Das Weisse Pferd - Urchristliche Zeitung für Gesellschaft, Religion, Politik und Wirtschaft

Ausgabe 24/97

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"Jesus wollte keine Priester"

Zu diesem Schluss kommt einer, der selber Priester ist. Der renommierte Bibelwissenschaftler und Professor für katholische Theologie, Herbert Haag, findet in seinem jüngsten Buch zu seinem Urteil über Priesteramt und Hierarchie in der katholischen Kirche: Jesus wollte beides nicht.

Priesterweihe

Katholische Priesterweihe: Priester gab es auch in vielen
antiken Mysterienkulten, nicht aber im frühen Christentum.

Haag, dessen Buch am Machtsystem der Romkirche rüttelt, ist 82 Jahre alt und lebt in Luzern. Predigtverbot oder gar Exkommunikation dürften ihn also - sollten sie verhängt werden - kaum noch behelligen. Und so hat ihm der Baseler Bischof Koch lediglich verboten, seine "destruktiven" Thesen in der Predigt zu äußern.

Was macht Haags Buch für die Romkirche so gefährlich?

Jesus war Laie

In klarer Argumentation und verständlicher Sprache begründet Haag seine Thesen. Das Neue Testament kennt weder ein sakrales noch ein allgemeines Priestertum. Das Wort Priester, so Haag, bedeute heute genau das, was der "Presbyter" (Älteste), von dem es sich ableitet, gerade nicht sein wollte: ein Amtsträger, der ein Opfer vollzieht.

Das Wort Priester ist im ganzen Neuen Testament nirgends zu finden, außer wenn von der jüdischen Priesterschaft die Rede ist. Haag: "Ein so wichtiges Wort müsste doch irgendwo in den Evangelien vorkommen, wenn Jesus tatsächlich die Absicht gehabt hätte, einen Priesterstand einzusetzen." Aber: "Mit keinem Wort deutete Jesus an, dass er in seiner Jüngerschaft ein neues Priestertum und einen neuen Opferkult wollte. Er selbst war nicht Priester, auch keiner der ‘Zwölf’, keiner der Apostel, auch Paulus nicht. Ebenso wenig soll es nach den übrigen Schriften des Neuen Testamentes ein neues Priestertum geben."

Jesus lehnte das Priestertum und den Opferkult ab. Er reinigte den Tempel vom Verkauf der Opfertiere und von den Tischen der Geldwechsler. Zudem sagte er den Untergang des Jerusalemer Tempels voraus. Deshalb lieferte ihn die Priesterschaft ans Kreuz, wobei sie sich der Mitwirkung der römischen Staatsmacht bediente.

Wo Opfer, da Priester

Obwohl das frühe Christentum der Überzeugung war, dass Gott keiner Opfer bedürfe, kam es dennoch ganz allmählich zu einer Rückkehr zu Opferkult und Opferpriester. Denn die junge Kirche verband mit dem Abendmahl schon bald die Idee des Opfers, das Christus gebracht hatte. Zunächst wurde das Abendmahl so gefeiert, wie Jesus es geboten hatte, als Gastmahl, in dem man Seiner gedachte.

In dem Maße, wie das schlichte Abendmahl zur Eucharistie wurde, zu einem (unblutigen) Opfer, brauchte es wieder den Priester - allerdings noch nicht als Beruf und ohne Weihe. Und: "Vierhundert Jahre lang war eine ‘Priesterweihe’ im heutigen Sinne für den Vollzug der Eucharistie nicht erforderlich." Doch: "Seit dem 5. Jahrhundert erfordert die Feier der Eucharistie die Mitwirkung eines sakramental geweihten Priesters.

Seit dem 5. Jahrhundert bahnt sich auch die Vorstellung an, die Priesterweihe präge ihrem Empfänger ein unauslöschliches Merkmal auf. ... Vierhundert Jahre lang waren es - nach unserem Sprachgebrauch - ‘Laien’, die der Eucharistie vorstanden. Dies zeigt, dass ein sakramental geweihter Priester nicht erforderlich ist und weder biblisch noch dogmatisch begründet werden kann."

Ein liebender Vater braucht keine Opfer

Der Opferkult geht davon aus, dass ein missgünstiger Gott durch ein Opfer versöhnt werden muss. Für dieses Opfer genügt der rituell korrekte Vollzug. Persönliche Konsequenzen für den einzelnen fordert ein solches Opfer nicht: Niemand muss sein Leben ändern. Die Ethik des Jesus von Nazareth beinhaltet dagegen die aktive Liebe zum Nächsten. Im Gleichnis vom barmherzigen Samariter gehen "Priester" und "Levit" an dem ausgeraubten und verwundeten Mann vorüber. Erst ein Gastarbeiter nimmt sich seiner an und erbarmt sich seines Nächsten.

Jesus zeigte uns einen Vater, der keine Opfer will. So sprach Gott durch den Propheten Amos: "Ich hasse und verschmähe eure Feste und mag eure Feiern nicht riechen. Denn wenn ihr mir Brandopfer darbringt, so habe ich keinen Gefallen an euren Gaben, und das Opfer eurer Mastkälber sehe ich nicht an." (Amos 5, 21)

Jesus nannte Seinen Vater Abba, lieber Vater. Dieser liebende Vater möchte, dass wir zu Ihm zurückkehren, zu Ihm in unsere ewige Heimat.

Jesus wollte nicht Christen erster und zweiter Klasse

Jesus war und blieb Laie. Auch stammte er nicht aus einem priesterlichen Hause. Die ersten christlichen Gemeinden waren Laiengemeinschaften, die sich Brüder und Schwestern nannten. Sie gaben den Aufgaben in der Gemeinde schlichte Bezeichnungen: Diakon = Diener, Bischof = Verwalter, Kassenwart (von episkopus = darauf sehen, auf etwas aufpassen.) Dies waren Laiendienste und keine Ämter, schon gar keine Berufe.

Haag: "Kein Amt in der Kirche lässt sich auf Jesus zurückführen. In der Theologie ist man sich einig darüber, dass Jesus keine Kirche gründen wollte. Deshalb kann er auch unmöglich eine bestimmte Struktur dieser Kirche gewollt haben." Und: "Wir müssen wegkommen von einer Zweiteilung der Kirche in Klerus [von gr. kleros = Landbesitz, d. Red.] und Laien, für die sich im Evangelium keine Stütze findet. Schon Matthäus wendet sich gegen ein aufkommendes Standesdenken, das die Brüderlichkeit untergräbt: ‘Ihr aber lasst euch nicht ‘Meister’ nennen: einer ist euer Meister, ihr alle aber seid Brüder.’ Auch ‘Vater’ nennt keinen auf Erden, denn einer ist euer Vater, der im Himmel." (Mt. 23, 8)

Jesus rief Frauen und Männer in Seine Nachfolge. Seine Nachfolger kennen weder Ämter noch Privilegien: "Wer unter euch groß sein will, der sei euer Diener, und wer unter euch der Erste sein will, der sei euer Knecht - so wie der Menschensohn nicht gekommen ist, sich bedienen zu lassen sondern zu dienen." (Mt. 20, 26)

Der Bischof "sprang im Dreieck"

Der Basler Bischof Koch, dem Haag als katholischer Priester unterstellt ist, sprang nach dem Lesen von Haags Buch offensichtlich im Dreieck: Haag zerstöre die "sakramentale Struktur der katholischen Kirche". Haag trat der bischöflichen Kritik entgegen. Zum Vorwurf, er vertrete in seinen Predigten eigenwillige und "destruktive" Thesen, sagt er: "Ich habe noch nie etwas anderes gepredigt als im Evangelium steht." Für die Bischöfe allerdings scheine "selbst das Evangelium nicht katholisch genug zu sein."

Bischof Koch hat mit dem Theologen Haag vor seiner lehramtlichen Äußerung kein Gespräch geführt. Verurteilung ohne Anhörung ist für Haag jedoch eine "flagrante Verletzung der Menschenwürde", wie sie nur in totalitären Systemen praktiziert werde.

"Immer noch brav katholisch sein"

Bei einer solchen Fundamentalkritik an der Kirche fragt man sich: Warum tritt Haag nicht aus? Ein Kommentator in der Basler-Zeitung (17.5.1997) meinte, Haags Grundlage, von der er aus argumentiere, sei ziemlich wacklig: "Er möchte wie alle heutigen Reformer immer noch brav katholisch sein und bleiben. Darin liegt die Schwäche seiner Argumente. Solange man immer noch naiv ‘an die Bibel’ glaubt - und Haag glaubt noch immer ‘an die Eucharistie’ -, geht man dem Problem, das sich heute stellt, nicht auf den Grund." Der Mann könnte recht haben.

Bischof Koch sieht es ähnlich, wenn er zu Haags Kritik meint: "Problematisch wird es allerdings, wenn man, wie jetzt Herbert Haag, im Namen einer Gemeinschaft sprechen will, im Grunde genommen jedoch die Grundlagen dieser Gemeinschaft in Frage stellt. Denn Haag sagt ja eigentlich: Die ganze Kirche ist seit dem vierten Jahrhundert auf dem Holzweg und vom Evangelium abgewichen ..." (Hervorhebung durch die Redaktion) Der Bischof sagt es. (mh)

Herbert Haag: Worauf es ankommt - Wollte Jesus eine Zwei-Stände-Kirche? Herder-Verlag, 123 Seiten

Lesen Sie dazu auch:
Gott wohnt nicht in Kirchen aus Stein, eine Informationsbroschüre der Freien Christen.

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