Das Weisse Pferd - Urchristliche Zeitung für Gesellschaft, Religion, Politik und Wirtschaft

Ausgabe 23/97

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Pius XII. und die Juden

Warum schwieg der Papst
 zum Holocaust?

Papst Wojtyla möchte zum Jahr 2000 ein "Mea culpa" gegenüber den Juden sprechen. Doch warum nicht jetzt, warum erst zur Jahrtausendwende, mehr als 50 Jahre nach dem Holocaust?

Papst Pius XII.

Die Institution Kirche machte auch ihn zum
 "Stellvertreter Gottes" auf Erden - Papst Pius XII.

Der Vatikan und die Juden - das Thema wurde in den letzten Wochen immer mehr aktuell, z. B. in der ZDF-Serie Vatikan - die Macht der Päpste. Dort wurde berichtet, Papst Pius XI. habe noch wenige Monate vor seinem Tod eine Enzyklika gegen Antijudaismus und Antisemitismus vorbereiten lassen. Sein Nachfolger, Pius XII., habe das Papier jedoch ad acta gelegt. Die Begründung in dem Fernsehbeitrag: "Keine noch so donnernde Enzyklika des Papstes hätte einen Zug nach Auschwitz aufgehalten." "Unbewiesen und unbeweisbar" nennt Georg Denzler, Professor für Kirchengeschichte, eine solche Behauptung.

Durch Schweigen Schlimmeres verhindert?

Offensichtlich unterschätzt der kritische Theologe die Romkirche. Denn in einer dpa/eu-Meldung vom 12.11.1997 wird versucht, diese These, Papst Pius XII. habe durch sein Schweigen nur Schlimmeres verhindern wollen, zu untermauern. Und das klingt dann so: Auf einen vergleichbaren Protest des damaligen holländischen Erzbischofs hätten die Nazis mit einer Strafdeportation von Juden reagiert. Das behauptet heute jedenfalls der niederländische Kardinal Simonis: "Die Rache der Deutschen für diese Kritik habe den Papst so schockiert, dass er seinen Protestbrief zerrissen habe. Die Haushälterin des Kirchenoberhaupts, Schwester Pasqualina, sei dabei gewesen und habe es später einer Freundin im holländischen Kolleg in Rom erzählt."

Sicher ist: Pius XII. als höchste moralische Autorität unterstützte den Protest der holländischen Bischöfe nicht. Was aber wäre geschehen, hätte er öffentlich protestiert? Denn: In Budapest war kirchlicher Protest erfolgreich: Dort rettete der wiederholte Protest des dortigen Nuntius tausende Juden vor der Ermordung. Wenn nun bereits ein Nuntius solches bewirken konnte, was wäre dann der Weltautorität für Ethik und Moral, dem römischen Papst, möglich gewesen?

Durch den Abschluss des Konkordats mit Hitler, wodurch das Naziregime hoffähig wurde und weltweit Anerkennung fand, war das Gewicht Pius XII. sicherlich nicht kleiner geworden.

Der Vatikan bleibt unversehrt

Und: Wie hätte sich wohl Jesus von Nazareth, der Christus, verhalten? Hätte Er zu einem Massenmord an den Juden geschwiegen? Misst man den Papst an seinem eigenen Anspruch, Stellvertreter Christi und "Heiliger  Vater" auf Erden zu sein, dann reicht die kleine dpa-Meldung aus Holland wohl nicht aus, die Frage zu beantworten: Warum schwieg Pius XII. zum Holocaust? Präsident Roosevelt hat seinen Botschafter Taylor immer wieder zum Papst geschickt - keine Reaktion.

Der Papst ließ sich auch dann nicht zu einem Protest bewegen, als 8.000 Juden aus Rom deportiert wurden und im KZ Birkenau ermordet wurden. Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang vielleicht eine weitere Frage: Warum hat Hitler Italien und Rom besetzt, nicht aber den Vatikan? Und warum wurde ungezählten Nazi-Größen über den Vatikan die Flucht nach Südamerika ermöglicht?

"Was sollte die Kirche Hitler vorwerfen?"

Hätte Papst Pius XII. den Holocaust verhindern können? Eine Leserbriefschreiberin schrieb dazu dem Main-Echo (17.11.1997):

"Die Geschichte der katholischen Kirche ist eine antisemitische ... Im dreizehnten Jahrhundert war Papst Innozenz III. für seinen Antisemitismus bekannt. Papst Paul IV. veröffentlichte am 17. Juli 1555, nur zwei Monate nach seiner Wahl, die Bulle Cum nimis absurdum. Darin wurde betont, dass die Christusmörder, die Juden, von Natur aus Sklaven und als solche zu behandeln seien ... Was sollte Papst Pius XII. angesichts dieser Vergangenheit der Kirche Hitler vorwerfen?

1936 hatte Bischof Berning von Osnabrück über eine Stunde mit dem Führer gesprochen. Hitler versicherte, es gebe keinen wesentlichen Unterschied zwischen Nationalsozialismus und katholischer Kirche. Hatte nicht die Kirche, so argumentierte er, die Juden als Parasiten betrachtet und in Ghettos gepfercht?

»Ich tue nur, was die Kirche seit fünfzehnhundert Jahren tut, allerdings gründlicher«, prahlte er. - Was sollte die römische Kirche darauf antworten?"

Im Jahre 1949 exkommunizierte Papst Pius XII. alle Kommunisten Italiens. Die katholischen Nazis einschließlich des bis zu seinem Tode katholischen Hitler hatte er nicht exkommuniziert.

"Aufs neue Konto sündigen"

"Schuld eingestehen ist ein leichtes". Unter dieser Überschrift bringt die Tageszeitung (31.10.1997) ein Interview mit dem bolivianischen Pater Juan Mendes. Mendes gehört zu den "Theologen der Befreiung", die vom Vatikan mit Lehrverbot belegt wurden. Er vertritt die Ansicht, das "Mea culpa" verfolge keine religiösen Ziele, sondern das "einer Generalbereinigung, ähnlich wie bei der Beichte - man bekennt seine Sünden, erledigt die auferlegte Buße und kann dann aufs neue Konto sündigen. ... es ist ja nicht schwer, für Sünden um Vergebung zu bitten, die man selbst nicht begangen hat."

Bisher 26 päpstliche Schuldbekenntnisse

Richtig ist: Der heutige Papst ist eher bereit zu einer Entschuldigung als seine Vorgänger, denn: "Papst Johannes Paul II. bat 26mal für historische Vergehen der Katholiken um Entschuldigung." Das schreibt das Katholische Sonntagsblatt (7.9.1997). In seiner Enzyklika Tertio Millenio Adveniente habe er zudem geschrieben: "Das Eingestehen des Versagens von gestern ist ein Akt der Aufrichtigkeit und des Mutes." Die Kirche könne die Schwelle des Jahres 2000 nicht überschreiten, ohne "ihre Kinder dazu anzuhalten, sich durch Reue von Irrungen, Treulosigkeiten, Inkonsequenzen und Verspätungen zu reinigen."

Die "Kinder" sollen also bereuen und um Vergebung bitten, der Papst selbst muss solches offensichtlich nicht - auch nicht für Taten oder Unterlassungen seiner Vorgänger. Und warum nicht? Sollte der Grund vielleicht sein, dass Unfehlbare kein Fehl haben können (oder dürfen)

Waren die Gläubigen schuld?

In einem seiner Schuldbekenntnisse zum Verhalten der katholischen Kirche in der NS-Zeit sagte Johannes Paul II.: "Neben den Christen, die alles taten, um die Verfolgten zu retten, bis zu dem Punkt, dass sie ihr eigenes Leben riskierten, gab es viele, deren geistiger Widerstand nun wirklich nicht so war, wie die Menschheit mit Recht von den Nachfolgern Christi hätte erwarten können." Wird damit die Verantwortung nicht erneut auf die "Gläubigen" abgewälzt?

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Jesus von Nazareth sprach in der Bergpredigt: "Versöhne dich mit deinem Nächsten!" Er sagte nicht: Lege ein unbestimmtes Bekenntnis ab und gib nebenbei anderen die Schuld. Wirkliche Umkehr erwächst nur aus der echten Reue. Und aus ihr entstehen die ehrliche Bitte um Vergebung - offen und nicht verklausuliert -, der Wille zur Wiedergutmachung und so weit möglich das Nicht-mehr-tun.

Link:
Uli Weyland, Strafsache Vatikan, Jesus klagt an; für 19,80 € + Versand erhältlich im Verlag Das Weisse Pferd


 

 

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Fernsehtipp: www.erde-und-mensch.tv

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