|
Im Widerstreit der
MeinungenIst der Sozialstaat am Ende?
"Wir wollen den Sozialstaat
nicht abschaffen, sondern bezahlbar machen und umgestalten",
versucht Bundeskanzler Kohl die Öffentlichkeit zu beschwichtigen. Denn
diese ist beunruhigt.
Der Rentenbeitrag soll auf 21 Prozent des Einkommens
steigen, die ausgezahlte Rente wird sinken, offen diskutiert man über "andere
Modelle" der Rente. Der Generationenvertrag wird als "Auslaufmodell"
betrachtet, die Krankenkassenbeiträge steigen um 5 Prozent, gleichzeitig werden
Leistungen gekürzt. Zuckerkranke, so verlangen es einzelne Kassen, sollen sich z. B. ihre
Spritzen selber geben und ihre Verbände selber wechseln, auch wenn sie das noch nie getan
haben. Kürzungen und leere Kassen allerorten.

Solidarität - ist sie noch
bezahlbar?
"Der Sozialstaat in der Krise - Demontage oder Reform?" Unter
diesem Motto versuchte die Sozialwissenschaftliche Gesellschaft auf einer Wochenend-Tagung
in Hannoversch Münden dem Thema auf den Grund zu gehen. Was erreicht wurde, war zunächst
nur eine Gegenüberstellung unterschiedlicher Positionen.
"Zuviel Sozialstaat
züchtet Ansprüche"
Auf der einen Seite stand Hans H. Stein, ein Vertreter der
Arbeitsgemeinschaft selbständiger Unternehmer, der den "Versorgungsstaat"
anprangerte. Der Wohlfahrtsstaat hat nach seiner Ansicht die Ansprüche der Bürger in
völlig überzogener Weise bedient und dadurch Probleme geschaffen, statt sie zu lösen.
Weshalb gibt es Kindergeld auch für Reiche? Weshalb
bezahlt der Staat die Bildung für alle? Weshalb werden durch staatliche Subventionen
junge Arbeitnehmer noch immer in den Steinkohlebergbau gelockt, der keine Zukunft mehr
hat? Ein nach seiner Meinung überzogener Kündigungsschutz hat die Folge,
dass
Unternehmen zögern, neue Arbeitskräfte einzustellen.
Ähnliches gelte für Mutterschutz, Mieterschutz und
dergleichen: Der Markt werde verzerrt und daran gehindert, sich selbst zu regeln. Und die
Bürger werden nicht dazu erzogen, eigenverantwortlich ihr Leben selbst in die Hand zu
nehmen. Der Wohlfahrtsstaat mache sie statt dessen abhängig, und das mit den Geldmitteln
der Betroffenen selbst, die für soziale Zwecke mittlerweile rund ein Drittel des
Bruttosozialprodukts ausgeben müssten. Warum zahlt die Krankenversicherung für
leichtsinnige Unfälle aufgrund von Drachenfliegen und Bungee-Springen?
Durch überzogene Leistungen des Sozialstaats werde die
Bereitschaft zu privater Hilfeleistung eher entmutigt, weil es ja "Ansprüche"
für solche Leistungen gebe. Ein Abbau überzogener Versorgungsmentalität, so das Credo
des Unternehmervertreters, werde die Wirtschaft wieder stärken und befähigen, mehr
Arbeitsplätze zu schaffen.
Dadurch würden sich die notwendigen Sozialleistungen von
selbst vermindern. Auch bürokratische Hemmnisse behinderten die Wirtschaft in ihrem
Drang, Neues zu schaffen. So hätte Bill Gates sicherlich nicht Microsoft gegründet, wenn
er vorher einen Meisterbrief hätte vorweisen müssen. Soweit die Ausführungen des
Unternehmervertreters Stein aus Bonn.
"Man bekämpft die Armen
und nicht die Armut"
Ganz anders klang da die Ausführung des zweiten Redners:
Sebastian Wertmüller vom Deutschen Gewerkschaftsbund, Kreis Göttingen. Wertmüller
verwies zunächst darauf, wo die Anfänge des Sozialstaats liegen: In den
Selbsthilfekassen der Arbeiter, die sich damit gegen die schädlichen Folgen eines
schrankenlosen Kapitalismus zur Wehr setzten. Nach wie vor, so der Gewerkschaftsvertreter,
leben wir in einer ungerechten Gesellschaft, in der eine andauernde Umverteilung von unten
nach oben stattfindet.
Aufgrund der Schieflage des Marktes sei eine soziale
Korrektur weiterhin notwendig. Doch die Zeichen stehen auf Demontage: Zur Frage der
Arbeitslosigkeit werde gerade ein neues Gesetz beraten, das weitere Verschlechterungen
bringe. So sei geplant, die "Zumutbarkeitsgrenze" weiter herabzusetzen: Wenn ein
Arbeitsloser sich weigert, eine Arbeit auch weit unterhalb seines vorherigen Einkommens
anzunehmen, so werden ihm die Bezüge gestrichen.
Nimmt er die schlechter bezahlte Arbeit an und wird erneut
arbeitslos, so ist die Spirale hinab in die Sozialhilfe vorprogrammiert, weil die
Bemessungsgrenzen dann immer weiter absinken. Man behandle die Arbeitslosen so, als ob sie
die Schuldigen seien - und man bekämpfe nicht die Armut, sondern die Armen.
Arbeitslosigkeit aber mache die Arbeitskräfte billiger und williger. "Wir bewegen
uns", so der Gewerkschaftler, "in Richtung auf eine andere Gesellschaft."
Warum leistungslose
Einkommenszuwächse?
Ein dritter Redner versuchte, die Gegensätze zu
überbrücken. Doch um es vorwegzunehmen: Es gelang nicht. Der Buchautor Henrik Creutz aus
Monheim bei Aachen stellte die Frage, warum der Sozialstaat mit all seinen Leistungen
über mehrere Jahrzehnte hinweg finanzierbar war, trotz steigender Staatsquote und
steigender Ansprüche an das soziale Netz, und warum derselbe Sozialstaat seit mehreren
Jahren an massive Grenzen stoße - obwohl der Abbau sozialer Leistungen längst begonnen
habe.
Dies liege zum einen an der Steuerlast, die sich auf immer
weniger Schultern verteile - und ausgerechnet auf die unteren Einkommensschichten! Denn
die Selbständigen nützen alle Schlupflöcher, um keine Steuern zu zahlen. Creutz verwies
auf das Beispiel Königstein im Taunus, wo das Finanzamt trotz einer immens reichen
Einwohnerschaft unter dem Strich keinen Pfennig an Steuern mehr einnimmt, sondern im
Gegenteil noch welche zurückzahlen muss.
Zum anderen wachse die Verschuldung des Staates, der
Unternehmen und der Privathaushalte viel schneller als die Wirtschaftsleistung. Dies sei
nur in den ersten Jahrzehnten nach dem Krieg - als der Sozialstaat noch
"funktionierte" - anders gewesen. Die Rückzahlungen, die der Staat aufgrund
seiner Verschuldung jedes Jahr an private Zinsnehmer leisten muss, überstiegen inzwischen
den Verteidigungshaushalt.
Eine Schaffung neuer Arbeitsplätze komme erfahrungsgemäß
erst nach einer längeren Periode niedriger Zinssätze zustande - doch die Zinsen steigen
immer wieder an, obwohl die Einkommen stagnieren. Die Ursache sieht Creutz in einer
mangelnden Umlaufsicherung des Geldes, wodurch die Ansprüche des Kapitals immer weiter
wachsen, weil es das Geld verknappen und dadurch höhere Zinsen erpressen könne, als dem
Wirtschaftsablauf dienlich seien.
Jedermann, so Creutz, finde es in Ordnung, wenn die
Arbeiter auf Lohnzuwächse verzichten - doch niemand fragt die Kapitalgeber, warum sie
nicht ebenfalls auf ihre leistungslosen (!) Einkommenszuwächse verzichten wollen. Das
Geld beherrsche die Wirtschaft, statt ihr zu dienen.
Kein Ausweg aus der Falle?
In der Diskussion sagte Creutz, er sehe keinen Weg, wie der
Staat unter den vorhandenen Vorzeichen aus der Verschuldungsfalle wieder herauskommen
könne. Die soziale Krise sei also in Wirklichkeit das Ergebnis einer wirtschaftlichen
Fehlsteuerung. Die Krise verschärfe sich noch dadurch, dass jedes Jahr durch die
Schließung von Betrieben Volksvermögen in Höhe von 60 Milliarden Mark verloren gehe.
Aus dem Publikum wurden Zweifel an der Theorie des
Unternehmervertreters geäußert, dass ein Abbau sozialer Hemmnisse, eine Deregulierung,
automatisch neue Arbeitsplätze zur Folge habe. Und wenn, dann gebe es allenfalls eine
Atempause, aber noch keine Lösung. Die Verantwortung des einzelnen setze eine gerechte,
das heißt leistungsgerechte Verteilung der Mittel voraus.
Mehr Eigenverantwortung im
Gesundheitswesen
Auf den Sozialstaat in seiner konkreten Ausgestaltung kam
im letzten Referat des Tages der Arzt Gerhardus Lang aus Bad Boll zurück. Er sieht in dem
in Deutschland installierten Gesundheitswesen ein Zuviel an Reglementierung und ein
entschiedenes Zuwenig an Transparenz und Eigenverantwortung.
|