immer wieder zum Papst geschickt - keine Reaktion.
Der Papst ließ sich auch dann nicht zu
einem Protest bewegen, als 8.000 Juden aus Rom deportiert wurden und im
KZ Birkenau ermordet wurden. Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang
vielleicht eine weitere Frage: Warum hat Hitler Italien und Rom besetzt,
nicht aber den Vatikan? Und warum wurde ungezählten Nazi-Größen über den
Vatikan die Flucht nach Südamerika ermöglicht?
"Was
sollte die Kirche Hitler vorwerfen?"
Hätte Papst Pius XII. den Holocaust
verhindern können? Eine Leserbriefschreiberin schrieb dazu dem
Main-Echo (17.11.1997):
"Die Geschichte der katholischen
Kirche ist eine antisemitische ... Im dreizehnten Jahrhundert war Papst
Innozenz III. für seinen Antisemitismus bekannt. Papst Paul IV.
veröffentlichte am 17. Juli 1555, nur zwei Monate nach seiner Wahl, die
Bulle Cum nimis absurdum. Darin wurde betont, dass die Christusmörder,
die Juden, von Natur aus Sklaven und als solche zu behandeln seien ...
Was sollte Papst Pius XII. angesichts dieser Vergangenheit der Kirche
Hitler vorwerfen?
1936 hatte Bischof Berning von
Osnabrück über eine Stunde mit dem Führer gesprochen. Hitler
versicherte, es gebe keinen wesentlichen Unterschied zwischen
Nationalsozialismus und katholischer Kirche. Hatte nicht die Kirche, so
argumentierte er, die Juden als Parasiten betrachtet und in Ghettos
gepfercht?
»Ich tue nur, was die Kirche seit
fünfzehnhundert Jahren tut, allerdings gründlicher«, prahlte er. - Was
sollte die römische Kirche darauf antworten?"
Im Jahre 1949 exkommunizierte Papst
Pius XII. alle Kommunisten Italiens. Die katholischen Nazis
einschließlich des bis zu seinem Tode katholischen Hitler hatte er nicht
exkommuniziert.
"Aufs
neue Konto sündigen"
"Schuld eingestehen ist ein leichtes".
Unter dieser Überschrift bringt die
Tageszeitung (31.10.1997) ein Interview mit dem bolivianischen Pater
Juan Mendes. Mendes gehört zu den "Theologen der Befreiung", die vom
Vatikan mit Lehrverbot belegt wurden. Er vertritt die Ansicht, das "Mea
culpa" verfolge keine religiösen Ziele, sondern das "einer
Generalbereinigung, ähnlich wie bei der Beichte - man bekennt seine
Sünden, erledigt die auferlegte Buße und kann dann aufs neue Konto
sündigen. ... es ist ja nicht schwer, für Sünden um Vergebung zu bitten,
die man selbst nicht begangen hat."
Bisher 26
päpstliche Schuldbekenntnisse
Richtig ist: Der heutige Papst ist
eher bereit zu einer Entschuldigung als seine Vorgänger, denn: "Papst
Johannes Paul II. bat 26mal für historische Vergehen der Katholiken um
Entschuldigung." Das schreibt das Katholische Sonntagsblatt (7.9.1997).
In seiner Enzyklika Tertio Millenio Adveniente habe er zudem
geschrieben: "Das Eingestehen des Versagens von gestern ist ein Akt der
Aufrichtigkeit und des Mutes." Die Kirche könne die Schwelle des Jahres
2000 nicht überschreiten, ohne "ihre Kinder dazu anzuhalten, sich durch
Reue von Irrungen, Treulosigkeiten, Inkonsequenzen und Verspätungen zu
reinigen."
Die "Kinder" sollen also bereuen und
um Vergebung bitten, der Papst selbst muss solches offensichtlich nicht -
auch nicht für Taten oder Unterlassungen seiner Vorgänger. Und warum
nicht? Sollte der Grund vielleicht sein, dass Unfehlbare kein Fehl haben
können (oder dürfen)
Waren die
Gläubigen schuld?
In einem seiner Schuldbekenntnisse zum
Verhalten der katholischen Kirche in der NS-Zeit sagte Johannes Paul
II.: "Neben den Christen, die alles taten, um die Verfolgten zu retten,
bis zu dem Punkt, dass sie ihr eigenes Leben riskierten, gab es viele,
deren geistiger Widerstand nun wirklich nicht so war, wie die Menschheit
mit Recht von den Nachfolgern Christi hätte erwarten können." Wird damit
die Verantwortung nicht erneut auf die "Gläubigen" abgewälzt?
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